Wenn Frauen zurückschlagen
»Thelma & Louise«, der neue Film von Kultregisseur Ridley Scott, hat die USA in zwei Lager gespalten: Auf der einen Seite wutschnaubende männliche Kritiker, auf der anderen Seite begeisterte Zuschauerinnen.
Es fängt an, wie sich das stereotyp überall abspielt. Die naive Thelma hat sich in einem Country-Schuppen von einem Macho aufreißen lassen. Er füllt sie mit Alkohol ab, tanzt sie schwindlig und versucht sie anschließend auf dem Parkplatz zu vögeln. Thelma hat sich den Schmeichelungen des Mackers anfangs gerne hingegeben, jetzt aber hat sie genug. “Ich bin verheiratet”, sagt sie. “Na und, das bin ich auch”, antwortet der Dummbeutel. “Hab dich nicht so, nur ein Kuß.” Thelma findet das nicht mehr lustig, sie wehrt sich. Das Ekelpaket schlägt zweimal zu, dann versucht er, die heulende und verzweifelt sich wehrende Frau mit Gewalt zu nehmen.
Im letzten Augenblick kommt Thelma ihre Freundin Louise zu Hilfe. Sie hält dem Vergewaltiger eine Pistole an die Schläfe. Der Albtraum könnte ein Ende haben, aber dieser Blödmann meint, er müsse den Frauen noch ein paar Obszönitäten hinterherrufen. Das ist zuviel für Louise: Haßerfüllt erschießt sie den Scheißkerl.
Eigentlich hatten die beiden Freundinnen einen Wochenendausflug in die Berge machen wollen, ohne ihre Männer. Was sehr erholsam hatte werden sollen, ist zum “deep shit” geworden. Kopflos fliehen die Frauen in ihrem türkisfarbenen Thunderbird vom Tatort. Aus Angst, die Justiz könnte ihnen den Tathergang nicht glauben, unterlassen sie es, sich der Polizei zu stellen und wollen stattdessen nach Mexiko fliehen.
Selten wurde die sex- und machtbesessene Männerwelt so schonungslos, aber auch auf so witzige Weise demaskiert wie in “Thelma & Louise”. Im neuen Film des “Blade Rummer”-Regisseurs Ridley Scott wimmelt es nur so von männlichen Idioten, profilierungssüchtigen Lallbacken, minderbemittelten Dauerwellenfuzzies und frauendiskriminierenden Maulhelden. Der Film führt das “starke Geschlecht” in vielen entlarvenden Details regelrecht vor. Thelmas Ehemann Darryl (Christopher McDonald in einer schauspielerischen Glanzleistung), ein gelackter Dummschwätzer mit Goldkettchen am Handgelenk, fährt einen protzigen kleinen roten Flitzer mit “The 1” auf dem Nummernschild. Er führt sich auf wie Pascha, ist aber zu blöd zum Zähneputzen. Ein harter Countybulle wird von den beiden Amazonen im Handumdrehen weichgeklopft und als lächerliche Memme entlarvt. Die Aktion gegen den großzüngigen Trucker Earl ist schließlich der einsame Höhepunkt auf ihrem Feldzug gegen die Despoten des Universums. Wie der alte Lustmolch die Hosen runterlassen muß und seiner gesamten Potenz beraubt wird, kommt einer mit Auszeichnung bestandenen Reifeprüfung der feministischen Lektion gleich.
Geena Davis und Susan Sarandon sind eine Idealbesetzung für diese zwei renitenten Frauen, die der Machowelt Paroli bieten. Susan Sarandon spielt, wie eigentlich immer, den Part der abgeklärten, lebenserfahrenen, aber leicht desillusionierten Kellnerin Louise mit soviel Wärme und Herzblut, daß man selbst für ihre todbringenden Schüsse noch Sympathie aufbringt. Ihr Spiel ist verhalten, lebt von den kleinen Gesten und klugen Ideen. Ihren schönsten Moment im Film hat sie, als sie in einem gottverlassenen Kaff ihren gesamten Schmuck und die Uhr gegen einen alten Strohhut eintauscht. Von da ab gibt es unwiderruflich kein Zurück mehr.
Geena Davis hat als Schauspielerin den dankbareren Part. Thelma macht im Lauf der Geschichte eine Entwicklung vom naiven Dummchen, das vollkommen unter der Fuchtel ihres Stechers stand, zur selbstbewußten Frau durch. Anfangs ist diese überkandidelte, Schokoriegel fressende Schnalle nicht zum Aushalten. Ihrem infantilen Verhalten ist es zu verdanken, daß die beiden Frauen von einer Scheiße in die nächste geraten. Sie macht praktisch alles zunichte, was Louise geschickt ausgetüftelt hat. Geena Davis meistert die Rolle dieses lebensuntüchtigen Mietzchens mit einer solchen Bravour, daß man geneigt ist zu glauben, die Dame mit dem leichten Überbiß könnte im realen Leben nicht viel anders sein als die Thelma aus dem Film.
Nicht zuletzt ist “Thelma & Louise” aber auch ein actiongeladenes Roadmovie, das durch atemberaubende Landschaftsaufnahmen und einen großartigen Soundtrack besticht. Die Musik von Hans Zimmer sollte schon beim Vorspann laut aufgedreht werden. Der Großteil des Films spielt in Kalifornien und Utah. Regionen also, wo der Mythos der Weite noch funktioniert, wo schon die scheinbare Unendlichkeit bis zum Horizont Freiheit verspricht, wo der Himmel immer aussieht, als käme er direkt von der Staffelei Magrittes, wo alle paar Kilometer ein anderer phantastischer Rock’n’Roll-Sender seine Ätherwellen ausstrahlt.
Am Schluß des Films steht eine furiose Autojagd, die im Monument Valley endet. Früher standen sich da Kavallerie und Indianer gegenüber, in “Thelma & Louise” muß zum Showdown gegen zwei Frauen eine ganze Armee schwerbewaffneter Polizisten herhalten.
Man hat der Drehbuchautorin Callie Khouri logische Fehler und feministische Hetzpropaganda vorgeworfen. Beides ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Das ändert aber nichts daran, daß “Thelma & Louise” ein äußerst kurzweiliger, amüsanter und diskussionswürdiger Film ist. Wenn Sie in den nächsten Wochen nur Zeit für einen Kinobesuch haben, schauen Sie sich “Thelma & Louise” an.
Erstdruck in Journal Frankfurt, Heft 20/1991