Der linkshändige Sexist

„Ich bin jetzt Familienvater, Brotverdiener, Mr. Steuerzahler. Ich mache mir Sorgen wegen der Rechnungen, mähe den Rasen, streite mit meiner Frau und ertrage mein freches Kind. Ja, wir haben es gut hier.“ Robert Crumb, seit 25 Jahren wahrscheinlich der berühmteste Underground-Cartoonist der Welt, lebt heute zurückgezogen zusammen mit seiner Frau Aline und Tochter Sophie in der kalifornischen Pampa. Sein Zynismus und seine kesse Lippe hat er dadurch allerdings nicht eingebüßt. Einen Eindruck davon kann man sich anhand der nun veröffentlichten Skizzenbücher mit Arbeiten aus den Jahren 1983-87 machen. Großformatig und in bestechender Qualität reproduziert, sind sie, von Harry Rowohlt übersetzt und teilweise kenntnisreich kommentiert, jetzt bei Zweitausendeins in Welterstauflage erschienen.

Das „Sketchbook“ enthält vor allem Zeichnungen einzelner Personen, realistische Porträts von Aline und Sophie, Freunden und Bekannten, Passanten von der Straße, Patientinnen der Irrenanstalt von Surrey County. Daneben gibt es natürlich auch Karikaturen, Cartoons und kleine Comicstreifen. Vergleicht man frühere Arbeiten mit den heutigen, kann man eine Hinwendung zur realistischen Zeichnung und zum Detail feststellen. Die „Popeye-Malweise“ ist passé, Vorbild und Inspirationsquelle wurden in den vergangenen Jahren immer stärker alte Meister, allen voran Pieter Breughel.

Inhaltlich hat sich dagegen nicht sehr viel verändert seit den studentenbewegten Zeiten, damals in San Francisco. Die Themen sind die gleichen. Crumb ist immer noch der Chronist des kollektiven Unterbewußtseins, der linkshändige Sklave seiner Libido. Die Sex-, Gewalt- und Terrorphantasien treten in den Skizzenbüchern zwar nicht so in den Vordergrund, weil man eben nur einzelne Entwürfe und Figuren, keine fertigen Bildergeschichten geboten bekommt. Trotzdem ist Crumbs Selbstcharakterisierung auch hier unübersehbar: „Von außen sieht unser Leben anheimelnd aus, aber drinnen: sexuelle Perversionen, Drogen, Neurosen.“

Seit 25 Jahren lacht alle Welt über diese Macken. Crumbs Zeichnungen waren immer reinste Autobiographie. Nicht von ungefähr spielt er selbst so oft eine Hauptrolle in seinen Cartoons. Crumb war schon 1965, wie er selbst sagt, viel „zu bieder“, um ein richtiger Hippie zu sein. Er mochte ihre Musik nicht und sah damals schon aus wie die brave Ausgabe von Groucho Marx. Sein Outfit entspricht exakt dem Klischee vom Kleinbürger, der abends seinen Dackel ums Karree führt und dabei den jungen Mädchen auf der Straße lüstern auf die wippenden Titten und die mit „Bohneneffekt“ ausgestatteten Hinterteile („dieses sehr runde, muskulöse hintere Ende“) schielt. Diese radikale Ehrlichkeit, das Bekennen zu den eigenen Phantasien, Neurosen und Ängsten, die er in seinen linkischen Pechvögeln, Freaks und Antihelden zum Ausdruck bringt, machte ihn zur Kultfigur.

Die stärksten Antriebsfedern seiner Produktivität sind sein Selbsthaß („Selbsthaß ist eine wichtige Quelle der Kreativität“), sein Sextrieb („Ja, ich glaube, ich bin Sexist.“) und das Trauma seiner Kindheit (Ich war „schon als Kind ein Schwächling, ich wurde sogar einmal von einem Mädchen verhauen, sie machte meine Brille kaputt, ich kam heulend nach Hause“.) In über 400 von ihm erfundenen Comicfiguren hat er – schockierend, entlarvend und emanzipatorisch – in einer Art Selbsttherapie seine heimlichen und unheimlichen Wünsche, seine verbotenen Phantasien, seine tabuisierten Ideen, und damit immer auch die der Gesellschaft um ihn herum, ausgelebt. Herausgekommen ist dabei ein beängstigendes Porträt der amerikanischen Realität. „Das moderne Amerika erschien mir bankrott, am Ende, und so erscheint es mir noch immer.“

Auch wenn Crumb den Ursprung seiner Kunst im Privaten sucht und findet, so hat er es doch immer verstanden, daraus zugleich eine politische Dimension zu machen. Für ihn ist alles eine Frage des gesellschaftlichen Kontextes. Bei allem Witz, Sarkasmus und Zynismus, bei aller Harmlosigkeit und Banalität, die in jeder seiner Zeichnungen stecken, vergißt er doch nie die Realität des Lebens. „Es geht etwas vor in Amerika. Dumpfer Haß und Paranoia mitten im Herzen dieses Landes. Rechtsradikale, christliche Sekten schießen bei uns hier aus dem Boden; Leute, die Überlebenstraining machen, legen Waffenlager an. Sie organisieren sich. Sie sind bereit für den großen Showdown mit den Feinden der gesitteten Christenheit, und ich bin sicher, sie würden mich als speziellen Feind betrachten, wenn sie wüßten, was ich in meinem Studio mache. Ich habe die Vision, daß sie kommen und mich holen.“

Robert Crumb: Sketchbook, November 1982 to April 1987, Zweitausendeins

Erstdruck in Wolkenkratzer Art Journal, Heft 5, 1989