Turn on, Tune in, Drop out
“Hört mir gut zu: Entweder ihr werdet euer Leben als schlecht bezahlte Komparsen in einem billigen Schwarzweiß-Dokumentar-Amateurfilm eines anderen verbringen ODER ihr werdet zum Produzenten eueres eigenen Films. Führt Regie, sucht die Schauspieler aus, wählt die Drehorte für das größere Cinema verité aller Zeiten. Warum sich mit weniger zufriedengeben?“ Das ist die Botschaft, die uns Timothy Leary in seiner Autobiographie vermittelt.
Die sanften Rebellen sind immer die gefährlichsten, das weiß jeder, besonders Politiker. Timothy Leary, der über Jahrzehnte die Weltsicht der Jugend beeinflußte wie kaum ein zweiter, war Ende der Sechziger “der gefährlichste Mann der Welt“.
Schuld an allem hatte Großvater Leary. Er gab Enkel Timothy schon in ganz jungen Jahren den Rat: „Tu nie etwas so, wie es andere tun, Bub.” Klein Timmy nahm sich das zu Herzen, las viel, und weil er vom Vater „das keltische Flair für berauschte Dichtung, das Fieber des Barden, die Tradition des Deklamierens“ geerbt hatte, durchlebte er eine abwechslungsreiche Kindheit, Jugend und High-School-Zeit. Mit 35 Jahren hatte er dann sein erstes einschneidendes Erlebnis: seine erste Frau Marianne beging Selbstmord. Der bis dahin nicht sonderlich aufgefallene, aber erfolgreiche Psychologe überdachte seinen bisherigen Werdegang und mußte feststellen: „Ich war in der tristen Lage, einen Beruf auszuüben, der nicht zu funktionieren schien.” Er kündigte daraufhin seinen Posten als Forschungsdirektor für Psychologie am Kaiser Foundation Hospital in Oakland und ging nach Florenz, um dort an einem Manuskript zu arbeiten, das sich mit neuen, humanistischen Methoden zur Verhaltensmodifikation befaßte. 1959 begegnete er in Florenz Professor Mc Clelland, Direktor des Harvard-Zentrums für Persönlichkeitsforschung, der von Learys Arbeit angetan war und ihm eine Forschungsstelle an der Universität Harvard in Cambridge, Massachusettes, anbot .
Im Frühjahr 1960 trat Leary seinen Job in Harvard an, und im Sommer desselben Jahres sollte ein Ereignis sein gesamtes Leben verändern. Er verbrachte die Ferien in Cuernavaca, Mexiko, begegnete dort dem Anthropologen und Historiker Gerhart Braun, der ihn mit “magischen Pilzen“ in Berührung brachte.
Braun und Leary testeten die Auswirkungen dieser Pilze am eigenen Körper, und Leary kam zu dem entusiatischen Ergebnis: “In vier Stunden am Schwimmbecken in Cuernavaca lernte ich mehr über den Verstand, das Gehirn und seine Strukturen, als ich es in den vergangen fünfzehn Jahren als fleißiger Psychologe vermocht hatte. Ich erfuhr, daß das Gehirn ein unterbenutzter Biocomputer ist, der Milliarden von unerschlossenen Neuronen enthält. Ich lernte, daß das normale Wachbewußtsein ein Tropfen in einem Ozean der Intelligenz ist. Daß Bewußtsein und Intelligenz systematisch erweitert werden können. Daß das Gehirn neu programmiert werden kann. Daß das Wissen um das Funktionieren unseres Gehirns die dringlichst wissenschaftliche Aufgabe unserer Zeit ist.”
In der Überzeugung, mit der selbst gemachten Erfahrung einen bedeutenden Schritt in der psychologischen Forschung getan zu haben, begann er mit systematischen Drogenexperimenten in Harvard. Antriebsfeder seiner Forschung und Experimente war der sehr lautere Wunsch, herauszufinden, „wie man das Gehirn durch Drogen verändern kann, um den Leuten zu helfen, ein besseres Leben zu führen”. Mit den damals noch legalen psychedelischen Drogen Psilocybin, Meskalin und LSD unternahmen er und seine Studenten hunderte von Selbstversuchen. Ihre Ergebnisse waren vielversprechend. Sie waren davon überzeugt, daß die psychedelischen Drogen, wissenschaftlich überwacht und seriös angewandt, d.h. bei sachkundiger Führung (Set und Setting) , absolut ungefährlich sind und die Lösung für vielerlei gesellschaftliche Probleme sein könnten.
Leary ist seit dieser Zeit ein leidenschaftlicher Kämpfer für die Legalisierung der psychedelischen Drogen, die die Sensibilität erhöhen und zu einem besseren Verständnis des breiten Spektrums menschlicher Wirklichkeiten führen”. Gleichzeitig ist er Gegner von Opiaten (z.B. Heroin) und anderen süchtig machenden Fluchtmitteln, „die die Intelligenz vermindern“. Leary hat als Wissenschaftler Heroin getestet und ist zu dem Ergebnis gekommen: „Es ist ein euphorisches Beruhigungsmittel, das mich in keiner Weise anzieht, wie es auch jeden aktiven Menschen nicht anziehen kann, der seine Freiheit und Unabhängigkeit zu behalten wünscht.”
Learys Forschung und deren Ergebnisse wurden von Anfang an mit Neugier und Ablehnung begleitet, vor allem von politischer Seite aus. Die Politiker ließen ihm lange Zeit freie Hand, weil sie sich von seinen Ergebnissen Vorteile versprachen für ihre eigenen Machtinteressen. Die Geheimdienste waren stark interessiert an Fortschritten auf dem Gebiet der „Gehirnwäsche“. Mit seinen explorativen Forschungen nahm Leary ihnen ihrer Meinung nach Arbeit ab. Sie sahen ihm sogar seine utopischen Phantasien nach. „Sie wissen, daß kreative Wissenschaftler dazu tendieren, Freidenker zu sein. Sie werden dich an einem seidenen, langen Gängelband halten, solange du die Massen nicht aufhetzt“, klärte ihn eine wohlgesonnene Freundin auf .
Leary hatte jedoch nicht die entfernteste Absicht, mit den bald bei ihm anklopfenden Geheimdiensten zusammenzuarbeiten, und zum anderen konnte er nichts für das zu dieser Zeit in der amerikanischen Jugend vorhandene Unruhepotential. Seine Forschungsresultate wurden sehr schnell populär und durch namhafte Größen aus Literatur, Musik und Wissenschaft kataIysiert. Ein großer Teil der Jugend, Teile der Intelligenz und viele Künstler waren empfänglich für die mit der Einnahme von bewußtseinserweiternden Drogen verbundenen Forderungen nach gesellschaftlichen Veränderungen. Damit trat ein, was die CIA als „unerwünschte Dimensionen“ bezeichnete und verhindern wollte. 1967 begannen die ersten Studentenunruhen, veröffentlichten die Beatles ihr Sergeant Pepper’s Album und setzte ein, was heute allgemein alo Drogenkultur bekannt ist.
Learys Slogan „Turn on, tune in, drop out“ (Törn an, mach mit, steig aus) wurde zur geflügelten Kampfparole und Leary zum meistgehaßten und meistgefürchteten Menschen der amerikanischen Konservativen. 1970 schlug die Justiz das erste Mal erbarmungslos zu. Leary wurde an der mexikanischen Grenze verhaftet, man fand bei ihm 14 Gramm Marihuana, dafür wurde er zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt. Mit Hilfe der berühmt-berüchtigten Guerillabande Weathermen gelang ihm 9 Monate später die Flucht. Paris, Algerien (wo er der persönliche Gefangene des Black Panther Führers Eldridge Cleaver war), Genf, Österreich (wo ihn Bruno Kreisky empfing) und Afganistan waren Fluchtstationen. In Kabul gelang es der CIA schließlich, ihn dingfest zu machen. 1973 verurteilte ihn ein Gericht bis zu 25 Jahren Gefängnis. 1976 wurde er entlassen, weil sich die politischen Verhältnisse geändert hatten, Jerry Brown Gouverneur von Kalifornien wurde .
40 Gefängnisaufenthalte, mehrere Jahre Haft, Morddrohungen und Erpreßungen haben nichts an Learys Überzeugung ändern können. Inzwischen etwas aus dem internationalen Rampenlicht verschwunden, resümiert er rückblickend: “lmmer noch hundertprozentig für eine maßvolle und intelligente Anwendung von Drogen eintretend, bin ich in zunehmendem Maße davon überzeugt, daß das Recht des Einzelnen, Zugang zu seinem eigenen Gehirn zu suchen, heutzutage die wesentlichste politische, ökonomische und kulturelle Frage Amerikas darstellt.” Schließlich ermutigt er jeden, „Widerstand zu leisten, zu fragen, herauszufordern, in der Tat alles zu tun, dem Fließband zu entrinnen, das uns fortbewegen würde – wenn wir nicht wachsam sind – forttragen in eine alles verschlingende, altertümliche Vergangenheit“ .
Timothy Learys Rückblende “Denn sie wußten was sie tun” (Sphinx, 450 Seiten, 18 Mark) ist eine Melange aus Erinnerungen an Huckleberry Finn Jugendträume, prickelnde Autoliebe, High-School-Abenteuern, Kasernenhofrevolten, Familienkämpfe, On-the-Road-Mythologien, Freund- und Bekanntschaften aus der Beatnik-, Film-, Jazz- und Jetsetszene, Multi-Media-Happenings, die „positive geistige Saat der Sechziger”, die Poesie der Psychologie, das Gefängnisleben. Über allem strahlt die Sonne Kaliforniens und Mexikos, hängt in der Luft der Hauch von „Morgenröte”, schwebt eine Wolke aus Friede, Freude, Fröhlichkeit. Sie ist ein Augenzeugenbericht amerikanischer Geschichte aus der Zeit der Morde an den Kennedys und Martin Luther Kings, des Vietnamkriegs, der Rassen- und Studentenunruhen, der wegweisenden Festivals in Woodstock und Altamont, der Black Panthers und Weathermen, der ersten Mondlandung.
Vor allem aber ist sie die Geschichte eines unschuldigen, ungeliebten, ungebeugten Mannes, an dem die amerikanische Exekutive ein Exempel statuieren wollte, indem sie unverhältnismäßig hart den verdammt langen (oft kriminellen) Arm des Gesetzes ansetzte und damit weit mehr als nur Leary getroffen hat. Learys Leben ist die Geschichte der FBI- und CIA-Schweinereien, des Präsidentenmordes, der Unterdrückung freiheitlicher Gesinnung, staatlicher Willkür und skrupelloser politischer Machtinteressen.
Der Lektüregenuß dieses dringend empfohlenen Buches wird leider arg beeinträchtigt durch eine Unmenge von Satzfehlern, eine katastrophal schlechte Lektorierung der deutschen Übersetzung und die miserable Reproduktion des Bildteiles.
Erstdruck in Ulcus Molle, Heft 1-3, 1987