Ein Meister der schwarzen Unheimlichkeiten
Das Kommunale Kino in Frankfurt widmet ab November dem Regisseur Robert Siodmak eine Retrospektive. Wolfgang Rüger stellt diesen rastlosen Abenteurer und Schöpfer des Kinos der Angst vor.
„Meine Stärke ist Atmosphäre im Film. Wenn ich, wie Hitchcock, mein ganzes Leben nur Kriminalfilme gemacht hätte, wäre mein Name bestimmt ebenso bekannt. Aber das langweilte mich und ich versuchte es auf verschiedenen Gebieten, mit Komödien, Tragödien und Musicals.“ Dieses Statement zeugt nicht gerade von geknicktem Selbstbewußtsein. In der Tat brauchte sich Robert Siodmak, der zwischen 1944 und 1948 mit seinen Filmen in Hollywood Filmgeschichte schrieb, mit seinem Oeuvre nicht zu verstecken. Daß sein Name heute fast nur noch in Cineastenkreisen ein Begriff ist, ist der unverzeihlichen Schuld der Filmhistoriker zuzuschreiben, die sich schon immer lieber an den effektvollen und publikumswirksamen Inszenierungen der Stars orientiert haben, denn an solidem Können und meisterlicher Kunst.
Robert Siodmak wurde im August 1900 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Shelby County, Tennessee, geboren. 1901 zieht die Familie Siodmak nach Dresden, wo Robert aufwächst. In der Schule glänzt er mehr durch Abwesenheit, denn durch gute Leistungen. Früh begeistert ihn das Theater, wo er als Statist erste Erfahrungen macht. Über verschiedene Stationen und unterschiedliche, verkrachte Anfänge gelangt er in den zwanziger Jahren nach Berlin, wo er sich im damals berühmten ‚Romanischen Cafe‘ herumtrieb und erste Kontakte zur UFA knüpfte. Von seinem Onkel Heinrich Nebenzahl, der Produzent aller Harry-Piel-Filme war, lieh er sich fünfzig Mark und fing an, seinen ersten eigenen Film zu drehen. Der Film hieß „Menschen am Sonntag“, entstand unter denkbar schwierigsten Bedingungen im Jahre 1928, aber seine Stabliste liest sich heute wie ein Who is who der Filmgeschichte: Edgar Ulmer, Moritz Seeler, Billy Wilder, Eugen Schüfftan, Fred Zinnemann, Robert und Curt Siodmak. Obwohl alles im Film von Anfängern und Laien gemacht wurde, konnte sich Siodmak mit diesem Streifen als Pionier des bürgerlichen Realismus etablieren und wurde von der UFA sofort unter Vertrag genommen.
Im Folgenden drehte Siodmak für Erich Pommer recht erfolgreich deutsch-französische Coproduktionen. Seine erste Karriere beendete schließlich 1933 der Film „Brennendes Geheimnis“, eine Verfilmung der gleichnamigen Novelle des jüdischen Autors Stefan Zweig. Bei der Premiere des Films am 31.3.1933 im Berliner ‚Capitol‘ kam es zum Eklat. Auf Intervention von Goebbels waren im Vorspann die Namen aller jüdischen Mitarbeiter des Films eliminiert worden. Sowohl die Beteiligten als auch die Zuschauer saßen fassungslos im Kino, wie der Drehbuchautor des Films, Frederick Kohner, in seinen Erinnerungen zu berichten weiß. Nachdem der Film zu Ende war und das Licht wieder anging, „setzte der Applaus ein – erst freundlich, dann stürmisch, schließlich donnernd. Es war, wie mir plötzlich klar wurde, mehr als nur der rückhaltlose Beifall für einen Film. Es war die offene Demonstration gegen einen demütigenden Akt der Unterdrückung, den man gegen die Filmschaffenden verübt hatte. Als die Stars vor dem Vorhang erschienen, rief das Publikum laut: „Regisseur! Autor!“
Einen Monat nach der Filmpremiere griff Goebbels persönlich im ‚Völkischen Beobachter‘ Siodmak als „Verderber der deutschen Familie“ an und stufte den Film als „fremdstämmig“ ein. Siodmak erkannte die Zeichen der Zeit und floh mit seinem Bruder Curt nach Paris. In seinen Erinnerungen beschreibt Siodmak dieses Ereignis in seinem typisch schnoddrigen Ton so: „Der Film hatte das Pech, am Tage des Reichstagsbrandes uraufgeführt zu werden. Ganz Berlin lachte über den Zufall. Goebbels schrieb im ‚Völkischen Beobachter‘ eine großartige Kritik, verlangte aber gleichzeitig, daß der Film abgesetzt werde, da er familienzerstörend sei. Der Film verschwand nach drei Tagen von der Leinwand, und ich mußte weg, da die SA hinter mir her war.“
In Frankreich kann Siodmak ohne größere Schwierigkeiten dem Filmemachen nahtlos weiter nachgehen. In rascher Folge dreht er mit so bekannten Schauspielern wie Louis Jouvet, Harry Baur, Erich von Stroheim, Maurice Chevalier neun Filme, überwiegend Komödien. Einen Tag vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs schifft er sich zusammen mit seiner Frau Babs auf der „Champlain“ nach New York ein.
Siodmak war in Europa ein bekannter und erfolgreicher Regisseur, über seine Erwartungen an Amerika schrieb er in seinen Memoiren: „Ich nahm selbstverständlich an, daß Hollywood mich mit offenen Armen erwarte und war sehr ungeduldig.“ Die Anfangszeit in den USA war jedoch für ihn – wie für so viele andere auch – sehr hart. Er hielt sich mit Drehbuchschreiben und als Regisseur von B-Filmen für die Paramount und Universal über Wasser. Es waren Filme, die sich in keinster Weise von dem damals üblichen Hollywoodklischee unterschieden und die er nur machte in der Hoffnung, irgendjemand in den verantwortlichen Chefetagen möge erkennen, welches wertvolle Talent da vergeudet wird. 1943 war es dann endlich so weit, Universal bot ihm einen Vertrag und die Regie von „Cobra Woman“ an, „einem liebenswürdigen idiotischen Streifen mit einer der höchstbezahlten, wenn auch am wenigsten umgänglichen Darstellerinnen, Maria Montez …“ (John Russell Taylor)
Im selben Jahr begegnete ihm zufällig die Emigrantin Joan Harrison, eine ehemalige Assistentin und Drehbuchautorin von Hitchcock, die sich als Produzentin selbständig gemacht hatte. Durch ihre Vermittlung gelangte eine Kriminalerzählung von William Irish (d.i. Cornell Woolrich) in seine Hände. Siodmak war von „Phantom Lady“ begeistert, und nachdem es Joan Harrison gelungen war, ihn auch als Regisseur für die Verfilmung durchzusetzen, realisierte Siodmak mit dem gleichnamigen Film einen Meilenstein in der Filmgeschichte.
Nachdem John Huston mit „The Maltese Falcon“ das Genre des Gangsterfilms mit desillusionistischen Tönen neu belebt hatte, war drei Jahre später „Phantom Lady“ der Anfang einer Anhäufung von gleichgelagerten Filmen, die unter der Bezeichnung film noir in die Filmgeschichte eingegangen sind; Siodmak wurde als „Schöpfer düsterer, atmosphäregeladener Psycho-Thriller“ (J.R. Taylor) gefeiert.
Der film noir wurde in den vierziger Jahren in Hollywood besonders von deutschen Emigranten geprägt: Fritz Lang, Billy Wilder, Otto Preminger, John Brahm, Edgar Ulmer, Max Ophüls. Robert Siodmak war der primus inter pares unter ihnen. Zwischen 1944 und 1949 realisierte er allein acht Filme (Phantom Lady, 1944; The Suspect, 1944; The Spiral Staircase, 1945; The Killers, 1946; The Dark Mirror, 194; Cry oft he City, 1948; Criss Cross, 1948; Thelma Jordan, 1949), die man als Hauptwerke des film noir einstufen muß.
Siodmak, der schon in seiner Anfangszeit in Deutschland als „einer der glänzendsten und avantgardistischen Filmregisseure der damaligen Zeit“ (F. Kohner) galt, setzte mit einer Kamera- und Lichtführung, die stark von der Stimmung des deutschen Stummfilms der zwanziger Jahre geprägt war, die Maßstäbe des film noir. Woody Bredell, sein Wunschkameramann bei „Phantom Lady“, ließ sich auf Anregung Siodmaks von der Philosophie und Arbeitsweise Eugen Schüfftans, einem der genialsten Kameramänner damals, der ein großer Bewunderer Rembrandts war, inspirieren. „Die Theorie, daß das Auge sich immer von dem hellsten Fleck abwendet und den dunkelsten Punkt aussucht, imponierte Bredell. Er begann Rembrandts Bilder zu studieren.“ Die Kritik lobte an „Phantom Lady“ und seinen nachfolgenden Kriminalfilmen vor allem die im Studio täuschend echt nachgemachte Kulisse New Yorks mit seinen außergewöhnlich realistischen Nacht- und Schattenseiten.
Thematisch setzte sich der film noir mit Neurosen, Psychoanalyse, Obsessionen, Wahnsinn, Horror und Mord auseinander, typische Produkte einer Zeit sozialer Unsicherheit. Kriegs- und Nachkriegszeit fördern in hohem Maße psychische Deformierungen. Der Verbrecher im film noir ist fast immer das Produkt der existenziellen Not oder der sozialen Orientierungslosigkeit. Es sind die „Verrückten“, die die Welt in Unordnung bringen, das „kranke Hirn“ macht den Menschen zum Verbrecher. Die Anfänge der Geschichten im film noir spielen sehr oft in Bars, das sind die Orte, an denen sich zur Stunde der Dämmerung die Nighthawks, die Lonesome Wolves und die Lonely Hearts einfinden. Wenn die Nacht beginnt, strahlen die Orte eine Atmosphäre der Unruhe und Furcht aus, lauern überall Gefahren, leiden die Menschen unter Angstanfällen und Verfolgungswahn. Hollywood hielt die deutschstämmigen Emigranten für die idealen Macher von Filmen, die einen durch die dunkle Welt des Verbrechens führen und durch das Aufzeigen der primitiven Instinkte zu fesseln vermögen. Die aus Hitler-Deutschland geflohenen Regisseure schienen dafür prädestiniert, weil sie Angst und Schrecken, Verfolgung und Todesdrohung am eigenen Leib erfahren hatten und aus einem Land kamen, das bereits in den zwanziger Jahren, in der Zeit der galoppierenden Inflation, bedeutende Filmwerke hervorgebracht hatte („Das Cabinet des Dr. Caligari“, „Nosferatu“, „Dr. Mabuse, der Spieler“ etc.)
Anfang der fünfziger Jahre waren die negativen Auswirkungen des Krieges endgültig überwunden, das Publikum verlangte nach heiterer Unterhaltung, der düstere Kriminalfilm verschwand aus den Kinos. 1952 drehte Siodmak in Italien und England den parodistischen Piratenfilm „The Crimson Pirate“ mit Burt Lancaster in der Hauptrolle. Nach dem Ende der Dreharbeiten ist er einfach in Europa geblieben und hat zum dritten Mal ganz von vorne angefangen. „Ich bin auf die Filme, die ich nach meiner Rückkehr aus Amerika gemacht habe, nicht stolz. Bis auf zwei: ‚Die Ratten‘ und ‚Nachts, wenn der Teufel kam‘.“ Dieses Geständnis sagt über seine vierte Karriere eigentlich alles. Siodmak realisierte noch dreizehn Filme, darunter – absoluter Tiefpunkt seines Schaffens – drei postkartenmäßige Verfilmungen von Stoffen nach Karl May. Einzige Glanzpunkte dieser letzten Periode waren wirklich nur 1955 der Film „Die Ratten“ nach dem gleichnamigen Bühnenstück von Gerhart Hauptmann (in diesem späten, schwarzweißen Meisterwerk mit seiner großartigen Besetzung rührt einen die junge Maria Schell mit ihrer Schauspielkunst zu Tränen) und 1957 der für den Oscar als bester ausländischer Film nominierte Schwarzweißfilm „Nachts, wenn der Teufel kam“ mit Mario Adorf in der Rolle eines schwachsinnigen Massenmörders, der während der Nazizeit sein Unwesen trieb.
Bis kurz vor seinem Tod, den er 1973 in Locarno nach einer Herzattacke fand, arbeitete Siodmak an Filmen. Mit ihm trat der rastloseste unter den deutschstämmigen Kosmopoliten des Kinos von der Bühne ab. Mit seinem Tod ging auch eine Ära zu Ende. Hans C. Blumenberg urteilte: „Karrieren wie die von Robert Siodmak gibt es nicht mehr. Die Zeit der Käuze, der Abenteurer, der Weltenbummler des Kinos ist vorbei.“
Erstdruck in Auftritt, Heft 11/1988