Word is Virus (Der Kollaboratör 2014)

Wenn zu William S. Burroughs ein Jubiläum ansteht, wird in Deutschland immer Jürgen Ploog angefragt. Er ist unbestritten der beste Burroughs-Kenner weit und breit. Zum 100. Geburtstag von Burroughs versammelt „Word is Virus“ die besten bereits erschienenen sowie neue Essays.
Ploog vertritt die These, „dass eine wirkliche, das heisst eingehende Auseinandersetzung mit dem literarischen Werk von Burroughs in Deutschland kaum stattgefunden hat“. Er ist hierzulande der Einzige, der in immer neuen Anläufen Substanzielles zu Leben und Werk des amerikanischen Avantgardisten zu Papier gebracht hat. Und doch bekennt auch Ploog: „Seit 1962, dem Erscheinungsjahr der deutschen Ausgabe von NAKED LUNCH, bin ich Burroughs auf der Spur, ohne dass ich ihn dingfest machen konnte.“
Burroughs ist als Figur heute Kult, sein Werk hauptsächlich im englischsprachigen Raum literaturwissenschaftlich gut durchleuchtet, trotzdem steht es immer noch monolithisch in der Literaturlandschaft. Das hat vor allem damit zu tun, daß es schwer greifbar ist. „Immer wieder hat er betont, dass es die Aufgabe der Kunst sei, Verborgenes sichtbar zu machen. Das machte ihn (wie jeden wahren Künstler) zum Agenten des Unsichtbaren.“
Um das zu erreichen, muß man die herkömmliche Raum- und Zeitebene verlassen, muß man das Bekannte, z.B. durch Zerschneiden, dekonstruieren. Für Burroughs und Ploog ist das Faszinierende am Schnittvorgang, „dass der Umgang mit dem sezierten Wort mich dem, was es bezeichnet, näher bringt, dem Bild hinter dem Wort“. Während Burroughs „auf die Funktion des Worts als Kontrollinstrument fixiert“ war, sieht Ploog im Cut-up die Chance, „einen Raum zu erreichen, der die Gestaltung anderer Realitäten möglich macht“.
Diese sehr komplexe Literaturtheorie umkreist Ploog in seinen Essays aus unterschiedlichen Perspektiven und immer wieder neuen Ansätzen. In diesen sehr faszinierenden Einblicken erfährt man viel über die Denke von Burroughs, gleichzeitig erhellen sie Ploogs eigenes Werk. Die Texte sind auch eine Selbstbefragung und legen Rechenschaft ab über das eigene Selbstverständnis als Schreiber. „Cut-up heisst Arbeit am Material Sprache, um dem wahren Wesen von Worten & damit dem Schreiben auf die Spur zu kommen.“
Obwohl Burroughs wußte, wie intensiv sich Ploog mit seinem Werk zeitlebens beschäftigt hat, sie sich auch immer wieder persönlich getroffen haben, blieb Burroughs unzugänglich. Er war nicht nur ein schwer verständlicher Autor, er war auch ein komplizierter Mensch. „Näher gekommen bin ich ihm nicht. Wir waren Vertraute & in gewisser Weise Komplizen. Das Wort Freundschaft kannte er nicht.“