Simulatives Schreiben (Engstler 2008)

Ein weiterer „Blick hinter die Kulissen des Schreibens“. Kaum ein anderer Autor hat so oft Überlegungen über die eigenen Texte angestellt wie Jürgen Ploog. Dabei will er keine Theorien liefern, der Grund dafür ist, „dass ich mich von Zeit zu Zeit selbst vergewissern will, was da eigentlich vor sich geht“.
Seine Ausgangsfrage ist: Was ist Realität und welche Sprache braucht es, um diese Realität abbilden zu können? „Der Ozean, in dem der Mensch lebt (& das heisst: denkt), ist die Zeit. Ihr kann er nicht entfliehen, wohl aber kann er die Vorstellung, die er von Zeit hat, erweitern & korrigieren.“ Wichtigste Voraussetzung ist also, den Zeitbegriff neu zu definieren, d.h. eine Dekonstruktion des Bisherigen und ein Vorstoß in jenen „verschütteten & brachliegenden Teil des zentralen Nervensystems, der im Lauf der Aufklärung & Entmythisierung mehr & mehr ausgeschaltet worden ist“. Sprache ist über die Jahrhunderte zum Herrschaftsinstrument geworden. Ploog bezieht seine Kritik auf die Printmedien. Heute, 16 Jahre nach Erscheinen des Textes, wo die Printmedien ums Überleben kämpfen, wären vermutlich die Sozialen Medien des Internets sein Hauptargument.
Ungeachtet dessen läßt sich die „Wortkrise“ nur durch Veränderungen bewältigen. „Nur wer rücksichtslos an die Umwälzungen herangeht, die sich momentan abspielen, kann Bewegung in das erstarrte System eingefahrener Vorstellungen bringen. Dies ist auch & vor allem Aufgabe des Künstlers & im besonderen des Schreibers, denn es geht um das Medium, mit dem er arbeitet.“ Für alle im Literaturbetrieb Etablierten ist das eine Kampfansage. Ploogs Haltung ist die des Außenseiters, der nie Zugeständnisse an den „Jahrmarkt der Eitelkeiten“ gemacht hat.
„Es kommt darauf an, das lineare Handicap & die Ist-Fixierung der Sprache zu überwinden.“ Ein erster Schritt dazu ist, „die Schrift zu entinstrumentalisieren & sie schlichtweg als Material zu sehen & zu behandeln“. Wenn die Welt nicht logisch ist, sondern eine „chaotische Suppe, die jeder Logik spottet“, muß eine Sprache gefunden werden, die diesem Weltbild entspricht. Der Schreiber muß den Worten also eine neue Bedeutung geben. „Dekonditionierungsübungen bieten sich an, die der endogenen sprachlichen Kodierung zuwiderlaufen, um das Wort aus dem festgelegten Assoziationsfeld seiner Bedeutung zu lösen.“ Kurz: Die Sprache muß aus dem ihr aufoktroyierten Korsett befreit werden.
Eine Möglichkeit dafür ist das simulative Schreiben, bei dem „ein Wort nicht zum anderen führen“ wird, „sondern wie freie Radikale in immer neuen Kombinationen oszillieren“, ein erweiterter Sinn wird freigesetzt. Indem sich Sprache in alle Richtungen entfalten kann, kann der Raum hinter den Worten betreten werden.
Um das alles bis ins Detail zu verstehen, sollte man schon sehr konzentriert lesen und wohl auch eine gewisse Vorbildung mitbringen. Für Menschen, die sich für zeitgemäßes Schreiben interessieren, sind diese 49 Seiten aber ein absolutes Muß.