Der Patriarch

RÜGER: Herr Dr. Unseld, in Ihrem fulminanten Goethe-Buch heißt es im Cotta-Kapitel: “Aufgabe des Verlegers ist Dienst, Dienst an der Sache, Dienst am anderen, Dienst am Autor. Wer sieht, wie der Verleger mit dem Autor umgeht, sieht, welch ein Verlag es ist. Das war so, ist so und wird noch eine Weile so bleiben.” Mir scheint in dieser Einschätzung eine gewisse Skepsis für die Zukunft mitzuschwingen. Fürchten Sie, daß Leute wie Sie, also literarische Verleger, aussterben könnten?

UNSELD: Das Zitat ist vollkommen richtig, das ist wirklich meine Meinung. Wenn Sie Skepsis darin hören, dann ist es so, daß man, wenn man die Verlagslandschaft beobachtet, die Verlage werden immer größer, sehen kann, daß es immer schwieriger für Verlage wird, jenen Mann oder jene Frau zu finden, in dessen Hand man sowohl die intellektuelle wie die materielle Verantwortung und Entscheidung legen kann. Das hängt wirklich mit der Entwicklung des Verlagswesens zusammen. Wir haben allerdings auch in den letzten zehn Jahren gesehen, daß diese Entwicklung nicht ins Uferlose geht, sondern daß sie doch stehenbleibt. Das gibt die Möglichkeit, daß Verlage wie Suhrkamp oder S. Fischer in dieser Weise geleitet werden können.

Eine Hamburger Illustrierte hat Sie mal als “eine Figur des ausgehenden 19. Jahrhunderts” bezeichnet. Sie selbst haben aus Ihrer Abneigung gegen Konzern-Manager wie Reinhard Mohn nie ein Hehl gemacht, sind Sie ein Anachronismus unserer Zeit?

UNSELD: Es gibt natürlich Leute, die uns Verleger als Dinosaurier bezeichnen. Eines möchte ich aber sofort korrigieren. Ich habe nie eine Abneigung gehegt oder ausgedrückt gegen den Konzernmanager Reinhard Mohn. Ich habe den Herrn Mohn immer sehr bewundert und habe ihm diese meine Bewunderung auch jetzt zu seinem 70. Geburtstag geschrieben. Nur, er macht etwas ganz anderes. Er ist in diesem Sinn kein Verleger. Er ist einer der Weltbuchmanager, der ohne Autor glücklich werden kann.

Es gab einmal in der Buchhändlerschule in Seckbach einen Vormittag, da hielt Reinhard Mohn einen Vortrag “Wie finanziert man einen Verlag?”, und ich hielt zum selben Thema einen Vortrag. Worüber ich auch immer sprach, über die Buchhaltung oder was auch sonst, es kam der Autor vor. Im Vortrag von Mohn kam eine Stunde lang der Autor nicht vor. Es ist eine ganz andere Konstruktion. Nicht vergleichbar.

Die Bedeutung des Suhrkamp Verlages ist Ihr Lebenswerk, Reich-Ranicki hat gesagt: “Die Kongruenz zwischen Unseld und dem Zeitgeist war zehn, fünfzehn Jahre vollkommen.” Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, damit man das erreicht? Was zeichnet Sie gegenüber anderen Verlegern aus?

UNSELD: Ja, nun, ich hatte Glück. Ich hatte Glück, in solch eine Zeit hineinzuwachsen. Und ich hatte Glück, daß ich mit diesen Autoren, die eine Zeit lang ganz klarer Ausdruck des Bewußtseins der Zeit waren, zusammen war. Das waren auch die Antennen des Verlags, das waren diejenigen, deren Bücher in der Öffentlichkeit diskutiert wurden. Sie sprechen mit diesem Zitat besonders eben die sechziger und siebziger Jahre an, die politisch hier in der Bundesrepublik einen Aufbruch und eine Änderung bedeuteten. Ich meine, ein Verleger muß natürlich heute und muß eigentlich zu jeder Zeit, wenn er mit den Autoren umgeht, mit dem Zeitgeist ein wenig in Verbindung sein. Er muß sehen, was geht hier vor, wo stehe ich, wie reagiere ich? Der Verleger von zeitgenössischer Literatur will mit der Zeitgenossenschaft seiner Autoren selber Zeitgenosse sein.

“Ich möchte Bücher machen, die etwas bewirken”, haben sie in “Der Autor und sein Verleger” geschrieben. Was möchten Sie bewirken?

UNSELD: Ich zitiere in diesem Zusammenhang den Satz von Franz Kafka: “Ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.” Wenn man das also sozusagen auf eine Formel bringt, dann sind es sicherlich Bücher, die einen nicht gleichgültig lassen sollen. Bücher, die einen bewegen, die einem das Bewußtsein lebendig erhalten. Im Prinzip geht es um Bücher, die Innovation bringen, die etwas Neues darstellen.

Sie haben weiter geschrieben: “Der Verleger möchte Literatur bringen, die in unser Bewußtsein dringt und dies zu verändern sucht, Literatur, die stärkt, gerade wenn sie beunruhigt.” Gibt es Texte inhaltlicher oder ästhetischer Art, die Sie nicht verlegen würden?

UNSELD: Ja, sicher. Es ist ganz klar, Bücher, die eine Intoleranz verkünden, Bücher, die den Krieg verherrlichen, das wären Bücher, die ich mit Sicherheit vom Inhaltlichen her ablehnen würde. Aber ich muß Ihnen sagen, das war eigentlich in den ganzen Jahrzehnten meiner Verlagsarbeit überhaupt kein Problem.

In vielen Autorenstatements taucht der Vorwurf von der ungleich verteilten Verlegerzeit auf. Autoren fühlen sich im Vergleich zu Kollegen vernachlässigt. Wie gehen Sie damit um, nicht für jeden Autor gleich viel Zeit investieren zu können?

UNSELD: Das ist der berühmte Ausspruch von Martin Walser: Der Autor hat in der Regel einen Verleger, der Verleger aber hat viele Autoren, er hat geradezu einen Harem von Autoren. Nun ist es sicher so, daß man nicht mit allen Autoren in gleicher Weise umgehen kann. Das hängt auch mit der Entwicklung des Verlages und des Verlegers zusammen. Mit Martin Walser, den ich beim Studieren in Tübingen 1946 oder 1947 traf, bin ich seitdem in herzlicher, freundschaftlicher Verbindung. Das ist natürlich etwas anderes, als wenn ich jetzt den Text eines jungen Frankfurter Autors lese, diesen Text sehr gut finde und versuche, diesen Text gleich zu veröffentlichen, den jungen Mann kennenzulernen. Dann beobachtet ich ihn, was er macht. Das ist natürlich etwas anderes. Nur, ich muß natürlich dem Autoren generell den Eindruck geben: Ich meine es ernst mit Ihnen. Es darf nicht ein Autor den Eindruck haben, es gibt hier Autoren der Klasse 1, mit denen der Verleger, und dann gibt es Autoren der Klasse 2, mit denen die Lektoren verhandeln. Das darf natürlich nicht sein.

Einige der großen Autoren, über die Sie auch geschrieben haben, verlegten ihre ersten Arbeiten im Eigenverlag. Was empfinden Sie als Verleger, wenn man zur Kenntnis nehmen muß, daß es immer wieder große Autoren gegeben hat, und sicher immer noch gibt, deren Talent am Anfang von keinem Verleger erkannt wurde?

UNSELD: Sicherlich war das früher häufiger der Fall. Durch den modernen Kulturbetrieb ist es aber inzwischen so, daß ein Autor, der Talent hat, auffällt. Das begann eigentlich mit der Gruppe 47, die so eine Art Talentschmiede war, und das setzt sich fort bei den verschiedenen Veranstaltungen, wo Autoren öffentlich lesen und öffentlich beurteilt werden. Also ich glaube, daß ein junger Autor, der wirklich Talent hat, heute schon erkannt wird.

Natürlich ist es so, das wird immer so bleiben, daß es kleine und Kleinstverlage gibt, die von vorne herein ein anderes Sensorium im Hinblick auf junge und jüngste Autoren haben und die dann als erste sich mit einem jungen Autor verbinden. Aber meistens ist es dann so, daß nach ein, zwei Büchern die Autoren mit der Leistung des Verlages nicht mehr zufrieden sind, weil ein solcher Kleinverlag nicht die Möglichkeit hat, sich für einen Einzelautor richtig einzusetzen. Wenn bei uns ein Buch erscheint, werden allein 200 Exemplare international an andere Verlage verschickt, sozusagen zur Prüfung. Das kann sich zum Beispiel ein kleiner Verlag einfach nicht leisten.

Man sagt, Sie hätten sich mit den Anstrengungen Ihres Sohnes, Sponsoren für diverse Werkausgaben zu finden, nicht so recht anfreunden können. Finden Sie Sponsoring im Verlagswesen verwerflich?

UNSELD: Ich höre zum ersten Mal, daß mein Sohn sich um Sponsoring bemüht hat. Nein, nein. Aber jetzt zu Ihrer Frage. Also, im Suhrkamp Verlag gibt es das nicht. Ich hätte im Prinzip nichts dagegen. Aber ich möchte unabhängig bleiben, das ist die erste Voraussetzung. Ich möchte die Bücher bestimmen können, die wir machen wollen, und ich möchte in der Lage sein, die Bücher machen zu können, die wir machen wollen. Das Sponsoring ist immer mit irgendeinem Einfluß verbunden, das ist schwierig. Außerdem würde das Sponsoring eines Autors nicht gehen. Ich kann nicht dulden, daß ein einzelner Autor gesponsort wird und andere nicht. Das kann ich nicht machen, ich muß alle Autoren gleich behandeln.

Wie stehen Sie zu dem Erfolg von Kirchhoffs “lnfanta”? Das große Medieninteresse geht doch auch zu einem Großteil auf das Konto Ihres Sohnes?

UNSELD: Das ist zum Teil richtig. Joachim hat sich für dieses Buch sehr eingesetzt. Er hat sich ausschließlich eine Zeit lang dafür eingesetzt, was dann auch wieder gegenüber anderen Autoren seine Schwierigkeit hatte. Aber es war im Fall “lnfanta” möglich. Hier war ein Buch, das in irgendeiner Weise einen Nerv der Zeit traf. Das zu zeigen und besondere Anstrengungen zu machen, das konnte bei diesem Buch möglich sein. Aber nehmen wir mal an, man hätte die selben Anstrengungen gemacht für Handkes “Versuch über die Jukebox”, das wäre ein Reinfall geworden.

Sie haben immer wieder betont, daß Suhrkamp kein Bestseller-Verlag ist …

UNSELD: Einen Moment mal, auch hier muß ich etwas richtigstellen. Der Suhrkamp Verlag ist in seiner Struktur nicht auf Bestseller angewiesen. Das ist ein großer Unterschied. Nehmen wir ein großes Beispiel: den Rowohlt Verlag. Ledig-Rowohlt hat sich jedes Jahr für den Rowohlt Verlag vier, fünf amerikanische Bestseller erlesen, und die kamen, und die wurden zu Bestsellern gemacht. Der Verlag hat diese Bestseller gebraucht. Der hätte nicht existieren können, wenn er die nicht gehabt hätte. Der Suhrkamp Verlag ist ganz anders sozusagen ökonomisch strukturiert. Er ist breiter gelagert. Wir kommen mit unserer Marktposition breit in die Sortimente. Die Buchhändler haben im Lauf der Zeit einfach gemerkt: Nach Suhrkamp Büchern wird gefragt. Das ist unsere generelle Situation. Nun ist es allerdings auch so, daß sich im Laufe der letzten fünfzehn Jahre einiges gewandelt hat. Der Bestseller ist nicht mehr nur das Unterhaltungsbuch, sondern es ist auch wirklich mal ein literarisches Buch.

Wie ist Ihr Verhältnis z. B. zu einer Autorin wie Isabelle Allende, deren letzte Bücher, um es mit einer Kritikerstimme zu sagen, auch in einem Verlag wie Droemer Knaur hätten erscheinen können?

UNSELD: Meine Beziehung zu ihr ist ganz hervorragend. Ihr erstes und auch ihr zweites Buch schätze ich außerordentlich. Es ist eben bei diesen lateinamerikanischen Autoren so, daß sie bei ihren ursprünglichen Verlagen keinen Verleger, keinen Lektor, keinen Partner haben. Samt und sonders, alle lateinamerikanischen Autoren schreiben, geben das ihrem Verlag ab, und der Verlag druckt. So. Und jetzt werden wir konfrontiert mit dem gedruckten Ergebnis. Es ist ganz klar, man kann jetzt nicht hergehen und hier große Einschnitte machen. (Lächelt verschmitzt) Es wird einmal sicherlich kommen, daß jemand vergleicht, was wir bei den Übersetzungen alles gemacht haben.

Der Konflikt zwischen Ihnen und Ihrem Sohn hat mich an Kurt Wolff und Ernst Rowohlt erinnert. Zwei sehr verschiedene Charaktere, aber beide große Verleger.

UNSELD: Ohjeohje. OhGottohGottohGott. Das darf man dem Joachim nicht antun.

Wieso hat die gleichberechtigte Verlegerschaft zwischen Ihnen und Ihrem Sohn nicht funktioniert?

UNSELD: Ich gebe Ihnen eine doppelte Antwort. Ich war eineinhalb Jahre gleichberechtigt mit Peter Suhrkamp. Und ich habe gedacht, da mein Sohn diese Geschichte sehr gut kennt, daß mein Sohn das sieht und daß er dieses Beispiel Suhrkamp und Siegfried Unseld vor Augen hat. Wobei ich in ganz anderer Weise gleichberechtigt war als mein Sohn. Ich war wie Suhrkamp Komplementär, das heißt wie Suhrkamp persönlich haftender Gesellschafter. Persönlich haftender Gesellschafter war mein Sohn nie, der wollte das auch nicht werden. Ich dachte, er beobachtet das.

Es gibt einen Satz, den ich mal in einer ganz schwierigen Situation gesprochen habe – es kommt die Zeit, wo ich das mal sagen kann, in welcher Situation das war – “Die verlegerische Verantwortung ist unteilbar”. Hier liegt ein Manuskript. Es kann nicht sein in einem literarischen Verlag, ein Verleger sagt Ja, der andere Verleger sagt Nein. Es muß bei den Entscheidungsträgern, die gleichberechtigt sind, ein Konsens irgendwie dann da sein, daß solche Dinge nicht aufkommen können. Es hat sich in diesem Punkt gezeigt, daß es schwierig ist, und daß Joachim ungeduldig wurde. Schließlich kam dann auch noch ein psychologisches Moment hinzu. Die Scheidung von meiner ersten Frau, seiner Mutter, meine neue Heirat wieder nach einigen Jahren der Trennung. Das war für ihn irgendwie, als sei seine Zukunft gehemmt.

Wie schlimm wäre für Sie gewesen, wenn Joachim tatsächlich Fotograf geworden wäre?

UNSELD: Genauer gesagt war es so, er wollte Fotograf werden, und meine damalige Frau hat nicht verstanden, daß ich sagte: Ja, es ist gut, laß ihn doch. Er will etwas werden, was ich nicht kann. Damals hat meine Frau gesagt: Das dürfen wir nicht zulassen, Du weißt was mit dem Sohn von Axel Springer passiert ist, der war Fotograf und hat sich umgebracht.

Joachim wollte auch mal Gitarrespieler werden. Da habe ich auch gesagt: Wunderbar, er soll in eine Kapelle gehen. Ich gebe ihm so viel Geld, daß er davon gut leben kann. Da hat meine Frau auch gesagt: Wie kommst du dazu? Da habe ich gesagt: Doch, wenn er das will.

Gut, natürlich war für mich immer ein Leben lang in meinem Hinterkopf die Idee der Nachfolge. Ich habe diesen Verlag gewissermaßen aus den Händen von Peter Suhrkamp erhalten, und das war damals ein kleiner Verlag, der keine 800000 Mark Umsatz gemacht hat, heute machen wir mit all unseren Verlagen annähernd 100 Millionen Mark Umsatz. Das ist heute ein ganz anderes Unternehmen. Natürlich habe ich mir immer gedacht, gut, baue diesen Verlag aus und dann …

Ist es richtig, wenn ich sage, die größte Tragödie Ihres Lebens wäre, wenn nach Ihnen kein Unseld den Suhrkamp Verlag weiterführen würde?

UNSELD: Nein. Nein. Der Verlag heißt nicht Siegfried Unseld, sondern von eh und je Suhrkamp Verlag. Jetzt hat ihn über die Jahrzehnte hinweg ein Unseld geleitet, wenn in den nächsten Jahrzehnten der Verleger einen anderen Namen trägt, so scheint mir das keine Katastrophe zu sein. Die Katastrophe wäre, wenn er den Namen Suhrkamp nicht mehr trüge.

Das Entscheidende ist nicht, daß es dynastisch weitergeführt wird, sondern daß es gut und richtig weitergeführt wird, daß der Verlag weiter existiert mit diesem Prestige. Das ist mir wichtig. Wenn das nicht der eigene Sohn ist, sondern ein anderer – eine so große Katastrophe kann ich darin nicht sehen.

Sind Sie gläubig, ich meine im religiösen Sinn? Diese Frage ist mir eingefallen, als ich Dolf Sternbergers Text zu Ihrem 60. Geburtstag gelesen habe.

UNSELD: Das ist jetzt schwer, es in einem Satz zu sagen. Ich fühle mich schon als religiöser Mensch. Aber natürlich nicht als jemand, der konfessionell gebunden ist. Die Religiosität, die ich empfinde oder suche, auf die ich reagiere, die ist für mich in der Natur, im Meer und im Wald, in der Musik und der Literatur und in der Kunst. Dort sehe ich das, was für mich als Religio, als Rückbindung eintritt.

Sie haben als junger Mann ein Gelübde abgelegt, das Sie bis heute nicht gebrochen haben. Was war das für eine Geschichte?

UNSELD: Nein. Neinnein. Ich hätte ein Gelübde ablegen wollen, nämlich daß ich Priester werden wollte. Und der, bei dem ich das ablegen wollte, einem jungen Vikar, sagte: Du bist noch zu jung, um ein Gelübde abzulegen.

Ich glaube, wir reden jetzt nicht von der gleichen Geschichte. Mir geht es um das Schwimmen. Sie haben sich vor der russischen Gefangenschaft schwimmend gerettet und sollen dann ein Gelübde abgelegt haben?

UNSELD: Ich habe mir zwei Mal durch Schwimmen das Leben gerettet. Das ist klar, daß für mich deswegen Schwimmen mehr als Baden ist. Dieses Schwimmen ist für mich ein Ritual, auch eine Art Religio, Rückbindung. Seitdem schwimme ich. Heute morgen habe ich auch meine 700 Meter geschwommen. Aber kein Gelübde.

Wieviele Sprachen sprechen Sie?

UNSELD: Da muß ich Sie sehr enttäuschen. Ich bin während der Nazizeit zur Schule gegangen, und da hat man die Sprachen der Feinde nicht gelernt. Aber ich habe acht Jahre lang Latein gelernt, das hilft mir. Nein, ich habe Englisch gelernt, das ist jetzt perfekt. Französisch beherrsche ich so, daß ich es lesen und mich verständlich machen kann.

Ist es richtig, daß Sie ein Faible für Seidenkrawatten haben?

UNSELD: Nein, was daran wahr ist, ist, daß ich nur unifarbene Krawatten trage.

Sie haben sich an Ihrem 65. Geburtstag in Venedig bei einem Sturz Ihr Handgelenk gebrochen. Menschen, die Sie kennen, behaupten, seitdem wären Sie verändert. Der Sturz hätte Ihnen gezeigt, daß Sie nicht unsterblich sind. Sehen Sie das auch so?

UNSELD: Es wäre schlimm, wenn ich erst bei dem Sturz gemerkt hätte, daß ich sterblich bin. Aber ich gebe schon zu, daß dieser Sturz etwas hatte, was mir eine gewisse Nachdenklichkeit eingab. Das rührt aber daher, daß die Ärzte mir gesagt haben, wenn man normalerweise diesen Sturz hat, also rückwärts über eine Steintreppe fällt, dann bricht man sich nicht die Hand, sondern was anderes.

Das Genick zum Beispiel. – Also wieder mal Glück gehabt.

UNSELD: Ja. Oder aber: Richtig abgerollt.

Man hat Ihnen sehr viele Auszeichnungen verliehen. Welche davon ist Ihnen am wichtigsten?

UNSELD: (wägt ab) Der Ehrendoktor in Frankfurt. Und zwar, weil es nicht ein Ehrendoktor in der Wildnis oder Prärie ist, sondern am Tatort. Jeder kann es sozusagen hier kontrollieren.

Was verabscheuen Sie an einem Autor am meisten?

UNSELD: Unehrlichkeit.

Was sagen Sie zu der Einschätzung, die Frank Schirrmacher stellvertretend auch für andere Kritiker abgegeben hat: nämlich daß Suhrkamp seine Position als bedeutendstes deutschsprachiges “Haus der Gegenwartsliteratur” verloren hätte, weil mitlerweile die “bedeutendsten Autoren der jüngeren Generation in anderen Verlagen” erscheinen?

UNSELD: Diesen Nachweis muß Schirrmacher schuldig bleiben. Welche bedeutenden jungen deutschsprachigen Autoren erscheinen nicht bei uns? Dieser Artikel von Schirrmacher, der im Februar 1990 erschienen ist, war ja gegen Joachim gerichtet. Der lobte mich als bedeutendsten Verleger …

Es ging ja vor allem um den Fall Dinescu.

UNSELD: … und dann kam diese ganze unglückliche Sache mit Dinescu, die wirklich nur unglücklich war.

Wie schätzen Sie die aktuelle junge Gegenwartsliteratur ein? Ich habe von Buchhändlern, die dem Suhrkamp Verlag sehr zugetan sind, gehört, daß Sie Autoren wie Neumeister, Hettche oder Beyer einfach nicht mehr guten Gewissens anpreisen können.

UNSELD: Die Buchhändler oder wir?

Die Buchhändler, die behaupten, solch hochartifizielle Literatur, die nur noch um ihrer selbst willen geschrieben wird, führe in eine Sackgasse?

UNSELD: Das ist eine ganz schwierige Frage, weil man sie im Grunde genommen so beantworten müßte: Das war ja immer so. Wenn Sie sich die ersten Bücher von bestimmten Autoren ansehen, dann fällt auf, die ersten Bücher sind artifizielle Bücher. Ich meine zum Beispiel “Die Publikumsbeschimpfung” von Handke, stellen Sie sich das mal vor, oder “Watten” von Thomas Bernhard, das sind Bücher, mit denen kein Buchhändler irgendetwas anfangen konnte.

Sie haben vor kurzem den Jüdischen Verlag in den Suhrkamp Verlag eingegliedert. Was hat es damit auf sich?

UNSELD: Das ist ein ganz berühmter Verlag, der Anfang des Jahrhunderts gegründet wurde und der eine aktuelle politische Aufgabe hatte, nämlich die zionistische Bewegung, sprich Ziel Israel, zu erreichen. Dieser Verlag hat seine große Bedeutung gehabt in der Weimarer Zeit und ist dann von den Nazis zerschlagen worden. Er überlebte mehr oder weniger dem Namen nach, wurde dann von zwei deutschen Verlagen mehr schlecht als recht übernommen und ausgebeutet. Wir haben den jetzt übernommen. Ich halte das für sehr wichtig, hier an eine Tradition anzuknüpfen. George Steiner hat uns, dem Suhrkamp Verlag, das Etikett Suhrkamp-Kultur angehängt. Sie kennen diesen Satz?

Ja, “German culture is Suhrkamp cultur.”

UNSELD: Dieser Satz ist uns gegeben worden, weil wir kontinuierlich bedeutende jüdische Literatur gepflegt haben. Ich wollte, nachdem dieser Verlag nun gescheitert ist, schlecht behandelt wurde von zwei deutschen Verlagen, diesem Verlag eine neue Basis geben. Die Basis ist natürlich, daß man an die Tradition anknüpft, also zum Beispiel das Werk von Gershom Sholem. Ich möchte damit auch meinen Teil dazu beitragen, daß sich Holocaust nie mehr wiederholen kann.

1968 war ein ereignisreiches Jahr. Unter anderem ging der Suhrkamp Verlag mehrerer Lektoren verlustig. Was hat sich damals abgespielt?

UNSELD: Das ist für die Beteiligten keine angenehme Sache. Und ich möchte das eigentlich jetzt auch nur ohne Schärfen sagen. Damals haben neun Lektoren versucht, ein Mitspracherecht im Verlag derart zu konstruieren, daß neun Lektoren mit je einer Stimme und der Verleger mit je einer Stimme das Sagen haben. Diese Lektoren haben die Autoren vergessen, diese Lektoren haben sich zu der Sonderklasse Lektoren ernannt, erwählt, berufen, die abstimmen durften, während die Knechte im Verlag, die Hersteller, die Verkaufsleute, die Werbeleute, die Presseleute, nicht mitstimmen durften. Und dieses Modell einer verkehrten Mitbestimmung – ich wäre damals für ein Mitbestimmungsrecht gewesen, weil ich mitten in dieser Zeit war, aber nicht damit, daß Lektoren eine Sonderklasse schufen. Dieses Modell ist in nächtelangen Debatten von Autoren abgelehnt worden. Und daraufhin haben einige Lektoren die Konsequenz gezogen.

Es ist also so, daß die Lektoren gekündigt haben und nicht Sie die Lektoren?

UNSELD: Die Lektoren sind gegangen, nicht ohne daß ich ihnen Geld angeboten habe, und zwar mehr, als der Suhrkamp Verlag je an Basis hatte, so daß sie die Möglichkeit gehabt hätten, einen eigenen Verlag nach ihrem Mitbestimmungsmodell zu machen.

1968 haben Sie auch das “Kursbuch” aufgegeben. Warum?

UNSELD: Das ist ganz einfach. Wenn Sie das Heft Nummer 15 lesen, dort entdecken Sie die Verkündung des Todes der Literatur.

Ist es für Sie denkbar, sagen wir mit 75 und bei voller Gesundheit, zu entscheiden: Jetzt ist es genug, ich höre auf und gebe die Verantwortung vollständig in andere Hände?

UNSELD: Das wird ein anderer Prozeß sein, der sich stufenweise bis dahin entwicklen wird. Es wird so eingerichtet werden, daß der Verlag weiter eine gute Führung bekommen kann und daß er in der Lage ist, materiell weiter unbelastet arbeiten zu können.

In allen Pressemitteilung der letzten Zeit war zu lesen, daß Sie wünschen, Ihr Sohn möge den Verlag weiterführen.

UNSELD: Ja, daß ich die Möglichkeit einräume, daß er Nachfolger werden kann. Ich wünsche mir das. Voraussetzung ist allerdings, daß er zeigen muß, daß er das will und daß er das kann und daß dieser Verlag so geleitet werden wird, daß er immer stark genug ist, nicht das bloß Erwartete zu machen, sondern das Unerwartete so, als wäre es erwartet.

Foto: Harald H. Schröder

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