Der wilde Romantiker

Zu Raymond Chandlers Briefen

Wenn man nach den Urhebern fragt, die den Kriminalroman literarisch salonfähig gemacht haben, dann erhält man als Antwort allgemein zwei Namen: Dashiell Hammett und Raymond Chandler. Hammett veröffentlichte in den frühen zwanziger Jahren seine ersten Erzählungen in der Zeitschrift „Black Mask“, Chandler gab in der gleichen Zeitschrift 1933 sein Debüt. In dem Jahr, in dem Hammett auf hörte zu schreiben. Gemeinsam war ihnen beiden die in Inhalt und Stil verfochtene Wirklichkeitstreue. Hammett war der Star unter den „Black Mask“-Schreibern und verstand seine Geschichten vor allem als Antwort auf die europäische Kriminalliteratur, die geprägt war von hanebüchenen Fallkonstruktionen. Hammett und die anderen Autoren der sogenannten „hard-boiled school“ setzten dem vorherrschenden Wust an Unwahrscheinlichkeiten,  grotesk konstruierten Fällen und gesellschaftsenthobenen Mordfeldern lebendige Charaktere und realitätsnahe Milieuschilderungen entgegen. Seit Hammett kennt der Krimileser den Ganovenslang, weiß man wie der wirkliche Alltag eines Privatschnüfflers aussieht und sind Verbrechen in realexistierende Zustände eingebunden.

In der großen, jetzt erstmalig auf deutsch vorliegenden Edition von Chandlerbriefen ist natürlich eines der zentralen Themen das Selbstverständnis als Autor. Immer wieder kommt Chandler auf sein Schreiben und das, was er damit bezwecken will, zu sprechen. „Ich will darin, in dem von mir schon gewohnten Bordellstil, darlegen, daß es schnurzegaI ist, wovon ein Roman handelt, daß die einzige Prosa zu allen Zeiten in allen Jahrhunderten jene war und ist, die Magie mit Worten treibt, und daß der Stoff bloß das Sprungbrett für die Einbildungskraft des Autors ist …“ Zeitlebens hat er vehement gegen Kollegen und Kritiker polemisiert, für die Kriminalromane ein minderwertiges Literaturgenre war, eine Literaturgattung, die man nicht ernst zu nehmen brauchte und die man auch nicht mit normalen Literaturqualitätsmaßstäben messen sollte und konnte. Für Chandler gab es keine Genreunterteilung, für ihn gab es nur gute Prosa und schlechte Prosa. Ob es sich nun um einen Liebes-, Gesellschafts- oder Kriminalroman handelte, die Kunst jeden Autors bewies sich für ihn darin, ob der Schreiber in der Lage war, seiner Prosa einen „Hauch von Zauber“ zu verleihen. Profaner gesagt:  Die Qualität eines Schriftstellers zeigt sich in seiner Sprache, in seinem Stil. So gelesen, sind die Chandlerbriefe eine Einführung in die Kunst des Schreibens und der Literaturkritik.

Man kann sie aber auch als Autobiografie lesen. Raymond Chandler wurde am 23 Juli 1888 in Chicago geboren und ist am 26 März 1959 in San Diego gestorben. „Wie Sie vielleicht wissen, bin ich ein Mischling. Mein Vater war Amerikaner und stammte aus einer Quäker-Familie in Pennsylvania, und meine Mutter war Anglo-Irin, ebenfalls aus einer Quäker-Familie. … Ich bin in England aufgewachsen und habe im Ersten Weltkrieg bei der 1. Kanadischen Division gedient. Als Junge bin ich viel in Irland gewesen …“ Chandler hat später immer wieder betont, daß er „mit Griechisch und Latein aufgewachsen“ ist. Auf seine klassische Bildung legte er großen Wert. Er hoffte wohl, damit unterstreichen zu können, daß er wußte, von was er sprach, wenn er sich über das Handwerk des Schreibens ausließ.

Nach dem Ersten Weltkrieg ging Chandler verschiedenen Tätigkeiten nach und kam schließlich über Beziehungen ins Ölgeschäft. In der South Basin Oil Company stieg er bis zum Vizepräsidenten auf. 1924 heiratete er die achtzehn Jahre ältere Pianistin Cissy Pascal, über die er nach ihrem Tod schrieb: „Dreißig Jahre, zehn Monate und vier Tage lang war sie das Licht meines Lebens, mein einziger Ehrgeiz. Alles, was ich sonst tat, war nur das Feuer für sie, sich die Hände daran zu wärmen. Mehr ist nicht zu sagen.“ 1932 verlor er in Folge der wirtschaftlichen Depression seine Stellung und wurde arbeitslos. Nach der Lektüre von „Black Mask“-Heften beschloß er, selbst Schriftsteller zu werden. 1939 erschien sein erster von insgesamt acht Romanen, „The Big Sleep“. Eine beispiellose Karriere lag vor ihm. Den Anfang vom Ende läutete dann der Tod seiner Frau ein. Seine Verzweiflung darüber war so groß, daß er jeden Lebensmut verlor und am 22. Februar 1955 einen Selbstmordversuch unternahm. „lch wüßte Ihnen ums Leben nicht zu sagen, ob ich wirklich die Absicht hatte, die Sache durchzuziehen, oder ob mein Unbewußtes nur eine billige dramatische Vorstellung gegeben hat. Der erste Schuß ging jedenfalls ganz ohne meine Absicht los. Ich hatte noch nie mit der Pistole geschossen, und der erforderliche Druck auf den Abzug war so gering, daß ich ihn kaum berührt hatte, um meine Hand in die richtige Position zu bringen, als der Schuß auch schon losging und die Kugel rings an den Kachelwänden der Duschkabine abprallte und oben in die Decke fuhr. Sie hätte mir ganz ebenso leicht auch in den Bauch schlagen können nach dem Abprall. Die Ladung kam mir reichlich schwach vor. Das erklärt sich, als der zweite Schuß (der die Sache nun besorgen sollte) überhaupt nicht losging. Die Patronen waren etwa fünf Jahre alt, und in dem Klima hier hatte sich die Ladung, vermute ich, wohl zersetzt.“ Schwerer Alkoholismus, Zusammenbrüche, Krankheiten und Klinikaufenthalte schlossen sich daran an. Raymond Chandler starb schließlich einsam und verlassen als alter, seniler Mann in einem Krankenhaus an den Folgen einer Lungenentzündung.

Eine weitere Lesart ist, die Briefe als eine Art kleine Filmgeschichte zu nehmen. „1943 ging ich nach Hollywood, um mit Billy Wilder an Double Indemnity zu arbeiten. Das war eine mörderische Erfahrung und hat mir wahrscheinlich das Leben verkürzt; aber ich habe daraus auch soviel gelernt übers Drehbuchschreiben, wie ich zu lernen imstande bin, was allerdings nicht sehr viel ist. Ich stand danach dann bei der Paramount unter Vertrag und machte verschiedene Filme dort …“ Chandler war von Anfang an mit Hollywood in einer Art Haßliebe verbunden. Einerseits rissen sich die Studios förmlich um ihn, zahlten ihm fürstliche Gehälter und Honorare, was ihm immerhin ein sorgenfreies Leben ermöglichte, andererseits fühlte er sich als Drehbuchschreiber permanent unterfordert und in seiner Arbeit schmählich behandelt. Bis auf einen wurden alle seine Romane verfilmt, manche sogar mehrmals. Mit keiner dieser Verfilmungen war er zufrieden. Die allermeisten   begriff er als Beleidigung. Die Originaldrehbücher, die er schrieb, kamen nie in ihrer ursprünglichen Form auf die Leinwand. Seine Verärgerung darüber ging manchmal so weit, daß er – wie im Fall von Strangers on a Train, seiner einzigen Zusammenarbeit mit Alfred Hitchcock – seinen Namen aus dem Vor-und Nachspann nehmen ließ. Sein Unmut über die Behandlung der Drehbuchschreiber zieht sich durch die gesamte Briefedition. In einem Brief an Hitchcock zum Beispiel zieht er geharnischt vom Leder: „Ich hätte nicht das mindeste dagegen gehabt, hätten Sie ein besseres Drehbuch produziert – glauben Sie mir, bestimmt nicht. Aber wenn Sie etwas mit Magermilch geschrieben haben wollten, warum um alles in der Welt sind Sie dann als erstes zu mir gekommen?  Was für eine Geldverschwendung! Was für eine Zeitverschwendung auch! Der Satz, daß ich doch gut bezahlt worden sei, ist keine Antwort. Niemand kann für die Vergeudung seiner Zeit angemessen entschädigt werden.“

Bei allem Ernst, bei aller Verbitterung, die manchmal mitschwingt, muß man doch eines besonders hervorheben: Chandler war ein unglaublich witziger und humorvoller Mensch. Selbst in den traurigsten Briefen gibt es immer wieder Stellen, die das unterstreichen. Eine ganze Reihe von Briefen strotzen nur so vor Selbstironie und sind überaus lustig. „Ich bin achtunddreißig Jahre alt, und zwar schon seit zwei Jahrzehnten. Ich halte mich selber nicht unbedingt für einen Meisterschützen, aber mit einem nassen Handtuch bin ich ein ziemlich gefährlicher Mann. Alles in allem freilich ist meine Lieblingswaffe, glaube ich, ein Zwanzig-Dollar-Schein. In meiner Freizeit sammle ich Elefanten.“

Nach dem Tod seiner Frau wird die Korrespondenz mit Verlegern, Agenten, Kollegen, Freunden, Fans, Redakteuren, Kritikern und seinen Sekretärinnen insgesamt spärlicher. Die Briefe sind ab 1954 privaterer Natur, berichten von seinen labilen Gemütsverfassungen, seinen senilen Anwandlungen betreffs Frauen und Literatur und werden vor allem in den letzten paar Lebensjahren des öfteren auch frivol. Statements wie das folgende wären zu Lebzeiten seiner Frau undenkbar gewesen. „Kleinen Moment, bitte. Draußen vor meinem Fenster geht ein Mädchen in einem zweiteiligen Badeanzug. Das Oberteil ist ungefähr zwei Zoll breit, und wenn das Höschen noch weiter einläuft, kann’s sein, daß ich mit Kamm und Bürste kopfüber durch die Scheibe schieße.“

Die von seinem Biografen Frank MacShane zusammengestellte und herausgegebene Briefauswahl zeichnet für Menschen, die Chandler nicht persönlich kennengelernt haben, das wahrscheinlich ehrlichste und menschlichste Bild dieses wertkonservativen Puristen und Puritaners und „hoffnungslosen Sentimentalisten“, das man retrospektiv erhalten kann. Die Briefe geben Zeugnis von einem einzigartigen Schaffen und dem Leben und der Weltanschauung eines feinen, am Ehren- und Verhaltenskodex des Gentlemanideals orientierten Menschen. Wie sie summa summarum zusammenzufassen sind, hat er selbst am besten aufgeschrieben. „Was die Briefe betrifft, so sind manche analytisch, manche ein bißchen poetisch, manche traurig, und eine ganze Menge sind kaustisch oder gar komisch. Sie zeigen, denke ich, die Reaktion eines Schriftstellers auf seine frühen Kämpfe und später seine Bemühungen, die zahllosen Leute abzuwehren, die ihn auf irgendeine Weise auszubeuten suchen. Es sind auch Liebesbriefe dabei und Briefe an ein unbekanntes Mädchen in Australien, die lediglich einen wohlmeinenden Versuch darstellten, seine Probleme zu lösen, nachdem es mir mehr von ihrem Herzen geschenkt hatte als sonst je (so sagte sie) einem Mitglied ihrer Familie.“

Raymond Chandler: Briefe 1937-1959, Aus dem Amerikanischen von Hans Wollschläger, Knaus Verlag, 688 Seiten, 56 Mark

Februar 1991