Memoiren eines Nomaden

Zu Paul Bowles’ „Rastlos“

Am 30.12.1990 feiert der amerikanische Komponist und Schriftsteller Paul Bowles seinen 80. Geburtstag. Der Weltruhm, der ihn vor drei Jahren ereilte, nachdem Bernardo Bertolucci bekannt gab, daß er als nächstes Bowles’ Roman „Himmel über der Wüste“ verfilmen wolle, ist ihm, so scheint es mir, als ich dem hageren Mann mit den schneeweißen Haaren in seiner kleinen Neubauwohnung gegenübersitze, ziemlich egal. In aller Seelenruhe friemelt er aus einer Filterzigarette den Tabak, füllt die leere Hülse mit einer Mischung aus Kif und Tabak, zündet sich den Joint an und lauscht bedächtig der Musik der Lounge Lizards, die aus seinem CD-Player kommt. Weltentrückt liegt er auf den Sitzkissen und betrachtet mit immer noch klaren Augen das Treiben in seinem Wohnzimmer. „Ich mag diese Art Jazz“, erzählt er mir, „dieses Stück (er meint „The Hanging“) hätte ich gern für den Anfang des Films gehabt, aber sie wollten es nicht.” Es ist nicht nur Resignation, die in seiner Stimme mitklingt, es ist vor allem Gleichgültigkeit.

Dreißig Jahre lang war er ein gefragter Komponist von Theater-, Ballett- und Filmmusiken. Die nächsten fast dreißig Jahre lebte er relativ zurückgezogen und unbehelligt. Zumindest in Deutschland war sein Name nur in Insiderkreisen ein Begriff. Bertolucci war 1988 dann der Auslöser für einen weltweiten Medienrummel um Bowles. Kaum eine Zeitschrift, die nicht einen ihrer Schreiber nach Tanger geschickt hätte, um über diesen großen Vergessenen zu schreiben. Gutmütig und schicksalsergeben hat Bowles alles über sich ergehen lassen. Den Wirbel um seine Person nimmt er einerseits mit Genugtuung zur Kenntnis, andererseits läßt ihn der späte Ruhm kalt. Jetzt im hohen Alter bedeutet er nichts mehr. Die Filmrechte zum Beispiel hat sein Agent bereits in den fünfziger Jahren für die heute lächerliche Summe von 5000 Dollar verscherbelt. Und in Tanger kennt zwar fast jeder Einheimische den alten Amerikaner, der sich jeden Tag von seinem Chauffeur Abdouahaid in einem uralten kupferfarbenen Mustang zum Markt und zur Post fahren läßt, aber wer dieser alte Mann tatsächlich ist, weiß kaum einer von ihnen. „Ruhm bedeutet nur dann etwas“, gesteht er Pociao, seiner deutschen Übersetzerin, „wenn man da lebt, wo man berühmt ist.“

Bowles war das einzige Kind der Eheleute Claude und Rena Bowles und verlebte eine kasernierte und repressive Kindheit, deren ganze Tragik wohl in der Aussage liegen dürfte, daß Bowles „mit fünf Jahren noch nie mit einem anderen Kind gesprochen oder andere Kinder beim Spielen gesehen hatte“. Der Vater, ein Zahnarzt, war ein Tyrann und Sadist, dessen Erziehungsgrundpfeiler „Disziplin“ und „Gehorsam“ hießen. „Ich begriff schon sehr früh, daß man mich stets von dem abhalten wollte, was ich gern tat, und mich zwang, das zu tun, was ich nicht mochte. Die Bowles-Familie vertrat die Ansicht, Vergnügen sei destruktiv; sich mit einer unangenehmen Sache zu beschäftigen dagegen trage zur Bildung des Charakters bei.“ Kein Wunder also, daß das frühreife Kind schon in jungen Jahren eine starke Sehnsucht entwickelte, „als fertiges menschliches Wesen akzeptiert zu werden“ und der größte Wunsch des späteren Musterschülers war, sich nicht mehr „wie ein gefangenes Tier“ behandeln lassen zu müssen. Jeder Aufenthalt außerhalb des Elternhauses wurde zum erregenden Abenteuer. „Ich begriff, daß das Leben potentiell schön ist, und gewann großen Respekt vor dem Unvorhergesehenen.“

Mit acht Jahren erhält Bowles seinen ersten Klavierunterricht, noch etwas früher fängt er an, Tiergeschichten zu schreiben. Im Alter von zehn Jahren kauft Bowles’ Vater ein eigenes Haus. Die sich daraus ergebenden „brutalen Veränderungen“ kompensiert Bowles mit dem Schreiber von „langen, melodramatischen Geschichten“ und dem Komponieren von „Opern“. Die Weichen für die Zukunft sind für ihn endgültig gestellt, als er mit sechzehn Jahren in der Carnegie Hall eine Aufführung von Strawinskis „Feuervogel“ erlebt, die ihn in einen „Zustand nervöser Erregung“ versetzt. Zur selben Zeit schickt er an die in Paris herausgegebene avantgardistische Literaturzeitschrift transition Gedichte, die er „ohne Eingriff des Bewußtseins“ geschrieben hatte.

Die Zeitschrift transition, die er fortan jeden Monat kauft, wird seine stärkste Antriebsfeder zur Flucht. „Paris war der Mittelpunkt des Seins; ich spürte seine Glut, wenn ich das Gesicht ostwärts wandte, wie ein Moslem das Licht Mekkas, und ich wußte, daß ich mit ein bißchen Glück eines Tages dorthin gelangen und an seinen heiligen Stätten stehen würde.“ Bevor es jedoch so weit ist, absolviert Bowles ein Sommersemester an der School of Design and Liberal Arts in New York und schreibt sich danach als Student der Musik an der University of Virginia in Charlottesville ein.

Bowles hat noch keine zwei Unisemester auf dem Buckel, als etwas passiert, was er als seine „erste zwanghafte Erfahrung“ bezeichnet. Er nahm „einen Quarter aus der Tasche und warf ihn so in die Luft, daß er auf meiner Handfläche landete. Kopf. Ich schrie erleichtert auf und sprang mehrmals auf der Matratze auf und nieder, bevor ich auf dem Boden landete. Adler hätte bedeutet, noch in dieser Nacht eine Flasche Allonal zu trinken und keinen Abschiedsbrief zu hinterlassen. Kopf dagegen hieß, daß ich so bald wie möglich nach Europa aufbrechen würde.“ Mit Hilfe einer Bekannten erschwindelt sich der Minderjährige einen Reisepaß und schippert klammheimlich in „Reithosen und Stiefeln“ auf einem uralten Dampfer über den Atlantik. Im Frühling 1929 betritt Bowles mit vierundzwanzig Dollar und drei Empfehlungsschreiben in der Tasche zum ersten Mal europäischen Boden.

„Paris war ein einziges Vergnügen – sogar der morgendliche Gang zur Arbeit. Zu dieser Zeit war der Autoverkehr noch nicht so dicht, daß er die Gerüche des Frühlings ersticken konnte. In manchen Nächten war ich allein durch die Tatsache, hier zu sein, so erregt, daß ich nicht ins Bett gehen konnte, bevor ich nicht einmal durch die ganze Stadt gegangen war, sagen wir, von der Place Denfort-Rochereau bis zur Place Clichy und dann ins Hotel zurück, in dem ich gerade wohnte.“ In Paris erfährt Bowles nicht nur seine ersten hetero- und homosexuellen Initiationen, Paris wird schlichtweg der Ausgangspunkt seiner zukünftigen Existenz als Künstler und Weltreisender.

Gertrude Stein führt Bowles in die Pariser Bohemeszene ein und gibt ihm und Aaron Copland, bei dem er Kompositionsunterricht nimmt, den Rat: „Ihr solltet nach Tanger fahren.“ Die Reise nach Marokko, die als „Jux“ beginnt, wird nachhaltige Wirkung zeitigen. „Wie jeder Romantiker hatte ich stets vage vermutet, daß ich eines Tages an einen magischen Ort kommen würde, der mir durch die Offenbarung seiner Geheimnisse Weisheit und Ekstase schenken würde, vielleicht sogar den Tod. Und jetzt, als ich im Wind stand und die Berge vor mir betrachtete, spürte ich das Summen eines Motors in meinem Inneren, und es war, als näherte ich mich der Lösung eines bisher nicht geahnten Problems.“

„Besessen von Erinnerungen an das Licht und die Luft in Afrika“, wird es Bowles fortan immer wieder nach Tanger zurückziehen. 1949 läßt er sich dort mit seiner Frau Jane endgültig häuslich nieder, was nicht bedeutet, daß er seßhaft geworden ist. „Die ersten Jahre in Marokko lebten wir wie die Nomaden. … Wir reisten zwischen Tanger und Fez, Rabat und Marrakesch hin und her und sammelten gemeinsam Eindrücke von Städten, Bewohnern und Restaurants.“ Tanger, das damals Internationale Zone war, ist jedoch ihr Hauptstützpunkt und wird in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre zum Tummelplatz der internationalen Avantgarde und Künstlerboheme. Das Ehepaar Bowles wird zum Kristallisationspunkt durchreisender und ferienmachender Künstler aller Couleurs.

Daran hat sich, auch nach dem Tod von Jane Bowles 1973, bis heute nichts geändert. Paul Bowles ist in Tanger hängengeblieben und hat seither die Stadt so gut wie nicht mehr verlassen. Er hat vier großartige Romane und eine Vielzahl von Erzählungen geschrieben und eine Reihe von marokkanischen Autoren übersetzt. Seine Autobiografie hat er nur auf starkes Drängen seiner Verleger geschrieben. „Eine Autobiographie zu schreiben ist im besten Falle ein höchst undankbares Unterfangen.“ So ist sie denn auch nicht zu einem Meisterwerk geraten. In einer Art Stenogrammstil hakt er die Stationen seines Lebens ab. All das, was für den Leser hätte spannend sein können, zum Beispiel aufschlußreiche Anekdoten zu den Begegungen mit den vielen heute berühmten Künstlern, enthält er uns bewußt vor. Man erfährt nur wenig Neues, es gibt keine Offenbarungen, Bowles dienen die Erinnerungen nur dazu, „Stück für Stück ein chronologisches Skelett zu rekonstruieren, wobei man sehr darauf achten muß, kein Teil einzufügen, das nicht hineinpaßt. Meiner Ansicht nach schließt diese Vorsichtsmaßnahme die Mühe ein, sich einer Wertung zu enthalten und persönlichen Einstellungen ein Minimum an Bedeutung zuzumessen“.

Bowles ist als Mensch zu freundlich, gutmütig und bescheiden, um eine wirklich gute Autobiografie schreiben zu können. Diese Memoiren und auch der mißlungene Bertolucci-Film sollten einen nicht davon abhalten, seine wunderbaren Bücher zu lesen. Zum Beispiel seine sehr humorvollen Reiseerzählungen aus der nicht-christlichen Welt. Dort kann man in jeder Zeile die Magie spüren, die verantwortlich dafür ist, daß heute so viele, vor allem junge Menschen nach Tanger reisen, um Bowles zu sehen. Wie hat ein Freund zu Patricia Highsmith gesagt: „I hope you see Paul Bowles when you’re there because Tangier without Paul wouldn’t be Tangier.“

Rastlos, Aus dem Amerikanischen von Pociao  Goldmann, 448 Seiten, 42 Mark

Der Weg nach Tassemsit, Aus dem Amerikanischen vor Pociao, Frank & Frei Verlag, 214 Seiten, 24.80 Mark

November 1990