Patriarch ohne Kronprinz
Familienkrach im Hause Suhrkamp. Der Vater hat den Sohn raugeschmissen. Wer tritt nun das Erbe des Bücher-Paten Siegfried Unseld an. Die Geschichte eines Zerwürfnisses.
Frankfurt, Holzhausenviertel. Dr. Siegfried Unseld (66) hat einige seiner Autoren zu sich nach Hause in die Klettenbergstraße eingeladen. Es ist ein schöner Nachmittag. “Der bedeutendste deutsche Verleger nach 1945” (Marcel Reich-Ranicki) spielt im Garten vor dem Haus Schach gegen seinen ehemaligen Studienkollegen, jetzigen Autor und Lieblingsgegner Martin Walser. Aus gebührender Entfernung beobachtet die literarische Gesellschaft den stillen Kampf, unter ihnen auch Unseld-Sohn Joachim (37). Plötzlich hebt Unseld sen. den Kopf: “Wir haben keinen Wein mehr, Joachim. Das geht doch nicht.” Der Sohn zuckt zusammen und guckt indigniert in die Runde. Woraufhin der Schriftsteller Jürgen Becker, die drohende Konfrontation ahnend, zu einer halbvollen Flasche greift und schmunzelnd sagt: “Mein Vater ist jetzt 86 geworden …” Siegfried Unseld, der die Spitzen gegen sich ahnt, insistiert schnell: “So alt werde ich nicht, Jürgen. Jage meinem Sohn keinen Schrecken ein.”
Eine typische Szene für das Vater-Sohn-Verhältnis der Unselds. Auf der einen Seite der übermächtige Vater, auf der anderen ein eingeschüchterter Sohn. Stoff für einen großen Familienroman, der noch geschrieben werden könnte. Man könnte all das einbauen, was die Buddenbrocks und den Denver-Clan haben berühmt werden lassen. Die tragische Rolle käme Dr. Joachim Unseld zu, für den es von klein auf eine tonnenschwere Hypothek war, der einzige Sohn des Suhrkamp-Verlagspatriarchen Siegfried Unseld zu sein. Bis vor kurzem noch sollte er Erbe des gewichtigen Suhrkamp-Imperiums werden. Seit zwei Monaten scheint die Kluft zwischen Vater und Sohn unüberbrückbar.
Der Anfang vom Ende begann 1978. In diesem Jahr trat “der letzte Dinosaurier des deutschen Verlagswesens” (Franz Xaver Kroetz) 20 seiner 50 Prozent Kapitalanteile an seinen Filius ab (50 Prozent gehören der Schweizer Fabrikantenfamilie Reinhart) und machte ihn damit zum Gesellschafter der Verlage Suhrkamp, Insel und Nomos. Gleichzeitig erhob er ihn in den Rang eines Geschäftsführers und stellte ihn damit als passives Mitglied an die Seite der erfahrenen Geschäftsführer Heribert Marré (66) und Gottfried Honnefelder (45). Anfang 1983 mußte sich Joachim Unseld dann zum ersten Mal aktiv bewähren: Er wurde Leiter der Abteilung Verkauf/Vertrieb. 1988 folgte schließlich das Fegefeuer, “der Boß” (Hans Mayer) gab die Hälfte seiner bisherigen Allmacht an seinen Sohn ab. Joachim Unseld übernahm ab 1. Januar die Verantwortung für die Bereiche edition suhrkamp, suhrkamp taschenbuch und die jüngere deutsche Literatur.
Die Belegschaft des Verlages sah dem Kommenden mit Spannung entgegen, die Medien waren skeptisch. Niemand glaubte daran, daß die “Naturgewalt” ( Claude Lévi-Strauss) Siegfried Unseld, dieser Charismatiker, der seinen “Willen notfalls ohne Rücksicht auf denjenigen seiner Mitarbeiter” (FAZ-Autor Gregor Dotzauer) durchsetzt, zu einer gleichberechtigten Verlegerschaft fähig sei, den eigenen Sohn nicht als eine persönliche Konkurrenz empfindet.
Es ist nicht gutgegangen. Spätestens als Ende 1990 öffentlich die ersten Fetzen flogen und der Vater dem Sohn eine Kreativpause verordnete, war für die meisten Beobachter des Hauses das Ende der ungleichen Partnerschaft voraussehbar. Im Juli dieses Jahres trennte man sich endgültig. Ein hausinternes Papier erklärte: “Dr. Siegfried Unseld und sein Sohn Dr. Joachim Unseld haben ihre Zusammenarbeit in der Verlagsleitung einvernehmlich als beendet erklärt. Trotz guter geschäftlicher Entwicklung erwies sich das im Januar 1988 eingeführte Prinzip gleichberechtigter Verlegerschaft als nicht praktikabel.” Der “San Cristobal de la Literatura” (Octavio Paz) mit dem “Hang zum Duodezfürstentum” (Herbert Heckmann) hatte sich durchgesetzt. Jürgen Busche schrieb in der Süddeutschen Zeitung, was alle Suhrkamp-Kenner dachten: “Weil er seinen Verlag wie ein Pate führt, steht ihm der conseigliere bei Geschäften näher als der Sohn.”
Siegfried Unseld wurde 1924 als Sohn eines Ulmer Sozialfürsorgers geboren und 1959, nach dem Tod von Peter Suhrkamp, allein verantwortlicher Verleger des Suhrkamp Verlages. Unbestritten ist er die herausragendste Verlegerpersönlichkeit dieser zweiten Jahrhunderthälfte. Wie kein anderer hat er in seinen Verlagen zwei Dinge zusammengebracht, die sich oft genug ausschließen: Geist und Geld. Mit Bravour bestand er über Jahrzehnte die Gratwanderung, die Adorno als paradox bezeichnet hat: “Unverkäufliches verkaufen, dem den Erfolg finden, das ihn nicht sucht, das Fremde ins Nahe wenden.” Seinem Werk ist die amerikanische Feuilletonweisheit “German culture is Suhrkamp culture.” zuzuschreiben. Seinem Geschäftssinn, seinem Mut zum Risiko, seinem Geschick im Umgang mit Beratern und seiner Entdeckerfreude ist zu verdanken, daß in Deutschland fast die gesamte geistige Weltelite in Suhrkamp-Büchern versammelt ist. Autoren wie Walter Benjamin, Samuel Beckett, Jürgen Habermas, Hans Magnus Enzensberger oder Ernst Bloch haben den im noblen Westend großräumig in der Lindenstraße residierenden Suhrkamp Verlag zur ersten Verlagsadresse Deutschlands gemacht. “Die Kongruenz zwischen Unseld und dem Zeitgeist war zehn, fünfzehn Jahre vollkommen”, urteilte Marcel Reich-Ranicki, “und das waren die größten Jahre des Verlags.”
Erfolg gibt es aber nirgends umsonst. Siegfried Unseld ist zwar ein besessener Workaholic, gerade ist von ihm ein fulminantes Goethe-Buch (*) erschienen, an dem er zwölf Jahre gearbeitet hat. Andererseits haben ihn aber auch “seine Ellenbogen nach oben gebracht”, wie einer sagt, der anonym bleiben will. Ausgestattet mit einem “gesunden Sozialdarwinismus” hat sich die “Dogge” (Max Frisch) Unseld durchgebissen und so manche “Leiche” hinter sich gelassen. Er sucht den Streit nicht. Aber er weicht auch keinem Konflikt aus. “Unseld reagiert wie ein Kampfstier auf den Degen”, beschreibt ihn ein ehemaliger Suhrkamp-Autor. Sein Lebensmotto: Wer nicht für mich ist, ist gegen mich. Was nichts anderes heißt als absolute Offenheit, Ehrlichkeit und Loyalität. Einer, der ihn seit Jahrzehnten kennt, erzählt: “Ein Lektor, der zum Beispiel nicht wagt, 500 Mark Gehaltserhöhung zu fordern, die er braucht, weil er Vater geworden ist, und stattdessen nebenher Buchkritiken für den Rundfunk schreibt, fliegt raus. Nicht, weil Unseld denkt, die Nebenbeschäftigung würde zu Lasten der Suhrkamparbeit gehen, sondern weil Unseld sich in seiner Pflicht als Familienoberhaupt hintergangen fühlt.”
Siegfried Unseld ist ein Souverän alten Schlags, er ist der Archetyp des Ein-Mann-ein-Wort-Helden. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs rettete sich der junge Soldat Unseld auf der Krim-Halbinsel vor der russischen Gefangenschaft, indem er ins Schwarze Meer hinausschwamm. Nachdem er tagelang auf der Wasseroberfläche getrieben war, gelobte er, sich jederzeit schwimmbereit und -tüchtig zu halten, wenn er diese Situation heil überstehen würde. “Seitdem schwimme ich”, sagt er nicht ohne Stolz. “Das Schwimmen ist für mich in der Tat ein Ritual, eine Art Re-ligio, eine Rückbindung.” Jeden Tag geht er ganz früh morgens ins Hausener Freibad, um seine 700 Meter zu schwimmen.
Männer mit solchen Geschichten treten nicht freiwillig ab. Weil sie unbarmherzig mit sich selbst sind, setzen sie auch ihre Umgebung unter gnadenlosen Druck. “Da die Welt für Siegfried nur ein Annex seines Verlages ist” (Hans Mayer), muß alles um ihn herum vom Besten sein, müssen alle, mit denen er zu tun hat, immer mindestens hundert Prozent leisten, darf niemand an der Richtigkeit seines Tuns zweifeln. “Wenn man fühlt, denkt und handelt in Übereinstimmung mit sich selber”, verkündet er seine Lebensphilosophie, “dann ist das Leben richtig und dann gibt es kein falsches Leben.” Deshalb hat er den Adorno-Satz “Es gibt kein richtiges Leben im falschen.” umgekehrt und sich als Leitspruch an die Wand seines mit wertvollen Büchern und Bildern ausgestatteten Arbeitszimmers gepinnt: “Es gibt kein falsches Leben im richtigen.” Wer so von sich überzeugt ist, der kann bei Andy Warhol nicht nur Porträts von Goethe und Hesse, sondern auch von sich in Auftrag geben.
In keinem anderen deutschen Verlag ist die Belegschaft so sehr auf Betriebstreue eingeschworen wie bei Suhrkamp. Unseld besitzt die Gabe, nicht nur seinen Autoren, sondern auch seinen Angestellten das Gefühl zu vermitteln, zu einer auserwählten Elite zu gehören. Da jeder seiner Angestellten weiß, daß er nichts mehr als “Untreue” und “Unehrlichkeit” haßt, fürchten alle seinen Haß wie der Teufel das Weihwasser. Interna erfährt man von den Betriebsangehörigen und Unseld-Freunden überhaupt nicht, und wenn, dann nur unter dem Siegel der absoluten Verschwiegenheit. Selbst der sonst sehr redselige Literaturpapst und Unseld-Ratgeber Marcel Reich-Ranicki, der sich gegen Joachim als Verleger ausgesprochen haben soll, äußert sich nur sehr wortkarg zu den aktuellen Vorkommnissen: “Darüber möchte ich mich nicht auslassen. Ich bin seit vielen Jahren mit Siegfried Unseld befreundet.” Loyalität und pure Unterwerfung liegen da sehr dicht beieinander.
Wer nicht auf Suhrkamp-Linie liegt, kommt unter die Räder. Der spektakulärste Fall ereignete sich 1968. Damals wurde über Nacht ein gesamtes Lektorat ausgewechselt. Auf dem Höhepunkt der Studentenbewegung verlangten neun Lektoren ein Recht auf Mitsprache. Unseld war in der Zwickmühle. Einerseits verlegte er die maßgeblichen marxistischen Theorien, trat mit seinen Büchern für mehr Demokratie ein, stand gar unter dem Verdacht, Maoist zu sein, andererseits wußte er, daß viele Köche den Brei verderben. Als “der ökonomische Monomane” letztlich das Mitspracherecht ablehnte, kündigten neben Cheflektor Walter Boehlich auch die Lektoren Klaus Reichert, Peter Urban, Urs Widmer und der Leiter der Theaterabteilung Karlheinz Braun.
Über den genauen Hergang dieses intellektuellen Aderlasses gibt es widersprüchliche Versionen. Im Hause Suhrkamp behauptet man, die Lektoren hätten sich ihre Kündigung mit einer satten Abfindung versüßen lassen. Andere Stimmen sagen, Siegfried Unseld hätte persönlich auf der Schreibmaschine seiner ihm seit Jahrzehnten loyal zur Seite stehenden Chefsekretärin Burgel Zeeh die Kündigungsschreiben getippt. Verziehen ist auf beiden Seiten bis heute nichts. Nach seiner Meinung zu den aktuellen Vorkommnissen befragt, bellt Boehlich, voller Verbitterung und Haß gegen Unseld, kurz angebunden ins Telefon: “Das ist doch vollkommen wurscht, wer diese Fabrik regiert. Der Suhrkamp Verlag lebt von seiner backlist, von seinem Programm und von seinen Mitarbeitern, und einer dieser Mitarbeiter ist Siegfried Unseld. Die Suhrkamp-Kultur hat es nie gegeben.”
Der Philosoph Leo Löwenthal sieht das ganz anders: “Mir wird bange bei der Vorstellung, wie unsere deutsche und nicht allein die deutsche Kultur- und Sprachlandschaft ohne ihn aussähe.” Und langjährige Suhrkamp-Autoren rühmen Unselds Treue, ja seine soziale Ader. Uwe Johnson und Wolfgang Koeppen, um nur zwei der bedeutendsten Autoren zu nennen, wären ohne seine moralische und finanzielle Unterstützung nicht denkbar. “Dieser Mensch liebt die Literatur”, schreibt Zbigniew Herbert, “und weil er ein Heißsporn ist, liebt er sie habgierig und eroberungssüchtig, er möchte alles haben, was zu besitzen wert ist – sofort und in alle Ewigkeit.”
In einer Beziehung ist der “große Spieler” (Peter Handke) Siegfried Unseld mit seiner “Baustellenmentalität” allerdings nicht weit gekommen; und das muß für einen Mann, dessen Galanterie berühmt und berüchtigt ist, besonders schmerzlich sein. Ihm ist es nie gelungen, selbst mit hohem finanziellem Einsatz nicht, literarisch herausragende Autorinnen in den Verlag zu holen. Entweder sind ihm die Autorinnen unter der Hand weggestorben (wie Ingeborg Bachmann) oder sie haben kreativ und produktiv vollkommen abgebaut (wie Friederike Roth und Karin Struck) oder sie zeigten ihm die kalte Schulter wie zuletzt Irene Dische.
Nur mit einer hat er wirklich Glück gehabt. Die Suhrkamp-Autorin Ulla Berkewicz hat er zu seiner zweiten Ehefrau gemacht. Auf sie läßt er nichts kommen. Wo immer es möglich ist, wird seine Ulla exponiert. Da tritt der ansonsten eitle Gockel sogar selbst manchmal freiwillig ins zweite Glied zurück. Was die literarische Qualität der Berkewicz-Bücher anbelangt, so behaupten Kritiker, sei er von einer geradezu sprichwörtlichen Blindheit des Verliebten befallen. Wenn die Urteile der Literaturkritiker nicht nach seiner Vorstellung ausfallen, bemüht er schon mal Wolfgang Koeppen, der dann seinen Namen für die ehemalige Schauspielerin in die Waagschale werfen muß.
“lch muß meine Arbeit als ein ernstes Spiel begreifen”, lautet Unselds Lieblingssatz. Im Fall der Erfolgsautorin Irene Dische, kolportiert die Gerüchteküche, habe er mit hohem Einsatz va banque gespielt. Nachdem diese ihn habe kalt abblitzen lassen, sei er bei einem direkten Zusammentreffen zu einem letzten verzweifelten Angriff übergegangen. Per Blankoscheck habe er von ihr die Rechte für eine Erzählung und ihr nächstes Buch erwerben wollen. Irene Dische hätte jedoch in dem ihr zur Unterschrift vorgelegten Vertrag den Passus “nächstes Buch” durchgestrichen und im Scheck den Betrag 25000,– DM eingesetzt. Unseld habe sich als perfekter Verlierer gezeigt und sich mit der vor kurzem bei Suhrkamp in der Kleinen Reihe erschienene Erzählung “Der Doktor braucht ein Heim” zufrieden gegeben. Das nächste Buch von Irene Dische wird demnächst bei Rowohlt erscheinen.
“Wenn Siegfried Unseld einen Raum betritt”, erzählt ein Autor, “dann gibt es schlagartig nur noch ein einziges Zentrum.” Ein Buchhändler bestätigt: “Dieser Mann hat eine fast erdrückende Präsenz. Jeder kommt sich in seiner Nähe automatisch kleiner vor als er tatsächlich ist.” Was die einen als Charisma definieren, ist für die Anhänger von Joachim Unseld nichts weiter als fehlendes Fein- und Taktgefühl. Herbert Heckmann, der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, meint: “Joachim Unseld ist das glatte Gegenteil von seinem Vater. Er ist verspielter, sensibler, gebrochener, hat Charme, ist klug, ein sehr gescheiter Germanist und kann, im Gegensatz zu seinem Vater, zuhören.”
Auch Joachim Unseld hat, wie sein Vater, das Verlegerhandwerk von der Pike auf gelernt, obwohl er eigentlich etwas ganz anderes werden wollte. “Er hat mal eine Zeitlang die Idee gehabt”, sagte sein Vater in einer Fernsehsendung, “Fotograf zu werden, bis ihm dann doch das Bessere einfiel.” Wenn er heute darüber spricht, scheint es so, als würde er im Nachhinein bedauern, daß der Sohn damals seinen Neigungen nicht nachgegangen ist. Es wäre beiden vieles erspart geblieben.
Ein Lichtenstein-Imitat, das in Joachims Privatvilla in der Lilienthalallee hängt, paraphrasiert das Dilemma des Sohnes. Es zeigt den übermächtigen Vater, der sagt: “I know how you must feel, Jo.” Als Fotograf war Joachim von früh an nur der Dokumentarist der Größe seines Vaters. Später, als gleichberechtigter Verleger, versuchte er, eigene Wege zu gehen, sich gegen seinen Vater durchzusetzen, ein eigenes Profil zu entwickeln. Weil er sich anders verhalten hat als sein Vater -medienscheu, eher introvertiv als extrovertiert, verhaltener im Umgang mit anderen – wurde ihm vieles als Schwäche ausgelegt, auf die einige ältere Autoren sofort reagiert haben. Es soll Briefe geben, in denen Autoren androhen, den Verlag zu verlassen, wenn Joachim den Verlag übernimmt. Der Vater wiederum fühlte sich hintergangen, wenn Joachim etwas in Eigenregie durchzog.
Der Sohn plante zum Beispiel eine neue Reihe, die die ganz jungen Autoren aus dem Schatten der großen Autoren wie Beckett, Hesse oder Brecht herausnehmen und sie in ein ihnen gemäßes Umfeld stellen sollte. Ohne seinen Vater in seine Pläne einzuweihen, bereitete er die neue Reihe vor, unterschrieb Verträge und ließ Cover drucken. Verlagsangehörige, die von dem Unternehmen wußten, ahnten schon, was kommen würde. Als Joachim seinen Vater vor vollendete Tatsachen stellte, fing er sich prompt das “Nein” ein, vor dem er sich immer gefürchtet hatte. Insider aus dem Verlag behaupten: Hätte Joachim seinen Vater frühzeitig über seine Pläne informiert, würde es heute diese Reihe geben.
Auch andere Aktionen fanden nicht immer den ungeteilten Beifall des Vaters. Joachim Unseld setzte schon früh gezielt auf Bestseller. Er machte sich, damals noch als Verkaufsleiter, bei den Buchhändlern für die Bücher von Isabel Allende stark und bewies mit dem generalstabsplanmäßig vorbereiteten neuen Roman von Bodo Kirchhoff, daß man mit Hilfe der Medien ein Buch auf dem Markt durchsetzen kann. “lnfanta” hat momentan eine Auflage von 80000 Exemplaren. Der Vater sah die oberste Pflicht eines Verlegers verletzt, weil sich Joachim eine Zeit lang ausschließlich für dieses Buch eingesetzt und deshalb nur noch wenig Zeit für andere Autoren hatte. Außerdem entsprachen die Anstrengungen des Juniors nicht den Überzeugungen des Seniors: “Ein literarischer Verlag baut nicht auf Einzelbücher, schon gar nicht auf Bestseller, die Bestseller-Listen von heute sind oft die Friedhofstafeln von morgen.” Mit seiner Ethik ist er, wie das mal eine Hamburger Illustrierte formuliert hat, “eine Figur des ausgehenden 19. Jahrhunderts”.
Ausgerechnet Joachims größte Verfehlung verteidigt der Vater dagegen heute noch als “ganz unglückliche Sache”. Immerhin hat dieser Eklat für mächtig viel Wirbel gesorgt und den Suhrkamp Verlag zwei Autoren gekostet. Ursache war Joachim Unselds mangelndes politisches Gespür. Als der rumänische Dichter Mircea Dinescu noch unter Hausarrest stand, hatte es der Verlag zunächst versäumt, die Öffentlichkeit auf das Schicksal seines Autors genügend aufmerksam zu machen. Der Verlag lud ihn dann zwar demonstrativ zur Buchmesse 1989 ein, Joachim Unseld betonte aber im gleichen Atemzug, sollte Dinescu wider Erwarten das Land verlassen dürfen, könne er nicht damit rechnen, daß man während der Buchmesse Veranstaltungen für ihn improvisiere. Der Lyriker und Dinescu-Übersetzer Werner Söllner und Dinescu selbst haben daraufhin Suhrkamp den Rücken gekehrt und sind zum Schweizer Ammann Verlag abgewandert.
Joachim Unseld lebt mit seiner Freundin Beatrice seit einiger Zeit in Los Angeles, wo er fernab der Heimat ungestört seinen Leidenschaften nachgehen kann: Krimis lesen und Musik hören. Keine zwei Minuten vom Sunset Strip entfernt, in den Hills von West-Hollywood, bewohnt er in einer Gegend ein Haus, in der schon früher Leute wie Fritz Lang und andere Exilanten, die es zu etwas gebracht haben, residiert haben. Wie man hört, will er sich erst mal um die Sangeskarriere seiner Freundin und um eine adäquate Hollywoodverfilmung von “lnfanta” kümmern. Zu den Ereignissen der jüngsten Vergangenheit will er keine Auskunft geben, und mit seinem Vater möchte er auf keinen Fall konfrontiert werden. Außer für engste Freunde ist er für niemanden zu sprechen.
Siegfried Unselds größtes Problem ist jetzt: Wer soll sein Lebenswerk weiterführen? Könnte es tatsächlich Gottfried Honnefelder sein, den viele derzeit als größten Favoriten handeln? Die Zeit drängt nicht, der Suhrkamp-Tycoon erfreut sich bester Gesundheit, aber seit er an seinem 65. Geburtstag in Venedig eine Treppe hinuntergestürzt ist und sich dabei das Handgelenk gebrochen hat, ist er “nachdenklicher” geworden, wie er selbst zugibt. Er weiß genau: Die Treppen zu seinem Büro rennt er längst nicht mehr so elanvoll hoch wie noch vor Jahren. Und der permanente Kampf gegen die Gewichtsprobleme und die Kuren in der Fastenklinik Buchinger in Überlingen werden auch immer anstrengender. Es ist also an der Zeit, die Nachfolge definitiv zu regeln.
Wie alle bedeutenden Verlegerpersönlichkeiten vor ihm, steht Siegfried Unseld vor der Erkenntnis, keinen Prinzen gezeugt zu haben, den er als ebenbürtig akzeptieren würde. Während der Alte ein wirklicher Bibliomane ist, er wie Peter Suhrkamp eine turmhohe Achtung vor dem Autor hat, gar nichts anderes sein könnte als ein literarischer Verleger, scheint sich der Junge für mehrere Dinge zu interessieren, scheint ihm die Demut vor Büchern und Autoren nicht das allein selig Machende zu sein. Siegfried Unseld hat seinen Sohn rausgeschmissen, weil er ihm etwas Gutes tun wollte. Das war kein monomanischer, sondern ein gnädiger Akt. Der Vater hat dem geliebten Sohn die ungeliebte Bürde der Verantwortung abgenommen und ihn in die Freiheit entlassen. Joachim Unseld hat das tief verletzt, gleichzeitig verehrt er seinen Vater viel zu sehr, als daß er dessen Sturz betreiben wollte. Und daß er neben ihm nicht bestehen kann, hat er in der Vergangenheit schmerzlich erfahren müssen.
Noch kurz vor seinem Rausschmiß hatte Joachim Unseld nach einem Motiv von Schlote eine Karte drucken lassen, die ihn in herzlicher Umarmung mit seinem Vater zeigt. Trotzdem hatte er zum 65. Geburtstag seines Vaters eine Tischrede gehalten, aus der man, wenn man will, den sehnlichsten Wunsch des Nachfolgers heraushören kann: “Wir brauchen uns also heute abend nicht an jene Zeiten erinnern zu lassen, in denen vor Jahrtausenden auf einer kleinen griechischen Insel das Gesetz vorsah, daß ‘Greise’ nach Vollendung des 65. Lebensjahres sich das Leben zu nehmen hatten, da sie dem Staat nicht mehr zu Diensten sein würden; diese Radikallösung wurde in unserer modernen Zeit zur Pensionierung abgemildert.”
Als Rentner kann ihn sich aber auch sein Sohn nicht vorstellen. Nach wie vor ist Siegfried Unseld voller Ideen und Tatendrang, auch wenn er den resignierten Eindruck nicht vermeiden kann, akzeptiert zu haben, daß sein Sohn das begonnene Lebenswerk nicht weiterführen wird. Seine Worte klingen abgeklärt und gleichmütig, so richtig abnehmen will man ihm trotzdem nicht, was er zum Abschluß sagt: “Der Verlag heißt nicht Siegfried Unseld, sondern von eh und je Suhrkamp Verlag. Jetzt hat ihn über Jahrzehnte hinweg ein Unseld geleitet, wenn in einer kommenden Zeit der Verleger einen anderen Namen tragen sollte, so ist dies keine Katastrophe.”
* Siegfried Unseld: Goethe und seine Verleger, Insel, 790 Seiten, 60 Mark
Erstdruck in Journal Frankfurt, August 1991