Erinnerungsfetzen eines seiner Verleger

Paul Christoph Böhmer, geboren am 20.9.1935 in Berlin, war, wenn ich mich recht erinnere, einer der ersten aus dem Frankfurter Literaturbetrieb, den ich kennenlernte, als ich 1985 nach Frankfurt kam. Erlebt habe ich ihn zum ersten Mal im Hessischen Literaturbüro, das damals noch im Gärtnerweg residierte. In meiner Funktion als Mitarbeiter zweier Frankfurter Stadtmagazine hatte ich hin und wieder mit ihm zu tun. Ab 1988 hat sich unser Kontakt intensiviert. Da startete meine Bitter Lemon Reihe. Paulus, wie er von allen genannt wurde, verfolgte wohlgesonnen mein Tun als Verleger und unterstützte tatkräftig, daß Thomas Hettche der Hungertuch-Preis für sein Bitter Lemon-Heft „Ludwigs Tod“ zuerkannt wurde.

Mich hat immer der literarische Underground interessiert. In meiner Marburger Zeit Anfang der achtziger Jahre habe ich viele Veranstaltungen mit Autoren aus der subkulturellen Literaturszene veranstaltet. Der Name Paulus Böhmer ist mir sicher im Zusammenhang mit dem März Verlag begegnet, aber da es damals keine aktuellen Publikationen von ihm gab, war er mir als Autor kein Begriff. Das hat sich dann in Frankfurt geändert. Zusammen mit Hadayatullah Hübsch habe ich die 60/90-Treffen veranstaltet, eines davon fand 1988 in den Räumlichkeiten im Mousonturm statt, und da war Paulus dann im Kreis derer, zu denen er gehörte.

Obwohl: das Bild ist nicht korrekt. Er war nicht im Kreis, er war irgendwo im Hintergrund. Trotz seiner großen Statur war er eigentlich kaum sichtbar. Er hielt sich scheu im Abseits.

Die Idee meiner Bitter Lemon Reihe war, Autoren zweier Generationen zusammen zu bringen: die deutschen Underground-Größen der Sechziger mit den Novizen der Neunziger.  Nachdem ich immer wieder mal Textproben von ihm zu lesen bekam, war mir klar, was für ein außergewöhnlicher Dichter sich da als Leiter des Hessischen Literaturbüros verdingen mußte. Ich kann mich an Nachmittage im dritten Stock des Mousonturms erinnern und an Abende in seiner Küche, wo ich Auszüge aus seinen Kaddish-Zyklen lesen durfte. Endlos scheinende, sprach- und bildgewaltige Abgesänge auf die verheerenden Auswirkungen der Zivilisation auf Mensch und Natur, die mich in ihrer poetischen und politischen Bedeutung an Ginsbergs „Howl“ erinnerten. Paulus, der schon in V.O. Stomps legendärer Eremitenpresse und im März Verlag publiziert hatte, war also prädestiniert für meine Bitter Lemon Reihe.

Nach „Mein erster Tod“, das 1989 erschien, waren es dann weiter nur verdiente Kleinverleger wie Axel Dielmann, Pit Engstler und die Anabas-Leute, die jetzt in kürzeren Abständen Publikationen von Paulus auf den Markt brachten. Damit war er als Dichter für die Interessierten zumindest präsent.

Meinem Gefühl nach war Paulus auch während seiner Zeit als Leiter des Hessischen Literaturbüros immer vorrangig Dichter und nicht Kulturarbeiter. Eine kleine Anekdote mag das verdeutlichen: Nachdem ich mich Mitte der Neunziger vom Journalistendasein verabschiedet hatte und mehr oder weniger in der Luft hing, hat mich Paulus als dritte Kraft im Literaturbüro engagiert und mir damit wenigstens ein spartanisches Auskommen gesichert. Spätestens dort ist mir dann klargeworden, wie netzwerkartig der Kulturbetrieb funktioniert. Es ist ein wechselseitiges Geben und Nehmen und wird so über die Jahre ziemlich langweilig für Leute wie mich, die seit fast vierzig Jahren z.B. regelmäßig zu Lesungen gehen. Nachdem ich wiederholt bei Paulus meinen Unmut darüber geäußert hatte, meinte er schließlich: Mach mal eine Liste. Ich habe mich hingesetzt und überlegt: Wer war lange nicht mehr in Frankfurt, wer paßt ins Programmschema, wen würde ich gerne mal live erleben. Schnell hatte ich eine Liste mit ca vierzig Namen zusammen. Paulus hat sie begutachtet und zwei Namen herausgepickt: Wolf Wondratschek und Günter Ohnemus. Der Kontakt zu den beiden wurde aufgenommen und als Wondratscheks Antwort kam, konnte man Paulus Unbehagen förmlich spüren. Wondratschek hatte Wünsche, die über das im Literaturbüro Gewohnte hinausgingen. Das Honorar war, wenn ich mich recht erinnere, dreimal so hoch wie üblich, er wollte vom Flughafen abgeholt werden und das Hotel sollte etwas haben (ich glaube, es war eine Sauna, aber da bin ich mir nicht mehr sicher), das das Hotel Nizza nicht hatte. Alle Literaturbüro-Autoren stiegen damals im Nizza im Bahnhofsviertel ab.

Ich konnte sehen, Paulus bereute schon, daß er sich auf meine Liste eingelassen hatte. Die üblichen Verdächtigen machen halt keine Probleme. Ich hatte auch Wondratschek in meiner Bitter Lemon Reihe publiziert und ihn als äußerst angenehmen Menschen erlebt. Nach einigem guten Zureden ließ sich Paulus breitschlagen, ich durfte die Lesung durchführen, Wondratschek war ein umgänglicher Gast, und alles ging reibungslos über die Bühne.

Zur Jahrtausendwende eröffnete ich mein Antiquariat und hoffte, damit einen Ort zu schaffen, der das Bitter Lemon Konzept stationär fortsetzen würde. Das große Vorbild war Ferlinghettis City Lights Bookstore in San Francisco. Das Gegenteil ist leider eingetreten. Der vorher intensive Kontakt zu den literarisch Schaffenden in Frankfurt verlor sich mit Ausnahme von Hadayatullah Hübsch und Bodo Kirchhoff rasend schnell. Auch Paulus habe ich in den letzten 17 Jahren nur noch zwei oder drei Mal bei Lesungen gesehen. Seinen weiteren Werdegang konnte ich nur als interessierter Beobachter verfolgen.

Ohne es wirklich zu wissen, vermute ich, daß Paulus eine Last von den Schultern gefallen ist, als er in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet wurde und sich fortan nur noch seiner Kunst widmen konnte. Ein Indiz dafür könnte sein, daß er danach mit Schöffling einen renommierten Verlag gefunden hat und ihm dann auch die Anerkennung zu Teil wurde, die ihm gebührt, und man ihn sogar mit Literaturpreisen ehrte.

Ich freute mich für ihn, daß ihm das Schicksal eines Jürgen Ploog zum Beispiel erspart geblieben ist. Der große Vordenker des deutschen Undergrounds wurde bis zu seinem Tod vom deutschen Literaturbetrieb mit totaler Ignoranz bedacht. Das bleibt wohl das Los der meisten Solitäre. Auch Paulus schrieb ja praktisch bis zum Ende des Jahrtausends sehr zurückgezogen, trat so gut wie nie auf, war der Geheimtipp unter Eingeweihten. Undenkbar damals, daß er bei einer Lesung persönlich gelesen hätte. Erst in seinen letzten Jahren war er auf den wichtigen Lesebühnen ein willkommener Gast. Vielleicht zahlte sich dann doch aus, daß er den Weg gegangen ist, den er gehen mußte.

Jetzt müssen wir Abschied von ihm nehmen. Am 5.12.2018 ist er in Frankfurt/Main gestorben.

Foto: Harald H. Schröder