Körper, Augen, Gang
Eine Legende wird 70: Robert Mitchum
Fast den gesamten Film über ist er besoffen, verkatert, abgerissen und wenn man ihn in seinen verschwitzten und schäbigen Kleidern sieht, weiß man wie er riechen muß. Selten hat einer so überzeugend den gedemütigten, geprügelten und verhöhnten Sheriff gespielt, keiner sieht so erbarmungswürdig aus, wenn er einen speckigen, verbeulten Cowboyhut über seinen Quadratschädel gestülpt hat, ein zerrissenes, fleckiges Unterhemd undefinierbarer Farbe anhat, sein schweißüberströmtes Gesicht ein Dreitagebart ziert, keiner wirkt so hilfsbedürftig, wenn er zusammengesackt an einer Häuserwand lehnt, mit aufgeblasenen Backen nach Luft schnappt wie eine Kaulquappe und sich beim Nachladen seines Revolvers fast die zittrigen Finger verknotet, keiner ist so einzigartig, wenn er in den Saloon wankt, Rache für die erlittene Schmach nehmen will, sich immer wieder vor stechenden Magenschmerzen zusammenkrümmt, dann aber um so gnadenloser und unbarmherziger zuschlägt wie – Robert Mitchum.
Die Rolle des P.J. Harah in „El Dorado“, eines Sheriffsterns, „an dem ein total Besoffener hängt“, ist nur einer der vielen unübertroffenen Leinwand-Sternstunden, die uns Robert Mitchum beschert hat.
Mitchum ist ein Phänomen und unterscheidet sich in wesentlichen Punkten von vielen anderen Hollywoodstars. Er vermittelt zum Beispiel in seinen Rollen nie eine Botschaft an die Menschheit. Was richtig ist, ist richtig, weil es in diesem Augenblick so scheint, nicht, weil es den American Dream fördert, das Streben nach Freiheit oder die Erlösung der Getretenen und Geschlagenen.
Er ist allenfalls zur Stelle, um den Gepeinigten in äußerster Bedrängnis kurz vor der Selbstzerstörung zu helfen, nicht, weil das seine Aufgabe wäre, sondern weil er ein weiches Herz hat, weil er die Einsamkeit nicht lustig findet, oder einfach, weil er die Frau, um die es geht, sexy findet und mag. Heilige Grale lassen ihn – unnachgiebig – kalt. Er bewegt sich durch die Welt, als wäre das Überleben das Höchste, was man erhoffen darf. Gewöhnlich mißtraut er der Hoffnung, ist aber auch nicht ganz unempfänglich für sie. Seine Hoffnung ist allerdings immer personengebunden, entweder an sich selbst, oder an einen anderen Menschen.
Entgegen vielen anderen Hollywoodgrößen – zum Beispiel James Stewart oder John Wayne – kann man Mitchum nicht auf den Typus einer Rolle festlegen. Allein in seinen ersten 24 Filmen für RKO hat er 8mal einen Soldaten, 3mal einen Arzt, 1mal einen Privatdetektiv, 1mal einen Polizisten und 8mal romantische Helden verschiedenster Couleur gespielt.
„Er ist eine Rarität unter den Schauspielern, arbeitet hart, beschwert sich nie und hat eine erstaunliche Einsicht. Er ist einer der am Ärgsten unterschätzten Schauspieler.“ (John Huston) „Bei RKO I wurde ich, zusammen mit Jane Russells Brüsten, eines von Howard Hughes größten Vermögen“, urteilt er selbst. Und auf den Grund seines Erfolgs angesprochen, antwortet er mit dem ihm eigenen Understatement: „Einer meiner Verehrer fragte einmal meine Frau, was ich für das Publikum verkörpere. Sie sagte: Sex.“
In über 40 Jahren hat Mitchum mehr als 100 Filme gemacht. Viele sind unvergessen, annähernd zwei Dutzend muß man heute zu den Klassikern zählen, dazu gehören Jacques Tourneurs „Out of the past“ (1947), Nicholas Rays „The lusty men“ (1952), Otto Premingers „Angel Face“ (1952) und „River of no return“ (1954), Charles Laughtons „The night of the hunter“ (1955), John Hustons „Heaven knows, Mr. Alison“ (1957), J. Lee Thompsons „Cape Fear“ (1962), Howard Hawks „El Dorado“ (1967), Dick Richards „Farewell, my lovely“ (1975), Sidney Pollacks „The Yakuza“ (1975), Elia Kazans „The last Tycoon“ (1976).
Geboren wurde er am 6.8.1917 in Bridgeport, Connecticut, als Robert Charles Duran Mitchum. Er verlor früh seinen Vater, die Mutter mußte arbeiten gehen und der unbeaufsichtigte Robert durchlebte mit Bruder John und Schwester Julie eine ausgesprochen „wilde“ Kindheit. Mit 14 lief er von zu Hause weg, trampte als Hobo durch die Staaten, wurde in den Südstaaten wegen Landstreicherei verhaftet und mußte einige Tage in einer Chain-Gang zubringen. 1932 ließ er sich in Kalifornien nieder, fand auf Vermittlung seiner Schwester Arbeit als Bühnenarbeiter und Nebendarsteller beim Long Beach Civic Theatre.
1942 kam er nach Hollywood zu United Artists und fing als Bösewicht in Hopalong-Cassidy-Western an. Seine Fertigkeiten im Reiten und im Umgang mit Wildpferden bescherten ihm in rascher Folge Nebenrollen in B-Pictures und Hauptrollen in einer Anzahl von RKO-Western. Der Durchbruch kam 1945 mit William A. Wellmans „The story of G.I. Joe“, für seine Rolle des Leutnant Walter bekam er sogar eine Oscarnominierung. Es sollte die erste und bisher letzte sein. Der Klatschkolumnistin Hedda Hopper antwortete er einmal auf die Frage, wie viele Oscars er gewonnen habe: „Keinen, und das ist auch genug. Du gehst da hinauf und sagst: Vielen, vielen Dank, und jeder starrt dich an. Da gibt es keinen Ausweg. Ich habe schon genug Ärger.“ Immerhin war er mit dieser Oscarnominierung nach Ende des 2. Weltkriegs ein potentieller Star.
Die Vierziger gestalten sich für Mitchum sehr turbulent. Für seinen Freimut, sein flegelhaftes Wesen, seine Mätzchen, seine Bilderstürmerei und seine Skandale berühmt und gefürchtet, war er ständig in Schwierigkeiten und in den Schlagzeilen. Mitchum genoß das Leben in vollen Zügen, er war der Prototyp des Hipsters, ein Barraum-Krakeeler, dessen bevorzugte Beschäftigungen das Saufen, Huren, Rauchen und Faulenzen waren. Kein anderer Schauspieler stand damals so oft als Kläger und Beklagter vor Gericht, kein anderer hatten einen solch schlechten Ruf, den allerdings auch viele Leute ausnutzten, um selbst in die Schlagzeilen zu gelangen. Neben Bogart galt er als größter Schlucker der Stadt. 1948 schien dann seine erfolgversprechende Karriere, kaum begonnen, jäh beendet zu sein: wegen Marihuana-Besitzes wurde er verurteilt und mußte eine fünfzigtägige Haftstraße absitzen.
Neben dem Raufbold Mitchum gab es aber auch den Poeten, Dramatiker, Songwriter (1957 erschien die LP „Calypso is like so …“ und 1966 „That man Robert Mitchum … sings“), Spaßvogel und treuen Freund, der Gedichte über seine Kinder schrieb und der – für einen freiheitsliebenden Herumtreiber ein durchaus nennenswerter Rekord – seit 1940 mit seiner Frau Dorothy verheiratet ist.
Will man das Phänomen Mitchum auf eine Formel bringen, so kann man sagen: Mitchum, das ist in erster Linie Körper, Augen, Gang. Seine Schultern und Hüften bewegen sich auf eine eigenartig harmonische Weise, die seinen unverkennbaren Gang zu einem Erlebnis machen. Sein Markenzeichen hat buchstäblich Eingang in die Drehbücher gefunden. In „Secret Ceremony“ (1968, Joseph Losey) sagt Tante Hilda über Albert (R.M.): „Ach, Albert, mit seinen stinkenden Pfeifen, seinen zerbeulten Hosen, seinen Büchern und seinem Gang, seinem lasziven, aufreizenden, sinnlichen Gang.“ Bescheiden wie Mitchum ist, hat er behauptet, er hätte nie gut gehen wollen, sondern nur den Bauch eingezogen.
Mitchum verstehen zu wollen, heißt, seine Augen beobachten zu müssen. Seine schweren Augenlider lassen auf Passivität und Melancholie schließen, sie haben etwas von der Müdigkeit des Marihuana-Rauchers und Gewohnheitstrinkers. Die Augen blicken ihr Gegenüber an, als ob sie es gar nicht wahrnehmen würden. Man muß schon sehr genau hinsehen, um ihr tiefes Verständnis zu erkennen. Oft macht Mitchum in seinen Dialogen Pausen, die nicht erkennen lassen, ob er mit seiner Rede fertig ist oder nicht, dann muß man auf seine Augen achten. Sind sie noch starr und konzentriert, dann denkt er noch nach, und man muß für sein Gegenüber fürchten, haben sie ihre Schärfe verloren, blickt er auf oder zur Seite, ist die Gefahr – zumindest vorerst – gebannt.
Das letztlich offensichtlichste Argument ist jedoch seine schiere Größe, seine gewaltige Präsenz. Mit einer Körpergröße von über einsneunzig, mit den Schultern eines Schwergewichtscatchers, dem Brustkorb eines Gorillas, dem Nacken eines Nashorns und einem Schädel, der der Form nach einem grob behauenen Granitblock gleicht, beherrscht er die Leinwand – zumal bei den kleineren Bildausschnitten – dermaßen, daß es für nichts anderes mehr Platz zu geben scheint. Sicher mit ein Grund, warum er in allen seinen Filmen wirklicher scheint als irgendjemand sonst.
Weil Mitchum immer auch ein großartiger Geschichtenerzähler war, möchte ich mit einer seiner Lieblingsanekdoten schließen, die auch die Frage aufwirft, warum es außer einem wenig attraktiven Buch in der Reihe Heyne Filmbibliothek noch keine Arbeit von oder über ihn gibt.
Über seine Verpflichtung für „The angry hills“ (1959, Robert Aldrich) erzählt er: „Eigentlich wollten sie Alan Ladd für die Titelrolle, aber als sie (die Produzenten) zu ihm nach Hause fuhren, um ihn zu sehen, kroch er gerade aus seinem Swimmingpool, er war zusammengeschrumpft wie die Hand eines Tellerwäschers … Er war so klein, daß sie ihn kaum sehen konnten, so entschieden sie sich, ihm die Rolle des Kriegskorrespondenten nicht zu geben … Irgendein Idiot sagte: Fragt Mitchum, ob er die Rolle spielen will. Der Nichtsnutz spielt alles, wenn er fünf Minuten frei ist. Gut, ich hatte gerade fünf Minuten Zeit, also spielte ich die Rolle.“
Am 6. August wird Mitchum 70 Jahre alt. Für sein Alter sieht er immer noch verdammt gut aus und verglichen mit gleichaltrigen Kollegen ist er ein wahrer Springinsfeld. Nach dem Geheimnis seiner Fitness gefragt, antwortete er kürzlich in einem Interview erwartungsgemäß spitzzüngig: „Ich atme ein, ich atme aus.“ Ans Aufhören denkt er Gott sein Dank noch nicht. Immer noch steht er mindestens einmal pro Jahr vor der Kamera. „Ich bin in dem Geschäft wegen meines Egos. Ich habe ein tiefes Bedürfnis, meinen Gärtner zu beeindrucken.“ Darauf machen wir ein gutes Fläschchen auf.
Erstdruck in Frankfurter Rundschau, 1.8.1987