Hauptstadt der Abtrünnigen
Eine Pioniergeschichte aus dem Silicon Valley
Tom Wolfe, der hierzulande spätestens seit seinem fulminanten Großstadtroman „Fegefeuer der Eitelkeiten“ ein Begriff sein sollte, gilt neben Truman Capote, Norman Mailer und Gore Vidal als Hauptvertreter des ‚New Journalism‘. In den sechziger Jahren ist in den Vereinigten Staaten eine Handvoll junger Schriftsteller angetreten, die Reportage literarisch salonfähig zu machen. Mit Capotes Tatsachenroman „Kaltblütig“ fing damals alles an. Die jungen Schriftsteller waren der Ansicht, wie es Tom Wolfe kürzlich in einem Essay nochmals formulierte, daß die „Zukunft des belletristischen Romans in einem sehr genauen, auf der Reportage beruhenden Realismus liegen werde, einem Realismus, der gründlicher als alles wäre, was im Augenblick gewagt werde, einem Realismus, der das Individuum in enger und unentwirrbarer Beziehung zu der Gesellschaft um es herum darstellen würde“.
Daß er die Kunst des Reportageromans meisterhaft beherrscht, hat Tom Wolfe schon mehrmals bewiesen; in „Unter Strom“ beispielsweise hat er die Hippie-Bewegung porträtiert, in „Die Helden der Nation“ widmete er sich den Astronauten, „Das bonbonfarbene tangerinrotgespritzte Stromlinienbaby“ nahm sich der Revolution der Teenager und der Popkultur an. Mit „Die neue Welt des Robert Noyce“ hat er jetzt die Erfolgsgeschichte eines der innovationsbesessensten Erfinders unserer Zeit und des Silicon Valleys geschrieben.
Große Veränderungen kommen nie aus dem Nichts, auch Revolutionäre brauchen ihren Nährboden. Und ob sie erfolgreich sind oder nicht, hängt fast immer von vielen, vorher nicht programmierbaren Zufällen ab. Wolfe beginnt denn seine Erfolgsgeschichte auch viele Jahre vor dem Zeitpunkt, als der Name Robert Noyce für Schlagzeilen sorgte.
Im Sommer 1948 las Grant Gale, ein 45jähriger Physikprofessor am Grinnell College, in der Zeitung, daß einer seiner ehemaligen Studienkollegen ein neues kleines elektrisches Bauelement erfunden hatte, das man Transistor nannte. Gale ließ sich daraufhin zwei Transistoren zuschicken, weil er hoffte, mit ihrer Hilfe die Bewegung von Elektronen in einem Festkörper (dem Germanium) studieren zu können. Das erste Seminar der Welt über Festkörperelektronik, das von Gale gehalten wurde, hörte auch der junge Physikstudent Robert Noyce. „Er war ein schlanker, muskulöser Junge, einsdreiundsiebzig groß, mit energischem Kinn und einer großen, breiten Nase, die ihm etwas Markiges gaben. Er war der beste Kunstspringer in der Schwimm-Mannschaft des College und gewann bei den Hochschul-Meisterschaften des Mittelwestens den Titel. Er sang im Chor, spielte Oboe und war Mitglied der Theatergruppe des College.“
Robert Noyce war einer von vier Söhnen des Kongregationistenpfarrers Ralph Noyce. Ein wesentliches Merkmal der Kongregationalisten war die Ablehnung jeglicher Hierarchien. „Im Grunde leitete sich ihre Doktrin der autonomen Gemeinde aus ihrem Haß gegen das unendlich abgestufte britische System von Klasse und Status her, an dessen Spitze Hof und Adel standen. Vornehm zurückhaltende Armut hatte in Grinnell nichts Diskriminierendes. Aber Großspurigkeit war verpönt.“ Dieser Zug sollte im späteren Leben Robert Noyces noch eine wichtige Bedeutung erhalten.
Zunächst einmal wechselte er aber nach seinem Collegeabschluß von Grinnell nach Palo Alto, Kalifornien. Dort arbeitet er am Shockley Semiconductor Laboratory. Shockley war einer der führenden Köpfe der (Weiter)Entwicklung des Transistors. 1956 hatte man ihm für seine Arbeit den Nobelpreis in Physik verliehen. Noyce fing bei Shockley als „Zauberlehrling“ an und verließ den Meister nach diversen Meinungsverschiedenheiten 1957 zusammen mit sieben anderen Unzufriedenen. Die acht Abtrünnigen suchten sich einen Finanzier in New York und machten den gerade mal 29jährigen Noyce zum Geschäftsführer ihrer neuen Fima Fairchild Semiconductor.
Im Santa Clara Valley mietete das junge Unternehmen einen alten Lagerschuppen und setzte auf Teufel komm raus auf die Weiterentwicklung des Transistors. „1957 gab es schon eine ausreichende Nachfrage von Herstellern, die Transistoren statt Vakuumröhren für den Einbau in Radios und andere Geräte haben wollten. Aber 1957 war auch das Jahr, in dem die Sowjetunion Sputnik I ins All schoß. Der darauf folgende Wettlauf in der Raumfahrt führte in der Elektronikindustrie dazu, daß zwei neue Erfindungen – der Transistor und der Computer – miteinander gekoppelt wurden, ein Vorgang, der die Bedeutung beider Erfindungen verstärkte.“ Sputnik trieb die Entwicklung in der Halbleiterbranche voran, Computer und Miniaturisierung waren jetzt die Zauberworte.
Der nächste Schritt war die Herstellung des Mikrochips. Noyce war klar, daß man es schaffen mußte, einen vollständigen Schaltkreis auf einem kleinen Chip herzustellen. Als dieses gelang, war die zweite industrielle Revolution perfekt. Die integrierte Schaltung eröffnete jeden nur denkbaren technischen Anwendungsbereich, „von Mondflügen bis zu Robotern, und viele Bereiche, an die man früher gar nicht gedacht hatte, wie beispielsweise elektronische Steuerungssysteme“. Die Entwicklung war jetzt nicht mehr aufzuhalten: Fairchild Semiconductor hatte eine neue Industrie ins Leben gerufen und zog unzählige Firmen nach sich. Aus dem betulichen Santa Clara Valley war über Nacht das Silicon Valley geworden, das elektrotechnologische Zentrum der Welt.
Im Silicon Valley wurde nicht nur der Mikrochip erfunden, sondern auch ein neuer Typus Mensch geschaffen: der nonkonformistische Workaholic. Kalifornien war in den sechziger Jahren ein Hort des Aufbegehrens, die jungen Leute trugen Jeans und T-Shirts und waren „sehr lässig, spontan, impulsiv, gefühlsbetont, sinnlich, undiszipliniert und obendrein noch ganz widerwärtig stolz darauf“. Diese Lebenseinstellung mischte sich mit den Werten des Kongregationalisten Noyce im Silicon Valley zu einem ungeheuer erfolgreichen Potential. „Diese Jungs arbeiteten so hart und diszipliniert, daß sie Rückenkrämpfe bekamen. Und sie arbeiteten lange und auch noch an den Wochenenden. Sie identifizierten sich so intensiv mit ihren Firmen wie früher in den glücklichen Tagen der Automobilindustrie die Männer in den Autofabriken.“
Noyce war ein entschiedener Gegner der Standesdünkel, wie sie in den Firmen an der Ostküste gang und gäbe waren. In seiner neu gegründeten Firma Intel, die sich auf die Entwicklung von Datenspeicherung spezialisiert hatte, waren alle Arbeitsplätze in einem einzigen großen Raum untergebracht, die Rangunterschiede zwischen den einzelnen Angestellten wurden abgeschafft, untereinander ein kameradschaftlicher Umgangston gepflegt und allen Angestellten Aktienoptionen eingeräumt. „Leute, die am Gewinn beteiligt waren, hatten natürlich ein stärkeres Interesse an den Produktionen, die schon Gewinn abwarfen, als daran, sich auf avantgardistische Forschungsobjekte einzulassen, die fürs erste nichts abwarfen, auch wenn sie erfolgreich waren. Aber für Leute mit Aktienoptionen gab es nichts Wichtigeres als bahnbrechende Forschungsergebnisse.“ Noyce verstand es, seine Unternehmen zu einer Kongregation, zu einer Gemeinde zu machen, In seinen Firmen zählte nur die Leistung; wer eine bahnbrechende Idee hatte, konnte innerhalb von Tagen zum Millionär werden. So war es nicht verwunderlich, daß auch der Mikroprozessor, der „Computer auf einem Chip“, bei Intel erfunden wurde.
Wer wissen möchte, aus welchen Holz die Helden der Gegenwart geschnitzt sein müssen und unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen sie zu Höchstleistungen fähig sind, der sollte diese „Pioniergeschichte“ von Tom Wolfe lesen, in der es „der edelsten Feder der modernen Weltliteratur“ auf anschauliche und leicht verständliche Weise gelingt, anhand des Lebens von Robert Noyce, der 1983 in die National Inventors Hall of Fame aufgenommen wurde, die zweite industrielle Revolution zu schildern, die den Weg ins All erst ermöglichte. „Noyce war in einer Familie aufgewachsen, in der das längst vergessene Licht des protestantischen Nonkonformismus immer noch hell leuchtete. Das Licht! – das Licht, das jede menschliche Seele erfüllt. Ironischerweise war es genau dieses längst vergessene Licht aus der kirchenfrommen, stockpuritanischen Provinz, das die Welt ins einundzwanzigste Jahrhundert führte, durch die elektronische Revolution und in den Weltraum.“
Tom Wolfe: Die neue Welt des Robert Noyce, Econ, 144 Seiten, 29.80 Mark
Erstdruck in Art Position, Nr. 7, 27.4.1990