Rollercoaster # 6: Jürgen Ploog Special (Verlag Thomas Collmer 2009)

Rollercoaster, eine 1998 gegründete kleine Zeitschrift für Philosophie, Soziologie, Literatur und Kunst, widmet sich in ihrer Nummer 6 ausschließlich Jürgen Ploog.
Das großformatige, reich illustrierte Heft, das in einer Auflage von nur 115 Exemplaren erschienen ist, nähert sich seinem Gegenstand vorbildlich. Im Vorwort heißt es: „ … verfolgt auch dieses Heft das doppelte Ziel, einerseits Ploog selber, mit unveröffentlichten, charakteristischen Texten, zur Sprache kommen zu lassen, und andererseits eine vielfältige Auseinandersetzung mit seinem Werk voranzubringen. … Ziel ist dabei nicht so sehr, Ploog als den großen Cut-up-Literaten zu feiern, der er ohne Zweifel ist, als vielmehr bestimmte Bücher von ihm zu kommentieren, zu analysieren und Anregungen daraus aufzugreifen.“
Thomas Nöske erklärt in seinem Essay, was die Cut-up-Technik kann: „… mit ihr kann man lernen, Sprache in der Poesie und in der Prosa im vollen Bewusstsein ihrer Konturen und Grenzen zu benutzen, und mit diesem Bewusstsein steigt dann freilich auch das Gefühl für den unmarked space, für den durch sprachliche Zeichen und Codes noch nicht erschlossenen Raum, nicht mehr und nicht weniger. Diesen Punkt einmal erreicht, kann man die Erfahrungen bewahren und mit ihnen andere Wege einschlagen.“ Und kommt dann zu dem Schluß: „An diesem Punkt zur Funktion von Sprache, Bewusstsein und Freiheit angelangt, wird die herausragende Stellung des CutUps klar, die Ploog immerzu betont: es scheint dies tatsächlich der Punkt zu sein, an dem die unterschiedlichen philosophischen Systeme und Weltanschauungen gegeneinander konvergieren.“
Herzstück des Heftes sind die analytischen Beiträge des Philosophen, Literaturwissenschaftlers und Schriftstellers Thomas Collmer. Über Jahre waren die beiden in intensivem (Brief)Austausch. Die Quintessenz dieses intellektuellen Hin und Hers ist in diesem Themenheft nachzulesen. Hier begegnen sich zwei auf Augenhöhe. Vor allem an Ploogs im Jahr zuvor erschienenen Buch „Simulatives Schreiben“ arbeitet Collmer, und auch Axel Monte in seiner Rezension, Ploogs singuläre Stellung innerhalb des „Post-Undergrounds“ heraus. Collmer seziert Ploog sehr kritisch Satz um Satz aus der Perspektive des Philosophen und kommt für den Leser zu sehr erhellenden Erkenntnissen. Seine Auseinandersetzung mit Ploogs Episodenroman „Undercover“ ist eine ebenso kluge, aber in ihrer Ausführlichkeit doch auch sehr anstrengende Lektüre. Am interessantesten finde ich die Ausschnitte aus dem Briefwechsel der beiden. Ploog antwortet sehr ausführlich auf die hochkomplexen Fragen und philosophischen Statements von Collmer. Wer in der Philosophie nicht so bewandert ist, für den sind diese Seiten allerdings eine echte Herausforderung.
Ploogs Primärtexte zeigen ihn in bewährter Meisterschaft. Sehr spannend ist seine literarische Antwort auf einen Prosatext von Collmer. Die Gedichte von Florian Vetsch, Ira Cohen und Hadayatullah Hübsch sind Hommagen an Ploog und fallen im Vergleich zu den anderen Beiträgen doch etwas ab.
Alles in allem ist dieses Ploog-Special Literaturwissenschaft auf hohem Niveau. Für Leser, die sich mit Ploog eher von der theoretischen Seite her beschäftigen möchten, führt an diesem Heft, das nur noch schwer zu bekommen ist, kein Weg vorbei.