Wir waren regelrecht bekannt

Interview mit Ralf-Rainer Rygulla über Rolf Dieter Brinkmann

RÜGER: Alle Zeitzeugen haben erzählt, daß es immer wieder Situationen gab, in denen sich Brinkmann als echter Kotzbrocke aufgeführt hat. Können Sie das bestätigen?

RALF-RAINER RYGULLA: So eine Vorstellung lief auch einmal in Frankfurt. Da kam Brinkmann mit Henning John von Freyend und Linda Pfeiffer und hat den gesamten März Verlag, von der Buchhaltung übers Lektorat bis zur Sekretärin, zu Jörg Schröder in die Wohnung zitiert und dann ein Pamphlet vorgelesen über Literatur und Verhaltensweisen. Das war ein scharfrichterliches Urteil, verbissen vorgeführt, mit einem ganz starren Gesicht. Ich kannte zwar diese Handlungsmuster schon, aber nicht so massiv.

So eine verbissene Haltung, die nichts an ihn heranließ, die keinen Einwand gelten ließ, hat er immer wieder gezeigt. Das machte sich bis in seine Körperlichkeit bemerkbar, in seine Mimik, die steif und starr wurde, wie auch an diesem Abend. Ich mußte mich damit oft auseinandersetzen, konnte aber das immer wieder durchbrechen. Am Anfang meiner Frankfurter Zeit konnten wir noch wirkliche Gespräche führen, konkret über Buchprojekte sprechen.

Es wurde dann so ein Abend, der fürchterlich war. Alle waren stumm und wie erschlagen. Da war soviel unerbittliche Energie dahinter, daß man das Gefühl hatte, das jüngste Gericht käme über einen, nicht nur über die Zuhörenden, auch über Brinkmann selbst. Er veranstaltete einen Rundumschlag, bei dem jeder unter Anklage stand, ein überlebtes Bewußtsein zu haben, in einer verkommenen Sprache zu leben. Das waren unter anderem seine sich wiederholenden Vorwürfe und Forderungen an die Welt.

Wir saßen rum, Kreaturen, die einfach nur in sich zusammensackten, und körperliche Angst machte sich breit. Nicht zuletzt, weil da auch noch so ein stumpf vor sich hin stierender Molli daneben saß – der Freyend, mit seiner massigen Statur. Der Schröder hatte auch Angst, versuchte aber noch so eine Stammtischkomponente einzubringen, was nicht geklappt hat. Ich saß da in einer widerlichen Situation und hatte nur noch die „ja-aber-Haltung“ und konnte auch keine andere finden. Eigentlich hätte ich wütend aufschreien wollen, weil ich mich nur noch als Opfer einer Inszenierung empfand, bei deren früheren Versionen ich noch auf seiner Seite stand. Das war schließlich der endgültige Bruch unserer Freundschaft.

RÜGER: Können Sie sich noch an ein paar Autoren und Bücher erinnern, die für Sie und Brinkmann Anfang der Sechziger wichtig waren?

RYGULLA: Der wichtigste Autor in der Essener Zeit war ganz sicherlich Louis Ferdinand Céline. Mit „Reise ans Ende der Nacht“ und „Tod auf Kredit“ sind wir regelrecht schwanger gegangen. Wobei ich mich erinnere, daß nicht die Düsternis der Bücher, ihr Weltuntergangston im Vordergrund stand, sondern vielmehr der Humor. Jedenfalls haben wir uns beim Vorlesen – was übrigens immer geschah, das Vorlesen von Passagen, die man entdeckt hatte -, daß wir beim Vorlesen uns vor Lachen gebogen haben. Das „Célineske“ wurde ein Kriterium, mit dem wir andere Autoren maßen. Als Céline 1961 starb, trugen wir schwarze Armbinden.

Andere Autoren, die ich aus dieser Zeit erinnere, waren Michel Butor, Alain Robbe-Grillet, alle Autoren des Nouveau Roman, die damals in Übersetzung erschienen. Und natürlich las Brinkmann Gedichte. Er verschlang regelrecht jede Lyrik-Neuerscheinung, ob deutsche oder übersetzte. Apollinaire, Sergej Jessenin kommen mir ins Gedächtnis, und ganz sicherlich war Gottfried Benn ein dauernder Lesestoff.

1962 kam dann Burroughs „Naked Lunch“ in deutscher Übersetzung heraus und wurde sofort zu einem Kultbuch – wie man das heute nennt – für uns. Céline, Robbe-Grillet und Burroughs begannen damals, für Brinkmanns Schreiben wichtig zu werden.

RÜGER: Ein Punkt, der mir noch wichtig ist, zu dem ich auch noch gern ein Statement hätte, weil das gerade in letzter Zeit zu den Publikationen, die aus dem Nachlaß stammen, immer wieder in Rezensionen auftaucht, ist die Frage, ob es den Tatsachen entspricht oder nicht, daß Brinkmann diese Sachen im Drogen- und Alkoholdelirium niedergeschrieben hat. Wissen Sie, ob Brinkmann mit Drogen experimentiert hat? Ist es Ihrer Ansicht nach möglich, daß er im Drogen- und Alkoholdelirium gelandet ist?

RYGULLA: Nein, mit Bestimmtheit nicht. Bis zu unserer Trennung 1970 haben wir auch nur selten Alkohol getrunken. Wein auf Party’s. Wein hat manchmal schon in Essen eine Rolle gespielt. Ich erinnere mich an billigsten Rotwein, die Flasche zu einer Mark, die dann gleich zu einer Art fröhlichen Exzess führen konnte. Im Rausch einer Flasche haben wir eines nachts in Brinkmanns Dachbude eine kleine private Bücherzerstörung durchgeführt. Bücher, die wir nicht mochten, hassenswert fanden, wurden zerrissen, bespuckt, angezündelt. Ein Roman von E.E. Cummings war dabei, ein Gedichtband von Gertrud von Le Fort auch. Brinkmann hatte ein kinästhetisches Verhältnis zu Büchern. Er liebte es, sie anzufassen. In Neuerwerbungen steckten wir unsere Nasen rein und schnüffelten den Geruch der Leimung.

RÜGER: Und wie war es mit Drogen?

RYGULLA: Nach London kam erstmal Haschisch in Mode. Unter Haschisch ist eine Anzahl der sogenannten Kollaborationen entstanden, von denen einige damals in Zeitschriften erschienen. Ich habe übrigens noch ein Manuskript von zumeist unveröffentlichten Zusammenarbeiten, „Frank Xerox‘ wüster Traum“ heißt das Ding (1). Haschisch spielte zu meiner Zeit in Köln eine gewisse Rolle und führte dann regelmäßig zu einer ausgelassenen Stimmung. Die Kollaborationen sind unter lautem Lachen entstanden. Ich erinnere mich an einen Besuch von Nicolas Born, bei dem ein Joint gedreht wurde. Drogen waren ja neu und waren ideologisch besetzt in den sechziger Jahren. Man sprach ihnen bewußtseinserweiternde Wirkungen zu. Bei Born wirkte sich das so aus, daß er sich für eine Stunde im Klo einschloß.

RÜGER: Man kann also nicht sagen, daß Brinkmann ein exzessiver Mensch war?

RYGULLA: Alkohol war kaum vorhanden zu meiner Zeit in Köln. Wir gingen auch so gut wie nie in Kneipen oder Diskotheken. Ich kann mich nicht erinnern, Brinkmann richtig betrunken erlebt zu haben.

Captagon – ein Amphetamin-Präparat – und LSD spielten in unserem Umfeld eine Rolle, wie ja überhaupt diese neuen, nicht legalen Drogen damals einen hohen Stellenwert besaßen. Ich lebte in Köln in Wohngemeinschaft mit Linda Pfeiffer und Rolf Eckart John in einer riesigen heruntergekommenen Wohnung, die Art, die heute 6000 Mark kostet. Da war einiges los, auch bezüglich Drogen. Rolf Dieter stand immer in einer Art interessierter, neugieriger Distanz zu diesen Dingen. Er war sehr vorsichtig, was den eigenen Konsum betraf. Ich weiß noch, daß er der Meinung war, er hätte einen geringeren Widerstand gegen ihre Wirkung als andere.

Ich habe einmal LSD genommen, „Yellow Sunshine“ hieß die Tablette, und die Sache geriet in die Nähe eines Horrotrips, wie es damals hieß. Als ich dann Brinkmann endlich antraf, wurde es besser, er ging sofort „mit auf Trip“, auch ein Begriff aus dieser Zeit. Wir haben die ganze Nacht durch geredet und wanderten anschließend bis gegen Mittag durch die Stadt.

Ich meine, er hat eher Drogen nehmen lassen, „lassen“ kursiv. Auch Burroughs hat ja seit Tanger kein Rauschgift mehr genommen, er hat danach das Zeug nehmen lassen, Mr. Jones.

Explizite Rauschgiftliteratur hatte keinen besonderen Stellenwert, ob Henri Michaux oder Timothy Leary, den wir eher belächelten. So etwas wie drogenhafte Imaginationen war eher unser Trip, so wie bei Harry Mathews oder Raymond Roussel. Außer einem kurzen Burroughs-Beitrag gibt es ja auch keinen relevanten Drogentext in „Acid“.

RÜGER: Das Kino hat in Brinkmanns Texten immer eine große Rolle gespielt. Ist er eigentlich auch schon in Essen ins Kino gegangen?

RYGULLA: Kino war mehr mein Interesse, meine Leidenschaft. Es gab damals in jeder deutschen Stadt einen Filmclub, in dem ältere Filme gezeigt wurden. Da sind wir natürlich oft hingegangen. Es war dann so, daß wir nach Feierabend aus der Buchhandlung losgerannt sind, nicht mal etwas essen konnten, um einen Film zu sehen. Aus der Essener Zeit fallen mir Filme von Antonioni ein, die uns faszinierten, seine frühen, „L’avventura“, „L’eclisse“, oder von Bresson ein ganz großer Streifen, „Ein zum Tode Verurteilter ist entflohen“, auch die ersten schwarz/weißen Filme von John Cassavetes. Aber vor allem waren das Anfang der 60er die italienischen und französischen Kopffilme.

RÜGER: In den fünfziger Jahren fand in der europäischen Filmgeschichte ein großer Umbruch statt, der heute als Nouvelle Vague bekannt ist. Bei Brinkmann hat man aber eigentlich immer das Gefühl, daß er amerikanische Filme bevorzugt hat.

RYGULLA: Zu unserer Zeit in Essen kann ich mich an keine amerikanischen Filme erinnern. Es waren europäische Filme. Deutsche Filme gab es in dem Sinne eigentlich gar nicht. Da gab es mal eine Böll-Verfilmung, „Das Brot der frühen Jahre“, die war im Stil der Nouvelle Vague gemacht. Und natürlich haben wir damals die neuen französischen Streifen intensiv wahrgenommen. Alain Resnais‘ „Hiroshima, mon amour“ und „Letztes Jahr in Marienbad“ waren ganz klar filmische Großereignisse für uns. Wir sind sicherlich auch in amerikanische Filme gegangen, aber die Hinwendung zu Amerika, zum amerikanischen Gangsterfilm, die kam erst später, meine ich, als ich 1966 aus London zurückkam.

RÜGER: Im Zusammenhang mit amerikanischen Krimifilmen und der Auseinandersetzung mit Arbeiten von Hans von Hentig muß Brinkmann Ende der Sechziger auch eine größere Arbeit über das Thema Gangster in Angriff genommen haben. Was wissen Sie darüber?

RYGULLA: Wir sind in Köln auf eine tolle Art ins Kino gegangen, die ich sehr vermisse. Wir sind oft durch die Innenstadt gelaufen, spazieren gegangen. Wir waren in Köln regelrecht bekannt dafür, nachmittags in der Stadt rumzulaufen, bei schönem Wetter. Es war ein Rumlaufen, ein Reden, aber vor allem ein Gucken. Das war ganz wichtig, das neugierige, unverhohlene Gucken, lange stehen, lange etwas ansehen, sich langsam nähern und lange immer wieder nur draufgucken. Es war ein regelrechtes Programm. So haben wir uns auch die Kinoaushänge angesehen, die Bilder in den Schaukästen, und nach den Bildern haben wir uns entschieden, in einen Film zu gehen. Auf diese Weise haben wir Filme von Budd Boetticher und Don Siegel gesehen, Namen, die damals noch keine Bedeutung hatten.

Damit begann seine Vorliebe für den amerikanischen Film, die Faszination an der Figur des Gangsters, als eleganter Killer im Anzug. Lee Marvin in Don Siegels „Der Tod eines Killers“ ist ja keine wirklichkeitsbezogene Person, sondern der Mythos vom großen Einsamen, vom Herrn über Leben und Tod. Das war, glaube ich, Brinkmanns Interesse, der Gangster als großer Einzelner, der in weiter Entferung zu gängiger Moral und miefigem Alltag steht, der vielleicht auf dem Weg zu einem neuen Bewußtsein ist. „Bewußtsein“ war ja der zentrale Begriff für Brinkmann.

Der Gangster war ja in den sechziger Jahren auch ein immer präsentes Motiv, als ein Beweger, Veränderer, in Burroughs‘ Büchern. In diesem Zusammenhang sehe ich auch Brinkmanns Verehrung für Giordano Bruno, für das Heraustreten des Großen Einzelnen aus der regeltreuen Gemeinschaft.

RÜGER: Eine wichtige Rolle im Leben Brinkmanns spielte auch die Musik?

RYGULLA: Ja, Musik spielte immer eine Rolle, bereits in Essen, obwohl Schallplatten damals für uns Luxus waren. Wir waren ja beide Lehrlinge in einer katholischen Buchhandlung. Jazz und eine etwas leichte Variante von klassischer Musik, Vivaldi oder so, aber auch Bach. Ja, die Toccata von Bach gab es damals als Single. Thelonious Monk war ein großer Star.

RÜGER: Monk ist eine der wenigen Figuren, die sich durch das ganze Werk ziehen, bis hin zu den Materialbänden aus dem Nachlaß.

RYGULLA: Monk haben wir in der Essener Grugahalle gesehen. Dort gab es ein paar Jahre lang die Essener Jazztage. Wir haben dort Kenneth Roach, Jerry Mulligan, die ganze amerikanische Szene nach Bebop in Konzerten gehört. Popmusik spielte bis dahin keine Rolle. Das begann erst, als ich in London war. Ich erinnere mich, ihm die allererste Single von The Who „Anyway, anyhow, anywhere“ geschickt zu haben. Sein Interesse an englischer und amerikanischer Pop- und Rockmusik wurde dann sehr groß. Nach London zu fahren, hieß dann in erster Linie, Bücher und Platten dort zu kaufen. Die Platten von Velvet Underground liefen ohne Unterlaß in unseren Wohnungen.

1970 hat er dann seine Plattensammlung verkauft, wie so vieles bis dahin Gesammelte.

RÜGER: Gab es später wieder eine Annäherung zwischen Brinkmann und Ihnen?

RYGULLA: Als ich nicht mehr im März Verlag war, fing der Kontakt wieder an, mit eng beschriebenen Postkarten. Zwischen Villa Massimo und Austin haben wir uns noch einmal gesehen, da kam er nach Frankfurt. Da hatte ich so das Gefühl, daß er leidet, daß er raus will aus der Verhärtung, in die er sich selbst hineinbegeben hatte, die er zugelassen hatte. Das ist die letzte Erinnerung, die ich noch habe. Dann ist er nach Austin/Texas gegangen. Aus Austin habe ich auch noch Briefe bekommen und auch beantwortet. Aber das war noch kein Neuanfang. Und dann habe ich in der Zeitung gelesen, daß er in London den tödlichen Autounfall hatte.

Das Interview fand 1986 in Frankfurt statt.