Ein Dichter im elektrischen Versuchslabyrinth der Städte

„Mittwoch abend, 3.11.71. Abschied von Illusionen (ist Abschied von Wörtern und Bildern und den Zusammenhängen): Ziel Zusammenhänge im Bewußtsein verändern durch Wort- & Bildzusammenhänge verändern!“ Fundstücke aus Pressematerial, Werbung, Postkarten und Briefen, Geldscheinen und Photos bilden das Material, mit dem Rolf Dieter Brinkmann seine kontemplative Sicht von Welt zusammenstellt. Worum geht es? „Um das Lebendige, ob etwas lebt. Und wie das Lebendige bedroht wird.“

Rolf Dieter Brinkmann, das größte literarische Talent und Enfant terrible der sechziger und siebziger Jahre, katapultierte sich 1969 auf einer Diskussionsveranstaltung der Akademie der Künste in Westberlin aus dem öffentlichen Leben mit einem Spruch, der dem Kritiker Rudolf Hartung galt …: „Wenn das hier“, er meinte damit seinen Roman „Keiner weiß mehr“, „ein Maschinengewehr wäre, würde ich Sie damit umlegen.“ Und es begann für ihn, wie das im Verlagsprospekt so schön heißt, „die Zeit seines öffentlichen Verstummens“. Tatsächlich erschien erst 1975, kurz nach seinem Tod, den er 35jährig in London fand, wieder ein Buch von ihm: „Westwärts 1 & 2“. Dieser Gedichtband ist anerkanntermaßen ein Meilenstein in der Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts.

„Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand: Reise Zeit Magazin (Tagebuch)“ (Rowohlt, 416 Seiten, 38 Mark) gibt, neben dem bereits 1979 veröffentlichten „Rom, Blicke“, Auskunft darüber, was er in der Zeit seines Rückzugs von der Öffentlichkeit gemacht hat. Um es gleich vorweg zu sagen, die „Erkundungen …“, das sind Tagebucheintragungen, Notizen, Collagen, Material- und Fotosammlungen oder wie es im Untertitel heißt „Träume/Aufstände/Gewalt/Morde“ aus den Jahren 1971-73, sind alles andere als leicht konsumier- und verdaubare Kost.

Kein anderer Künstler hat in den sechziger und siebziger Jahren an dieser „Krüppel- und Zwangswelt“ so sehr gelitten wie Brinkmann, kein anderer hat mit einem solch unerbittlichen und entlarvenden Sezierblick, mit einem fotografisch genauen Auge und Gedächtnis das festgehalten, was ihm an diesem „Scheißhaus Wirklichkeit“ mißfallen hat, keiner ist an den immer mehr überhand nehmenden „Wortkloaken“, dem „leibhaftigen Wahnsinn“, den „latenten Todesdrohungen und Verstümmelungsbildern“ so sehr verzweifelt. Brinkmann war zeitlebens ein schwieriger Mensch, manchmal ein Amokläufer. Er war ein zorniger, unbestechlicher, kompromißloser Schriftsteller und Zeitgenosse, der „dieses stinkende, ausgepowerte Westdeutschland“ revolutionieren wollte. Immer „eine verrückte Wut, so nach allen Seiten wegspritzende, wilde Aufruhrgedanken“ im Kopf, rechnete er mit allem und jedem ab, allen voran mit der Kulturschickeria, den Feuilletonredakteuren und den öffentlich-rechtlichen Medien. „Da bleibt immer weiter dieser Hunger, nach Intensität, nach Schönheit, nach einer tiefen Aufregung. Aber was tatsächlich war, das war Gerede, eben Unterhaltungen.“ Nichts haßte er mehr als Oberflächlichkeit, Primitivität, Angepaßtsein, Kommerzialität. Seine Haßtiraden, seine Menschenverachtung, ungerechte Kollegenschelte, wütende Attacken gegen Gott und die Welt mögen manchem aufstoßen, Tatsache ist: Brinkmann war der unerbittliche Chronist der in zunehmendem Maße geschichtslos werdenden Gegenwart. Mit einer unglaublichen Sensibilität hat er auf die Reize seiner Umwelt reagiert: „Wenn man den verschiedenen Situationen, in die man täglich hineingerät, die Wörter, Sätze, das Gerede entzieht, bekommt man eine ungefähre Ahnung von dem Ausmaß der Zerstörung, die in vollem Gang ist, so als öffne man zum ersten Mal die Augen und sieht.“

Viele Passagen der „Notizen“ lesen sich wie ein apokalyptischer Science-Fiction-Roman, der jedoch so gar nichts Unrealistisches und Futuristisches hat, weil sein Sujet aus Gegenwärtigem besteht. Es ist ein in Burroughs’scher Manier geschriebener Cut-up, der ahnen läßt, wie Brinkmanns zweiter Roman hätte aussehen können. In düsteren Endzeitbildern berichtet Brinkmann von Kindheitserlebnissen, alltäglichen Beobachtungen, wüsten Sex-Orgien, Mord und Totschlag, Träumen und Phantasien. Vor dem Schreiben dieses zweiten Romans hatte Brinkmann Angst, fühlte sich von einem entsetzlichen Erfolgszwang bedrängt. Er hatte nur eine ungefähre Vorstellung, wie dieser Roman aussehen sollte: „… eine Art Entwicklungsroman, mit Reisen, Orte, Menschen, Situationen, ein Delirium, durcheinanderwirbelnde Szenen von 1940 bis 1970.“ Konkret war nur, daß er „Panik, Ich-Zersplitterung“ enthalten und weitestgehend ohne Personen auskommen sollte. „Ich will von diesen Scheiß-Personen weg!!!“ Die Technik des Romans sollte „exakt nach Filmtechniken“ funktionieren, „mit Rückblende, Überblendung, Szeneneinfärbung, Schnitte, Gegenschnitte, Ton gemischt, ausgefilterten Geräuschen, Gesamtszenen und Details, Schwenks, Rundschwenks usw.“

Vor allem wegen dieser Notizen steht dieses Buch in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur wie eine große, unheilvolle Wunde: lästig, provozierend, ekelerregend, furchteinflößend, aber doch die Hoffnung auf Genesung beinhaltend. Wenn man diese Wunde ernst nähme, an ihrem Heilungsprozeß interessiert wäre, dann könnte mit ihr die gesamte gegenwärtige deutschsprachige Literatur gesunden. Die „Erkundungen …“ enthalten fast ausschließlich Beobachtungen, keine Analysen, keine Lösungsvorschläge, keine klar dargestellten Utopien und sind trotzdem um Klassen besser als das, was zum Beispiel die SPEX-Clique derzeit bei Kiepenheuer & Witsch macht. Die „Erkundungen …“ stecken voller Kühnheit, Kraft und Sprachgewalt, voller Poesie, Originalität und – trotz allem – voller Zärtlichkeit. Sie stammen von einem ungezähmten, mutigen und wegweisenden Geist. „Ich sah glänzende Filme, wilde, bewegte Bilder, ein rasantes reißendes alltägliches Leben.“

Erstdruck in Wolkenkratzer Art Journal, Heft 5/1987