Berlin, diese abgetakelte Kokotte

Fünf Tage und vier Nächte Cruising in Berlin. Künstler- , Zuhälter- und Kneipenszenerie. Lacan, geschieden, alimentepflichtig, Gelegenheitsschreiber beim Funk, hat jede Menge Geldschwierigkeiten. Zwei Schläger sind hinter ihm her wegen 12000 Mark Spielschulden, seine Ex-Frau will die säumigen Unterhaltszahlungen, der Lebensmittelhändler von gegenüber hockt auf einer langen Anschreibeliste. Im Vollsuff klauen Lacan und sein Jugendfreund Hartmann aus der Akademie der Künste einen kleinen Oelze. Bei dem Einbruch stirbt Hartmann durch einen unglücklichen Sturz. Mit einem Schlag überstürzen sich die Ereignisse in Lacans Leben.

Was beginnt wie eine Episode aus einem guten amerikanischen Krimi der Schwarzen Serie, entwickelt sich dann aber doch zu einer ganz originären deutschen Geschichte. Lacan hat mit Marlowe nur dessen hartnäckigen Stoizismus, das absolute Aufsichzukommenlassen gemeinsam. Lacan stolpert naiv in eine Sache, die ihm eigentlich das Genick brechen müßte, daß er mehr oder weniger unbeschadet daraus hervorgeht, ist reiner Zufall oder pures Glück. Er reagiert einfach immer nur auf das Nächstliegende, ohne großartig voraus zu denken, ganz zu schweigen vom coolen Abchecken oder Vorausplanen. Es ist ein Leben zwischen Echo Beach im Autoradio, Lounge Lizards im „Tanzpalast” und Vernissagen der Jungen Wilden in Berlins Off-Galerien.

Das wichtigste Element dieses Buches ist sein Handlungsort: Berlin. “Diese halbe Stadt war ein sonderbarer Magnet, der auf Verzweiflung und verratene Träume gepolt war”, heißt es an einer Stelle. Das sagt eigentlich schon, alles aus. Die Geschichte spielt im Januar und über der “Kadaverstadt” hängt ein Winterhimmel, der die Kraft besitzt, „den kollektiven Wahnsinn” ausbrechen zu lassen. Peltzer entwirft ein Figurenensemble, das aus verschiedenenBlickwinkeln Berliner Schicksale beleuchtet, ohne den Fehler zu begehen, Klischees zu zeichnen. “Wollte man alle Geschichten erzählen, die an einem Abend in einer großen Stadt beginnen, bräuchte man nicht zufangen.”

Das Buch beginnt sehr bruchstückhaft, packt einen aber von der ersten Seite an; langsam fügen sich die einzelnen Szenen zu einem Ganzen, machen den Handlungsfaden sichtbar. Peltzer geht in seiner formalen Vorgehensweise originäre Wege, mit einer Sicherheit, die gerade bei einem Debütanten Staunen machen. Fast mühelos scheint Peltzer in seiner knappen, unprätentiösen Sprache die Dramaturgie voranzutreiben. Die Spannung steigert sich mit der Schwäche und Unbeholfenheit seines Helden Lacan, dem Peltzer gleichermaßen liebevoll und anteilnehmend wie auch ironisch und mitleidig nahesteht. Der Leser gewöhnt sich schnell an die dem Film entliehene Schnitt-Technik Peltzers und gerät in den Sog einer Geschichte, die aus den Versatzstücken besteht, die ein gutes Buch ausmachen: tragischer Held, schicksalhafte Frauen, authentische Handlungsorte, ausgefallene Details, aktueller Zeitbezug, todbringende Kriminalität.

Es passiert selten, daß einer aus dem literarischen Nichts kommt und gleich ein solch fulminantes und überzeugendes Debüt vorlegt. Peltzer ist für mich die literarische Entdeckung des Jahres 1987 und „Die Sünden der Faulheit“ das definitive Berlin-Buch der achtziger Jahre.

Ulrich Peltzer: Die Sünden der Faulheit; Ammann Verlag, 290 Seiten, 31 Mark

Erstdruck in Auftritt, Heft 10/1987