Unterwegssein ist alles – Tagebuch Berlin-New York
(SIC-Literaturverlag 2011)

Unterwegssein ist nicht gleich unterwegssein. Jürgen Ploog schreibt in einem seiner bisher unveröffentlichten Tagebücher: „Paul Bowles, der einsame alte Mann … unterscheidet zwischen dem Touristen & dem Reisenden. Der Tourist ist zeitlich gebunden, er ist wie ein Gast, der nach einer bestimmten Zeit zu sich nach Haus zurückkehrt. Der Reisende dagegen lebt auf Reisen, er wechselt von Land zu Land. Er hat keine Heimat. Der Tourist nimmt ausserdem seine Kultur als gegeben, während der Reisende zwischen den Kulturen lebt, er sucht sich solche, die ihm liegen & meidet jene, die ihm nichts geben.“ (9.5.1989)
Im vorliegenden Buch sind alle Figuren, wie bei Ploog eigentlich nicht anders gewohnt, unterwegs. Der namenlose Erzähler ist weiter auf der Suche nach den Frauen seines Lebens: Lorita, Perita, Crissy, Kikki, Bonnie, Xanadu. Ihre exotischen Namen deuten schon an, daß es sich hierbei nicht um das girl next door handelt. „Ich suche sie nicht, um sie zu finden, sondern um das Geheimnis zu ergründen, das uns zusammen-, aber nicht weitergebracht hat. Wohin führen Begegnungen? Sie ergänzen das Bild, das man von sich hat. Sie bereichern & erweitern es.“ Der allein Reisende ist nicht aus auf Bindung, er legt Zeugnis ab von seiner Einsamkeit, für die Ploog wunderbar lakonische Metaphern findet. „Ich bleibe also allein zurück & begnüge mich mit Kognak. Der erste Schluck ist wie ein alter Bekannter, den ich gern wiedersehe. Der zweite wie ein Freund, von dem ich weiß, dass sich mit ihm eine gute Unterhaltung entwickeln wird. Der dritte hat etwas von einer alten Freundin, die nie ganz verwunden hat, dass ich nicht mehr mit ihr zusammen bin.“
Der Ich-Erzähler, oft identisch mit dem Autor, ist auf der Suche nach sich selbst, er be- und ergründet die Motivation seines Schreibens. Schicht um Schicht bewegt er sich in seine eigene Biografie hinein, um „sie mühsam auszukundschaften“.
Der Begriff Tagebuch im Titel suggeriert intime Wahrheiten und führt doch in die Irre. Der Leser bekommt nur ausgedachte Geschichten. „Fiktion? Ohne sie würde kein Bild der Realität zustande kommen. Fiktion ist die Farbe, die den Fakten zur Wahrnehmung verhilft, oder nicht?“
Die Reflektionen über das Schreiben selbst finde ich am spannendsten. Häppchenweise positioniert Ploog seine Poetologie: „Cut-up ist aber auch ein Angebot, Bewusstsein zu trainieren & der Wahrnehmung ein Werkzeug zur Entschlüsselung der Realität zu geben. Cut-up relativiert das festgefügte, assoziativ konditionierte Sprachgefüge, das wie eine Matrix ist, die keinen freien Austausch der semantischen Bausteine zulässt & den sprachlichen Zugriff zum Fluss der Vorgänge unterbindet. Mit anderen Worten: Sprache & Wirklichkeit werden zunehmend inkompatibler.“
Bei Ploog geht es immer um die Durchdringung von Fakt und Fiktion. „Sind das Momente, die ich hinschreibe, weil ich sie gern erleben würde, oder widerfahren sie mir, weil ich sie aufgeschrieben habe?“ Auch in diesem Buch durchlebt der Leser einen wilden Mix aus Erdachtem und Reflektiertem, aus politischer Polemik und kultureller Kritik, aus zeitgeschichtlicher Reminiszenz und futuristischer Programmatik, aus gesellschaftskritischer Beobachtung und provozierenden Statements. Ein geflügeltes Wort von Burroughs ist hier auf den Punkt gebracht: „Life is a cut-up.“