Eine Welt ohne Sünde ist voller Sünde

Nachdem endIich alle vier Romane von Paul Bowles (wieder) in deutscher Übersetzung vorliegen, darf man hoffen, daß einer der bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts hierzulande in der Öffentlichkeit die gleiche Bekanntschaft erlangt, die er in den englischsprachigen Ländern längst genießt.

Geboren wurde Paul Bowles 1910 in New York. Er durchlebte „eine außergewöhnlich ereignislose frühe Kindheit“, die durch eine vollständige Isolation von der Außenwelt und ungewöhnliche Unterdrückung gekennzeichnet war. Seine Schulzeit war ”sterbenslangweiIig“.  Kein Wunder also, daß Bowles noch während seines Studiums dieser Jugendzeit entfliehen wollte. Mit HiIfe einer Bekannten erschwindelte er sich einen Paß und floh nach Paris. Dort kam er in den dreißiger Jahren über Gertrude Stein mit der Bohémeszene in Berührung und gelangte auf ihren Rat hin das erste Mal nach Marokko. Er war vom ersten Augenblick an von diesem Land magisch gefangen. Tanger, der Schnittpunkt zwischen Alter und Neuer Welt, diese an „prototypischen Traumszenen“ reiche Stadt, wurde für ihn zum Mekka. „Wenn Marokko damals schon so gewesen wäre wie heute, wäre ich abgereist und wahrscheinlich nie wieder zurückgekommen. 1931 jedoch war Marokko noch die unerschöpfliche Quelle der phantastischsten Spektakel, die man sich vorstellen konnte. Die Fülle und Vielfalt der Eindrücke war überwältigend. Ich hatte das GefühI, daß ich niemals genug Zeit haben würde, um all diese Phänomene zu studieren und den Schlüssel zu Ihrem Verständnis zu finden.“ Bowles reiste anschließend mehrmals durch Asien, Nordafrika und Lateinamerika, Iieß sich 1947 mit seiner Frau Jane endgültig in Tanger nieder, wurde dort in der Folgezeit Anlaufstation der gesamten internationalen Avantgarde und hat seit dem Tod seiner Frau, 1973, Tanger nicht mehr verlassen.

Gleich mit seinem ersten Roman „Himmel über der Wüste“, der 1949 in London erschien und an dessen Verfilmung Bertolucci gerade arbeitet, gelang Bowles ein Meisterstück. In diesem Erstling ist schon all das angelegt, was Bowles Einzigartigkeit ausmacht: die Konfrontation von Orient und Okzident; das Ausloten der „lichtlosen Tiefen des Inneren“; die Philosophie des Reisenden; die Begegnung mit einer Welt, „die noch nicht durch die Entdeckung des Denkens getrübt war“; die Suche nach einer Bewußtseinsebene, „auf der die bloße Gewißheit, zu leben, nicht mehr genügte“; die sexuelle Apathie zwischen Eheleuten und die daraus resultierenden Psychosen. Im Stil eines Road Movies schickt Bowles in diesem Abenteuerroman drei Amerikaner, das Ehepaar Port und Kit Moresby und deren Freund Tunner, auf eine Reise durch nordafrikanische Wüstenlandschaften. „Ich hatte keinen Plan, machte mir auch keine Notizen, sondern stellte mir nur vor, wie drei Amerikaner durch die Sahara reisten. Die Ereignisse sollten sich von selbst ergeben, während ich sie von Oase zu Oase begleitete“, schrieb Bowles zur Entstehungsgeschichte dieses Romans. Diese Vorgehensweise ist typisch für ihn. Alle seine Romane beruhen auf selbst erlebten Reisen. Struktur und Charakter der Landschaften basieren auf seiner Erinnerung. Für die Charakterisierung seiner Protagonisten standen reale Personen ModelI. Vieles, was ihm auf seinen Reisen begegnet, was ihm selbst widerfahren ist, hat er in seine Geschichten eingebaut. „Ich wollte jede Szene mit Einzelheiten aus dem Leben untermauern, das seinen Gang ging, während ich schrieb, gleichgültig, ob das so entstehende Nebeneinander nun stimmig war oder nicht. Ich wußte nie, was ich am folgenden Tag schreiben würde, denn ich hatte ihn ja noch nicht erlebt.“

„So mag er fallen“, Bowles zweiter Roman, erschien 1952. Der junge New Yorker Nelson Dyar entflieht der „überwältigenden Leerheit“ seines Bankangestelltendaseins und folgt dem Ruf eines Bekannten nach Tanger, wo er in dessen Reisebüro arbeiten soll. Die Hoffnung, an den Punkt zu gelangen, wo er das GefühI hat, „daß mir das Leben etwas gibt“, wird enttäuscht. Dyar verstrickt sich schnell in kriminelle Machenschaften, gerät in Liebesintrigen und verfängt sich immer tiefer in marokkanischen Mystizismen. Zerfressen von   quälenden Selbstzweifeln und unüberbrückbarem Mißtrauen anderen Menschen gegenüber, flieht er in ein abgelegenes Dorf und tötet dort im Kif-Rausch seinen marokkanischen Begleiter Thami.

Mit „Das Haus der Spinne“ legte Bowles 1955 sein reifstes und beeindruckendstes Werk vor. Dieser Roman, in dem zwei Engländer und die Amerikaner John Stenham und Lee Burroughs in Fez mitten in die politischen Unruhen des marokkanischen Bürgerkrieges geraten, stellt die Summe der BowIes’schen Philosophie und Weltsicht dar. Es ist das Buch mit den stärksten autobiografischen Einfärbungen. Dieser Roman ist das tief religiöse Bekenntnis eines Agnostikers. Ich kenne kein anderes Buch, in dem man so viel über die charakteristischen Wesenszüge des Islam, über die Hierarchie einer patriarchalisch aufgebauten Gesellschaft, über die prärevolutionäre Zeit in einem Kolonialland, über die sachte Annäherung eines „Zivilisierten“ (Stenham) an die Glaubensgrundsätze eines buchstabentreuen Mohammedaners (Amar) und über das hindernisreiche Entstehen einer Liebe zwischen zwei grundsätzlich verschiedenen Menschen erfährt.

„Gesang der Insekten“ komplettierte 1966 das Romanquartett und Iiegt jetzt erstmalig in einer deutschen Übersetzung von Pociao vor, die in Deutschland die kompetenteste Kennerin des Bowles’schen Werkes sein dürfte und sich seit Jahren für die Wiederentdeckung von Bowles stark macht. Sie hat bereits Stories von ihm übersetzt und im eigenen KIeinverlag herausgegeben und immer wieder über ihn geschrieben, lange bevor die Szene- und Zeitgeistblätter entdeckten: „der Kult hat einen neuen Namen: Paul Bowles“.

Nicht Nordafrika, wie in den ersten drei Romanen, sondern Lateinamerika ist der Schauplatz seines bisher letzten Romans. Das amerikanische Arztehepaar Taylor und Day Slade macht eine Urlaubsreise. An Bord eines Schiffes lernen sie die etwas merkwürdige Mrs.  Rainmantle kennen, deren Schicksal sich mit dem ihren zuerst auf eher komische, dann aber sehr tragische Weise verknüpft. Scheinbar zufällig macht Mrs. Slade die Bekanntschaft des zwielichtigen Grover Soto, halb Kanadier, halb Latino. Was die Slades nicht wissen, ist, daß Soto glaubt, sie könnten ihm als Zeugen des Mordes an Mrs. Rainmantle gefährlich werden und deshalb alles daransetzt, sie mit HiIfe von Hypnose und des Newbold’schen Virus‘ außer Gefecht zu setzen.

„Gesang der Insekten“ ist ein raffinierter, spannen der Thriller, der zwei von Bowles Hauptthemen auf die Spitze treibt. Die Frage nach dem Sein, nach dem Wert von Realität   wird hier auf das Äußerste dramatisiert, weiI die Slades durch künstlich herbeigeführte Amnesie um einen Teil ihrer Vergangenheit gebracht werden und somit  noch mehr der „WiIdnis“ ihres Gehirns ausgesetzt sind. Zum anderen sind in diesem Roman die Probleme sexueller Art zwischen Eheleuten am drastischsten zugespitzt. Ein harmonisches Liebesleben gibt es in Bowles’ Romanen nicht. Wie weit sich die Paare voneinander entfernt haben, wie sehr jeder auf sich selbst gestellt ist, zeigt schon der Umstand, daß bei Bowles grundsätzlich jeder im Hotel sein eigenes Zimmer hat, Intimität also nur nach  vorheriger Absprache zustande kommen könnte. „Gesang der Insekten“ Iäßt sich auch lesen als ein einziges Hoffen und Warten Taylors auf eine Gelegenheit, in der sich Day bereit erklärt, mit ihm wieder mal ausgiebig zu vögeln. Aber immer dann, wenn er denkt, die Situation wäre günstig, hat sie die ausgefallensten Ausreden. Es liegt meiner Ansicht nach eine besondere Tragik in diesem Roman, daß Taylor sterben muß, bevor ihm die Gunst einer Liebesstunde mit seiner Frau vergönnt war.

Obwohl man die vier Romane kaum miteinander vergleichen kann, gibt es doch ein paar wesentliche gemeinsame Entsprechungen. Alle Romane sind durchdrungen von einer Welt, in der Visionen, Prophezeiungen, Magie, Trance, Hypnose, sublimes Grauen, Horchen auf Omen, halluzinatorische Exkursionen nichts Außergewöhnliches sind. In diese Welt geraten Europäer und Amerikaner, die der Sinnentleerung einer ziviIisierten WohlstandsgeselIschaft überdrüssig sind. Sie treten an mit dem Vorsatz, den Kategorien zu entkommen und Grenzen jeder Art zu überschreiten. Was folgt, ist „die Vernichtung der westlichen Psyche“ (W.S. Burroughs) und ein hiIfloses Treiben in einem identifikationslosen Raum. Bowles’ Protagonisten geraten immer in Situationen, wo sie auf die pure Existenz zurückgeworfen werden, wo oft  nur noch ein Ausweg bleibt: „regungslos dazuliegen und sich molluskenartig an die Unterseite des Bewußtseins zu klammern“. Ein Zurück in den ziviIisierten Westen beabsichtigen sie nicht, und das sich Aneignen der marokkanischen LebenseinstelIung, dieses Versinken in „einen Zustand unklarer Entzückung“, ist ihnen unmöglich. „Es war die Welt hinter der Welt, wo die Betrachtung von der Notwendigkeit des Handelns befreit, so die Ruhe, die alle Dinge im Tod suchen, für kurze Frist als Zufriedenheit erscheint und wo schließlich der Geist glaubt, daß die stilIen Wasser der Vollendung erreichbar seien.“ Die Suche nach diesem Zustand bezahlen sie auf unterschiedIichste Weise. Rettung gibt es für keinen. Kit Moresby verfällt einer irrationalen geistigen Umnachtung, Nelson Dyar flüchtet sich in übermäßigen Kif-Konsum, Port Moresby erkrankt an Typhus und stirbt.

Bowles ist nicht auf der Suche nach dem Wissen des Verstandes, sondern nach der der Seele eigenen Wahrheit. Er interessiert sich für psychoaktive Drogen, hat selbst Experimente mit Majoun, einer Art Cannabis-Marmelade, gemacht und unter deren Einwirkung die Traumsequenzen des typhuskranken Moresby geschrieben, die zusammen mit den Kif-Phantasien Dyars zum Herausragendsten gehören, was die moderne Prosa hervorgebracht hat. In seinen Romanen schiIdert er Zustände erweiterten Bewußtseins, daneben ist er aber auch ein bestechender dokumentarischer Chronist und Ethnologe. Der Psychonaut Bowles besitzt neben einem fotografisch genauen Auge vor allem auch das geschulte Ohr des ausgebiIdeten Komponisten. (Zwanzig Jahre lang bestritt er seinen Lebensunterhalt mit dem Komponieren von Theater-, Ballett-, Opern- und Filmmusiken.) Beides macht sich in seinem Schreiben nachhaltig bemerkbar. Kein Schriftsteller hat die Magie, die Schönheit, das brutale Klima, die Menschen und ihre archaischen Rituale, die Musik, die Städte und Landschaften Nordafrikas in solch treffenden und einnehmenden Worten beschrieben wie Bowles. Es wäre also an der Zeit, daß man diesen Reiseschriftsteller von außergewöhnlichem Rang auch hierzulande endIich in die Reihe stellt, in die er gehört: an die Seite so bedeutender Autoren nämlich wie Conrad, MelviIle und Somerset Maugham.

Bowles hat das Exotische nie romantisiert, er ist nur ein entschiedener  Gegner allen zukunftsgefährdenden Fortschritts, das heißt, er verabscheut die negativen Auswirkungen der sogenannten westlichen Zivilisation und setzt deshalb seine Hoffnungen auf in Traditionen verwurzelte, an archaischen  Glaubensgrundsätzen orientierten Volksstämme. „Der heutige Mensch ist ein Verstandesmensch, und der Verstandesmensch ist ein verlorener.“ Lee Burroughs schimpft Stenham einmal „einen hoffnungslosen Romantiker ohne das geringste Vertrauen zur menschlichen Rasse“ und verurteilt seine „kindische Hoffnung, eines Tages werde die Zeit stillstehen und die Menschheit zu ihrem Ursprung zurückkehren“. In Stenham kann man vieles vom Bowles’schen Denken wiederfinden.

Bowles ist ein Autor, der aktueller wird, je stärker die lebensbedrohenden Auswüchse der ZiviIisation sichtbar werden, je größer die ZahI derjenigen wird, „die glauben, sie wissen schon ganz genau, wie die Welt ist, und es nicht mehr nötig haben, sich umzusehen“. Obwohl alle Anzeichen dafür sprechen, hofft man doch, der Pessimist und Eremit von Tanger möge nicht recht behalten mit seiner Prophezeiung: „Da der Mensch jedoch das anpassungsfähigste Tier auf der Welt ist und sich mit jeder Situation abfinden kann, solange man sie ihm als unausweichlich verkauft, nehme ich an, daß er eines Tages sogar seine Zustimmung gibt, wenn es darum geht, alles Leben auf seinem Planeten zu vernichten.“

Erstdruck in Wolkenkratzer Art Journal, Heft 5/1988