Bis dass der Tod sie scheidet

Ein Mann und eine Frau treffen sich in einer Bar. Er arbeitet dort, sie ist Gast. Später verlassen sie gemeinsam das Lokal und stellen sich gegenseitig vor. Harry Jordan sagt: „Ich bin zweiunddreißig Jahre alt, und wenn ich nicht arbeite, trinke ich.“ Helen Meredith antwortet: „Ich bin dreiunddreißig Jahre alt, und ich arbeite überhaupt nicht. Ich trinke dauernd.“

Fortan sind diese beiden Alkoholiker eine Schicksalsgemeinschaft. Helen ist eine Vagabundin, zieht mit einer überschaubaren Barschaft von Kneipe zu Kneipe und gibt sich im Vollrausch willenlos Männern hin. Harry hat immerhin eine Bleibe und hält sich mit Gelegenheitsjobs in Gastronomieküchen über Wasser. Kurz nach ihrem Kennenlernen zieht Helen bei Harry ein. Der Zustand des Zimmers symbolisiert die seelische Verfasstheit seiner Bewohner. „Das Zimmer war in einem miesen Zustand. Schmutzige Hemden und schmutzige Socken lagen überall verstreut; auf der Kommode herrschte ein Durcheinander von Zeitungen, Streichholzheftchen und meinen Ölfarben, und über den Fußboden wehten sanft die Staubflocken. Unter der Spüle standen aufgereiht sieben leere Ginflaschen und eine überquellende Tüte voll leerer Bierdosen. Das Fenster war schmutzig, und die schäbigen Kattunvorhänge waren voller Staub. Über allem lag Staub …“

Beide sind gezeichnet von verkorksten Liebesgeschichten, die ein tiefes Mißtrauen dem anderen Geschlecht gegenüber hinterlassen haben. Eigentlich waren sie nicht auf der Suche nach einem neuen Partner, und doch führt das Schicksal sie zusammen. Sie verlieben sich ineinander. Aber weil sie aus Schaden klug geworden sind, ist von vorneherein klar: „Ich werde dir nie sagen, daß ich dich liebe.“ Harry weiß, worauf es in einer Beziehung ankommt: „Die Liebe ist in dem, was du tust, nicht in dem, was du sagst.“

Jeder möchte dem anderen etwas Gutes tun. Harry war vor seinem Absturz ein vielversprechender Maler, Helen animiert ihn, mit dem Malen wieder anzufangen. Sie wünscht sich, daß er ein Porträt von ihr zeichnet. Widerwillig läßt er sich überreden und findet über das Malen zurück zu einer Art Verantwortung für sein und Helens Leben. „Ich hatte nicht gemerkt, wie sehr mir das Malen gefehlt hatte. Und mit Helen als Modell war es die reine Freude.“ Die nächsten Tage verbringen sie wie im Paradies, dann ist Helens Geld aufgebraucht und die Depressionen kommen zurück. In ihrer Verzweiflung unternehmen sie einen Selbstmordversuch. Der Freitod mißlingt kläglich. Sie begeben sich freiwillig in eine psychiatrische Anstalt. Nach der Entlassung beschließt Harry, sich einen Job zu suchen. Er möchte ein regelmäßiges Einkommen haben, um mit Helen gepflegt trinken gehen zu können.

Alles könnte gut werden, wenn Helen nicht kompletter Sklave ihrer Sucht wäre. Während Harry arbeitet, geht sie alleine auf Sauftour. Und wenn sie voll ist, kann jeder dahergelaufene Depp sie begrapschen. Mehrmals kommt es zu häßlichen Eifersuchtsszenen und wüsten Gewaltexzessen. Ihre Lage ist letztlich aussichtslos. Sie sehnen sich nach Erlösung, und die kann nur der Tod bringen. „Ein wundervoller Ort, wo man nicht arbeiten oder denken oder reden oder zuhören oder träumen oder toben oder spielen oder künstliche Stimulationen anwenden mußte.“

Da es beim ersten Mal mit dem Pulsaufschneiden nicht geklappt hat, übernimmt Harry dieses Mal allein die Verantwortung. Er erwürgt Helen und dreht danach den Gashahn auf.

In den Romanen von Charles Willeford stehen immer wieder Menschen im Mittelpunkt, die das Leben aus der Bahn geworfen hat. Oft sind es fast unbedeutende Vorkommnisse die verheerende Auswirkungen nach sich ziehen. Willeford zeigt mit großer Könnerschaft, wie dünn die Trennungslinie zwischen dem Normalen und dem Abseitigen in der menschlichen Psyche sein kann. Das Leben fordert von jedem immer wieder grundlegende Entscheidungen, und je nach Veranlagung, Charakterstärke, verinnerlichtem Wertesystem und aktueller Befindlichkeit handelt man so oder so. Zum Vorschein kommt dann, je nachdem, ein einnehmendes oder sehr häßliches Gesicht.

Willefords Romane sind bei aller Spannung und Dramatik präzise Psychogramme seiner Protagonisten und unmißverständliche Anklagen gegen gesellschaftliche Konventionen. In Sperrstunde rechnet er schonungslos ab mit den Zuständen in der Psychiatrie, wie sie in den fünfziger Jahren in den USA offensichtlich geherrscht haben. Harry ist sich seiner Schuld vollkommen bewußt, bekennt sich schuldig und möchte die gerechte Strafe dafür erhalten. Die Justiz verlangt zur Legitimierung ihres Urteils aber ein Gutachten, das Dr. Fischbach erstellen soll. Tagelang interviewt der Psychiater Harry, um in sein tiefstes Inneres vorzudringen. Willeford benutzt diesen Klinikaufenthalt auch, um die Frage des erweiterten Suizids philosophisch zu durchleuchten. Harry wirft Dr. Fischbach vor, sich gottähnlich aufzuführen, weil er sich anmaßt, mit seinen Fragen Harrys wahres Wesen erkennen zu können. Aber dann erkennt er schlagartig, daß er mit seiner Tat Dr. Fischbach sehr ähnlich ist. „Dieser scheußliche Gedanke traf mich unter der Gürtellinie. Wie hatte ich Helen das Leben nehmen können, wenn ich es nicht glaubte? Welche Rechtfertigung gab es sonst für diesen brutalen Mord? Ich hatte weder ein Recht noch einen Grund gehabt, sie mit in mein Nichts zu nehmen. Auch Harry Jordan hatte Gott gespielt. Es kam nicht darauf an, daß sie hatte mitgehen wollen. Ich hatte trotzdem nicht das Recht gehabt, sie zu töten. Aber ich hatte sie getötet, und ich hatte es getan, als sei es mein Recht, bloß weil ich sie geliebt hatte. … Bei Dr. Fischbach lag der Fall anders. Er spielte den Gott mit Bedacht. … – und jetzt hockte er zufrieden und mit einem Ego, so groß wie Kanada, hinter seinem Schreibtisch und wühlte nach dem Dreck in den Köpfen anderer Leute.“

Diese morbide Liebesgeschichte ist voller kleiner Nebenstränge, in denen Willeford unaufdringlich widerliches menschliches Verhalten gegen integre Humanität ausspielt. Sperrstunde konfrontiert den Leser mit dem, zu was der Mensch im Guten wie im Bösen fähig ist, und zeigt, daß auch hier die Trennungslinie fließend ist, oft das eine aus dem anderen geboren wird.

Willeford erzählt in Sperrstunde von der Liebe und was sie mit und aus dem Menschen machen kann; von Sucht und ihrem Teufelskreislauf; von der Kraft der Kunst; von der Niedertracht der Gierigen – und wie immer bei ihm wartet die Handlung mit hitchcockschen Kehrtwendungen auf. Um den Lesegenuß nicht zu schmälern, kann ich deshalb hier nur das Notwendigste über den Inhalt mitteilen.

Man sollte dieses Buch nur lesen, wenn man in einer stabilen seelischen Verfassung ist. Und vor allem sollte man die letzte Seite nicht vorweg lesen, denn mit dem zweitletzten Satz erhält die Geschichte eine vollkommen neue Perspektive, die eine erneute Lektüre eigentlich unabdingbar macht.

August 2025