Mekka für Müßiggänger
Tanger ist nicht nur ein immer beliebter werdendes Reiseziel, sondern hat auch eine reiche literarische Vergangenheit. Wolfgang Rüger hat sich abseits der Touristenpfade auf den Spuren der Beat Generation für die heutige Kulturszene in Tanger interessiert und dabei nicht nur eine neue Bohèmeszene entdeckt.
Tanger – ein farbenfroher Ort der Lust und des Lasters und der Literatur. Hier findet jeder, was er sucht. Der schwule Europäer seine knackigen Knabenärsche, die Mittvierzigerin ihren Pretty Boy, die Raucher ihren Kif, die Sonnenhungrigen ihren ewig langen Sandstrand, die Voyeure ihren Flanierboulevard, die Weltverbesserer ihr Elend und ihre Armut, die Rucksacktouristen ihre billigen Hotels, die Pauschaltouristen ihren Club Mediterranée, die Müßiggänger ihre Erholung, und für Literaturfreaks ist Tanger sowieso an jeder Ecke Literaturgeschichte.
Über München und Agadir komme ich auf dem winzigen, palmenumsäumten Flugplatz von Tanger an und lasse mich von da mit dem Taxi zum Charfhügel bringen, wo die Deux Noirs, die in den nächsten Tagen meine orts- und szenekundigen Gastgeber sein werden, in einem kleinen, gemieteten Palast wohnen. Kaum angekommen, nimmt mich die immer noch heimliche Hauptstadt der internationalen Subkultur sofort in Beschlag. Abends steht ein Konzert mit der legendären Musikgruppe Jajouka an, die den amerikanischen Schriftsteller und Maler Brion Gysin 1952 zur Eröffnung seines Restaurants „Thousand and One Night“ animierte und mit der Brian Jones die 1971 veröffentlichte LP „Brian Jones presents The Pipes of Pan of Jajouka“ aufnahm. Er bewies damit nicht nur prophetische Sensibilität, sondern wurde auch Wegbereiter der Weltmusik und beeinflußte sowohl Leute aus dem E-Musik-Bereich (Steve Reich, Terry Riley) wie auch die Rock-Avantgarde (Eno, Robert Fripp, Mike Oldfield, Tangerine Dream).

Um den genauen Ort des Freiluftkonzerts herauszufinden, machen wir uns auf den Weg zu Bashir Attar, der nach dem Tod seines Vaters die Leitung der Gruppe übernommen hat. Zusammen mit seiner Frau, der amerikanischen Fotografin Cherie Nutting, bewohnt er ein Zimmer in der Medina. Bashir erklärt uns den Weg zum Centre Culturel Francais. Dort wird um 18 Uhr in der ‚Salle Samuel Beckett‘ auf Video der Dokumentarfilm „The Rolling Stones in Marocco“ gezeigt. Anschließend soll in der Nähe das Konzert stattfinden.
Als wir in dem kleinen Theatersaal ankommen, sitzen die Jajoukas bereits erwartungsvoll vor der Leinwand. Auch sie sehen den 1988 anläßlich eines Besuchs der Stones in Tanger gedrehten Film an diesem Tag zum ersten Mal. Der Film dauert ungefähr eine Stunde und ist vor allem eine Personalityshow von Mick Jagger. Um einen Eindruck von Tanger und der Musik der Jajoukas zu bekommen, mag er für Europäer ganz interessant sein, für die Einheimischen selbst ist er nur ein weiteres Indiz dafür, wie ihre Kultur kommerziell ausgebeutet wird. Mit den zehn Musikern gehen wir anschließend in einen Salon de Thé, in dem dichtgedrängt Marokkaner vor einem Fernsehgerät die Fußballweltmeisterschaft verfolgen. Die Luft in diesen großen Teesalons ist meist erfüllt vom Geruch des massenhaft konsumierten Kifs. Mit einem Glas Nanah (Pfefferminztee) und einem schrägen Blick auf die Bilder des spanischen Fernsehens überbrücken wir die Zeit bis zum Konzertbeginn.
Das Konzert von Jajouka findet vor einem kleinen, überwiegend aus Nichteinheimischen bestehenden Publikum statt. Jajouka geht es wie vielen anderen Künstlern auf der Welt auch, in Tanger kennt sie kaum jemand, im Ausland sind sie hochgeschätzt. Zuletzt hat sie Bertolucci für seine Bowles-Verfilmung engagiert, sie haben einen Teil der Filmmusik beigesteuert. Ihre Musik ist schwer beschreibbar. Die sechs Flötisten und vier Trommler spielen sich in eine Art Trance und ziehen mit ihren hypnotisierenden Rhythmen ihre Zuhörer in einen magischen Bann. Brion Gysin war dieser Musik verfallen, er schrieb einmal, der Sound würde klingen, „als würde sich die Erde häuten … Die Musik beschleunigt wie ein Sturzbach, steigert sich in Hysterie, Angst, Unzucht. Ein Kloß aus Lachen und Weinen ballt sich in der Kehle. Panischer Kitzel zwischen den Beinen.“
Wir können leider nicht bis zum Konzertende bleiben, da wir um 22 Uhr beim Vermieter der Deux Noirs zum Abendessen eingeladen sind. Nur wer die Gastfreundschaft eines Einheimischen erlebt hat, kann den wahren Charakter des Marokkaners wirklich einschätzen. Ben Helachim Abdelgafour ist ein warmherziger und weltoffener Mann. Auf der großen Dachterrasse seines Hauses demonstriert er, was Gastfreundschaft in Tanger heißt. Alle sitzen um einen großen runden Tisch und essen von einer sich in der Mitte befindenden, großen Platte. Die Mengen des Couscous, der Pastela und der Früchte sind äußerst üppig bemessen. Gelänge es bei solch einer Gelegenheit, alle Speisen und Getränke restlos zu verzehren, wäre das die größte Schmach, die dem Gastgeber angetan werden könnte. Monsieur Abdelgafour umsorgt uns an diesem Abend aufs Fürsorglichste, reicht uns alle Köstlichkeiten, mit denen die marokkanische Küche aufwarten kann, und geizt nicht mit dem dezenten Aufzeigen seines Wohlstandes.
Tanger nimmt eine Ausnahmestellung nicht nur in Marokko ein. Diese kleine Hafenstadt dürfte die internationalste, liberalste und europäischste Stadt in ganz Afrika sein. „Tanger ist mehr New York als New York selbst“, wie es in Paul Bowles Roman „So mag er fallen“ heißt. Der Grund hierfür dürfte in den Jahren zwischen 1923 und 1956 liegen. In dieser Zeit war Tanger unter dem Protektorat von Spanien, Frankreich, Großbritannien, Italien, Belgien, Portugal und Holland internationale Zone und entwickelte sich zu einer blühenden Stadt des Handels, der Banken und des Schmuggels. In diese Zeit fällt auch der fast invasionsartige Einfall vor allem amerikanischer und europäischer Bohême. Wer sich damals zur Avantgarde gezählt hat, mußte wenigstens ein paar Wochen in Tanger gewesen sein. Unter den Literaten sind Paul und Jane Bowles, Brion Gysin, William S. Burroughs, Jack Kerouac, Allen Ginsberg, Gregory Corso, Peter Orlovsky, Evelyn Waugh, Christopher Isherwood, André Gide, Joseph Kessel, F. Scott Fitzgerald, Tennessee Williams, Gore Vidal, Truman Capote, Alfred Chester und Jean Genet heute die Bekanntesten. Die Woolworth-Erbin Barbara Hutton hat hier rauschende Feste gefeiert. Für die Nachwelt verewigt ist diese Zeit in den Bildern der Fotografen Cecil Beaton und Herbert List.

1956 erlangte Marokko seine Unabhängigkeit, nach dem Einzug des Königs in das befreite Tanger war es mit der Herrlichkeit erst mal vorbei. Das Rad der Zeit konnte jedoch nicht mehr zurückgedreht werden. Mit den „Errungenschaften“ der Interzone wird man heute noch auf Schritt und Tritt konfrontiert. Jeder kleine Dreikäsehoch, der sich den Touristen als Führer durch die Medina andienert, wird den Ausländer in einem kosmopolitischen Kauderwelsch anbaggern. In Tanger spricht man Arabisch, Spanisch, Französisch, Englisch und Deutsch (in dieser Reihenfolge). Die Weltoffenheit Tangers manifestiert sich für mich allerdings am offensichtlichsten in der Emanzipation der Frauen. Der Haik, der Gesichtsschleier, gehört in Tanger der Vergangenheit an. Hier träumt die Jugend vom Norden, von Europa. Vor allem die jungen, progressiven Frauen unterscheiden sich in nichts von Teenagern aus Madrid, Rom, Paris oder London. Sie sind modisch leger gekleidet, dezent geschminkt, walkmanbewaffnet und kokettieren selbstbewußt mit ihrer oftmals atemberaubenden Schönheit.
Was vor einigen Jahren noch undenkbar war, ist heute nichts Außergewöhnliches mehr: Frauen können alleine in ein Café gehen und werden dort auch tatsächlich bedient. In den Cafés mit Tradition sitzen zwar nach wie vor überwiegend Männer, aber die modernen Eiscafés und die Fastfoodrestaurants sind fest in Frauenhand. Wer über die heutige Jugend von Tanger Bescheid wissen will, der sollte mal einen halben Tag im Big Mac auf dem Boulevard Pasteur verbringen. Dort hocken die Girls bei einer Coca oder einem Café au Lait, gucken Musikvideos, rauchen Marlboros und flirten mit den Augen, was der Teufel hält. Als Nasrani kann man sich gar nicht sattsehen an diesen Augen: ein Dunkel wie die schönsten Geheimnisse. Überhaupt: ich habe lange nicht mehr so viele schöne Frauen auf einem Fleck gesehen wie in Tanger. Wenn ich Modemacher wäre, würde ich meine Models nur in dieser Stadt suchen.
Den Nachmittag verbringt man am besten im legendären Grand Café de Paris oder im gegenüber liegenden Café de France. Hier läßt sich die Mittagshitze am angenehmsten aushalten, der Blick auf den Place de France bietet abwechslungsreiche Unterhaltung. Ein wahres Eldorado für Voyeure. Im Café de Paris haben schon Gertrude Stein, Eugène Delacroix und Henri Matisse ihren Pfefferminztee geschlürft, den man hier in kleinen silbernen Kännchen serviert. Die Kellner im Café de Paris sind freundlich und zuvorkommend, aber geck wie kleine Feldherren. Vor ihren kritischen Augen besteht nur, wer Klasse hat. Halbnackte Touristen zum Beispiel werden höflich, aber bestimmt vor die Tür gewiesen, gerngesehene Stammgäste dagegen persönlich begrüßt. Ein Empfang per Handschlag kommt einer Erhebung in den Adelsstand gleich. Einer der langjährigen Stammgäste im Café de Paris ist Monsieur Targuisti, der Koch von Brion Gysins Restaurant „1001 Nacht“. Vormittags sitzt er gewöhnlich in einer Djellaba (mantelartiges Gewand mit Kapuze) hier, nachmittags erkennt man ihn fast nicht wieder, dann sieht er nämlich in seiner rotweißen Baseballmütze und in seiner Westkleidung wie ein Tourist aus Florida aus.
Anlaufstation Nummer Eins der Bohême und auch heute noch der Kristallisationspunkt schlechthin war und ist der amerikanische Komponist und Schriftsteller Paul Bowles. Bowles war in seinen frühen Jahren viel in der Welt unterwegs (im Französischen trägt seine Autobiographie den schönen Titel „Memoires d’un nomade“), und kam auf Anraten von Gertrude Stein erstmals 1931 nach Tanger. 1947 hat sich der 1910 in New York geborene Bowles dann endgültig in Tanger niedergelassen. Wenn man die Augen ein bißchen offen hält, kann man heute kaum durch Tanger laufen, ohne auf seine Namen und sein Bild zu stoßen. Wenn man ein bißchen Glück hat, läuft er einem sogar auf der Straße über den Weg.
In einer kleinen Galerie gegenüber dem Café de Paris begegne ich ihm zum ersten Mal persönlich. Wir hatten im Schaufenster einen Hinweis auf ein Konzert mit seiner Musik gesehen und wollten von dem Galeristen nähere Informationen. Bowles war an diesem Nachmittag zufällig selbst in der Galerie, und so erfuhren wir, daß abends in seiner Anwesenheit im Rahmen eines Konzertabends im Centre Culturel Francais sechs Präludien von ihm gespielt werden sollten. Die ‚Salle Samuel Beckett‘ wurde langsam zu unserer zweiten Heimat.
Das Gerücht, Bowles würde anwesend sein, lockte an diesem Abend alles an, was in Tanger Rang und Namen hat und etwas auf sich hält. Unter den ausländischen Größen, die man mittlerweile getrost als zweite Bohêmegeneration bezeichnen kann, mache ich im Auditorium die amerikanische Malerin Margaret McBey, die mindestens schon genauso lange wie Bowles in Tanger lebt, Philippe Ramey von den New Yorker Philharmonikern, Joe McPhilipps, den Leiter der amerikanischen Schule in Tanger, Pociao, die kongeniale deutsche Bowles-Übersetzerin, den in Insiderkreisen Konsul genannten Roberto de Hollanda (der aus Brasilien stammende Übersetzer ist der derzeit vielversprechendste junge Literaturagent) und den jungen guatemaltekischen Schriftsteller Rodrigo Rey Rosa aus.
Nicht nur dieser Abend zeigt deutlich, daß Bowles auch heute noch eine gefragte Inspirationsquelle ist und eine wichtige Vermittlerfunktion hat. Fast jeden Tag ist in den späten Nachmittagsstunden seine Wohnung Treffpunkt für durchreisende Künstler, Übersetzer, Journalisten, Jünger, Aasgeier, Schmarotzer und irgendwelche Stars. Obwohl ihm manchmal der viele Besuch sehr lästig ist, weist er in seiner gutmütigen Art keinen ab. Als Bertolucci bekanntgab, Bowles‘ Roman „Himmel über der Wüste“ zu verfilmen, hat der Besucherstrom schlagartig zugenommen. Hordenweise sind Journalisten aus aller Welt bei ihm eingefallen. Das hat zwar weltweit zur enormen Popularität seiner Person beigetragen, aber auf die legt er mittlerweile keinen besonders großen Wert mehr, nachdem er jahrzehntelang von der breiten Öffentlichkeit ignoriert worden und eigentlich nur in Insiderkreisen bekannt gewesen war. Die Dreharbeiten sind mittlerweile abgeschlossen, der Film wird Ende Oktober in unsere Kinos kommen.

Als wir ihn in seiner Wohnung besuchen, spielt er uns „Voice of Chunk“ von den Lounge Lizards vor. Als ich ihn überrascht frage, wo er denn diese Platte her hätte, antwortet er, John Lurie hätte sie ihm geschickt und wundert sich seinerseits, daß man anscheinend diese Gruppe auch in Deutschland kennt. „Ich mag diese Art Jazz“, erzählt er mir, „dieses Stück (er meint „The Hanging“) hätte ich gerne für den Anfang des Films gehabt, aber sie wollten es nicht.“ Es schwingt etwas Resignation in seiner Stimme mit. Seine Erfahrungen mit Filmleuten sind getrübt. Er beschwert sich über die schlechte Verfilmung seiner Erzählung „You are not I“, durch Sara Driver. Als ich ihn frage, ob es wahr sei, daß Sara Driver einen Roman seiner Frau Jane verfilme, antwortet er, davon wüßte er nichts, wahrscheinlich würde man ihn wieder um das Geld betrügen wollen.
Mit welch harten Bandagen im Filmbusiness gekämpft wird, zeigt sich kurz vor meinem Abflug. Debra Winger, die die weibliche Hauptrolle in „Himmel über der Wüste“ spielt, ist in Tanger angekommen und will für die BBC mit Bowles ein Interview machen, das für Promotionszwecke für den Film eingesetzt werden soll. Das Fernsehteam nimmt Bowles für mehrere Tage in Beschlag und zahlt ihm dafür eine lächerlich geringe Summe, der marokkanische Schriftsteller Mohammed Mrabet, der ebenso wie Bowles im Film eine winzige Nebenrolle spielt, soll für sein Interview überhaupt nichts bekommen. Da soll noch mal einer behaupten, in Tanger würden die Einheimischen den Touristen das Fell über die Ohren ziehen.
Tanger ist Orient und Okzident in einem. Nirgendwo prallen Tradition und Moderne so extrem aufeinander, nirgendwo sind die Gegensätze aber auch so reizvoll. Wer die Einsamkeit sucht, sollte auf keinen Fall nach Tanger fahren, denn hier ist selbst der Schüchternste innerhalb von fünf Minuten nicht mehr allein. Allen anderen aber kann ich die Stadt nur vorbehaltlos ans Herz legen. Ich war restlos begeistert von dem Feeling im Allgemeinen, das diese Stadt ausstrahlt, und im Besonderen von den verführerischen Konditoreien, dem angenehmen Klima, den nachmittäglichen Spaziergängen auf der Strandpromenade, dem abendlichen Flanieren auf dem Boulevard Pasteur, dem wunderschönen Balkonplatz in der Pension Fuentes im Socco Chico, den Frauen natürlich und den Träumen, die man hier besonders intensiv träumt. Wie schrieb Burroughs 1953 an Ginsberg: „Tanger ist der prognostische Puls, der aus der Vergangenheit eine Brücke in die Zukunft schlägt, eine Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit – wobei die ‚Realität‘ beider in Frage gestellt ist …“
Tanger in der Literatur: Mohamed Choukri: Das nackte Brot; Driss ben Hamed Charhadi: Ein Leben voller Fallgruben; Mohammed Mrabet: El Limon; Paul Bowles: So mag er fallen; William S. Burroughs: Briefe an Allen Ginsberg; Pociao: Out of Tanger
Erstdruck in Auftritt, Heft 9/1990