Pendler zwischen heiler und geiler Welt

Seit über 30 Jahren hält Tomi Ungerer, der Zeichner mit dem gnadenlosen Strich, der Party-, Pop- und Pornogesellschaft den Spiegel vor. Am 28. November feiert er seinen 60. Geburtstag.

RÜGER: Herr Ungerer, Ihr neuestes Buch heißt »Hintereinander«. Sind Sie ein Hinternfetischist?

UNGERER: Es gibt sehr wenige schöne Gesichter, viel mehr schöne Ärsche, das sieht man sofort am Strand. Das ist ohne Hinterlist gesagt.

Eine Frage nach der Inspiration. Wie kamen Sie auf die Idee, dem Arsch ein ganzes Buch zu widmen?

UNGERER: Das ist ein Witzbuch. In der selben Zeit habe ich ein Buch in Französisch geschrieben, ein ganz ernstes Buch. Wissen Sie, man muß immer eine kleine Pause haben, um sich dann wieder über diese komische Welt auszulachen. Auslachen, das ist ein gutes Wort: auslachen. Ich muß das haben. Ich mache es nicht wegen des Skandals. Ich habe Skandale gehabt wegen Plakaten, mit den Feministinnen. Meine Frau und meine Kinder haben das gesehen und haben sich totgelacht. (lacht lauthals) Das muß ich mal aufschreiben. Da könnte ich schon wieder eine Geschichte drüber schreiben, z.B. eine Kinderbuchidee von einem Mann, der so lustig ist, daß sich alle Leute totlachen und umfallen. Also das tötliche Lachen.

Am 28.11. werden Sie 60 Jahre alt. Wenn Sie zurückblicken: Was halten Sie für Ihre größte Tat bisher?

UNGERER: Es gibt keine größte Tat, es gibt nur gute Taten und nicht so gute. Ich bin ein Gesamtprodukt aus vielen Materien.

Gibt es etwas, das Sie noch nicht geschafft haben, aber unbedingt noch realisieren möchten?

UNGERER: Es gibt viele.

Gibt es etwas, vor was Sie wirklich Angst haben?

UNGERER: Schmerzen. Ich bin mit der Angst geboren. Jeden Morgen wache ich auf mit Angst. Die innere Angst ist meine Herausforderung. Aber ich habe Angst vor der Angst.

Sie wollen durch einen »Scherz die Absurdität des Lebens in eine Perspektive« bringen. Über was regen Sie sich derzeit am meisten auf?

UNGERER: Über eine Menge. Über die Änderungen im Osten, über die Regionalkriege, die wir jetzt noch haben werden. Ich bin Elsäßer, da kann ich das teilweise verstehen. – Immer wieder über die Menschheit, die Menschheit und noch einmal die Menschheit. Diese arme Menschheit. Zu viele Kinder.

Ihre Lehrer haben Ihnen schon in Ihrem Abgangszeugnis bescheinigt, »pervers und subversiv« zu sein, wie würden Sie sich heute selbst charakterisieren?

UNGERER: Nicht pervers. Das war wirklich eine böse Sache, die mich damals furchtbar markiert hat. Denn im Französischen bedeutet pervers auch schwul, ich habe da nichts dagegen, aber das bin ich nicht. Und subversiv? Wenn ich im deutsch-französischen Kulturrat bin oder eine europäische Kulturbank aufbaue oder für amnesty international arbeite, das ist doch nicht subversiv. Aber auf der anderen Seite, wenn Sie die Vietnamplakate betrachten, dann könnte man sagen, die sind subversiv. Wenn subversiv, dann engagiert. Dann zeichne ich mit der Faust oder schreibe mit der Faust.

Wenn Sie sich selbst auf einen Punkt bringen müßten, wie würden Sie sich dann charakterisieren?

UNGERER: Ich? Auf einen Punkt? – Ein Fragezeichen mit einem Punkt,

Gibt es für Sie ethische Grenzen in der Bloßstellung von Menschen?

UNGERER: Ja, es gibt immer ethische Grenzen. Ich würde fast sagen, eines meiner Hobbies ist die Moral und die Ethik. Das begrenzt und besorgt mich sehr. Manchmal, wenn ich z.B. ein erotisches Buch herausbringe, dann mache ich mir Sorgen darüber, in welche Kinderhände es fallen könnte. Das ideale Leben wäre ein Leben, wo man keinem geschadet hat. Das ist unmöglich. Ich habe gesagt: Ohne Gewissen wäre ich ein freier Mensch,

Warum vestehen viele Frauen Ihren Respekt vor dem weiblichen Geschlecht nicht? Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

UNGERER: Diese Frauen sind meistens Extremisten, und alle Extremisten sind dumm, denn sie sind blind. Extremismus bringt Blindheit. Das sind Militanten, nicht nur Tanten, aber Militanten. Und meistens Minitanten.

Glauben Sie, daß man mit dem, was Sie machen, ich will nicht sagen, die Menschen verbessern, aber doch zum Nachdenken bringen kann?

UNGERER: Ja, das ist ganz wichtig. Sie werden es nicht glauben, aber ich habe jetzt gerade einen Artikel geschrieben für einen evangelischen Almanach.

Was hätten Sie gern, daß Ihre Kunst bewirkt?

UNGERER: Eine prise de conscience — wie heißt das auf Deutsch?

Sich bewußt werden.

UNGERER: Die Leute sollen realisieren, um was es geht.

Ist es wahr, daß Sie ein »beleidigter Romantiker« sind?

UNGERER: Nicht beleidigt. Ich kann ganz unverschämt heulen. Es ist immer das Pendel zwischen Realismus und Romantizismus. Jeder Mensch mit Gefühlen kann den Romantizismus nicht vermeiden, das gehört dazu. Aber ich vermeide, an die Vergangenheit zu denken. Romantik schon, aber noch viel mehr Melancholie.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft am meisten?

UNGERER: Jesus – weiterleben. Den anderen ein bißchen Glück beizufügen.

Hintereinander, Heyne, 72 Seiten, 29.80 Mark

Tomi Ungerer, Diogenes, 240 Seiten, 65 Mark

Erstdruck in Journal Frankfurt, Heft 25,1991