Santa Muerte (Engstler 2011)

Ein quadratisches, etwas unhandliches Format ist das Erste, was einem in den Sinn kommt, wenn man „Santa Muerte“ in der Hand hält. Die Covergestaltung mutet an wie Höhlenmalerei. Wenn man die Publikation aufschlägt, ist man sofort wieder mitten drin im Ploog-Kosmos und die Aufmachung leuchtet auch sofort ein.
In sechs kurzen Texten geht es den Figuren um den Sinn des Seins. Der Pilot Max ist an der Ostsee und sinniert „über die Bedingungen, denen er ausgesetzt war“. Er hat ein Berufsleben hinter sich, und fragt sich, was noch kommen kann und wie diese Lebenszeit zu füllen ist. Er ist gefangen in Konventionen und sehnt sich nach Freiheit. „Wenn Max der Druck zu gross wurde, setzte er sich in den Wagen & fuhr los. Dem Moloch des Stillstands & der Bedrohung konnte er nur entgehen, wenn er in Bewegung blieb. Reisen. Unterwegssein. Mit sich allein & frei von Beziehungen, die sich wie Spinnweben um ihn legten, immer enger umschlossen & ihn dem brüllenden Unrecht von Vorgängen aussetzten, mit denen er nichts zu schaffen hatte & die gewöhnlich mit Bestrafung & Zwängen endeten.“ Vor einer Eisdiele begegnet er einer Rumtreiberin. „Sie kam nirgends her & wollte nirgends hin.“ Ihre Ziel- und Absichtslosigkeit könnte auch für Max eine Lösung sein. Sie sagt: „Ist mir egal, wo ich gerade bin.“
Existenz ist wie das Flirren in der Wüste, wo wie auf See der Horizont nie auszumachen ist. Jeder, der auf eine Sanddüne schaut, wird etwas anderes sehen. Ploogs Miniaturen haben die Wucht von philosophischen Aphorismen. „Verlasse die Wüste, & du wirst merken, dass dein Leben wie eine Fata morgana hinter dir geblieben ist …“
Aber wer sich auf das Ungewisse einläßt, muß dafür gewappnet sein. „Das Andere, Fremde forderte ihn heraus & bedränge ihn. Er hatte nichts erwartet, & jetzt merkte er, dass ihm das Unerwartete mit einer Wucht zusetzte, auf die er nicht gefasst war.“ Bei allem Drang nach Freiheit bleibt doch immer das emotionale Verlangen. Max sieht sich gefangen in diesem Zwiespalt und Widerspruch. Tagsüber kann er sich auf seinen Reisen noch berauschen an seinen Erlebnissen und Sinneseindrücken, aber nachts, auf dem Bett eines „muffigen Hotelzimmers einer Hafenstadt“, bedarf es schon einer Flasche Rum, um die Sehnsucht zu betäuben. „Der Reisende spürte die Anziehungskraft, die vom braunen Körper des Mädchens ausging, das sich allerdings nicht zeigte.“
„Santa Muerte“, eine souveräne Text-Bild-Komposition, ist für mich eine Abhandlung über den dritten Lebensabschnitt. Ploog spielt gekonnt mit seinen Erfahrungen als Rentner, es ist quasi das Porträt des Künstlers als alter Mann. „Sind es Bilder, die Max sieht oder Projektionen, die seine Vorstellung entwirft?“ Die komprimierten Texte sind voller Weisheit und doch nur Anspielungen. „Jede Geschichte beginnt mit einem Bild, das sich im Lauf der Handlung zum Film entwickelt. Zu einer Reihe bewegter Bilder … soweit es einen Leser gibt, landet er unversehens im Niemandsland verbaler Reaktionen & beginnt einen inneren Monolog mit den Tücken & Figuren der Story.“