Träume von Babylon
Für den längst fälligen Durchbruch des weltfremden amerikanischen Autors Richard Brautigan sind jetzt beste Voraussetzungen geschaffen
„Ich bin dreißig, und in den letzten zehn Jahren lag mein Durchschnittseinkommen bei 1400 Dollar im Jahr. Amerika ist ein sehr reiches Land, und ich komme mir manchmal unamerikanisch vor. Ich meine, es kommt mir so vor, als ließe ich Amerika im Stich, weil ich einfach nicht genug Geld verdiene, um meine Staatsangehörigkeit zu rechtfertigen.“ So lautet ein frühes Selbstverständnis des 1935 in Tacoma geborenen Richard Brautigan, der 1967, als Haight-Ashbury zum Inbegriff der Jugendrevolte wurde, mit seinem Roman „Trout Fishing in America“ seinen ersten großen Erfolg verbuchen konnte. Die Hippies vereinnahmten Brautigan, erkoren ihn mit großem Trara zur Gallionsfigur, ohne zu bemerken, daß der als notorischer Einzelgänger bekannte Autor mit der von ihnen proklamierten Gemeinschaft wenig anzufangen wußte.
Anfang der siebziger Jahre entdeckte ihn dann die japanische Intelligenzia und bescherte ihm einen zweiten großen Durchbruch. Seine Bücher wurden in Japan bald als Lehrbücher im Englischunterricht verwendet. Sein enthusiastischer Kommentar dazu: „Nicht schlecht für jemanden, der ein paar Jahre gebraucht hat, bis er durch die erste Klasse gekommen ist.“
Die ungeheuere Popularität in Japan lief parallel mit seinem Vergessenwerden in den Vereinigten Staaten und der übrigen Welt. Brautigan verkraftete weder das eine noch das andere. Er verfiel dem Alkohol und nahm sich 1984, weitgehend vergessen, in seinem Haus in Bolinas, Kalifornien, das Leben.

Günter Ohnemus, Brautigans definitiv bester und einzig ernstzunehmender Übersetzer deutscher Zunge, hatte im eigens hierfür gegründeten Kleinverlag bis auf zwei Ausnahmen den Großteil von Brautigans Werk bereits Ende Siebzig/Anfang Achtzig hier in Deutschland publiziert. Jetzt hat der Eichborn Verlag mit der Herausgabe einer Brautigan Werkausgabe begonnen, pro Jahr sollen zwei Bücher erscheinen. Günter Ohnemus wird diese Werkausgabe betreuen, und damit sind die allerbesten Voraussetzungen geschaffen, Brautigan in Deutschland zum längst fälligen Durchbruch zu verhelfen.
Keith Abbott, ein langjähriger Freund und Kollege von Brautigan erzählt über ihre frühen Jahre: „Richard war der eigensinnigste Mensch, den ich je kennengelernt habe. Als jungem Schriftsteller, von dem fast noch nichts veröffentlicht worden war, machte es mir großen Eindruck, daß er ausschließlich von dem Geld lebte, das er mit Schreiben verdiente. Er war fest entschlossen, seinen Weg als Schriftsteller zu machen, und zwar zu seinen Bedingungen. Daß jemand wie er, der aus sehr armen Verhältnissen kam, ein vernachlässigtes Kind war und praktisch überhaupt keine Schulbildung hatte – daß so jemand überhaupt etwas geschrieben hatte, war allein schon ein Wunder. 1966 hatte er drei Romane geschrieben, von denen keiner veröffentlicht worden war, er hatte keine Agenten, keinen Verleger, und doch machte er auf mich den Eindruck eines Mannes, der sein Talent und seine Arbeit mit ungeheurer Zuversicht betrachtete.“
Sein größtes Talent war wohl die Fähigkeit, mit einer unverschämten Selbstverständlichkeit Dinge abzuhandeln und anzusprechen, die anderen Autoren nur schwerfällig über die Zunge, respektive aus der Feder, kommen. Immer wieder steht man fast ungläubig vor der Einfachheit und Unverbrauchtheit, vor der Kühnheit und Direktheit von Brautigans Sprache, die gespeist wird von der „erschreckenden Fähigkeit, sich nicht um den gewöhnlichen, gesunden Menschenverstand zu kümmern, sondern sich auf das Ungewöhnliche zu konzentrieren“ (Abbott). Brautigan besitzt die Naivität desjenigen, der die Dinge zum ersten Mal sieht, kein Wunder bei einem Menschen, dessen, wie Tom McGuane sagt, „einziges Spielzeug sein Hirn war“.
Drei Bücher sind bisher bei Eichborn erschienen. In „Die Abtreibung: Eine historische Romanze 1966“ erzählt Brautigan die wunderliche Geschichte einer Bibliothek, in der man keine Bücher ausleiht, sondern „wo nur Verlierer ihre Bücher hinbringen“, und einer Liebe zwischen dem kauzigen Bibliothekar und Vida, einer Fau, die so schön ist, „daß die Werbeleute einen Nationalpark aus ihr gemacht hätten, wenn sie sie in die Finger bekommen hätten“.
„Das Hawkline Monster“ halte ich für Brautigans tiefsinnigsten und politischsten Roman. Es geht um die Wissenschaftsgläubigkeit, um den Fortschritt, der sich als schwere Hypothek für die Menschheit erweist. Brautigan wäre nicht Brautigan, begänne dieses Buch mit diesem ernsten Thema nicht wie ein absurder Western, gewänne dann etwas von einer komischen Fantasygeschichte, nähere sich gegen Schluß einem romantischen Märchen und endete schließlich als witzige Groteske.
Das kürzlich erst erschienene „Träume von Babylon“ beginnt, wie ein guter Chandler-Roman nicht besser beginnen könnte. Für Private Eye C. Card beginnt der 2.1.1942 mit zwei einschneidenden Nachrichten. Zum einen wird ihm mitgeteilt, daß er für die Armee völlig untauglich ist, und zum anderen erhält er nach langer Zeit endlich wieder einen Auftrag, für dessen Erledigung allerdings der Besitz einer Pistole Voraussetzung ist. Ein solche besitzt Card zwar, aber leider ohne die dazugehörige Munition. Selbstredend ist er so abgebrannt und diskreditiert, daß es fast aussichtlos scheint, in den Besitz auch nur einer Patrone zu kommen.
Der Leser lernt Card in dem Moment kennen, wo er von sich selbst sagt: „Ich habe in meinem Leben eine Menge Sachen gemacht, auf die nicht stolz bin, aber das Schlimmste, was ich je gemacht habe, war, so arm zu werden, wie ich jetzt war.“ Card ist nichtsdestotrotz keiner dieser erbärmlichen Jammerlappen. Sachlich nüchtern registriert er seinen Zustand: „Es war ein Schuß ins Blaue, aber schließlich war alles, was ich damals machte, ein Schuß ins Blaue. Der fing schon morgens beim Aufwachen an. Die Chancen standen 50:1 gegen mich, daß ich mir morgens beim Pinkeln nicht die halbe Blase auf den Fuß kleckerte, wenn Sie wissen, was ich meine.“ Sein Weltbild ist geprägt von der Einsicht, wo es Gewinner gibt, da muß es auch Verlierer geben. „Na ja … wenn sie gewollt hätten, daß die Welt vollkommen wäre, dann hätten sie sie gleich von Anfang an so gemacht, und ich rede ja hier nicht vom Garten Eden.“
Natürlich ist Brautigan ein Weltfremdling, ein Träumer, ein Unrealist, aber wie schön sind seine Märchen, seine Ideale, seine Utopien. Brautigan hat in seinen Texten diese subversive Kraft, mit der man Menschen verändern kann und damit die Welt. Wer Brautigan liest, ist hinterher ein anderer als er vorher war. Und – einmal von Brautigan infiziert, gibt es nur eine Rettung: Alles lesen, was man von ihm in die Hände bekommen kann.
Erstdruck in Auftritt, Heft 10/1986