Die Liebe in unserer Zeit

Die größte Regiehoffnung des aktuellen deutschen Kinos heißt Dominik Graf. Am 1.11. startet sein neuer Film „Spieler“ in unseren Kinos.

Die Zukunft des deutschen Films ruht auf Männerschultern. Setzt man wenigstens eines der folgenden Kriterien voraus: Innovation, Qualität, Originalität und Erfolg, dann ergibt sich folgende Liste: Uwe Schrader, Jan Schütte, Christian Wagner, Uwe Janson, Reinhard Münster und – primus inter pares – Dominik Graf.

Graf, 1952 in München geboren, ist der, handwerklich gesehen, Perfekteste von ihnen, derjenige, der kommerziell am erfolgreichsten arbeitet, am längsten im Geschäft ist und am stärksten von allen an das Publikum denkt. Er ist im eigentlichen Sinn kein Autorenfilmer, und doch ist in keinem seiner Filme irgendetwas beliebig, was nicht heißen soll, daß jeder seiner bisher sieben Langfilme gut ist. Vor allem der Trio-Film „Drei gegen drei“ war ein totaler Schuß in den Ofen. Was mir sofort auffällt, als ich ihm in der großen Küche seiner Schwabinger Altbauwohnung gegenübersitze, ist seine Furcht, in die

Schublade Filmkünstler gesteckt zu werden. Graf gehört der Nach-Fassbinder-Generation an. Der Riege junger Filmregisseure also, die weg möchte vom Image des sogenannten Neuen Deutschen Films und hin zum ambitionierten und gut gemachten Publikumsfilm, der sich ganz eindeutig am amerikanischen Vorbild orientiert. Als ich versuche, seine Filme als ein Kino der Blicke, Gesten und Details zu charakterisieren, wehrt er sich schnell gegen diese Definition, weil sich das so anhört, als würde er langweilige Kunstfilme machen.

Dabei wollte ich nur meine Bewunderung dafür ausdrücken, mit welch einfachen Mitteln es Graf schafft, mit Hilfe von wenigen Bildern ein Optimum an Information über seine Protagonisten, ihre Verhaltensweisen, ihre Verfassungen, ihre Ansichten auszudrücken. „Nur das, was einer tut, macht deutlich, was er denkt und was er empfindet“, sagt Samuel Fuller. Für Graf ist dieser Satz Programm, das er erweitert um die Komponente Umgebung. „Für mich ist Film so eine Art von Demokratisierung aller Erscheinungsformen im äußeren Leben. Natürlich ist es ungeheuer wichtig, den Schauspieler, das Gesicht zu inszenieren, aber dann kommt die Musik, dann kommt der Hintergrund, dann kommt das Licht, dann kommt das Auto, das im Vordergrund vorbeifährt – Film ist ja auch zweidimensional – jeder Gegenstand sagt etwas über den Menschen aus, dieser sagt wiederum etwas über den Gegenstand aus. Fast alle Gegenstände, mit denen wir uns umgeben, sind wichtiger, als wir normalerweise denken.“

Formal überläßt Graf nichts dem Zufall. Gerade wenn man quirlige, spritzige, mit scheinbar leichter Hand inszenierte Filme machen will, muß alles stimmen: Tempo, Rhythmus, Dramaturgie. Graf legt großen Wert auf perfektes Handwerk. Die Vorbilder für Bildaufbau und Lichteffekte reichen bei ihm bis in die Malerei der Frührenaissance zurück. An Piero della Francesca imponiert ihm die Formstrenge, die Schönheit der Frauengesichter, das zweideimensionale Licht, die klare, glatte Ausleuchtung, von ihm hat er das Gefühl für Perspektive. Wie Piero della Francesca ordnet Graf die Szenen in seinen Filmen oft nicht nach zeitlichen, sondern nach künstlerischen Gesichtspunkten.

Inhaltlich hat Graf in seinen Filmen immer versucht, eine Zeitstimmung oder das Lebensgefühl einer Generation einzufangen. In dem TV-Film „Bei Thea“ (1986) geht es um Vergangenheitsbewältigung, der Actionthriller „Die Katze“ (1987) behandelt auch das politische Klima im Barscheljahr, „Das zweite Gesicht“ (1982), „Treffer“ (1983), „Tiger, Löwe, Panther“ (1988) und jetzt „Spieler“ (1989) sind Beziehungsfilme, die die Gefühlswelt und Lebensphilosophien der Teens und Twens zum Thema haben. Als Klammer für diese Filme ist mir die Liedzeile eines Fehlfarben-Songs eingefallen: „Was ich haben will, das krieg ich nicht, und was ich kriegen kann, das gefällt mir nicht.” “Spieler“ erzählt die Geschichte von Jojo (Peter Lohmeyer) und seiner Kusine Kathrin (Anica Dobra). Die beiden treffen sich nach vielen Jahren anläßlich der Beerdigung ihrer einzigen Verwandten wieder. Jojo, ein unverbesserlicher Zocker ohne Glück, hofft auf eine satte Erbschaft, seine Tante hinterläßt ihm aber nur die Dogge Johann. Kathrin dagegen erbt 20000 Mark in bar. Jojo luchst Kathrin das Geld ab, indem er ihr schöne Augen macht, und verbrät die gesamte Summe innerhalb weniger Minuten im Wettbüro. Kathrin ist verständlicherweise sauer, geht in die Offensive und die beiden verlieben sich ineinander.

Diese turbulente Tragikomödie hat, bis auf die Sequenzen mit dem Polizisten Strobek, die ich läppisch finde, eine Frische, Spritzigkeit im Dialog und Leichtigkeit in der Inszenierung, wie man das beispielsweise aus den frühen Truffautfilmen (allen voran „Jules und Jim“) kennt. Die älteren Filmkritiker haben an dem Film allerdings kein gutes Haar gelassen. Hans Dieter Seidel wetterte in der FAZ gegen diesen „Verhau des Unsteten, Unausgegorenen“ und Wolfram Schütte resümierte in der FR: „Eine Arbeit, die mit Tempo im Leerlauf fährt und eher als Dokument für die desolate Situation unseres Films gelten könnte.“ Ich glaube, daß diese Reaktionen auf Grafs Filme (die Post-WG-Geschichte „Tiger, Löwe, Panther“ wurde ähnlich schlecht eingestuft) der eindeutige Beweis dafür sind, daß die Elterngeneration wieder einmal die Kindergeneration nicht versteht. Pikant an dieser Sache ist nur, daß es sich bei der Elterngeneration um die Rebellen von 1968 handelt. Die Eltern stehen jetzt vor den Konsequenzen ihrer Revolte, deren Hauptziele die antiautoritäre Erziehung, sexuelle Befreiung und Emanzipation waren. Grafs Protagonisten könnten für sich den Slogan reklamieren: Wir sind die Kinder, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben.

Seidel hat „natürlich nicht ganz unrecht“, sagt Dominik Graf. „Denn die Figuren, so wie sie der Drehbuchautor Christoph Fromm beschrieben hat, bestehen aus Unstetem und Unausgegorenem.“ Was den älteren Kritikern allerdings abgeht, ist das Lebensgefühl der Jungen. Die Werte haben sich geändert, und das will die Elterngeneration nicht wahrhaben. Nehmen wir zum Beispiel die Liebe. „Ich glaube, daß die Liebe in unserer Gesellschaft marktwirtschaftlichen Gesetzen unterliegt“, erklärt Graf. „Ich glaube, so wie Liebe gebraucht wird, als Wort in den Beziehungen zwischen Mann und Frau, ist es etwas nicht Existentes. Es ist eigentlich ein Traum an vergangene Zeiten, an eine Vorstellung von Glück, die nicht mehr einzulösen ist. Ich glaube aber nicht, daß man dieser Vorstellung nachhängen sollte, sondern ich denke, daß es andere Formen von Liebe, Zuneigungen, Respekt und auch von Attraktivität und Sexualität gibt, die wesentlich spannender sind, als das, was wir uns gemeinhin unter Liebe vorstellen, wenn wir das Wort öffentlich gebrauchen. „

„Spieler“ ist kein Zockerfilm. Graf benutzt das Spielen als Metapher. Große Teile der heutigen Jugend wollen sich gar nicht mehr in tiefe Emotionen verstricken, die Liebe ist ein schönes Spiel um Gefühle, das „Spielen ist die intelligenteste Form der Zeitverschwendung“, um es mit Matthieu Carrière zu sagen. In einer Zeit, in der Konsum und Kapital die vorherrschenden Lebensmotivationen darstellen, in der der Sieger alles nimmt, kann es sich keiner mehr leisten, zu den Verlierern zu gehören, auch nicht auf der Gefühlsebene. Schon als Kid lernt man heute, in die Liebe nur so viel Gefühl zu investieren, daß man bei einer eventuellen Enttäuschung ohne größeren Schaden aus der Sache herauskommt. „Ich glaube, daß das eine Zeiterscheinung ist, daß man pausenlos dem anderen versucht, seine eigene Stärke vorzuführen, und ihm zeigen will, daß selbst in dem Fall, wo er sich von einem abwenden würde, man eigentlich nicht weiter verletzt wäre. „

Grafs Liebesgeschichten stehen exemplarisch für die heutige Generation und werden in einer dem Lebensgefühl adäquaten Form erzählt. Das deutsche Gegenwartskino verdankt Graf nicht nur Greta Scacchi, Barbara Rudnik, Martina Gedeck, Natja Brunckhorst, Sabine Kaack und Anica Dobra („Ist sie nicht wunderschön?“), sondern auch eine zeitgemäße Filmsprache, ob das Wolfram Schütte und seine Altersgenossen nun begreifen können oder nicht. „Ich sehe, daß diese Kritiker überhaupt nicht in der Lage sind, das nachzuvollziehen, und das hängt meiner Meinung nach mit einer ganz enormen Eitelkeit des Wissens zusammen. Und zwar ist das ein akademisches Wissen, ein Universitätswissen über Film und eine völlige Verkennung von menschlichen, gesellschaftlichen und sonstigen Veränderungen.”

Erstdruck in