Meursault der Achtziger
Assen fährt stundenweise Taxi, den Rest des Tages verbringt er mit Schreiben. Seine Lebenseinstellung entspricht ungefähr Camus‘ Meursault. Dann begegnet ihm das Leben in Form einer Frau. Eine richtige Leidenschaft wird es nicht, aber Iris ist schön, begehrenswert und ihr Körper macht ihn ein bißchen abhängig. Gewohnheit stellt sich ein, die Schmerzen erzeugt in dem Moment, wo Iris einen Rückzug andeutet. Zu dem täglichen Kleinkrieg mit einem aufsässigen Hausbesitzer, den politischen Spannungen, die auf den Straßen Berlins ausgetragen werden, die ihn aber kaum berühren, kommen ernste Schwierigkeiten, als Iris schwanger wird, das Kind auf jeden Fall haben will, Assen aber vor der Verantwortung scheut, die eine Vaterrolle mit sich bringen würde. Die Situation spitzt sich zu, würde in einem Verbrechen enden, das wiederum Camus‘ Fremden ähnlich, etwas Endgültiges hätte, endlich einmal einem „starken Entschluß“ gleichkäme, wenn da nicht das Schicksal einen dicken Strich durch die Rechnung machen würde.
Ralf Rothmann gelingt mit der Erzählung „Messers Schneide“ ein beachtliches Prosadebüt. Auffallend ist sofort seine Sprachbegabung. Stilsicher und poetisch setzt er immer wieder gelungene Glanzlichter in einer sonst eher spröde und knapp gehaltenen Erzählung. Faszinierend gleich der Anfang seines Buches. Unglaublich metaphorisch und unverbraucht beschreibt er eine Jahreszeit, die – so blöd das klingen mag – einem bewegten Stilleben gleicht.
Die Geschichte selbst transportiert nichts Neues, ist aber auch weit entfernt von den rührseligen und pathetischen Beziehungskisten-Ergüssen, modischen Schickimicki-Künstlichkeiten und langweiligen Szene-Stories vieler aktueller Schreiberlinge. Rothmann transportiert eine Menge Lebensgefühl der Achtziger. Er hat – was leider immer noch eine deutsche Mangelerscheinung ist – eine gehörige Portion Humor, die seiner Erzählung sehr zuträglich ist. Immer wieder gibt es Passagen, wo man herzhaft lachen kann, z.B. in den subtil angelegten Machtkämpfen zwischen Assen und seinem Vermieter, der ihn aus der Wohnung ekeln will. Entlarvend, ohne moralisierend zu wirken, eine Szene, die im Gesundheitsamt spielt. Assen erwägt die Möglichkeit, sich sterilisieren zu lassen, und stößt dabei auf bundesdeutsche Bürokratie.

Überzeugend und erstaunlich sicher sind die Charaktere der Protagonisten angelegt. Auf der einen Seite der fast unreif wirkende Assen, der immer wieder nach Ausflüchten sucht, sich im Unverbindlichen halten will und das mit Freiheit verwechselt, auf der anderen Seite Iris, die mit der entwaffnenden Logik einer entschiedenen und entschlossenen Frau Assen ein ums andere Mal in Teufels Küche bringt. Dazwischen Assens einziger Freund, Lauter, der, einem antiken Chor nicht unähnlich, Allgemeinwahrheiten und Kommentare abgibt, die das Salz in der Suppe sind.
Insgesamt liest sich das Buch wie ein schneller, gut geschnittener Film. Ralf Rothmann ist eine Entdeckung.
Ralf Rothmann: Messers Schneide, Erzählung, Suhrkamp, 136 Seiten, 18 DM
Foto: Harald H. Schröder
Erstdruck in