Wie gefährlich sind Gefühle, Mr. Fuller?
„Straße ohne Wiederkehr“ heißt der neue Film von Samuel Fuller, dem „größten unbekannten Filmregisseur der Welt“ (B. Bertolucci). Die David-Goodis-Verfilmung kommt dieser Tage in unsere Kinos. Auf diesen Augenblick hat Wolfgang Rüger lange gewartet.
Eine offene Kutsche mit drei Männern fährt durch eine weite Prärielandschaft / Großaufnahme von galoppierenden Pferdebeinen / Großaufnahme der drei Männer / Großaufnahme der Pferdebeine / Großaufnahme der Kutsche / über einen Bergkamm kommt ein in Schwarz gekleideter Reiter auf einem weißen Pferd geritten, in Zweierreihen folgen ihm weitere Reiter / Staub wirbelt auf, die Reiterkolonne prescht auf die Kutsche zu und jagt an ihr vorbei, der Reiter auf dem Schimmel ist eine Frau, der Mann auf dem Kutschbock hat alle Hände voll zu tun, um seine Pferde im Zaum zu halten, die beiden anderen Männer auf der Kutsche legen sich flach, um möglichst wenig Staub zu schlucken. Die Musik setzt ein. Die erste Tafel: Vierzig Gewehre. Ein Film von Samuel Fuller.
1957 war das ein Filmanfang, wie man ihn in dieser Form noch nie gesehen hatte. Auch heute noch beeindruckt einen diese Furiosität, der harte Schnitt, der angsterzeugende Stakkatorhythmus. Samuel Fuller war in den fünfziger Jahren auf dem Höhepunkt seiner Karriere, zwischen 1950 und 1960 hat er 13 Filme gedreht, fast jeder dieser Filme hat seinen Platz in der Filmgeschichte gefunden, in fast jedem hat Fuller Tabus verletzt und Konventionen gesprengt.
„Forty Guns“ zum Beispiel ist ein Western, in dem sich lange Kamerafahrten mit ganz schnellen, harten Schnitten abwechseln. Es gibt viele Szenen, die damals wagemutig und neu waren: der Schnitt von einer Großaufnahme der Stiefelspitzen auf die Großaufnahme eines Augenpaares; der Kamerablick durch einen Gewehrlauf; der Beginn einer für unmöglich gehaltenen Liebesgeschichte, die durch einen Wirbelsturm eingeleitet wird; ein Toter, der in einem Schaufenster zur Schau gestellt wird; eine Braut, die zur Witwe wird, kaum daß das Hochzeitsfoto im Kasten ist; ein Marshall, der eine weibliche Geisel gezielt niederschießt, die als Schutzschild benutzt wurde, und anschließend den schutzlos gewordenen Verbrecher regelrecht abknallt, indem er ihm sein gesamtes Magazin in den Leib pumpt. Jochen Brunow hat über diesen Film geschrieben: „‘Ein Mythos vom Niedergang‘, kein Meisterwerk, ‚ein Meilenstein‘“.
Samuel Fuller wurde 1912 in Worchester, Massachusetts, geboren. Seine eigene Biographie verläuft so geradlinig und zielgerichtet, wie seine Filme inszeniert sind. Mit 12 Jahren jobbt er beim „New York Evening Journal“, mit 17 ist er der jüngste Polizeireporter New Yorks, mit 23 veröffentlicht er seinen ersten Roman, mit 24 beginnt er für die Filmindustrie in Hollywood zu arbeiten und schreibt in der Folgezeit Drehbücher u.a. für Otto Preminger, Douglas Sirk und Archie Mayo. 1942, mit 30, wird Fuller eingezogen und kommt als Mitglied der 1. Infanteriedivision (The Big Red One) über Nordafrika, Sizilien, die Normandie, Belgien und Deutschland in die Tschechoslowakei. Dort dreht er seinen ersten Film, einen schwarzweißen, stummen Dokumentarfilm von einundzwanzig Minuten Länge über das Konzentrationslager Falkenau. Fuller wird nach dem Krieg hochdekoriert, im Rang eines Corporals aus der Armee entlassen und kehrt nach Hollywood zurück. Im November 1948 inszeniert er seinen ersten Film, den Western „I shot Jesse James“. Einschließlich „Straße ohne Wiederkehr“ hat Fuller bis heute insgesamt 23 Filme realisieren können.
Daß es nicht mehr Filme geworden sind, liegt vor allem an Fullers kompromißloser Individualität, die ihm von Anfang an jede Menge Schwierigkeiten vor allem mit den Produzenten eingebracht hat. Immer wieder wurden seine Filme durch Eingriffe des Studios verstümmelt, verändert und zensiert. Am meisten davon betroffen war oft das Ende des Films. Immer wieder mußte er, entgegen seiner Überzeugung, ein Happy-Ending oder doch zumindest einen versöhnlichen Schluß nachdrehen. Wie weit die Weltanschauungen auseinandergingen, mag eine Anekdote belegen. Der Produzent warf Fuller vor, sein Film „Underworld USA“ (1960) suggeriere, daß sich das Verbrechen bezahlt machte. Fuller antwortet: „Es macht sich bezahlt.“
Politisch ist Fuller ein mehr als unangenehmer Zeitgenosse. Er läßt sich in keine Schublade pressen, er griff immer Themen auf, die prekär waren und in der Luft lagen. “Ich bin ein Zeitungsmann. Und ich benutze nie das, was jemand anders schon geschrieben hat. Wenn ich über jemanden im Gefängnis schreibe, gehe ich ins Gefängnis. Wenn er tot ist, gehe ich zu seiner Mutter, wenn die tot ist, zu seinem Bruder. Ich muß Fakten haben.“ Seine Filme, Drehbücher und Romane sind immer ganz hart an der Wirklichkeit. Fuller arbeitet ohne Schön- oder Schwarzfärberei. Er zeigt die Welt wie sie ist, und so wie sie ist, ist sie tendenziell schlecht. Fullers Generalthema ist Krieg, der Krieg zwischen den Nationen, der Krieg zwischen den Geschlechtern, der Krieg zwischen den Generationen. In allen seinen Filmen geht es um Freundschaft und Liebe, um Verrat und Betrug. Die Ausgangssituation aller seiner Geschichten ist immer wieder die gleiche. Ein einsamer Mensch wird in einer extremen Situation durch Gefühle, die er für einen anderen empfindet, aus seiner gewohnten Bahn geworfen. Zuerst wehrt sich der Mensch gegen diese „Scheißdreckgefühle“, wie sie Fuller in seinem Roman „Tote Tauben in der Beethovenstraße“ genannt hat. Dann läßt er sich auf sie ein und – wird betrogen. Es gibt keinen Fullerfilm, in dem Gefühle und Prinzipien nicht verraten werden. Nicht selten endet eine solche Geschichte tödlich. Fast immer kommt Fuller zu dem Ergebnis: Alle Liebe der Welt reicht nicht aus, um das Böse zu besiegen. Die Welt ist, wie sie ist, weil das Böse letztendlich immer die Oberhand behält.
Für seine Weltsicht hat man Fuller abwechselnd, beispielsweise nach „The Steel Helmet“ (1950) und „White Dog“ (1981), als Kommunist beschimpft oder, nach „Pickup on South Street“ (1952) und „Hell and High Water“ (1953), als Antikommunist denunziert, er hat’s gelassen genommen. „Wenn ich einen Film mache, ist es mir gleich, ob man mich Kommunist oder Antikommunist nennt. … Mein Thema ist Menschlichkeit und die Zerstörung von Menschlichkeit. Mit Recht sprach man in Nürnberg von Verbrechen gegen die Menschlichkeit. In Falkenau begriff ich, was Unmenschlichkeit bedeutet, ich erlebte das Unmögliche, ich sah das Undenkbare, ich filmte das Unglaubliche. Es war ein Schock, der Furcht auslöste. Furcht vor dem Unsagbaren. Wie tief können Menschen sinken? Im Konzentrationslager sammelte sich Furcht an, bis einen nichts mehr erschrecken konnte. Wer die Hölle erlebt hat, muß den Zuschauer in die Hölle mitnehmen.“
Fuller hat seine Zuschauer und Leser nie geschont. Er hat immer auf die drastischste Art gezeigt, wie das Ergebnis aussieht, wenn Gewalt eskaliert, wenn ein Individuum nur an sich denkt, wenn ein Einzelner am Leben bleiben will, wenn Vorurteile das Handeln eines Menschen bestimmen. In „Verboten!“ (1958) benutzen amerikanische Soldaten ihre gefallenen Kameraden als Schutzschilde; in „Merrill’s Marauders“ (1961) werden die Soldaten im Kampf um die Straße von Burma monatelang psychisch und physisch dermaßen belastet, daß sie am Schluß nichts mehr bewußt machen, ihr Weiterkommen und Überleben nur noch davon abhängig ist, ob sie imstande sind, einen Fuß vor den anderen zu setzen; in „White Dog“, einem unglaublich spannenden und wichtigen von der Kritik vollkommen zu Unrecht abqualifizierten Film, geht es um einen Killerhund, der von weißen Rassisten dazu abgerichtet wurde, Schwarze anzufallen und zu töten.
1964 ist Fullers Hollywoodkarriere endgültig zu Ende und weist damit deutliche Parallelen zu der von Nicholas Ray auf. In „Shock Corridor“ (1963) hat er nochmals die drei großen Krankheiten Amerikas provokativ und kritisch aufgezeigt: die Atomwaffen, den Rassismus und das Bildungssystem. Danach wollte ihm niemand mehr in den USA einen Film finanzieren. Zum Glück gab es aber in Europa die Regisseure der Nouvelle Vague. Sie sorgten mit ihren enthusiastischen Statements dafür, daß Fuller in der Alten Welt nicht vergessen bzw. überhaupt erst entdeckt wurde, und gaben ihm in ihren Filmen kleine Gastauftritte. In Godards „Pierrot le fou“ darf Belmondo den alten Haudegen fragen: „Ich wollte immer schon wissen, was das eigentlich ist, Film?“ Fuller gibt ihm als Antwort sein Evangelium des Filmemachens: „Film ist like a battleground. Love. Hate. Action. Violence. Death. In one word … Emotion.“
Die folgenden Jahre sind vor allem geprägt durch verhinderte und an der Finanzierung gescheiterte Filmprojekte. In den letzten 25 Jahren hat Fuller genau sechs Filme gedreht, darunter war allerdings auch sein seit Jahrzehnten favorisiertes Lieblingsprojekt, der Film über die Landung der Alliierten in Europa, „The Big Red One“ (1978). Trotz aller Rückschläge hat Fuller unverdrossen weitergeschrieben. Er hat mehrere Romane publiziert, in denen man den unverfälschten und wahren Samuel Fuller entdecken kann, unzählige Drehbücher geschrieben – im Hintergrund lief dabei immer Musik von Beethoven (“Beethoven ist sehr emotional, sehr inspirierend, diese Musik gibt mir Ideen.“) – und in Filmen von vorwiegend europäischen Kollegen größere und kleiner Rollen gespielt. Da fast die Hälfte aller seiner Filme in Deutschland nicht verliehen wurde, dürfte er hierzulande als Schauspieler bekannter sein denn als Regisseur. Die kleine drahtige Gestalt mit den schneeweißen, wild abstehenden, lichten Haaren, dem zerknautschten Gesicht und den dicken, abgekauten Zigarren im Mund („Ich sehe besser aus als Beethoven.“) war u.a. zu sehen in Filmen von Luc Moullet (Brigitte et Brigitte), Dennis Hopper (The Last Movie), Steven Spielberg (1941), Wim Wenders (Der amerikanische Freund; Der Stand der Dinge; Hammett), Mika Kaurismäki (Helsinki Napoli).
In Larry Cohens Film „A Return to Salem’s Lot“, einem ziemlich langweiligen, billig gemachten Vampirfilm, spielt Fuller den Juden und Nazijäger Van Meer („Ich bin kein Nazijäger, ich bin ein Nazikiller.“), der einem seiner Mitstreiter verspricht: „Keine Sorge, mein Freund, so schnell sterbe ich nicht.“ Ich hoffe, daß dieser Satz für Fuller auch im richtigen Leben zutrifft. Er ist jetzt 77 Jahre alt und gehört mit Sicherheit nicht zu jenen Pensionären, die er in seinem Roman „Battle Royal“ sagen läßt: „Wir zerfallen, weil wir den Tod kampflos akzeptieren.“ Fuller hat auch im Alter nichts von seinem Kämpfertum eingebüßt, sein Credo könnten sich eine ganze Menge Leute hinter die Ohren schreiben: „Ich denke, daß alle ernsthaften, aufrichtigen Schriftsteller, ob Journalisten oder Poeten, daß alle schreibenden Leute die Pflicht haben, die Zeitungen, den Film, das Fernsehen, die Politik, das Geld, den Sex, das Gangstertum, den Mord, die Prostitution aufzudecken und zu kontrollieren, wenn sie sich nicht eines Tages für jedes Wort, das sie geschrieben haben, das sie damit verwirklicht haben, schämen und bestrafen lassen wollen, denn am Ende sind die Beharrlichkeit und die Ernsthaftigkeit stärker als der Schmutz und die Lüge. Es wird einen langen Weg brauchen, das zu gewinnen, aber wenn es auch zehntausend Jahre dauert, es gilt zu gewinnen.“
Erstdruck in Auftritt, Heft 7-8/1989