Erotischer Feuerkopf

Spätestens seit „Thelma & Louise“ müßte Susan Sarandon allen ein Begriff sein. Ein Porträt der engagierten Schauspielerin.

Als die Krankenschwester die Tortur des kleinen Jungen nicht mehr mit ansehen kann und ein Wort der Widerrede wagt, schreit Michaela Odone: „Raus! Verlassen Sie sofort mein Haus.“ Als Augusto Odone (Nick Nolte) einen schwachen Moment hat und sich von seinen Zweifeln übermannen läßt, erntet er von seiner Frau Ohrfeigen. Als die Vorsitzenden einer ALD-Konferenz die anwesenden Eltern mit fadenscheinigen Durchhalteparolen hinhalten wollen, steht Michaela Odone auf und stellt unbequeme Fragen.

Wenn man sich in einem Wettlauf mit dem Tod befindet, kann man sich keine Kompromisse leisten. Lorenzo, der Sohn von Augusto und Michaela, leidet an der unheilbaren Erbkrankheit Adrenolenkodystrophie (ALD). Diese durch ein defektes Gen der Mutter verursachte Krankheit zerstört die Fettschicht, die die Nerven schützt. Folge sind schwere Zerebral-Schäden, Taubheit, Blindheit, Koma und letztlich der Tod. Ärzte und Wissenschaft stehen dem unbekannten Virus hilflos gegenüber. Die Eheleute Odone wollen das Todesurteil nicht akzeptieren und nehmen einen heroischen Kampf gegen das scheinbar Unabänderliche auf.

Frauen, die sich auflehnen, hat Susan Sarandon schon mehrmals auf der Kinoleinwand mit Bravour verkörpert. Am publicityträchtigsten sicherlich in Ridley Scotts „Thelma & Louise“. Da bricht sie nicht nur aus einem eingefahrenen Leben aus, sondern erschießt auch eiskalt einen Vergewaltiger. In Luis Mandokis „Frühstück bei ihr“ kämpft sie gegen Klassenunterschiede und um die Liebe zu einem sechzehn Jahre jüngeren Mann. In Frank Perrys „Tödliche Beziehung“ muß sie sich als frustrierte Ehefrau gegen ihren karrieresüchtigen Gatten durchsetzen und als blauäugige Detektivin behaupten. In George Millers „Die Hexen von Eastwick“ wehrt sie sich gegen die sexuellen Belästigungen ihres Vorgesetzten und gegen einen Liebhaber, der sich als der leibhaftige Teufel entpuppt. In Jim Sharmans Kultklassiker „The Rocky Horror Picture Show“ leistet sie den sexuellen Annäherungsversuchen des Zwitterwesens Frank N. Furter Widerstand. In Robert Greenwalds „Liebe ist mehr als ein Wort“ ist sie nicht bereit, sich von ihrem Ehemann benachteiligen zu lassen.

Auch Michaela Odone in George Millers authentischem Melodram „Lorenzos Öl“ geht unerbittlich und unbeirrbar ihren Weg. Sie will die Ungerechtigkeit des Schicksals nicht hinnehmen. Ohne Rücksicht auf Verluste beutet sie ihr eigenen Reserven und Energien bis an die äußersten Grenzen aus, geht mit ihrem malträtierten Sohn durch die Hölle, überrollt mit ihrem Glauben an die eigenen Möglichkeiten die übermächtig scheinende Front der Ärzte und Wissenschaftler. Am Ende dieses pathetischen Films hat sie wieder mal bewiesen, daß das Angehen gegen Autoritäten, gegen Benachteiligung und Unterdrückung viel Schweiß und Tränen kostet, sich aber auch bezahlt macht.

Frauen, die die SSDD-Plakette tragen („same shit, different day“) und einen emanzipatorischen Anspruch haben, entsprechen Susan Sarandons persönlicher Weltanschauung. Das hält die kluge Aktivistin aber nicht davon ab, sich erfolgreich gegen die Festlegung auf genau diese Rolle zu wehren. In Pat O’Connors „Im Zeichen der Jungfrau“ spielt sie eine perlenbehangene Schickse, in Tony Scotts „Begierde“ ein blutbesudeltes Vampiropfer, in Louis Malles „Pretty Baby“ eine madonnenhaft verklärte Nutte, in Billy Wilders „Extrablatt“ eine in rosa gekleidete Unschuld vom Lande, die in einem Kino-Palast die Wurlitzer Orgel bedient.

Das Wichtigste bei der Rollenauswahl, sagt Sudan Sarandon, sei für sie: „Ich muß wissen, was die Frau, die ich spielen soll, will.“ Und gleich danach kommt, daß der Film verspricht, gute Kinounterhaltung zu werden. Sie akzeptiert lieber ein Script, das der menschlichen Gemütsverfassung zwei Stunden lang irgendeine Art von Erleichterung verschafft, als in einem langweiligen Film mit theatralischer Polemik mitzuwirken. „Es ist viel schlimmer, eine schlechte Rolle zu spielen, die gut gemeint ist.“ Der Charakter der von ihr zu verkörpernden Figur muß sie bewegen oder ihr wirklich gefallen.

Eine Figur nach ihrem Geschmack war zum Beispiel Nora Baker, die an der Armutsgrenze lebende Hamburger-Verkäuferin in „Frühstück bei ihr“. Begeistert hat sie an diesem Film, daß „beide Charaktere wachsen, daß beide ihren alten Trott verlassen“. „Da haben zwei Menschen den Mut, sich auf eine andere Person einzulassen, intim zu sein – nicht nur auf sexuellem Gebiet – und diesen Kierkegaardschen Vertrauenssprung an einen Punkt zu wagen, an dem es kein Netz gibt.“

Wie kaum eine andere Schauspielerin ist sie die Idealbesetzung für solch eine Frau der Arbeiterklasse, die über alle ökonomischen, kulturellen, alters- und erfahrungsmäßigen Barrieren hinweg das Unmögliche wahr machen will. Ihr glaubt man das Lachen über den Schmerz und Sätze wie: „Ich habe viel ausprobiert.“ Direkte Anmache, tief ausgeschnittene Pullis, eng anliegende Röcke, die im Mundwinkel hängende Zigarette, eine vulgäre Sprache und gewagte Nacktszenen wirken bei ihr nie peinlich. Ihre großen Kulleraugen und wohlproportionierten Brüste setzt die rothaarige Schauspielerin immer gekonnt und mit Bewußtsein ein. Für den hemmungslosen Sex der Nora Baker findet Susan Sarandon die richtige Körpersprache, weil sie als emanzipierte Frau ihr Kapital Körper zum eigenen Lustgewinn zu nutzen weiß. Ein Satz von Annie Savoy aus „Bull Durham“ bringt das ganze Dilemma der Männer auf einen Nenner: „Frauen werden nie verführt, sie sind viel zu stark und mächtig dafür.“

Für Susan Sarandon ist es kein Widerspruch, sich für eine Aktserie des „Playboys“ fotografieren zu lassen, die mit „the celebrity breasts of the summer“ überschrieben wird, und gleichzeitig an der Veränderung des Frauenklischees mitzuarbeiten, wie es vom Hollywood-Kino festzementiert wurde. Der Satz einer nicaraguanischen Befreiungskämpferin umreißt exakt ihr eigenes Credo: „Männlichkeitswahn ist wie Hämophilie; er ist etwas, das von der Mutter auf den Sohn übertragen wird. Es ist also an den Müttern, herauszufinden, woher der Machismo kommt.“ Und so plädiert Susan Sarandon auch in ihren Filmrollen für ein ehrliches und gleichberechtigtes Verhältnis zwischen Mann und Frau. Wenn es sein muß, begibt sie sich im Kampf der Geschlechter auch auf die Ebene der körperlichen Konfrontation. Ihrem Yuppie-Lover, der sie belogen hat, entgegnet die Serviererin Nora: „Mir ist es lieber, wenn ein Mann mich verprügelt, dann habe ich wenigstens die Chance mich zu verteidigen.“

Geboren wurde Susan Tomalin am 4.10.1946 in New York. Als ältestes von neun Kindern wächst sie in dem Städtchen Metuchen in New Jersey auf. An der Catholic University in Washington studiert sie Kunst, Mathematik, Englisch, Philosophie und militärische Strategie. Ein Jahr vor ihrer Promotion über Schauspiel heiratet sie den Schauspielschüler Chris Sarandon („Hundstage“). Als dieser bei einem Theater-Agenten vorspricht, begleitet sie ihn und wird ebenfalls unter Vertrag genommen. Fünf Tage später macht sie Probeaufnahmen für den Film „Joe“ und wird von Regisseur John G. Avildsen vom Fleck weg engagiert.

Susan Sarandon ist Mutter von drei Kindern. Die sechsjährige Eva stammt aus einer Beziehung mit dem italienischen Regisseur Franco Amurri. Ihr derzeitiger Lebensgefährte, der Schauspieler und Regisseur Tim Robbins, ist der Vater des dreijährigen Otis und des fast einjährigen Miles Guthrie Tomalin. Neben Mutterpflichten und Filmkarriere findet Susan Sarandon immer noch Zeit für politische Aktivitäten. Sie engagiert sich im sozialen Bereich, setzt sich für die Opfer von Bürgerkriegen ein, ist Aufsichtsratsmitglied des New Yorker Mt. Sinai Hospitals, das sich vornehmlich der Betreuung psychisch Kranker annimmt, hat gegen den Golfkrieg demonstriert und macht sich für die Aids-Kampagnen stark. So war sie eine der ersten, die während einer Oscar-Verleihung einen „Act-up“-Button trugen. „Da die Leute auf das hören, was Berühmtheiten sagen, denke ich, daß wir eine gewisse Verantwortung dafür haben, Informationen zu verbreiten“, sagt Susan Sarandon und unterstreicht damit ihre Position als Protagonistin einer neuen Generation von Hollywood-Schauspielerinnen, die gleichzeitig Sexsymbol und engagierte Feministin sein können, ohne an Integrität zu verlieren.

Ron Sheldon hat ihr die wahrscheinlich schönste Rolle ihrer bisherigen Karriere auf den Leib geschrieben. Jedes Jahr sucht sich Annie Savoy einen Baseballspieler der Durham Bulls aus und „betreut“ ihn die ganze Saison über. In den Genuß ihrer Lektionen zu kommen, ist eine Auszeichnung, aber „Annies Männer“ haben nicht nur Spaß mit der attraktiven Englischlehrerin. „Jeder Spieler, der mit mir im Bett war, hatte das beste Jahr seiner Karriere.“ Dieser Erfolg ist das Ergebnis harter Arbeit. Annie verbessert nicht nur die Leistung ihrer Kerle im Bett und auf dem Spielfeld, sondern möbelt auch deren Allgemeinbildung auf. Nuke (Tim Robbins) zum Beispiel fesselt sie beim ersten Rendezvous aufs Bett und liest dem vor Geilheit fast platzenden Pitcher Gedichte von Walt Whitman vor.

Annie Savoy hat all das, was nur wenige so imponierend wie Susan Sarandon einbringen können: ungenierten Sex, emanzipiertes Bewußtsein, experimentelle Offenheit, sozialen Auftrag, politischen Missionseifer. Annie Savoy ist die Metapher einer Utopie. In ihrer Selbstanalyse steckt die Sehnsucht nach der harmonischen Symbiose zwischen Mann und Frau und gleichzeitig deren realistische Chance: „Wissen Sie, ich gebe den Jungs eine gewisse Lebensweisheit mit auf den Weg. Ich erweitere sozusagen ihren Horizont. Ich gebe ihnen Selbstvertrauen, und sie geben mir Geborgenheit und das Gefühl, schön zu sein. Was ich ihnen gebe, ist fürs ganze Leben. Was sie mir geben, hält nur für 142 Spiele.“

Erstdruck in Journal Frankfurt, Heft 9/1993