Von heimlichen und unheimlichen Kultautoren
Ein subjektiver Rundblick über die subkulturelle Literaturszene
Sie hat keine Lobby in den immer kleiner werdenden Literaturteilen der Stadtzeitungen, das etablierte Feuilleton der Tageszeitungen kümmert sich kaum um sie, nur noch wenige Buchhandlungen haben ihre Produkte mit den buntschillernden Covers vorrätig; und doch gibt es sie nach wie vor – die subkulturelle Literaturszene.
Die „große Wende“ ist auch an den Kleinverlegern, den Einmannfirmen nicht spurlos vorübergegangen, viele mußten zurückstecken oder ganz aufgeben. Es ist noch härter geworden, sich auf dem Medienkarussell zu behaupten. Ungeachtet dessen treibt die literarische Subkultur immer noch vielfältige Blüten. Nachfolgend wird die Rede sein von den Tüftlern, den Desperados, den verkannten Avantgardepoeten, den Liebhabern, den hard-boiled- writers, den heimlichen und unheimlichen Kultautoren.
An den Anfang dieses selbstverständlich subjektiven und unvollständigen Überblicks möchte ich das Buch eines der deutschen Sub-Gurus stellen. „Straßen des Zufalls“ von Jürgen Ploog (* 1935, Frankfurt), weil es im Untertitel heißt „Für eine Literatur der 80er Jahre“. Ploog polemisiert hier programmatisch und leidenschaftlich gegen die Provinzialität und Langeweile der „offiziellen“ Literatur. Eigentlich ist es ein Buch über William S. Burroughs und doch auch ein Plädoyer gegen die verkniffene „Fußgängermentalität“ der deutschen Prosa.
Ploog, von Beruf Langstreckenpilot und wohl einer der besten Burroughs-Kenner und dessen Intimus, ist einer der wenigen guten deutschen Cut-up-Autoren. Er sagt: „die üblichen, hergebrachten Mittel der Literatur, ein Bild der jetzigen heutigen Wirklichkeit zu vermitteln, sind unbrauchbar geworden.“ Ein Weg aus diesem Dilemma ist „seine eigene Sprache zu finden, eine Sprache, die mehr sagt als vorher festgelegte Bedeutung, eine Sprache, die erlaubt, daß etwas von seinen Sehnsüchten, Träumen & Niederlagen mitschwingt in dem, was man sagt & wie man es sagt. Dies ist eine Sprache jenseits genormter Semantik, jenseits jener Maßstäbe, die uns aus germanistischen Fleddereien & feuilletonistischen Krämereien entgegenweht.“ Der Autor muß sich seinen Weg suchen irgendwo in der „Randzone zwischen Wirklichkeit & Utopie“. Cut-up, das ist die „Technik der semantischen Abweichung“ (Peter Weibel) oder die „Kommunikation des erweiterten Nervensystems“ (Ploog), ist eine Möglichkeit, die Horizonte aufzureißen, der Sprache neue Dimensionen zu erschließen.
„Jeder, der glaubt, beim Schreiben würde man sich die Finger nicht schmutzig machen, hat es noch nie versucht. Es beginnt beim Einlegen des Farbbandes & endet im grauen Niemandsland einer Wirklichkeit, in der nur wahr ist, was man selbst erfunden hat.“ Ploogs Reisen durch den äußeren und inneren Raum kann man nachlesen in „Cola Hinterland“, „Nächte in Amnesien“, „Motel USA“, „Sternzeit 23“, „Pacific Boulevard“, „Radar Orient“.
Ein anderer, der ebenfalls zur ganz alten Garde der Szene gehört, ist Helmut Salzinger (* 1935). Er hat einen langen Weg hinter sich. Als promovierter Philosoph und Literaturwissenschaftler arbeitete er für das etablierte Feuilleton, schrieb unter dem Pseudonym „Jonas Überohr“ für die längst Legende gewordene Zeitschrift „Sounds“ Kolumnen und verfocht mit seinen Büchern „Rock Power oder Wie musikalisch ist die Revolution?“, „Swinging Benjamin“ und „Jonas Überohr Live“ den kulturrevolutionären Anspruch der Alternativ-Bewegung als grundlegende Vor- und Wegbereitung der kommenden historischen Umwälzungen. Dann zog er aufs Land und meldete sich erst Anfang der 80er Jahre in Buchform als Ethnopoet zurück.
Der Rückzug zur Natur ist eine andere Möglichkeit des Protests gegen die Zustände der Zeit; mit Ploog gemeinsam hat Salzinger allerdings seine Bezüge zu Autoren der amerikanischen Beat-Generation. „Die deutsche Literatur der Gegenwart läßt viele von uns allein mit ihren Visionen, Ängsten, Bildern & Gefühlen, sie läßt uns allein mit einer Gegenwart, die sie aus billigen Gründen übergeht oder zur Seite schiebt. Wer etwas finden will über das, was sich tut auf den geisterhaft flimmernden Boulevards des Hier & Jetzt wird früher oder später bei der amerikanischen Szene landen, bei den Beats …“ (Ploog)
Salzinger lebt, arbeitet und schreibt heute auf seiner Head Farm in Odisheim im Stil eines Gary Snyder, Lew Welch oder Philip Whalen. Die Titel seiner aktuellen Publikationen kann man getrost als Programm verstehen: “Gehen, Schritte“, „Die Freundlichkeit der Kraft“, „Irdische Heimat“, „Nackter Wahnsinn – Die Wirklichkeit und die Suche nach ihr zwischen Konsens und Nonsens“, neu aufgelegt wurde dieser Tage eine Sammlung mit kleinen Schriften zur Musik und Gegenkultur „Rock um die Uhr“ – „zerstreute Gedanken aus der großen Kulturrevolution im Westen“ heißt ihr Untertitel.

Den Ethnopoeten geht es um die Achtung vor dem Leben, d.h. der Natur. Wenn Salzinger schreibt, mit seinen Gedichten wolle er auf die Notwendigkeit aufmerksam machen, „die Tatsache, daß die Menschheit der Erde gehört, zu begreifen. Zu begreifen, daß sie Tatsache ist. Zu be/greifen. Mit Hand und Verstand“, so gilt das in gleichem Maße für z.B. Stefan Hyner (* 1957, Schwetzingen). Auch in dessen Gedichtbändchen „Schäfers Buckel“ und „Auf der Suche nach einer Frau, die schwer zu finden ist“ wird zum Beispiel ein Liebeslied nicht in schwülstigen Tiraden und romantischen Attitüden gesungen, sondern das Leben und die Liebe sind eingebunden in den natürlichen Kontext. Elementares und Wesentliches rückt in den Mittelpunkt, erhält sein Gewicht und seinen Wert zurück. Die eigene Askese, der bewußte Verzicht auf Luxus schlägt sich auf die Texte nieder.
Der derzeit zornigste und kompromißloseste Autor lebt ebenfalls auf dem flachen Lande: Rüdiger Hipp (* 1940, Murrhardt). Seit kurzem gibt er seine NONVALEURS – „Neues aus dem literarischen Untergrund“ heraus, eine schonungslos entlarvende, radikale Abrechnung mit jeglicher Bürokratie, Cliquenwirtschaft, Politik. Von Hipp bisher erschienen sind das Bändchen „Crash Course I“ mit prosaischen Gedichten und der Roman „Grand Hotel Abgrund“.
Hipp paßt in die Schublade: „Politischer Agitprop“. Damit ist er entweder hoffnungslos seiner Zeit hinterher oder – ihr weit voraus. Sein Roman, untertitelt mit „vom Leben im sichersten Land, das es gibt“, ist unterteilt in drei große Kapitel, die man überschreiben könnte mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dieses Buch ist eine Anhäufung von Schweinereien, eine Sammlung von Perversitäten schlimmster Art, voll von Widerwärtigkeiten und hochexplosiv angefüllt mit schärfstem Sprengstoff. Es beschreibt die Wirklichkeit Bundesrepublik Deutschland.
Hipp ist eine von diesen Ratten und Schmeißfliegen, die radikal auf den Dreck hinweisen, der hierzulande haufenweise produziert wird, damit ist er natürlich schlimmer als diejenigen, die diesen Dreck verursachen. Solch ein Buch läßt sich selbstverständlich schlecht verkaufen.
Das geht noch anderen genauso. Auf der letzten Frankfurter Buchmesse stellten sich die Schweizer Verlage mit einer Marathon-Lesung im TAT-Café vor. Es war viel Schickimicki-Publikum anwesend, und lauter brave, adrette Autoren/innen lasen aus ihren schöngeistigen Büchern. Jede(r) wurde für seinen Vortrag mit artigem Applaus belohnt, nur einer nicht: Eckart Ranke zog sich bereits nach den ersten paar Minuten seiner Lesung den Zorn und Unmut der Zuhörerschaft zu.
„Aufhören“ und „Buh-Rufe waren noch das Mildeste, was man an Beschimpfungen vernehmen konnte. Ranke kennt diese Reaktionen zur Genüge. Seine Fans kann er noch zählen, die Ignoranten nicht.
Ranke, 1937 in Kiel geboren und heute als Fahrlehrer in Hamburg lebend, ist einzigartig. In den Geschichten von Ranke gibt es kaum Zeit zum Atemholen, seine Sprache hat einen Drive, ein Tempo, daß einem schwindlig werden kann, die Inhalte sind so hard-boiled, so offen pornographisch, so radikal provozierend, so eindeutig entlarvend, daß es einem die Sprache verschlägt. Man muß lange suchen, bis man einen zweiten Autor findet, der eine so originäre, aber auch schockierende Sprache spricht. Ranke ist witzig, trocken humoristisch, ironisch, lustig. Je wie es die Situation erfordert. Die ernsten Probleme unserer Zeit sieht Ranke mindestens mit einem lachenden Auge. Wie nah liegen doch gerade heute Wahnsinn und Wirklichkeit beieinander. Diesen Drahtseilakt bestreitet Ranke mit seinen Texten, diese Gratwanderung hat er zum Programm seiner Literatur gemacht.
Zum Kennenlernen empfehle ich „Pauls Schrottmuseum“ und „Die heiße Lady“, nicht nur weil sie „typisch Ranke“ sind, sondern auch weil sie bei dem rührigen und verdienstvollen eco Verlag in Zürich, einem renommierten Spezialverlag für Experimentelles aus USA und BRD, erschienen sind.

Es kommt allerdings auch ab und zu einmal vor, daß sich ein Buch aus der Kleinverlagsszene heimlich zum Bestseller entwickelt. Meist sind es Bücher, die den Nerv der Zeit treffen, für ein ganz bestimmtes Lebensgefühl stehen. Dieses Jahr scheint das Ingeborg Middendorfs erster Erzählband „Etwas zwischen ihm und mir“ zu sein. In ihren erotischen Erzählungen arbeitet die Middendorf (*1942, Berlin) Biographisches auf: Kindheit und Jugend, Pubertät, die ersten Männer, Alltag einer alleinerziehenden Mutter. Immer geht es in den Geschichten um das Ausbrechen aus den Konventionen, den Zwängen, der anerzogenen Norm. Demontage einer Familie: Katalysator ist die Rockmusik. Mick Jagger hängt gerahmt über dem Bett. Die Jugend verläuft wie in den Songs der Rolling Stones.
Das allein wäre nun nichts Herausragendes, wenn bei Ingeborg Middendorf nicht noch die Sexualität eine gewichtige Komponente spielen würde. Direkt und in einer klar verständlichen Sprache, ohne das blumige Drumherum ihrer Kolleginnen, drückt sie aus, was sie im Zusammensein mit Männern denkt und will.
Ungewohnt für eine weibliche Literatur endet das oft in der bloßen Geilheit, in der ekstatischen Hingabe, im unkontrollierten Wahnsinn, da ist am Schluß alles nur noch ein Zucken, ein Vibrieren von Fleischteilen.
Der, wie ich finde, beste, spannendste und originellste deutschsprachige Erzähler ist inzwischen bei einem Großverlag gelandet: Hans Herbst (* 1941, München). Die Helden in seinen Erzählbänden „Der Cadillac ist immer noch endlos lang und olivgrün“ und „Siesta“ sind meist einsam, leben am Rand der bürgerlichen Legalität; sie sind kleine Gangster, Tramps, Einzelgänger, Barhocker, Musiker, machen keine großen Worte, verlieren selten die Fassung, wenn sie vor existenziellen Entscheidungen stehen, handeln nach einem eigenen Ehrenkodex und wissen genau, wann ihre Uhr abgelaufen ist. Die Handlungsorte werden in knapper, aber präziser Sprache skizziert, so daß sich der Leser ein Bild machen kann und eine Atmosphäre geschaffen wird, die gefangen nimmt. Herbst versteht es ganz leise und sanft eine Spannung aufzubauen, um sie schließlich in Pointen von abenteuerlicher Kühnheit enden zu lassen.
Vor kurzem ist „Mendoza“, sein erster Roman, erschienen. Fiktion und Fakten eng miteinander verwebend, greift Herbst hier ein politisch hochbrisantes Thema auf: das Problem der Asylantenpolitik in Europa.
Gute Gedichte haben sich schon immer schlecht verkauft und werden das wohl auch in Zukunft tun. Trotzdem kommen unzählige, leider oftmals überflüssige Gedichtbändchen gerade aus der Kleinverlagsszene. Hier ist es besonders schwer, den Weizen von der Spreu zu trennen. Mindestens zwei Kleinverlage haben es sogar geschafft, mit sogenannter „Alltags- oder Gebrauchslyrik“ sich über Jahre hinweg in den Bestsellerlisten zu behaupten und ihre Auflagenzahlen liegen mittlerweile im sechsstelligen Bereich.
Dennoch muß man sagen: schon seit Jahren kommen alle wichtigen, interessanten jungen Lyriker aus der experimentierfreudigen Sub-Szene. Die großen Verlage beobachten diese Tummelwiesen interessiert und übernehmen – wie inzwischen üblich – das ein oder andere vielversprechende Talent, sind aber selbst wenig wagemutig. Einer, der sich in den letzten Jahren besonders verdient gemacht hat um junge deutsche Lyrik ist der Michael Kellner Verlag in Hamburg.
Kellner verlegt auch Anna Rheinsberg (* 1958, Marburg). Sie dürfte überhaupt die Lyrikerin aus der Szene sein. Groß geworden in und durch die Frauenbewegung hat sie mittlerweile ihren unverwechselbaren Stil gefunden und ist auf dem besten Wege zu den etablierten Autorinnen. Ihr besonderes Interesse gilt den vergessenen und verschollenen Dichterinnen der 20er und 30er Jahren. Diese Autorinnen werden von ihr in den Gedichten zitiert oder namentlich erwähnt; auch die Stimmung vieler Gedichte ist geprägt vom Berlin jener Jahre. Immer wieder schreibt sie Verse im frech-frivolen Berliner Slang, durchsetzt mit französischen Versatzstücken.
Anna Rheinsberg ist eine Dichterin mit unverbrauchten Bildern, schnellen und überraschenden Schnitten, sie erzählt über den Alltag und die Liebe aus der Sicht einer Frau, ist erotisch und intelligent, lustvoll und poetisch. Besonders zu empfehlen ist ihr letzter Gedichtband „Annakonda“, aber auch die früheren „Bella Donna“ und „Marlene in den Gassen“ schwimmen oben auf der Lyrikflut.
Dem Gedichtbändchen „Entwürfe“ von Eckart Rhode (* 1959, Hamburg) ist ein Gedicht von Charles Olson voran- und ein Textauszug von Thomas von Aquin hintangestellt. Damit wissen zumindest die Kenner, was sie erwartet. Rhode nimmt die Lyrik ernst als „ein Laboratorium für Worte“ (Benn). Er weiß, „daß ‚Wort‘ bei uns eigentlich eine dreifache Bedeutung hat und eine vierte, uneigentliche“ (Th. v. Aquin). Das treibt er soweit, daß ihm sogar der Rhythmus des Atems wichtig wird. Seine Gedichte muß man sich laut vorsprechen. Die projektiven oder offenen Verse, wie sie Rhode verwendet, entsprechen dabei in wesentlichen Umrissen exakt den projektiven oder offenen Versen, wie sie sich als Mittel im natürlichen Atem des Dichters manifestieren. Die Gedichte „fordern, Sehen und Denken als nicht zu trennende, direkt aufeinander bezogene Begriffe aufzufassen. Die Erfahrung dieser Wirklichkeit wird ausgedrückt im Material der Sprache, deren primären Sinn- und Bedeutungsträgern selbst: Laut, Silbe, Wort, Zeile, Satz, Gedanke“. (Rhode)
Die literarische Avantgarde, ist man fast geneigt zu sagen, kommt aus Heidelberg. Zum einen lebt dort Hans Thill (* 1954), der mit seinem 1985 veröffentlichten Erstling „Gelächter, Sirenen“ gleich für Furore gesorgt hat. Thill, eine Art moderner Eulenspiegel oder Neon-Dadaist, schlängelt sich mit seinen Texten listig durch das Kaleidoskop des Alltags und hinterläßt mit seiner absurden Komik, bizarren Tragik, dem surrealistischen Nonsens, der skurrilen Wirklichkeit und dem rätselhaften Radikalismus in seinen Gedichten ein breites Sezierfeld für Germanisten und Freizeitpsychologen. Thill ist ein hinterlistiger Sprachjongleur, der nicht in unsere Zeit passen will, weil er sich den Konsumwünschen der heutigen Leser verweigert. Mit seinen Texten brennt er die Gehirnfertighäuser nieder, reißt Denkschablonen ein, die Pointe (message wäre das falsche Wort) kommt durch die Hintertür und detoniert spät, aber wirkungsvoll.
Jörg Burkhard (* 1943) hatte in Heidelberg einen der ersten linken Buchläden in Westdeutschland betrieben. Vor gut einem Jahr mußte er seine „handlung buch FAHRENHEIT 451“ zumachen. Seither hat er viel Zeit, um sich seinen Experimenten zu widmen. Burkhard ist ein Tüftler und einer der versucht, Bewegung in Sprache, Stil und Inhalt zu bringen. Dem Prinzip nach arbeitet er in der Literatur wie z.B. Godard und Kluge im Film, Beuys und Duchamp in der Bildenden Kunst, Einstürzende Neubauten und Violent Femmes in der Musik.
Burkhard gerecht werden zu wollen, heißt, ihn live erleben zu müssen. Zusammen mit dem jetzt in Mannheim lebenden Künstler Hans Dieter Huber (* 1952) hat er das AMBULANTE SOUND SYSTEM gemacht; er hat mit seinem FM-Breaker experimentiert, „einer Art Addiermaschine, mit der quasi aus der Luft per interface Musik recycled werden kann“. Seit neustem ist er „der musikant mit dem tonband in der hand“ und mit einer multi-media-show unterwegs, die für einen Literaten wahrscheinlich ungewöhnlich und einmalig ist. Die Texte zu diesem Programm stammen aus seinem letzten Buch „Als ich noch der Ultrakurzwellenbub war“, mit dem es mir geht wie mit der Schallplatte einer guten Live-Band: es ist Ersatz für und Erinnerung an ein unvergeßliches Erlebnis.
Seine beiden bisher erschienenen Gedichtbände „In Gauguins alten Basketballschuhen“ und „Julifieber“ sammeln eher konventionell gehaltene Gedichte, sind aber trotzdem lesenswert.
Der heute in Berlin lebende Uli Becker, geboren 1953 in Hagen (kamen da nicht auch die ersten deutschen Punkbands her?), veröffentlichte einen Teil seiner letzten Publikationen in einem renommierten Großverlag, da dieser aber anscheinend immer noch nicht so recht begriffen hat, wen er da eigentlich unter Vertrag hat, erscheinen die kostbarsten Perlen von Becker weiterhin in Kleinverlagen.

„Die einzige überhaupt bekannte Photographie von Uli Becker zeigt ihn an eine explodierende TOTAL-Zapfsäule gelehnt, winkend. Die Geste trägt unzweideutig programmatischen Charakter. Seinen Freunden bekannt als ‚Der Nihilist Der sich Anschnallt‘ ist er mit seinen 80 Kilo in Unterhose ein Brocken, der jedes Sprungtuch spielend durchschlägt, wenn’s drauf ankommt“, lautete eine seiner frühen Selbstdarstellungen, die heute bestimmt noch genauso gültig ist wie damals. Mit Witz, Ironie und einer gehörigen Portion Sarkasmus nimmt Becker unseren/seinen Alltag ins Visier. Seine Inspiration zieht er dabei aus dem Allgemeingut der 70er und 80er Jahre, aus der Szene, der Werbung … Von den üblichen Klischees der Lyrik ist er meilenweit entfernt. Seine überwiegend langen Gedichte zeichnen sich vor allem durch eine lockere Unverfrorenheit aus.
Von Becker ist jedes Buch zu empfehlen, „Frollein Butterfly“ möchte ich jedoch besonders ans Herz legen, weil es 1. nur in einer limitierten Auflage aufgelegt wurde und 2. einfach eines der schönsten Bücher ist, die ich kenne.
Ebenfalls zu den Kleinoden und Sammlerstücken zählt Peer Schröders (* 1959, Kassel) neue Gedichtsammlung „Flugzeuge am Himmel, ich bin der Pilot“. Schröder gehört zu den stillen und einfachen Dichtern. Weil heute Heimat wieder als Wert entdeckt und begriffen wird, möchte ich ihn als Heimatdichter bezeichnen. Seine Gedichte sind genaue, detailverliebte Beobachtungen und erzählen von den Menschen und der Landschaft der nordhessischen Provinz. Dort ist der Himmel noch ein Himmel, der Fährmann noch nicht durch Technik ersetzt, ein Schwatz über den Gartenzaun noch an der Tagesordnung und trotzdem nicht alles rosig. Das wäre ja auch eine Lüge. Und ganz schön verschmitzt kann er auch sein, der Schröder. Man lese mal seine „17 Highkühe“.
Das genaue Gegenteil von Schröder ist Kiev Stingl (* 1943, Hamburg). Mit „Flacker in der Pfote“ ist und war er Deutschlands einziger gedruckter Punk-Dichter. Stingl ist laut, dreckig, hart, Tempo und Rhythmus sind pogomäßig. Stingl ist ordinär, großstädtisch, chauvinistisch, aber ehrlich. „Ich will Sachen, die kräftig genug sind, um für Reportagen in Männerillustrierten zu taugen.“ Einiges über Stingl kann man auch bei Daniel Dubbe in „Wilde Männer, wenig Frauen“ nachlesen.
Wer sich erst mal per Anthologie einen Überblick verschaffen will, dem empfehle ich:
Armin Abmeier/Benno Käsmayr (Hg.): Der Container verändert die Landschaft – 15 Jahre Maro-Verlag. (Erst bei der Arbeit an diesem Artikel ist mir aufgefallen, daß fast alle herausragenden Prosaarbeiten bei Maro erschienen sind, damit wird klar: Maro ist der wichtigste und bedeutendste Kleinverlag für deutschsprachige subkulturelle Literatur.)
Ploog/Hartmann/Pociao (Hg.): Amok Koma – Ein Bericht zur Lage. Antworten auf die Frage: wie sehen die achtziger Jahre aus!
W. Rüger/M. Suntrop (Hg.): Station to Station – Zweigleisiger Alltag. Versammelt zum Thema U-Bahn einige der wichtigsten bundesrepublikanischen Szeneautoren.
Alle vorstehend genannten Bücher sind über den normalen Buchhandel erhältlich, trotzdem soll zum Schluß noch eine Adresse genannt werden, die einzigartig Bescheid weiß über alles, was im Kleinverlagswesen passiert. Seit 1969 erscheint das „Ulcus Molle“, herausgegeben von Josef Wintjes (Böckenhoffstraße 7, 4250 Bottrop), der mit seinem Literarischen Informationszentrum die Institution der literarischen Subkultur im deutschsprachigen Raum geworden ist.
Fotos: Harald H. Schröder
Erstdruck in Frankfurter Rundschau, 9.8.1986