Kraftwerk der Gefühle

Wirklich potente Schreiber legen gleich alles, was sie der Welt mitzuteilen haben, in ihr Debüt. In Erstlingswerken findet man fast immer schon alles angelegt, was sich in späteren Werken dann modifiziert und ausgearbeiteter der Vollendung nähert.

Philippe Djian, der scheue Autor aus Biarritz, hat mit seinen Romanen das Lebensgefühl der Rebellen der Achtziger beschrieben wie kein anderer. Anders aIs die unsäglich dummen Verbalwichser aus den Vereinigten Staaten, die den Yuppie und seine hohlen Fassaden in den Mittelpunkt ihrer inhaltslosen Pamphlete gestellt haben, hat der 1949 geborene Djian meist erfolglose junge Menschen ins Zentrum seines Interesses gestellt. Djians Helden sind Individuen mit Anspruch, mit Idealen, mit Zukunftsvisionen und Utopien. Sie gehen ihren eigenen Weg, folgen ihren eigenen Moralvorstellungen, mißtrauen den schnellen Erfolgsrezepten, verweigern sich herrschenden Konventionen. Sie sind einzelgängerisch veranlagt, pflegen aber langjährige, strapazierfähige Freundschaften. Sie tragen etwas vom Lebensgefühl der Sechziger in ihrem Herzen, ohne nostalgisch verklärte Romantiker zu sein. Sie leben ganz im Hier und Jetzt. Ihre herausragendste Eigenschaft ist, daß sie sich ohne Wenn und Aber auf die Liebe einlassen. Gefühle – in all ihren Schattierungen – sind Djians großes Thema.

Ich weiß nicht, wie Djian mit seinem 1982 in Paris erschienenen Erstling, der jetzt erst in deutscher Übersetzung vorliegt, damals bei der französischen Presse angekommen ist, ich hätte ihn als ein Talent angepriesen, das das Zeug dazu hat, der Dostojewskij der Neunziger zu werden. Ich kenne kein Debüt, in dem einem eine solch geballte Ladung von unterschiedlichsten Gefühlen und den daraus resultierenden Konsequenzen förmlich um die Ohren gehauen wird. 400 Seiten hechelt man atemlos von einer Emotion in die andere. „Blau wie die Hölle“ ist ein Kraftwerk der Gefühle, das mehr Energie hat, als fünf extrem verschiedene Leserleben in Wirklichkeit verkraften könnten. Nach der Lektüre ist man aufgeputscht wie nach einem göttlichen Orgasmus, den man angetörnt nach einem schrecklichen Alptraum hatte.

Wie in der autobiographisch gefärbten Trilogie „Betty Blue“, „Erogene Zone” und „Verraten und verkauft”, die bei uns zuerst erschienen sind, wird auch die Geschichte von „Blau wie die Hölle” durch eine konfliktgeladene Personenkonstellation in Gang gebracht. Henri, der per Autostop auf dem Weg zu Lucie, einer Freundin, ist, trifft irgendwo in einer abgelegenen südfranzösischen Tankstellenbar Ned, der mit dem Buick seiner Schwester unterwegs ist. Ned ist Lebenskünstler. Er klaut dem Tankstellenbesitzer den Inhalt seiner Registrierkasse, nimmt Henri mit und ahnt schon, daß er sich damit die größte Scheiße seines Lebens eingehandelt hat. Denn kaum sind sie auf der Autobahn, hängt ihnen ein Mercedes am Hinterrad.

In der bunten Nobelkarosse mit dem Antlitz Christi auf der Motorhaube hocken drei Bullen, von denen einer, Franck, jede Menge Liebeskummer hat. Es ist nicht nur ein berufliches Interesse, das Franck Jagd auf die beiden kleinen Strauchdiebe machen läßt. Mit dem Inhalt der Registrierkasse, malt er sich aus, könnte er vortrefflich einen kleinen Urlaub mit seiner zweiten Frau Lili machen, in die er grenzenlos „vernarrt“ ist, die ihn allerdings vor sechs Tagen verlassen hat. Ned und Henri sind schnell eingeholt, der Buick und das gestohlene Geld werden beschlagnahmt, Franck nimmt, um an diesem Tag dem lãstigen Papierkram im Büro aus dem Weg zu gehen, die beiden Freaks mit sich nach Hause.

Mit Handschellen an die Heizung in der Toilette gekettet erleben die zwei verhinderten Desperados an diesem Abend ein Sperma-und-Blut- Familiendrama, an dessen Ende sie sich zusammen mit Lili und Carol, Francks Tochter aus erster Ehe, auf der Flucht vor dem von Carol ins Bein geschossenen Franck befinden. Die Treibjagd quer durch Südfrankreich und Nordspanien ist angeblasen. Was jetzt folgt, liest sich wie ein rasant geschnittenes Roadmovie, einem Mittelding aus „Easy Rider“, „Drugstore Cowboy“ und „Deliverance“ (Beim Sterben ist jeder der Erste).

Yves Boissets Verfilmung von „Blau wie die Hölle“ habe ich nicht gesehen, aber ich vermute mal, daß sie nicht viel besser gewesen sein kann als Beineix’ Verfilmung von „Betty Blue“. Djians Romanstoffe bieten sieh zwar geradezu als Film an, aber was Djian in der Literatur zu leisten vermag, ist auf die Leinwand kaum umzusetzen. Die einfühlsame Psychologisierung der Personen wird im Film zugunsten der Action notgedrungen auf der Strecke bleiben müssen. Einiges von der Schönheit der südfranzösischen Landschaft, die im Roman nicht von ungefähr stark an US-amerikanische Landstriche erinnert, wird man auf der Leinwand vermitteln und damit auch ein Stück des Lebensgefühls der jugendlichen Helden transportieren können. Aber wie soll man zum Beispiel die Gefühle, die Franck zum wahnsinnigen Vergewaltiger und Amokläufer machen, nachvollziehbar und damit glaubhaft vermitteln?

Für Franck wird die ganze Angelegenheit zu einer privaten Prestigesache. Nach seinem eigenen Machokodex sucht er Genugtuung für seine verletzten Gefühle. „… er wollte das große Spiel eröffnen, er brauchte einen besonderen Rahmen, etwas, das dem angemessen war, was er empfand, Herrgott, er konnte das schließlich nicht durchziehen wie den letzten Dreck, das war eine Liebesangelegenheit, da durfte er sich nicht gehenlassen …“ Außerhalb eines dienstlichen Auftrags nimmt er, zusammen mit zwei ihm treu ergebenen Kollegen, die Spur der zwei Frauen und zwei Männer auf. Der private Rachefeldzug wird zu einem Rodeo des Todes.

Die Reise der vier Flüchtenden wird dagegen zur Suche nach Lebensinhalt und Wahrheit. Ned und Carol fangen eine Bettgeschichte an, obwohl Ned sich nach einiger Zeit eher zu der zurückhaltenden Lili hingezogen fühlt. Allen gemeinsam ist, daß die Flucht trotz der unheildrohenden Aussicht auch als abwechslungsreiches Abenteuer im Kampf gegen die Langeweile des Alltags begriffen wird. Lieben, Saufen, Rauchen, Kiffen, Stehlen, Schießen, Töten, Vögeln, Vergewaltigen, Fernsehen stehen für das Wechselbad der Gefühle. Rache, Haß, Freude, Trauer, Glück, Wut, Hoffnung, Enttäuschung. Dazwischen Gedanken über das Leben und den Tod. Je länger das Fliehen dauert, umso notwendiger fordert es eine Entscheidung. Schließlich kommen auch die Müßiggänger zu einer Lösung, die sogar bisher geglaubte Werte über den Haufen wirft: „Ned, egal wie, ich laß den nicht an mich heran“, sagt Henri. „Wie gesagt, wir können warten oder ihm Zuvorkommen, ich weiß nicht, aber wenn es nur eine geringe Chance gibt, ihn aufzuhalten, ich würde keine Sekunde zögern. Vorher hatte ich ein anderes Weltbild, ich dachte, das Leben sei heilig, jedes Leben, und das ist bestimmt auch die Wahrheit, aber eines Tages stellst du fest, die Wahrheit ödet dich an, weil sie dich daran hindert zu leben, das ist, als würdest du jede Nacht das Licht anlassen, und am Ende heißt das nichts mehr, verstehst du? Das Leben pfeift auf die Wahrheit, es geht ohne sie genauso gut weiter wie mit ihr, soweit bin ich inzwischen.“

Die Verfolgten beschließen, nicht länger wegzurennen, sondern sich dem Unvermeidlichen zu stellen. Sie wählen zum ersten Mal in ihrem Leben einen ihnen vollkommen unbekannten Weg, einen, der „die Schönheit und das Entsetzen“, nämlich nicht zu wissen, „ob man ankommt oder irgendwann auf die Nase fällt“, gleichermaßen beinhaltet. Bei einem gewöhnlichen Autor käme es jetzt zum alles beendenden Showdown, bei dem derjenige übrig bleibt, dem die Sympathien des Autors gehören. Djian ist viel zu intelligent, um dieser Konvention zu folgen. Das Schicksal aller Beteiligten besiegelt der Zufall. Zur Konfrontation der Kontrahenten kommt es erst gar nicht, weil das Leben und der Tod sich nicht programmieren lassen.

Das Ende des Romans ist nichtsdestotrotz äußerst dramatisch und furios. Franck kämpft in einer gottverlassenen Einöde Nordspaniens gegen nicht zu erwartende Gegner die Schlacht seines Lebens. Djian spielt in diesen Sequenzen nochmals fulminant sein Actionpotential aus und sorgt beim Leser für den nötigen Adrenalinausstoß. Ned und Henri kämpfen währenddessen gegen einen unsichtbaren, aber nicht weniger furchtbaren Gegner: einen Virus, der Lili befallen hat. Wie in einem spannenden Thriller werden hier die beiden Handlungsstränge, in kurzen Kapiteln sich abwechselnd, parallel erzählt. Pure Spannung und anrührendes, tränentreibendes Sentiment: der Leser wird von einem Extrem ins andere gebeutelt. Djian hat nicht ohne Grund an den Anfang seines Erstlings ein Motto von Louis-Ferdinand Céline gestellt. „Am Anfang war die Emotion.“

Philippe Djian: Blau wie die Hölle, Diogenes, 394 Seiten, 36 Mark

Juli 1990