Der Sanitäter
Die Fronten sind verschwunden. Von Over- und Underground kann heute keine Rede mehr sein. Selbst ein Begriff wie Subkultur ist fragwürdig geworden. Ich schätze, wenn die etablierten Feuilletons mehr Platz zur Verfügung hätten, würden sie sogar das, was jetzt als inoffizielle Literatur dasteht, noch vereinnahmen. Fast die gesamte Produktion der publizierten deutschsprachigen Autoren zeichnet sich aus durch eine allgemeine Langeweile und Stagnation. Den vor sich hindämmernden Verbalwichsern der gleichgeschalteten Beletagen kann man also noch nicht mal vorwerfen, sie hätten etwas Aufregendes buchstäblich verschlafen. Die Kleinverlage sind mittlerweile genauso mutlos, marktorientiert und angepaßt wie die Großen.
Die einmalige Chance der Einmannfirmen, der Kamikazeverleger läge augenblicklich darin, durch Qualitäten auf sich aufmerksam zu machen. Noch nie waren die Voraussetzungen so gut wie jetzt, sich endlich auf das zu besinnen, was wirklich zählt und was Ernest Hemingway bereits vor Jahrzehnten proklamierte: „Beim Schreiben gibt es kein links oder rechts. Es gibt nur gutes und schlechtes Schreiben.“ Im Wust der Kleinverlage kann man jedoch die risikofreudigen Ausnahmen derzeit an einer Hand abzählen. Eine davon heißt Peter Engstler, lebt im Zonenrandgebiet, bedient den Markt nur spärlich und sporadisch, aber das, was Engstler publiziert, hat Hand und Fuß. Gerade ist die Nr. 3 seiner Zeitschrift „Der Sanitäter“ erschienen, in der alles versammelt ist, was seit zwanzig Jahren in der inoffiziellen deutschsprachigen Literaturszene für Qualität bürgt.
Die Qualitäten von Engstler lassen sich am besten am Beispiel Hadayatullah Hübsch festmachen. Hübsch, von dem in den letzten zwei Jahren über ein Dutzend Publikationen auf dem Markt erschienen sind, ist dabei, sich gerade durch diesen enormen publizistischen Output seinen in den letzten dreißig Jahren erworbenen guten Namen kaputt zu machen. Einige Kleinverleger haben, wohl in der Hoffnung, sich und ihr Sortiment mit dem Namen Hübsch ins Geschäft zu bringen, in unverantwortlicher Weise Texte von Hübsch publiziert, die mehr als peinlich sind. Wenn ein Autor schon keinen Maßstab für die eigenen Arbeiten hat, dann hat zumindest sein Lektor/Verleger die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, durch sensible, aber doch strenge Auswahl seinen Autor davor zu bewahren, sich mit unfertigen Texten der Lächerlichkeit preiszugeben. Am Fall Hübsch ist ganz augenscheinlich zu beobachten, was derzeit in der Szene nur noch zählt: schiere Präsenz. Von Eigenverantwortung und literarischer Kompetenz keine Spur mehr.

Engstler ist wie gesagt eine sprichwörtliche Ausnahme. Er präsentiert jetzt im Sanitäter erstmals wieder einen Hübsch-Text, den man an literarischen Maßstäben messen kann. Mit diesem rhapsodischen Stück Prosa, diesem atemlosen Abgesang auf den Mist, „den wir uns einpfeifen“, diesem skeptisch-nervösen Blick in die „Zitterburgen der Hoffnung“ erinnert er an alte Qualitäten.
Die zweite dankenswerte Leistung Engstlers ist der Text von Walter Hartmann, den die meisten wahrscheinlich nur als begnadeten Grafiker kennen. Engstler hat es geschafft, ihm einen sehr schönen, halluzinatorischen Text von bunuelscher Gewagtheit aus der Schublade zu luchsen. „Stichlinge“ erzählt von einer zufälligen Begegnung, aus der sich eine Fotosession entwickelt, bei der es um Obsessionen und das künstlerische Umsetzen von erotischen (Gewalt) Phantasien geht.

Hilka Nordhausen ist die einzige deutschsprachige Autorin, die derzeit mit den progressiven Schreiberinnen aus dem anglo- amerikanischen Sprachraum locker mithalten kann. Anders als ihre Schwestern, die mit ihrem „Sack-und-Asche-Feminismus“ (Julie Burchill) zehn Jahre hinter dem Bewußtsein herhinken, schreibt sie Klartext, jammert nicht wehleidig oder verliert sich wie z.B. Anna Rheinsberg in ihrem Text „Sprache“ in gestelzt-verschnörkelten Sprachmanierismen. Anna Rheinsberg ist zweifelsfrei eine ernsthaft arbeitende Autorin, aber das, was das Feuilleton bei ihr immer als ’poetische Sprache’ deklariert, kommt mir sehr oft wie Kunsthandwerk vor. Die geradlinige, unprätentiöse Sprache der Nordhausen („Seine schönen kleinen Eier sind geil hart und prall. Meine Möse ist längst geweitet, und er kommt tief hinein in mich, mit einem kleinen verhaltenen Schrei, woraufhin wir verweilen, er mich mit ein paar kurzen Stößen überrascht, kurz und knallig. Ja. So ist es gut.“) ist mir allemal lieber wie dieses verkniffen-verklemmte Gequaste der Rheinsberg: „Manchmal schlug sie ihn, ihre Augen waren dann von irritierend roh-schmerzerfülltem Grün – er erschrak, streckte sich ihr entgegen. Sie schlug. Schrie: im Augen/Blick, da ihre Hand traf, Knochen, Haar, küßte er sie. Er sog fest an ihr und alle Worte stürzten.”
Jürgen Ploog beweist selbst mit so einem kurzen Text wie „Karthago“ seine derzeitige Ausnahmestellung in der deutschsprachigen Literatur. Wie gewohnt nimmt er seinen Leser auf eine faszinierende Reise durch Raum und Zeit mit, und wie alle guten Reiseschriftsteller – Avantgardist kann heute nur noch sein, wer in Bewegung ist – geizt er nicht mit seinen Schätzen. Er läßt den Leser teilhaben an seinen geschickt ineinander montierten erlebten und imaginierten Abenteuern, an seinen Phantasien und seinem Wissen. „Mein Ziel ist, jenseits von Sprache im schnellen Flicken der Bilder zu sehen.“ Wenn „der Instinkt für Zeichen verloren gegangen ist“, solange wir weiter auf „Wettlauf in Zerstörung“ programmiert werden, seit der Planet keine Antwort mehr ist, Europa zum „Marktplatz hypertropher Ideen“ verkommen ist, müssen wir alle Kraft darauf verwenden, durch „genaues Hinschauen“ nach neuen Zeichen und Bildern zu suchen. Wir müssen „eine Formel finden, mit der sich Zeit & Raum (zeitliche und räumliche Erfahrung) verbinden lassen“.
Helmut Salzinger dürfte Ploogs Mißtrauen den „Parolen des Nordens“ gegenüber teilen, ansonsten geht er den umgekehrten Weg. Während Ploog Richtung Weltraum blickt, besinnt sich Salzinger auf die alten, längst verloren geglaubten Bilder, die aber, wie sein Text „Wie wild“ beweist, auf dem Land noch vorhanden zu sein scheinen. In der den Öko-Poeten eigenen, kontemplativ-meditativen Art hockt Salzinger auf seiner norddeutschen Parzelle und schöpft Hoffnung aus den sich am Boden und am Himmel abspielenden Schauspielen der Natur, die er akribisch beobachtet und daraus zu lernen versucht. „Ich lasse mir von denen, die den Fortschritt benutzen, um weiterzukommen, weil sie da, wo sie sind, nicht bleiben wollen, die Kritik an der Zivilisierung nicht ausreden, bloß weil sie meinen, Zivilisationskritik sei nicht neu und es gebe sie mindestens schon so lange wie die Zivilisation. Eben darum nicht. Ich bleibe hier.“

„Dichter beweisen nichts“, verkündet Paulus Böhmer, der zur Zeit mit Abstand interessanteste deutschsprachige Lyriker, provokativ, reiht sich aber selbstverständlich mit seinem Langgedicht „Was Godard meint“ unter die Zivilisationskritiker. Sein metaphernreiches, sprachgewaltiges Gedicht ist nicht einfach zu entschlüsseln. Es wirkt erst mal, ganz im Sinne von Jorge Luis Borges: „Ich glaube nämlich, wenn das, was man schreibt, genau das ausdrückt, was man ausdrücken wollte, dann verliert es an Wert, man muß darüber hinausgehen. … die Literatur besteht darin, daß man nicht genau schreibt, was man sich vornimmt, sondern auf geheimnisvolle oder prophetische Weise darüber hinausgeht …“ Böhmer ist augenblicklich eine Rarität, weil ihm gelingt, seine Erfahrungen auf eine ganz originäre Art und in einer ganz eigenen, unverwechselbaren Sprache mitzuteilen. Das, und nichts anderes, ist große Literatur.
Jede andere Zeitschrift könnte sich rühmen, wenn sie nur die Hälfte der bisher aufgelisteten literarischen Potenz aufbieten könnte. Der Sanitäter Nr. 3 bringt aber noch eine Reihe weiterer beachtlicher Texte. Neben der literarischen Rhythmusmaschine Jörg Burkhard möchte ich wenigstens noch Pociao, Burroughs, Genet, Gregor Pott und Christof Wackernagel namentlich erwähnen.
Ich weiß nicht, warum Peter Engstler seine Zeitschrift ”Der Sanitäter“ genannt hat. Wenn er bei der Namensgebung im Sinn hatte, mit seinen Mitteln und Möglichkeiten zur Heilung der kranken deutschsprachigen Literatur beizutragen, dann ist ihm zumindest mit der Nummer 3 ein großer Coup gelungen. Alle Achtung!
Der Sanitäter Nr. 3/90, 12 Mark, Verlag Peter Engstler, Oberwaldbehrungen 13, 8745 Ostheim/Rhön
Fotos: Harald H. Schröder
Erstdruck unter dem Pseudonym Andi Front in Rogue Heft ??, 1990