Spätvorstellung (Moloko Print 2025)

„Spätvorstellung. Der Archipel der ungeklärten Fälle“ ist der Abschluss seiner „Flieger“-Trilogie, die mit „Ferne Routen“ und „Kleine Pornografie des Reisens“ angefangen hat. Jahrelang hatte Ploog an diesem Manuskript gearbeitet, es immer wieder verworfen und überarbeitet. Am 17.6.2004 schreibt er im Tagebuch: „Die Bearbeitung der SPÄTVORSTELLUNG abgeschlossen (Untertitel: Aus dem Leben des Agenten Max Lang). Es sind Szenen, die sich aber vor allem im ersten Teil storyähnlich verknüpfen. Das Urmanuskript war in dieser Form unbrauchbar. Jetzt erst habe ich es hingekriegt (Fragezeichen) zu zeigen, worum es mir ursprünglich ging.“

Seit den frühen Siebzigern, als Ploog erkannt hat, daß reiner Cut-up für ihn nicht weiterführend ist, beschäftigte er sich damit, wie eine rasant sich verändernde Welt in der Literatur noch darstellbar ist. Er wurde zum besessenen Spracharbeiter und lieferte danach „Schnittvisionen“ ab, so hat er es selbst bezeichnet. Was ihn umtrieb, kann man in vielen seiner Publikationen nachlesen, in denen er sich mit seiner Poetologie theoretisch auseinandergesetzt hat. Wie kaum ein anderer im deutschsprachigen Raum hat ihn weniger der Inhalt, als die Form der Texte interessiert.  Am 11.2.20024 schreibt er ebenfalls ins Tagebuch: „Beim Sprung in die Gegenwart fällt auf, dass Höllerer seine Zeitschrift ‚Sprache im technischen Zeitalter‘ nannte. Abwendung von der ‚Literatur‘ zur Sprache. Diesen ‚technischen‘ Aspekt hat auch Max Bense betont. Beide, Höllerer & Bense, sind als Literaten praktisch vergessen. Eigentlich wären Deutsche dafür prädestiniert, einen Beitrag zur Sprache im technischen Zeitalter zu liefern, aber ihr romantisches Verhältnis zur Sprache steht dem im Weg. Sie kommen nicht darüber hinaus, Goetheaner oder Wagnerianer zu sein.“

Bei Ploog beruht alles auf Imagination, bei ihm ist alles seiner Wahrnehmung entlehnte Erfindung, das hat mit der herkömmlichen Realität nichts zu tun. Ihm geht es um den Wahrnehmungsprozess, um das Bild der Realität. Er will die realen Verhältnisse, die genormte Kontinuität außer Kraft setzen. „Nur diskontinuierliches Schreiben schafft es“, erklärt er in einem seiner Burroughs-Essays, „mit dem Unbeständigen der Erfahrungswelt umzugehen.“ Was willkürlich und ohne Zusammenhang hintereinandergeschnitten scheint, erzeugt im Bewußtsein des Lesers eine neue Realität. Der Leser löst sich von vorgegebenen Raum- und Zeitdiktaten und findet zu einer ganz neuen Freiheit. „Nichts ist wahr“, wie Ploog sagt, „alles ist erlaubt.“ Es ist die anarchische Sehnsucht nach Rebellion gegen alles Bestehende.

Das Vorhandene ist ihm ein Ärgernis, weil in ihm keine Utopie mehr steckt. Wie Joyce, wie Beckett sieht er die Lösung im Fragmentarischen. Er bricht die naive Erzählstruktur auf, findet zu einer Aufmerksamkeitsverschiebung und schafft im besten Fall beim Leser eine Bewußtseinserweiterung. Was Ralf Konersmann über Derrida geschrieben hat, gilt auch für Ploog: „Der Leser wird Zeuge einer Operation. … . Unter den gebannten Blicken seiner Zuschauerschaft zupft er an Wörtern, Silben, Buchstaben & etwelchen Partikeln herum, zieht mit gekonntem Griff Faden um Faden aus seiner weniger geheimnisvollen als sinnlich-rohen Verkettung & dringt endlich mit der Unerschrockenheit des Tabubrechers in die Höhlen der Syntax vor … die an festen Strukturen & materialen Institutionen rührt“.

Ploog ist ein Meister der kurzen Form, der geschliffenen, pointierten Dialoge. Im vorliegenden Buch gibt es zwar einen Protagonisten, den Piloten Max Lang, eine Art alter ego des Autors, und innerhalb der Kürzestgeschichten auch eine Handlung, aber ein roter Faden ist auf den 250 Seiten selbstverständlich nicht vorhanden. Wenn man will, könnte man als gemeinsamen Nenner eine vage Verbindung aller Geschichten zum Film, zum Kino finden. Worauf auch der Titel des Buches hinweist. Die Texte lesen sich wie Filmszenen aus allen denkbaren Genres, wild durcheinandergewürfelt. Manchmal sind sie trivial, sehr oft aber stecken sie voller Wirklichkeit und erfüllen Reinhard Jirgls Diktum: „Literatur erschafft Möglichkeiten zur Versinnlichung bewusster menschlicher Erfahrungen.“

Es gibt gut eine handvoll Figuren, die in ständig wechselnden Konstellationen interagieren, die die „Ebene der Echtzeit längst verlassen“ haben (wir befinden uns im „Zeitalter der Raumreisen“), und die alle mit undurchsichtigen Aufträgen beschäftigt und permanent unterwegs sind. Letztlich sind sie Suchende. „Ein Suchender muss stets bereit sein, die Zeitgrenze zu überschreiten & sich zwischen verschiedenen Zeitebenen bewegen.“ Sie sind beziehungs- und heimatlos, Wanderer auf der Suche nach sich selbst und „diesen Zustand, in dem alles möglich ist“. Ploog führt seine Leser von einer Bewußtseinsebene in die andere. Die Bilder, die während des Lesens im Kopf entstehen, überlagern sich, werden zu einem Universalfilm, in dem alle Aspekte des menschlichen Lebens behandelt werden. Wenn man sich darauf einläßt, führt diese „Spätvorstellung“ tief ins eigene Unterbewußtsein und zu der Erkenntnis: „Es sind deine Sehnsüchte, zwischen denen du unterwegs bist.“