Mit Mut zum Mißverständnis

Reinhold Batberger und seine Erzählungen „Drei Elephanten“

Sich auf die Bücher von Reinhold Batberger einzulassen, bringt Gefahr mit sich, zumal für den Kritiker. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum sie so wenig besprochen werden?

In Batbergers zweitem Buch, der Erzählung “Beo”, steht ein programmatischer Satz: „Nehmen wir einen unserer Gedanken und schicken wir ihn auf die Reise.“ Motivation, Hoffnung, Erwartung und Utopie, die damit verbunden sind, erfahren wir einige Zeilen weiter: “… unser Gedanke indes schert sich nicht um Hindernisse aller Art …” Jedem seiner ersten drei Bücher hat er ein Motto vorangestellt. Liest man sie hintereinander, läßt das erhellende Rückschlüsse zu. „Alles ausgedacht, wie es sich gehört.“ (Auge, 1984) „Du sagst mir die Wahrheit ins Gesicht, und ich falle tot um. Was stellst du dir vor!“ (Beo, 1985) „Nichts, worauf Rücksicht zu nehmen ist.“ (Skalp, 1987) Man ahnt schon: kein leichter Fall.

Es gibt zwei Möglichkeiten, auf Batbergers Texte zu reagieren: sie als Unsinn abzutun oder sie als Herausforderung für die eigene Phantasie und Kreativität zu akzeptieren. Für beide Möglichkeiten gibt es Argumente, wobei die Vertreter der ersten meist die überzeugenderen und einleuchtenderen Begründungen auf ihrer Seite haben. Es war schon immer einfacher, Unbequemes, Sperriges abzukanzeln. Tendiert man zu letzterer Möglichkeit, gibt es zweierlei Lesarten: die „gelehrte“ und die „unwissende“. Auch in diesem Fall entscheide ich mich für letztere Alternative. Mir scheint es müßig und eher Aufgabe eines germanistischen Seminars, alle literarischen, philosophischen und ästhetischen (kunsthistorischen) Anspielungen in Batbergers Texten aufzuschlüsseln. Das Gros der Leser will unterhalten werden.

Wenn man unvoreingenommen und erwartungslos an Batbergers Texte herangeht, können sie zum Leseabenteuer und sogar zum Vergnügen werden. In “Drei Elephanten”, seinem zuletzt erschienenen Buch, ein Taschenbuch mit neun unterschiedlich langen Erzählungen, gibt sich einem Batbergers Assoziationstechnik, die auf den ersten Blick willkürlich erscheint, oftmals spielerisch als Methode zu erkennen. In der Erzählung “Vierzig Gangster” folgt man anfänglich einem verwirrenden und undurchschaubaren Gedankenmobile. Ein Stichwort löst ein anderes aus, und man scheint sich heillos zu ver-irren. „Wie leicht wäre er umzulegen gewesen, ausblasen hätte ich ihn können, zu dieser Zeit. Sein Lebenslicht ausblasen. Diese blaue, zahnlose Ratte. Aber was rege ich mich auf. Immer noch. Ich kenne ihn am längsten von allen Gangstern. Und ich kenne ihn am wenigsten. Ich möchte ihn gar nicht kennen. Aber ich möchte Bescheid wissen. Möglichst genau. Urn den anderen das Handwerk zu legen. Wenn sie mit ihm zu tun haben. Sie haben mit ihm zu tun; aber ich kann es nicht beweisen.“ Arn Schluß der Erzählung aber haben sich die vielen, scheinbar nichtssagenden Gedanken zu jedem dieser vierzig Gangster zu einem aufschlußreichen Gesamtbild verdichtet.

In all seinen Texten führt Batberger seine Leser in eine klar nachvollziehbare Welt, die zwar rätselhaft und konstruiert ist, in der man sich aber aufgrund seiner fragmentarisch genauen Beschreibung gut zurechtfindet. “Vierzig Gangster” läßt sich lesen als Metapher auf die Korruption, Gewalttätigkeit und allgemeine Verkommenheit der Welt. Die Zustände sind allenthalben kriminell und Hoffnung für den einzelnen gibt es keine. Das Individuum sitzt im großen universellen Räderwerk, auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Es ist fähig, zu sehen, zu hören, zu sprechen, zu reflektieren, zu schlußfolgern, zu analysieren, zu ahnen, zu pro- phezeien und zu träumen, es ist „gierig auf Rettung“, allein es hat nicht die Kraft oder den Mut zur Rebellion und zum Widerstand. In Batbergers Texten wird nicht gejammert oder aufbegehrt, es wird festgestellt.

Schon Messer, der rätselhafte Detektiv aus seinem ersten Roman, bekam von seinem undurchsichtigen Auftraggeber Cartago die Direktive: „Beobachten Sie alles!“ Als ob das so einfach wäre. Batberger als Schöpfer dieses unerfüllbaren Auftrags versucht das Möglichste. Er schreibt gestochen scharf, seine Beobachtungen sind exakt. In spartanischen Sätzen teilt er dem Leser nur das Wesentlichste mit, dessen Phantasie komplettiert das Bild zum Film. Was langweilig und banal erscheint, wird so mit Leben und Spannung erfüllt. Voraussetzung ist allerdings, daß man sich ohne wenn und aber auf die Geschichten einläßt. Batbergers Bücher fordern den ganzen Leser.

Batberger verlangt von ihnen die gleich Haltung, die seine Ich-Erzähler an den Tag legen und die in Sätzen wie diesen zu Ausdruck kommen: „Ich sehe keinen Zusammenhang, es ist mir egal.“ oder “…er versagt mir das eben Gesagte bis zur Unkenntlichkeit …“ oder „Dann quälte ich mich doch durch die beiden Bücher. Sie gefielen mir sogar, wenn ich sie nicht mit dem Buchmacher und seinen möglichen Plänen in Verbindung brachte; daß ich nicht verstand, was ich las, störte mich nicht; aber im Hinblick auf die Buchmacher war doch etwas beunruhigend, was ich las.“ Auch wenn Batbergers Texte so gar nicht griffig sind, transportieren sie doch trotz aller Fremde (Titel: “Salammbo und das Ei”, “Vase de nuit”, “Patella”, “C’é non I c’é”) Reales. Vor 20 Jahren schrieb Peter Bichsel über Günter Eichs Maulwürfe, an die ich während der Batberger-Lektüre immer auch denken mußte: „Seine Welt erscheint vielleicht dem Leser anfänglich absurd, wird ihm aber bald vertraut, und zum Schluß und als Ganzes ist sie mit der Wirklichkeit identisch, Realismus auf Umwegen also.“ Die Wirklichkeit ist widersinnig: in den „Drei Elephanten“ von Reinhold Batberger.

Reinhold Batberger: Drei Elephanten. Erzählungen. edition suhrkamp, 114 Seiten, 10 DM

Erstdruck in Frankfurter Rundschau, 12.7.1988