Der Geschmack der Erde

Vier Jahre hatte man nichts von ihm gehört. Jetzt hat Wolf Wondratschek, der meistgelesene moderne deutsche Dichter, einen 500-Seiten-Roman vorgelegt. “Einer von der Straße” erzählt die Geschichte eines Halbstarken, der es zum Rotlichtkönig gebracht hat.

Das Treffen mit Deutschlands populärstem Dichter kommt nur zustande, weil wir einen gemeinsamen Freund haben. Wolf Wondratschek mag keine Journalisten. “Wissen Sie, die Presse verbreitet mir zu viele Lügen.” Wir hatten verabredet, daß ich ihn vor unserem Treffen nochmals anrufe. “Wo sind Sie jetzt? Ich picke Sie auf.” Ich warte auf der Straße auf ihn, halte Ausschau nach Autos, die zu ihm passen könnten. Wondratschek in einem Golf. Schwer vorstellbar. Ein großes schwarzes Schiff nähert sich. Ein betagter Amischlitten, und der Mann hinterm Steuer sieht aus wie Wondratschek auf seinen Fotos. Klar, ein Chevrolet Malibu Classic paßt zu ihm.

Es ist einer dieser Frühlingstage, die einen blenden. Wir spazieren durch den Englischen Garten. Längst ist mir bewußt, daß es nicht zu dem verabredeten Interview kommen wird. “Ich mag diese Interviews nicht. Erzählen Sie mir lieber, was Sie von meinem Roman halten. Haben Sie ihn gelesen?” Ich nicke. “Von Anfang bis Ende?” Der Mann kann wirklich keine guten Erfahrungen mit Journalisten gemacht haben. Ich sage ihm, daß ich mit dem Roman meine Schwierigkeiten habe. Das Buch fängt vielversprechend an. Man merkt, daß er an den Sätzen gefeilt hat. Viele lesen sich wie Refrains von Rock’n’Roll-Liedern. In der Mitte hängt er ziemlich durch. Sprachlich und inhaltlich. Vor allem die vielen, sich immer wieder monoton nach dem gleichen Schema abspielenden Frauengeschichten des Romanhelden finde ich schwach. Gegen Ende zieht der Roman wieder an, wird die Handlung spannender.

Wondratschek hört sich meine Kritik an. Er will meine ehrliche Meinung hören. Was ihm nicht einleuchtet, verteidigt er, nicht wie eine beleidigte Leberwurst, sondern wie jemand, der Kritik ertragen kann und akzeptiert. Alle paar Schritte bleibt er stehen, neigt seinen Kopf sacht in Richtung rechte Schulter, schaut mir ins Gesicht, tippt mit seiner Hand an meinen Oberarm und erläutert, Stellen aus seinem Roman zitierend, leidenschaftlich mit den Händen. “Es ärgert mich, daß die Kritik immer nur auf den Aspekt Rotlichtmilieu abzielt. Es hat mich einen Scheißdreck interessiert, einen Roman über Puffs zu schreiben. Ich habe ein Buch geschrieben über einen Mann, der sich von unten nach oben schafft, der als Halbstarker im Knast lernt, daß es nicht gut ist, wenn man Gefühle zeigt.”

Am Beispiel seines Romanhelden Johnny Berger erzählt Wondratschek die Entwicklungsgeschichte des deutschen Rotlichtmilieus nach dem Zweiten Weltkrieg. Berger absolviert eine fast klischeehafte Karriere: Mit 16 zu vier Jahren Haft verurteilt, mit 20 Kellner in diversen Etablissements auf St. Pauli, mit 22 “Deutschlands jüngster Bordellbesitzer” in Lübeck. Danach rapider Aufstieg innerhalb des Milieus: Betreiber mehrerer Bordelle auf St. Pauli und in München, Inhaber der ersten Peep-Show in Europa und der ersten großen Glücksspielhalle in München. Verlegung seines Wohnsitzes nach Los Angeles.

Berger ist eine typische Wondratschek-Figur: Einem rigiden Ehrenkodex verpflichtet, ein Außenseiter, ein Provokateur, ein Faustkämpfer, ein einsames enfant terrible. Berger lebt nur für “seine Unabhängigkeit, sein Vergnügen, seine Freiheit”. Er glaubt nicht an die “Kraft der Liebe”, sondern an die “Kraft des Stolzes” und der Freundschaft. Seine “Arbeit war, am Leben zu bleiben”. Liebe ist für ihn eine Empfindung, “einfach wie Hunger”. Als ihm eine seiner Lebensgefährtinnen einmal vorwirft, er würde ihr nie sagen, daß er sie liebe, antwortet er: “Wenn du das hören willst, suche dir jemand mit einem Sprachfehler.”

In einem Selbstinterview für “Die Welt” hat Opernfan Wondratschek die tiefere Bedeutung von Bergers Verhalten erklärt: Berger kommt als Sechzehnjähriger in den Knast. “Vier Jahre tut er nicht viel mehr, als sich zu erinnern. Alles, was früher Spaß gemacht hat, ist Erinnerung. Autos klauen, Rock’n’Roll tanzen, Bier trinken, Mädchen imponieren, sich mit anderen Banden prügeln! Er hat, als er entlassen ist, Lust auf alle Frauen, und auf jede trifft er unvorbereitet. Es müssen viele Abenteuer sein, vor allem muß es Sex sein. Nehmen Sie beide Prämissen zusammen, haben Sie einen Don Giovanni. Don Juans Liebe ist von rein sinnlicher Art, aus ihr ist alles Seelische ausgeschieden. Nur: Hört die Sinneslust auf, wird sie schal durch die Unzahl ihrer Wiederholung, kehrt das Seelische zurück.”

Bergers Lebensgeschichte ist angelehnt an die von Walter Staudinger, einem von Deutschlands prominentesten Rotlichtkönigen. Die Kritik hat früh auf diesen Umstand hingewiesen und ist dem Roman deshalb mit Vorurteilen begegnet. Wäre es ein recherchiertes, aber frei erfundenes Buch, eine fiktive Biographie, wäre die bisherige Kritik nicht so vernichtend ausgefallen. Jeder macht ihm den Vorwurf, er hätte sich von Staudinger mißbrauchen lassen. Das weist Wondratschek weit von sich. Er erzählt mir viele Stellen, die er erfunden hat. Sie gehören zu den besten im Buch.

Das Scheitern des Buches mache ich an seiner distanzierten, eindimensionalen Erzählweise fest. Der ganze Roman ist nur aus der Sicht von Berger erzählt. Dadurch verschenkt Wondratschek viele Möglichkeiten der differenzierteren Darstellung und Personenzeichnung. Aus jeder Zeile kann man zwar Wondratscheks Faszination für “die Begabungen, die nur auf der Straße heranwachsen, nicht in den Hörsälen der Universitäten”, für “die Gegenwelt” herauslesen, aber die Geschichte dieses Siegers bleibt glatt, sie rührt den Leser zu wenig an. Pralles, dampfendes Leben, wie in den Büchern von Tennessee Williams, Wondratscheks Lieblingsautor, wird einem in “Einer von der Straße” nicht vermittelt. Am besten ist Wondratschek immer dann, wenn er die Blasiertheit der deutschen Beamten, die Arroganz der honorigen Bürger, die Korrumpierbarkeit der Politiker, das Brunftverhalten der Männer und die Machtgelüste der Chargen regelrecht vorführt.

Später beim Essen, in seinem Stammrestaurant in der Tengtstraße, wo er vom Kellner bis zum Geschäftsführer per Handschlag begrüßt wird, erzähle ich ihm, was aus den Fischers, Cohn-Bendits und Klinkes, den Leuten seiner Frankfurt-Zeit, geworden ist. Seine blauen Augen schauen mich verschmitzt an, grinsend zieht er die Mundwinkel leicht nach oben: “Da bin ich mir doch irgendwie treu geblieben.” Insgeheim freut er sich, daß es ihm über all die Jahre gelungen ist, sich nicht ans Establishment verkauft zu haben. Immer wieder betont er, wie sehr er die Feigheit und Verlogenheit dieser Gesellschaft verabscheut, wie wichtig ihm Solitäre sind, die für eine Idee, “der Askese oder der Demut zum Beispiel”, einstehen.

Dann auf dem Rückweg, im Flieger, bin ich umgeben von all den Typen, die Wondratschek in seinem Roman vorführen, entlarven will. Biedere Anzugträger, die anzüglich Stewardessen hinterherpfeifen, die locker 1000 Mark dafür bezahlen würden, daß man sie in “eines dieser Etablissements” mitnimmt; Idioten, die zu blöd sind, ihren nummerierten Sitzplatz im Flugzeug zu finden und sich beim Joghurtlöffeln garantiert die gestreifte Krawatte versauen; Typen, die in ihrer Mittagspause zu einer minderjährigen, drogenabhängigen Stricherin schleichen, weil sie das “besonders dekadent” finden.

Ich habe inzwischen nochmals die Stellen gelesen, die mich bei meiner ersten Lektüre gelangweilt haben. Mein erstes Urteil revidiere ich hiermit. “Einer von der Straße” ist zwar kein gut erzählter Roman, aber er gibt wie kein anderer Einblick in die innere Struktur der Halb- und Unterwelt, zeigt anschaulich die zunehmende Kriminalisierung des Milieus und sagt jede Menge über unsere Gesellschaft aus.

Und für alle, die mit dem Romancier Wondratschek nicht glücklich werden, bleibt der Lyriker, dessen Gedichte anwendbar sind “wie ein Pharmakon zur seelischen Aufhellung”, wie der Kritiker Georg Hensel schrieb. In Leinen erscheinen bei Diogenes erstmals alle Gedichte. Verse von zeitloser Gültigkeit: “Erzähl den Verlierern/ vom Ende der Sieger.”

Einer von der Straße, C. Bertelsmann, 484 Seiten, 44 Mark

Gedichte, Diogenes, 480 Seiten, 39 Mark

März 1992