Vergessene Dichter – Unterdrückte Wirklichkeit
Joseph Roth, Bert Brecht, Max Brod, James Joyce, Rolf Dieter Brinkmann: Die Reihe der Dichter ist lang, deren Erbe von Nachlaßverwaltern betreut wird, die mit Dummheit, Inkompetenz , Egoismus, Machtgier geschlagen sind, die mehr Schaden anrichten als Gutes. Ein neuer, erst jetzt öffentlich gewordener Fall ist das skandalöse Verhalten der Nachlaßerben des Dichters und Verlegers Rainer Maria Gerhardt. Wolfgang Rüger plädiert gegen die Willkür der schwarzen Witwen.
Deutschland lag nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur wirtschaftlich und moralisch am Boden, auch künstlerisch. Deutschlands Dichter und Denker pflegten in den ersten Nachkriegsjahren den Kahlschlag. Die Nazis hatten es geschafft, daß die deutsche Intelligenz entweder emigriert war (und nach dem Krieg im besten Fall als Mitglieder der Besatzermächte zurückkehrten) oder komplett den Anschluß an die Moderne verpaßt hatten .
1947 wurde die Gruppe 47 ins Leben gerufen. Entstanden war sie – man mag es heute kaum noch glauben – als Protest der Jugend für die Jugend; Protest gegen verkrustete Strukturen, die, kaum aufgebrochen, wieder zu verkrusten drohten unter dem Regime der Besatzungsmächte wie später unter dem Regime Konrad Adenauers. Die Gruppe 47 versammelte damals alles, was heute Rang und Namen in diesem Land hat: Böll, Grass, Lenz, Bachmann, Walser, Enzensberger, Johnson. Das war die damalige deutschsprachige Avantgarde. Das war das, was man in einer größeren Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen hat. Der Organisator und Kopf dieser Gruppe war Hans Werner Richter. Seinen Namen kennt heute jeder Germanist.
Etwa zur gleichen Zeit unternahm der damals gerade zwanzigjährige Verleger und Schriftsteller Rainer Maria Gerhardt Aktivitäten, die so gut wie unbemerkt blieben, die mit denen der Gruppe 47 nichts, aber auch gar nichts gemein hatten, retrospektiv gesehen aber schlichtweg eine Sensation waren. Betrachtet man die angekündigten Vorhaben seines Verlages, so liest sich das ganz unbescheiden als die Präsentation der gesamten Moderne auf einen Schlag auf dem deutschen Markt. Daß das in dieser Größenordnung nicht gelang, lag vor allem auch an der Ignoranz der damaligen Öffentlichkeit, die Gerhardt schließlich – tief deprimiert und hoch verschuldet – 1954 in den Freitod trieb.
“fragmente” nannte Gerhardt seinen Verlag und die Zeitschrift, die er herausgab. In den zwei Nummern, die erschienen, stellte er dem deutschen Leser (zum großen Teil erstmals) Texte von William Carlos Williams, Robert Creeley, Charles Olson, Ezra Pound, Basil Bunting, Henri Michaux, Aimé Césare, Saint-John Perse, Antonin Artaud, Rafael Alberti und Saturno Montanari vor, die er größtenteils auch selbst übersetzte. Geplant waren Veröffentlichungen von Genet, Valéry, Majakowski, Henry Miller, Eliot, Breton, de Sade, Macleish, Yvan Goll, Apollinaire, Fenollosa.
Die lobenswerten Bemühungen von Gerhardt erkannten nur wenige, diese aber fanden hymnische Worte für seine Aktivitäten. Creeley schrieb: “war ein heldenhaft anspruchsvoller Versuch, dem literarischen Kanon Deutschlands all die Schreibe zurückzubringen, die die Jahre des Dritten Reichs ihm entzogen hatten.“ Ernst Robert Curtius, der einzige Kritiker, der die “fragmente” damals rezensierte, urteilte: „Seit der ‚Menschheitsdämmerung‘ von Kurt Pinthus ist mir keine so erfrischende modernistische Manifestation vorgekommen wie das vorliegende Heft.“ Peter Härtling schließlich resümmierte selbstkritisch: „Einige Jahre nach dem Krieg, 1949 und 1950, gab es, scheint mir, eine Chance für die deutsche Lyrik, die sie nicht annahm, die sie, erfaßt vom Schwung der Repetition, nicht begriff: Damals gewannen an manchen, wenn auch unscheinbaren Stellen, jene amerikanischen Poeten Einfluß, die wir erst heute in ihrer magistralen Größe entdecken: William Carlos Williams, Kenneth Patchen, E. E. Cummings, Ezra Pound und Charles Olson. Auf die einzige Ausnahme und auf den einzigen Dialog, der sich damals über den Atlantik hinweg entspann, möchte ich hinweisen, vor allem aber auf den deutschen Partner der Unterhaltung, auf Rainer Maria Gerhardt.“
Was in der Literaturgeschichte heute vor allem Walter Höllerer (Junge amerikanische Lyrik, 1961 ) und dem Gespann Brinkmann/Rygulla (Acid, 1968, Silverscreen, 1969) zugeschrieben wird: die Bekanntmachung der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts in Deutschland, nahm – das ist die Wahrheit – bereits 1951 in der Zeitschrift “fragmente” seinen Anfang. Während die einen jedoch überall Erwähnung finden, ist der Pionier gänzlich vergessen. Enzensberger hat das in seinem Gedicht “Tod eines Dichters (für Rainer M. Gerhardt)” in folgende Verse verpackt: “… vergessen von deinen neun schönen Geliebten, / die deines Blutes satt/ jubelnd auffahren in ihre unsterbliche Wohnung.“
Skandalös ist dieses Vergessen vor allem deshalb, weil es von den Nachlaßerben aktiv betrieben wird. Dr. Helmut Salzinger widmete im Oktober 1984 die Nr. 9 seiner Zeitschrift FALK dem Andenken von Rainer Maria Gerhardt. Unter Mitarbeit von Peer Schröder hatte er “eine kleine archäologische Expedition: einen Abstieg in die fünfziger Jahre“ gemacht und den Versuch unternommen, einen vergessenen Dichter und Verleger auszugraben. Dieses Unternehmen gestaltete sich sehr beschwerlich, weil hier in Deutschland fast keine Spuren mehr von Gerhardts Wirken erhalten geblieben waren. Herausgekommen ist trotzdem eine höchst lesenswerte und aufschlußreiche Dokumentation und Materialsammlung. Salzingers Neugier war geweckt, er wollte sich nicht mit dem Ergebnis von FALK 9 zufrieden geben. An die Witwe des Verstorbenen schrieb er: „Selbst für mich, der ich in derlei Nachforschungen nicht ganz unerfahren bin, hat sich die Suche nach weiteren Informationen als überaus schwierig erwiesen. Sie entwickelt jedoch ihren eigenen Reiz, indem sie einiges über die verborgenen Wirkungen von Literatur und literarischer Tätigkeit lehrt. Eben darum wollen wir nicht einfach Gestalt und Werk von Rainer M. Gerhardt dokumentieren, sondern die Spuren, die sie hinterlassen haben.”
Die Reaktion von Seiten der Nachlaßerben – die Witwe als wichtigste Informantin, die beiden Söhne als Rechtsinhaber – war jedoch mehr als ernüchternd. Salzinger ließ sich nicht entmutigen und fand in Stefan Hyner einen weiteren tatkräftigen Helfer. Hyner reiste im Dezember 1985 in die USA und suchte dort die Freunde und Briefpartner von Gerhardt auf. Die Spurensicherung war äußerst ergiebig. Jede Menge erhaltener Zeugnisse in Privatbesitz und verschiedensten Literaturarchiven. Salzinger und Hyner beschließen, das gefundene Material in einer selbst finanzierten Publikation der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Im Mai 1988 erscheint die 248 Seiten starke Materialsammlung „Leben wir eben ein wenig weiter“ in einer Auflage von 200 Exemplaren als FALK Neue Folge 2. Verkaufspreis: 20 Mark. Damit begannen die Schwierigkeiten der Herausgeber erst. Die Rechtsinhaber an Gerhardts Werk drohten mit gerichtlichen Konsequenzen und untersagten Salzinger „die publizistische und verlegerische Verbreitung sämtlicher urheberrechtlich geschützter Werke und Publikationen“ von Gerhardt. Juristisch gesehen waren sie im Recht.
Salzinger konterte in einem Brief an Ezra Gerhardt: „Copyrightfragen und positives Recht sind gewiß eine Sache. Es gibt aber auch Rechte, die nicht an Eigentum oder Besitz gebunden und nicht einklagbar sind und die dennoch im Zusammenhang von Kultur und Geschichte mit Fug ‚Rechte‘ genannt werden dürfen. In diesem Sinne ist dem Werk Ihres Vaters seit dessen Tod schreiendes Unrecht angetan worden, und zwar absurderweise in Wahrnehmung jenes ‚positiven‘ Rechts, und zwar, verzeihen Sie, in Austragung familiärer Zwistigkeiten, die mich weiter nichts angehen, die aber bewirkt haben, daß der Name Ihres Vaters in der literarischen Welt (außerhalb ihrer sowieso) praktisch unbekannt ist, obwohl sein Werk für die Geschichte der Poesie in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg (wie auch für die hiesige Geistesgeschichte überhaupt) von großer Bedeutung ist, die längst hätte anerkannt werden müssen.”
Es ist der klassische Fall, der wieder einmal die Frage aufwirft, ob es sinnvoll ist, den geistigen Nachlaß den leiblichen Erben zuzusprechen, wenn diese unfähig sind, verantwortungsvoll, das heißt sozial und gemeinnützig, damit umzugehen. Salzinger und Hyner haben uneigennützig, mit viel Engagement und eigenem finanziellen Risiko, Pionierarbeit geleistet, die für jedermann zu Nutze sein kann. Sie haben versucht, ein Unrecht wettzumachen. Sie wollten einem Mann die Reputation verschaffen, die er verdient hat. Für dieses Vorhaben werden sie jetzt als Rechtsbrecher angeprangert .

Salzinger, der sich als Anwalt von Gerhardts Werk versteht, argumentiert denn folgerichtig weiter in seinem Brief an Ezra Gerhardt: “… diese Anwaltschaft, scheint mir, steht mir auf Grund der einfachen Tatsache zu, daß sein Werk mich interessiert und ich, was ich darüber herausgefunden habe, als Wissenschaftler, Journalist und Dichter einer interessierten Öffentlichkeit weiterzugeben suche. … Ich meine, das Werk Ihres Vaters ist nicht bloß Privatbesitz, sondern eine historische Tatsache, die niemandem persönlich gehören kann, und es hat, wenn auch nur verstreut, wenn auch nur in bescheidenem Maße, seine Wirkung getan und Folgen gehabt, die inzwischen ebenfalls historische Tatsachen geworden sind. Und Sie dürfen mir wirklich glauben, daß unser Werk über Rainer M. Gerhardt nichts weniger ist als ein Versuch, die Familie Gerhardt zu berauben oder uns sonstwie auf ihre Kosten zu bereichern oder Ruhm einzuheimsen. Vielmehr ist es ein Versuch … die Spuren, die das Werk Ihres Vaters hinterlassen hat, soweit es uns möglich war, zu sichern, es als historisches Faktum sozusagen existent zu machen, Interesse für es zu wecken und einen Grund für weitere Beschäftigung mit ihm zu legen.“
Eine endgültige Entscheidung ist noch nicht gefallen. Die 200 Exemplare von „Leben wir eben ein wenig weiter“ sind mittlerweile vergriffen. Eine Neuauflage wird von den Erben verhindert. Sie selbst machen keinerlei Anstalten, sich für das Werk von Rainer Maria Gerhardt einzusetzen. Das öffnet den Spekulationen Tür und Tor, hat letztlich aber die Konsequenz, daß die Arbeit eines Mannes weiterhin unbeachtet bleibt, der zu einem historisch günstigen Zeitpunkt der deutschen Poesie die Chance bot, sich zu kosmopolitisieren.
Foto: Harald H. Schröder
Erstdruck in Auftritt, Heft 10/1988