The Words meet the Objects
Frankfurt ist auf dem kulturellen Vormarsch. Die Initiativen kommen von unten. Mit POLYTEXTE erhält die Mainmetropole eine der spannendsten und interessantesten Literaturveranstaltungen im Bundesgebiet überhaupt.
Die Ausgangsidee für „POLYTEXTE – The Words meet the Objects” war eine denkbar einfache: Frankfurt hat eine etwas biedere, hausbackene Literaturszene, überall über das Bundesgebiet verstreut gibt es einzelne Literaten, die Neues probieren und wagen, warum also nicht in Frankfurt einfach dieses Neue der Öffentlichkeit gesammelt vorstellen und damit etwas Aufregung in die heimische Szene bringen? Was seinen Ursprung in einer Einzelinitiative hatte, entwickelte sich in enger Zusammenarbeit mit dem Verein 707 schnell zu einer ausgewachsenen, hochkarätigen Veranstaltung, die am 8. Nov. 1987 im Frankfurter Volksbildungsheim ab 15 Uhr über die Bühne gehen wird.
„POLYTEXTE ist der Versuch, die Ent- (und Ver-)wicklungen, die im Spannungsfeld zwischen Literatur und Kunst zur Zeit zu beobachten sind, auf einem Forum exemplarisch zusammenzuführen. Im Rahmen einer breitenwirksamen Großveranstaltung, die mit ausgesuchtem Programm neue, vielschichtige und mehrdimensionale Formen literarischer Sprache vorstellt.” POLYTEXTE gibt damit in einem zehnstündigen Programm erstmals in der Bundesrepublik beispielhaft und repräsentativ Überblick über die experimentelle und grenzüberschreitende Literaturszene. Auftretende Künstler sind nicht nur Schriftsteller, sondern auch Bildende Künstler und Musiker. Gemeinsam ist ihnen allen, daß sie mit dem Material Text/Sprache arbeiten, das in einen erweiterten, die Literatur übersteigenden Kontext gerät. In den Kontext eines “erweiterten Kunstbegriffs”, der textliche, bildliche und akustische Ebenen in einer für das 20. Jahrhundert charakteristischen, die traditionellen Gattungseinteilungen auflösenden Perspektive vereinigt. “In der experimentellen Literatur geht es heute weniger um das formale Experiment, als um („affirmative“) Strategien der Reproduktion und Manipulation, der eklektizistischen Integration und Kombination sprachlicher „Fundsachen“ . Der Umgang mit dem Material ist freier, vielgestaltiger und oft auch ironischer geworden. War es vorher die „moderne“ Radikalität der Form, die die Konventionen der Sprache und der Literatur aufbrach, so ist es heute die „postmoderne“ Radikalität des Spiels und des Austauschs, in dem sich das „dezentrierte Subjekt” artikuliert. Ironischerweise auch unter Einschluß „moderner“ formaler Verfahren”, erklärt Andreas Kallfelz , einer der drei verantwortlichen Organisatoren.
POLYTEXTE hat kaum noch etwas mit den gewohnten, konventionellen Lesungen zu tun. Das Spektrum der Darbietungen reicht von der multimedialen Performance, über Environments und musikalischen Beiträgen, bis zu rhythmisierten Textkompositionen. Drei Filme (von Anthony Balch, Michael Snow und über Gertrude Stein) und ein themenbezogenes Videoprogramm komplettieren die Veranstaltung. Außergewöhnlich wird auch der Rahmen und das Ambiente von POLYTEXTE sein. Der gesamte Veranstaltungsablauf wird von dem Schweizer Maler und Schriftsteller Anton Bruhin mit kleinen Zwischenperformances „moderiert”, der Veranstaltungsort selbst, der Saal des Volksbildungsheims, wird mit Licht, Ton-, Bild- und Textelementen ”inszeniert”.
Die Liste der auftretenden Künstler liest sich, zumindest für Insider, schon im Vorab wie ein Versprechen. Mit Kathy Acker kommt aus London die derzeit wahrscheinlich herausragendste Schriftstellerin. Kritiker haben sie gleichermaßen als legitime Nachfolgerin von Henry Miller und Jean Genet bezeichnet, wie auch mit einem elektrischen Büchsenöffner verglichen. In der internationalen Kunstszene genießt sie Kultstatus.
Jörg Burkhard ist unter den experimentellen deutschsprachigen Schriftstellern einer der unbekanntesten, aber mit Sicherheit einer der größten Tüftler, der versucht, Bewegung in Sprache, Stil und Inhalt zu bringen. Dem Prinzip nach arbeitet er in der Literatur wie z.B. Godard und Kluge im Film, Beuys und Duchamp in der Bildenden Kunst, Violent Femmes und Einstürzende Neubauten in der Musik.
John Cage ist ein Institution, ganz einfach. Seit über fünfzig Jahren ist er praktisch Avantgarde, ein steter Erneuerer, der sich dem „Originalitätsprlnzip verschrieben” hat. Bereits seit den dreißiger Jahren arbeitet er mit ungeheuer komplizierten rhythmischen Strukturen sowie manipulierten Musikinstrumenten.
Freiwillige Selbstkontrolle wird im Ausland immer noch mehr geschätzt als in der Heimat. Diese aus Schriftstellern und Malern bestehende Musikgruppe genießt den Ruf, die „Band für die deutsche Intelligenz” zu sein.
Aus New York kommt der Komponist, Sänger und Poet David Garland. Ein Kritiker urteilte über ihn: „David Garland singt schöne Lieder zu bizzaren Klängen.”
Der schwedische Schlagzeuger Sven Ake Johansson lebt heute in Berlin. In seinen Schlagzeugperformances überlagern sich Aktion und improvisierte Texte wie disparate Elemente einer aus den Fugen geratenen Maschinerie.
Martin Kippenberger (Maler und genialer Schöpfer von banalen Texten), Albert Oehlen (Maler und Dichter „scheinbar flammend-elegischer Pamphlete“) und Mayo Thompson (Ex-Red Crayola, Ex-Art & Language) bilden das POLYTEXTE-Trio infernale.
Spracherotische Lustmomente rufen die Lesungen von Oskar Pastior hervor. Er ist ein Live-Erlebnis. „Seine Texte sind aus künstlicher Geheimsprache hergestellte Mysterien.” (Jörg Drews )
Jürgen Ploog schließlich dürfte allen AUFTRITT-Lesern hinlänglich bekannt sein. Er ist, was den deutschen Cut-up betrifft, der Mann der ersten Stunde. „Verglichen mit ihm sind die gängigen deutschen Textmonteure phantasielose Patchworker gewesen – und geblieben.” (Gregor Pott)
„Für die deutsche Kulturlandschaft werden von POLYTEXTE nachhaltige Impulse ausgehen“, behaupten die Organisatoren selbstbewußt. Hoffentlich honoriert es die Öffentlichkeit durch zahlreiches Erscheinen, nicht nur, weil POLYTEXTE nur durch immens waghalsige Finanzierungsmanöver überhaupt zustande kam, sondern weil es nächstes Jahr wieder stattfinden soll, dann mehrtägig und hoffentlich unter weniger schwierigen Voraussetzungen.
Ach ja, zur Veranstaltung gibt es auch einen sehr informativen und aufwendig gestalteten Katalog.
Oktober 1987