Straßen des Zufalls (Galrev 1998)

Der Frankfurter Schriftsteller Jürgen Ploog (1935-2020) war der große Solitär des deutschen literarischen Undergrounds. „Straßen des Zufalls“, eines seiner Hauptwerke, ist eine Erzählung über die Beat-Generation, den amerikanischen Jazz der Nachkriegsjahre, die Autobiographie eines Autors, der unbeirrt weitergeschrieben hat, obwohl er von der Öffentlichkeit so gut wie nicht wahrgenommen wurde.

Das Buch ist ein leidenschaftliches Plädoyer sowohl für die Literatur, als auch für den mündigen Leser, eine schonungslose Abrechnung mit dem etablierten Literarturbetrieb und vor allem die wahrscheinlich kenntnisreichste Einführung in und erhellendste Auseinandersetzung mit Leben und Werk des amerikanischen Avantgardisten William S. Burroughs.

Ploog kannte Burroughs seit 1969 persönlich, war jahrzehntelang mit ihm befreundet. In 12 Kapiteln folgt der Leser einem Strom assoziativer Bilder, „unterwegs auf der Straße der Erkenntnis“, liest eine Prosa, die „das Gehirn mit härtestem Ruck erschüttern“ will, switch hin und her zwischen den Gattungen und Versatzstücken aus Erotik, Philosophie, Theorie, Biographie und Literaturkritik, durchsetzt mit Figuren „aus dem Reservoir meiner eigenen Storys“.

Der Anspruch von Literatur ist bei Ploog ganz klar: Prosa „sollte ein Akt der Rebellion gegen die Verkniffenheit dieser Fußgängermentalität um uns herum sein“. Mit all seinen Büchern stand er quer zum Mainstream. Ein Nachkriegsautor auf der Suche nach einem auch künstlerischen Neuanfang. „Im Nachkriegsamerika waren die Beats in Bewusstseinsräume aufgebrochen, die für mich & andere meiner geistigen Generation weisse Flecken auf der inneren Landkarte gewesen waren. Die bundesrepublikanischen Schreiber schlugen sich mit Kahlschlag & einem Nachholbedarf an Weltliteratur herum & suchten Anschluss zu finden an eine Literatur, deren Verdienste weitgehend abgedeckt waren. Das war Restauration, & wenn sie gegen eine fatale Kontinuität gerichtet war, konnte sie nur ein jämmerlicher Versuch bleiben.“

Wer nach einem Buch sucht, das ihn an- und aufregt, das ihn intellektuell weiterbringt, ist mit „Strassen des Zufalls“ bestens bedient. Die anspruchsvolle Typographie und die berühmten Beat-Fotos von Allen Ginsberg runden es zu einem herausfordernden Gesamtkunstwerk ab.