Das abhanden gekommene Glück oder Über das Verschwinden des Sammelns

Gibt es heute unter den Jungen noch irgendjemanden, der sammelt. Was auch immer. Briefmarken, Münzen, Bücher, Bierdeckel, Teebeutel, Schaffnermützen, Kotztüten, Radiergummis, Koprolithen, Kondome. Ich kenne heute keinen einzigen jungen Sammler. Als ich Kind war, hat fast jeder irgendetwas gesammelt. Es gibt nichts, was man nicht sammeln könnte.

Von 1985 bis 1995 war ich Journalist und traf in dieser Eigenschaft ungezählte Berühmtheiten, von Adorf bis Zappa. Von allen habe ich mir Bücher oder Pressehefte signieren lassen. Seit Mitte der neunziger Jahre bin ich Antiquar. Angefangen habe ich mit dem Verkauf von signierten Büchern. In den ersten Jahren habe ich von gut zwanzig Sammlern gelebt, die mir meine signierten Kostbarkeiten buchstäblich aus der Hand gerissen haben.

Wenn ich heute – handylos und aus der Zeit gefallen – in die Runde blicke, sehe ich nur Menschen, die auf ein Display starren. Die gesamte Freizeit wird von den elektronischen Medien gefressen. Da bleibt keine Zeit für ein Hobby. Der klassische Sammler ist männlich, jenseits der 70 und stirbt mir seit Jahren unter der Hand weg. Nachkommen tut gar nichts.

Ich selbst habe mit Anfang zwanzig angefangen, mir Bücher signieren zu lassen. Es ist daraus keine klassische Sammlung entstanden, dafür sind meine Vorlieben zu breit gestreut. Aber die Leidenschaft des Sammlers, etwas unbedingt besitzen zu wollen, kenne ich sehr wohl. Man braucht für’s Sammeln einen Jagdinstinkt, Reiselust, Ausdauer, Erfindungsreichtum, Beharrlichkeit, Geduld und – Glück.

Sammeln ist etwas vollkommen Irrationales. Wer diese Passion nicht kennt, dem kann man sie auch nicht erklären.

Das Wichtigste für jeden Sammler ist die Geschichte, die zu jedem einzelnen seiner Sammlerstücke gehört. Zum langsamen Verschwinden des Sammelns hat das Internet wesentlich beigetragen. Zu erzählen, man habe auf irgendeiner Plattform das Objekt der Begierde gefunden und dann auf den Kaufen-Button gedrückt, ist eine extrem langweilige Geschichte. Das kann jeder Depp und erfüllt nicht die Sehnsucht des Sammlers. Und dieser Kaufakt löst auch absolut keine Glücksgefühle aus.

Anhand von drei Beispielen möchte ich zeigen, was Sammeln wirklich bedeutet und was für Auswirkungen es auf den Menschen hat.

Wenn ich meinen Unterlagen trauen darf, war es 1991, als ich im Hochsommer in Kalifornien in Urlaub war. Mein alter Freund Frank und ich waren auf dem Hollywood Boulevard in Los Angeles unterwegs, als mir zufällig ein Plakat auffiel, das in einem Schaufenster hing. Ich las, daß in ca 1 Stunde eine Signierstunde mit Muhammad Ali und seinem Biografen in einem Einkaufszentrum stattfinden sollte. Die Boxlegende war ein Held aus meiner Jugendzeit, wenn Ali irgendwo boxte, saß ich auch zu nachtraubender Zeit vor dem Fernsehgerät. Ich wußte, daß er seit Jahren an Parkinson litt. Jetzt bot sich die Gelegenheit, diesem Jugendidol ganz nah sein zu können. Frank und ich rannten zu unserem Mietwagen, suchten auf dem Stadtplan den Ort der Veranstaltung und mußten feststellen, daß er doch eine ganze Ecke entfernt lag. Nach normalem Ermessen würden wir es wahrscheinlich nicht rechtzeitig schaffen. „Los, wir fahren trotzdem“, sagte ich zu Frank. Wir waren ewig unterwegs und mit jeder Minute schwand meine Hoffnung. Als wir endlich auf dem Parkplatz der Shoppingmall standen, bot sich uns ein grandioses Schauspiel. Eine kilometerlange Schlange von Fans schob sich Richtung Eingang. Wir reihten uns am Ende ein, ohne zu wissen, wie das Abenteuer ausgehen würde.

Die Sonne schien erbarmungslos. Nach kurzer Zeit waren wir schweißgebadet. Die Schlange bewegte sich nur zentimeterweise. Es war nicht abzusehen, ob wir jemals den Innenraum erreichen würden. Nach einer gefühlten Ewigkeit gab Frank auf und suchte einen Platz im Schatten. Für mich kam das nicht in Frage. Ich wollte das bis zum Ende durchziehen. Auch auf die Gefahr hin, daß irgendwann die Durchsage käme, die Signierstunde wäre jetzt leider beendet. Mittlerweile hatten sich weitere, ungezählte Menschen hinter mir eingereiht. Die Schlange schien eher länger als kürzer zu werden.

Nach ich weiß nicht wie vielen Stunden war ich so nah ans Podium gerückt, daß ich Ali und seinen Biografen Thomas Hauser sehen konnte. Die Zeit verging jetzt schneller, weil man die beiden im Blick hatte. Hauser unterhielt sich kurz mit dem vor ihm Stehenden und signierte. Ali saß auf einem Stuhl daneben und schien eher Dekor. Es war klar, daß er mit seiner Krankheit diesen Signiermarathon nicht bestehen konnte. Der Verlag hatte dieses Problem elegant gelöst. Im Vorfeld hatte Ali offensichtlich tausende von Aufklebern signiert, von denen eine Verlagsangestellte jetzt je einen in das von Hauser signierte Buch klebte.

Als ich an der Reihe war, fragte mich Hauser nach meinem Namen, schrieb „For Wolfgang, Thomas Hauser“ auf das Titelblatt, ich bekam einen signierten Aufkleber aufs Vorsatzblatt, und Ali drückte mir die Hand. Die Endorphinausschüttung war gigantisch, euphorisch verließ ich die Shoppingmall und suchte nach Frank. Noch tagelang beschäftigte mich dieser Händedruck und machte diesen Urlaub zu einem meiner schönsten.

Fast vierzig Jahre lang war ich mindestens drei Mal die Woche auf einer Autorenlesung. Es gibt wahrscheinlich keinen bedeutenden Autor, der in dieser Zeit in Deutschland aufgetreten ist, den ich nicht wenigstens einmal live lesen gehört habe. Für mir besonders wichtige Autoren bin ich auch Hunderte von Kilometern zu Veranstaltungen gefahren oder ins Ausland geflogen. Nach jeder Lesung habe ich mir Bücher signieren lassen. Über die Jahre kam da eine beachtliche Anzahl zusammen. Trotzdem gab es ein paar Autoren, bei denen klar war, daß die Wahrscheinlichkeit gleich Null sein würde, sie jemals live zu erleben.

Gabriel Garcia Marquez war so ein Fall. Meines Wissens war er nur ein einziges Mal in Deutschland gewesen, und das war noch vor Erscheinen von „Hundert Jahre Einsamkeit“. Ich wußte, er lebte die meiste Zeit in Mexico City, im gleichen Viertel wie Alvaro Mutis, meinem absoluten Lieblingsautor. Ich schrieb seinen deutschen Verlag an und bat um die Kontaktadresse. Keine Antwort. Ich schrieb seine Agentin in Barcelona, die legendäre Carmen Balcells, an. Keine Antwort. Schließlich reiste ich für 5 Wochen mit dem Rucksack nach Kolumbien. Zu einer Zeit, in der ich praktisch der einzige Tourist in Kolumbien war. Im Gepäck hatte ich 3 Bücher von Gabo und 3 Bücher von Mutis, die ich jeweils an ihre Verlage schicken wollte. In einer Buchhandlung schrieb ich mir die Adresse von Oveja Negra und Fondo de Cultura Economica aus Büchern heraus. Gut verpackt, mit Begleitschreiben und Bargeld fürs Rückporto, schickte ich die Bücher von Garcia Marquez an die Bogotaer Adresse, die von Mutis an die Adresse in Mexico City.

Dieser naive Versuch einer Kontaktaufnahme machte nur eine glücklich: die junge Angestellte auf dem Postamt von Bogota. Vermutlich hatte sie sich, kaum daß ich das Postamt verlassen hatte, meine exorbitant frankierten Pakete unter den Nagel gerissen. Von dem in den Paketen befindlichen Bargeld konnte sie nichts wissen, aber allein die Briefmarken auf meinen Paketen waren wahrscheinlich mehr wert als ihr Tageslohn. Für sie war es ein glücklicher Tag. Für mich ein teurer Schuß ins Knie.

Monate später, nachdem mir dämmerte, daß meine Pakete das Postamt von Bogota niemals verlassen hatten, startete ich einen zweiten Versuch. Ich schickte nochmals Bücher an Mutis nach Mexico, dieses Mal von Deutschland aus, und erhielt postwendend Antwort von ihm. Die Freude war riesengroß, da auch Mutis zu meinen eher „hoffnungslosen Fällen“ zählte. Ich wußte, daß er ein Jazzliebhaber und seit Jahrzehnten mit Garcia Marquez befreundet war und beide fast Tür an Tür wohnten. Deshalb schnürte ich ein weiteres Paket, mit CD-Geschenken für Mutis und Büchern von Garcia Marquez.

Als ich die lang ersehnten Exemplare, mit handschriftlichen Widmungen von Gabo, in Händen hielt, war das ein unbegreiflicher Moment. Der noch dadurch gesteigert wurde, daß ich nur 2 Menschen kannte, die außer mir signierte deutschsprachige Ausgaben von Garcia Marquez besaßen: Wolfram Schütte hatte sich ein Buch bei den Filmfestspielen in Cannes signieren lassen und Fritz J. Raddatz hatte den Nobelpreisträger zum Interview in Mexico City besucht.

Die größte Herausforderung für Bibliomane sind Autoren, die nicht auftreten und von denen so gut wie niemand weiß, wo sie wohnen. Die drei Berühmtesten des 20. Jahrhunderts sind Jerome Salinger, Thomas Pynchon und Cormac McCarthy. Letzterer war ein Geheimtipp. In Deutschland kannte ihn Anfang der Neunziger so gut wie niemand. Schon mit Erscheinen seiner ersten deutschen Übersetzung war ich ein begeisterter Fan von ihm. Alles, was man von ihm wußte, war, daß er sehr zurückgezogen in New Mexico leben sollte. Mein Jagdeifer war geweckt. Die wertvollsten Sammlerstücke sind die, für die man die größten Anstrengungen unternehmen muß und deren Besitz eigentlich unmöglich scheint. Um Unmögliches zu erreichen, muß man einfallsreich sein. Und oft ist der einfachste Weg der erfolgreichste. Wieder tütete ich 2 Bücher ein und schickte sie mit Begleitschreiben und Cash fürs Rückporto an McCarthys amerikanischen Verlag. Nur wenige Wochen später kamen die Bücher mit persönlichen Widmungen von Cormac McCarthy zurück. Auf dem Paket stand handschriftlich seine Absenderadresse. Die ganze Welt wollte wissen, wo McCarthy wohnt. Leute, fragt mich!

Jeder Sammler hat eine lange Liste mit Wunschobjekten im Hinterkopf. Der intelligente Sammler sucht sich ein Sammelgebiet, das sich zu Lebzeiten nicht komplettieren läßt. Nichts ist frustrierender, als alles beieinander zu haben. Der eigentliche Sinn des Sammelns ist die Suche, das Zusammentragen. Jeder einzelne Fund ein unbeschreibliches Glücksgefühl und im besten Fall eine außergewöhnliche Geschichte dazu. Und als Krönung, wenn man eine Sammlung mit Sinn und Verstand aufbaut, eine monitäre und kulturelle Wertsteigerung.

Vor dem Internet war die Welt im Großen und Ganzen intransparent. Niemand wußte, wo etwas zu finden ist. Das meiste beim Sammeln geschah zufällig. Heute ist die Welt total transparent. Im Extremfall könnte ich mir ein Sammelgebiet in wenigen Tagen übers Internet zusammenkaufen. Das macht absolut keinen Spaß und ist vollkommen sinnentleert. Genauso hohl, wie den ganzen Tag auf ein Display zu stieren oder wie wild auf eine winzige Tastatur einzuhämmern. Mir graut vor einem Leben, in dem Technik alles ist.

April 2025