Die Sehnsucht nach dem Wesentlichen

Seit über 15 Jahren lebt der deutsche Autor Patrick Roth in Los Angeles. Er ist Bukowski-Fan, lebt für die Musik, das Kino, die Frauen und für das Schreiben. Sein neustes Buch heißt „Riverside“ und ist eine Christusnovelle.

Der Nachthimmel ist sternlos. Rabenschwarz. Nur die Positionslichter einer handvoll Hubschrauber zeugen davon, daß Los Angeles auch in dieser Nacht keine Ruhe findet. Das Autoradio ist auf „95 Point 5“ eingestellt: KOLS, „Southern California’s official Rock’n’Roll Concert Station“. Auf dem Freeway keine Verkehrsprobleme. Wir wollen zu einem Konzert im San Fernando Valley. „Ich habe keine Ahnung, was uns erwartet. In einem Club, den ich nicht kenne, sollen heute Abend mehrere Gruppen spielen“, hat uns Patrick Roth am Nachmittag noch gesagt. „Wir müssen aber ein bißchen vorsichtig sein. Da draußen, das ist Gangland.“ Im Valley regieren die Streetgangs. Mord und Totschlag sind an der Tagesordnung. Im Autoradio die harten Rhythmen von „X“. She gets confused flying over the dateline cause the days change at night change in an instant. Das ist die richtige Musik für die richtigen Straßen.

Vier Dinge sind wesentlich im Leben Patrick Roths: Musik, Kino, Schreiben und Frauen. Im „Mancini’s“ angekommen, ist die Furcht vor der latenten und unkontrollierten Gewalt sofort verflogen. Der Club ist gut besucht, nicht voll, keine Schwarzen im Raum. Die falsche Hautfarbe am falschen Ort ist hier tödlich. Der Schuppen hat Batschkapp-Flair. Das Publikum ist überwiegend sehr jung. Die Girls sind durch die Bank hübsch, die Musik geht gut ab. Roth ist begeistert. Wenn er von etwas angetan ist, läßt er sein Gegenüber daran teilnehmen. Seine Schwärmereien sind ansteckend, man kann sich ihnen schwer entziehen. Patrick Roth ist ein Mann großer Emotionen. Nicht nur im Kino. Wer ihn ein bißchen kennt, weiß, daß er den folgenden Satz ernst meint: „Frauen sind wahnsinnig wichtig für mich.“ Auch an diesem Abend findet er die richtigen Worte für die Mädchen im „Mancini’s“. Seine Begeisterung drückt er in unverbrauchten Bildern aus, in überraschenden Vergleichen. Am liebsten macht er sie an unscheinbarsten Details fest. Er sieht mit den geschulten Augen des Drehbuchschreibers.

Roth redet, wie er schreibt: bildgewaltig. Das ist das Erste, was einem an ihm sofort auffällt. Sein Sprechen ist gespickt mit außergewöhnlichen Sätzen. Das ist kein Dahergerede, sondern bereits – scheinbar mühelos formulierte – Literatur. In seinem neuesten Buch, der Christusnovelle „Riverside“, wird so gut wie nichts beschrieben, sondern nur gesprochen. Das Gespräch der drei Männer vermittelt jedoch die Geschichte des Buches auf knappen 93 Seiten so lebhaft, als ob man ein dreistündiges Breitwandepos von Cecil B. de Mille gesehen hätte. Mit unglaublich präzisen Sätzen, in einer vollkommen singulären Sprache, die ich nicht anders wie Bibeldeutsch nennen kann, erzählt Roth die Lebens- und Leidensgeschichte von Diastasimos.

Im Jahre 28 erkrankt dieser einfache, unbescholtene Mann an Lepra. Als Aussätziger aus der menschlichen Gesellschaft verbannt, vegetiert Diastasimos neun Jahre lang in einer Höhle im judäischen Wüstengebirge vor sich hin. Im Jahre 37 suchen ihn dort zwei junge Männer, Tabeas und Andreas, auf. Die beiden wollen Zeitzeugen von Jesus Christus befragen, um diese Dokumente für die Nachwelt in schriftlicher Form überliefern zu können. Kurz vor seinem Tod war Jesus in Begleitung der beiden Jünger Judas und Johannes bei Diastasimos in der Höhle gewesen. Der Messias konnte den Aussätzigen damals scheinbar jedoch nicht heilen. Diastasimos Unglaube und Hoffnungslosigkeit waren fortan weithin als sprichwörtlich bekannt.

Der Besuch bei dem Alten wird zum Lehrstück für die beiden Jungen. „Zeit ist es nicht nur für euren Besuch, sagte die Stimme, sondern: zu vertauschen Gelübde und Lehre. Und euch, die ihr kommt, mir das eine abzuringen, will ich das andere gern verpassen.“ Die beiden „Sammler“, und darin sind sie eine sehr neuzeitliche Erscheinung, möchten Erfahrung aus zweiter Hand abfragen und an solche, die Erfahrung aus zweiter Hand brauchen, weitergeben. Diastasimos ist jedoch nicht bereit, dabei mitzuspielen. „Denn warum soll ich auf die Seite von Schreibern gehen, die ihre Predigt nicht im eigen Fleisch und Blut geschrieben finden, sondern in Tintenstrichen auf Papier? Gebt mir den Mensch zu lesen, wenn ihr Menschen lesen wollt.“

Schon in seinem ersten Buch, „Die Wachsamen“, das drei Monodramen versammelt, hatte Roth drei Männer in Extremsituationen über für sie wesentliche Fragen des Lebens nachdenken lassen. Kelly sitzt in der Gaskammer und wartet auf seine Hinrichtung. Paul sitzt in einer isolierten Kabine der Nuklear-Hauptwachzentrale, den Finger permanent am „Metallzacken“. John schließlich steht in seinem Swimmingpool und beobachtet das Erdbebeninferno, das Los Angeles heimgesucht hat. Allen drei Protagonisten ist gemeinsam, daß sie ihre (scheinbar) letzten Gedanken Frauen widmen und das, nach was sie sich sehnen, nicht real, sondern nur in ihrem Kopf ist. Wachsam Träumen sie sich zurück in die für sie glücklichsten Begegnungen.

Immerhin versuchen sich die drei Wachsamen aus ihrem Unglück mittels Erinnerung an das selbst erfahrene Glück zu retten. Die Zukunft kann man, davon ist Roth überzeugt, nur „in der Vergangenheit finden, indem du das Alte, soweit es dich an geht, durcharbeitest, zu deiner Erfahrung machst“. Andreas und Tabeas müssen das erst begreifen. „Jetzt beschwert ihr euch, daß ich euch nicht von Anfang an das Maul gestopft. Erst muß verwirrt sein, verworren sich im Altgelernten nicht mehr kennen, der etwas finden will. Denn hat euer Herr nicht gesagt: ‚Lasset den, der sucht, nicht aufhören zu suchen: als bis er findet. Und wenn er findet, verstört wird er sein. Wenn aber verstört: tauchts in ihm auf staunend: wird herrschen über All.‘“

„Riverside“ ist eine Parabel, vergleichbar den Gleichnissen aus der Bibel, die zwar am Anfang unserer Geschichtszählung spielt, aber trotzdem auf verschiedene Weise sehr modern interpretiert werden kann. Man kann aus ihr eine Medienkritik ablesen. Diastasimos wehrt sich gegen die mediale Vermarktung seines Schicksals. Er will, daß die beiden das Leben als Herausforderung begreifen und sich nicht in Surrogate flüchten. „Ausreden! Vor der Tat und den Taten, vor dem Erleben des Glaubens, das euch im Schreiben und Aufnotieren verloren geht und an das ihr mit euren Buchstaben werdet niemand erinnern, in keiner Zeit.“ Dann ist es eine Reflexion über das Schicksal von unheilbar Kranken. Ein AIDS-Kranker von heute dürfte vor ähnlichen Problemen stehen wie der aussätzige Diastasimos. Weiter funktioniert „Riverside“ als Vater-Sohn-Geschichte. Diastasimos offenbart sich den Jungen zum SchIuß. Die Wahrheit öffnet den beiden die Augen. „Und sein  Bruder,  den  die  Griechen  Tabeas  nennen  und  der  dies aufgeschrieben, der hat es auch so gesehen und hat verstanden den Weg und erkannt den Vater: neu beginnend am Wasser, wo sie sich einst getrennt.“ Dieses Neubeginnen, das einer humanistischen Überzeugung entspringt, durchzieht das ganze Bach. Seine Message ist so alt wie die Menschheit, und hier hängt Roth einem, in heutiger Zeit antiquiert erscheinenden, Romantizismus nach: Daß nur Nächstenliebe die Menschen retten kann.

Außerhalb aller derzeitigen Moden und Trends steht Roth auch mit seinem poetologischen Programm. „Die Wachsamen“ ist in der Form des Zeilensprungs geschrieben. Inspiriert hat Roth dabei das „erste deutsche Szenaristen-Genie“ Carl Mayer, der in den zwanziger Jahren unter anderem Drehbücher für Murnau geschrieben hat. Die staccato gehaltenen Kurzsätze gleichen Kameraeinstellungen und -bewequngen. Die Monodramen erhalten so einerseits eine Atemlosigkeit und entwickeln, zumal wenn man sie laut liest, eine Sogwirkung, andererseits kann man jede Zeile für sich lesen, verweilen und über das Bild meditieren, also die Bilder nach-denken oder wie es Roth selbst formuliert: „ihre Gedankenfolge nach-zu-sehen“.

Weiter hat sich Roth streng einem Diktum von Orson Welles unterworfen, das besagt, daß die Erzählperspektive nicht verändert werden darf. „Bei Welles sieht man immer alles nur durch ein Objektiv“, sagt Roth und erklärt damit den Spielereien und Experimenten vieler junger Gegenwartsautoren eine klare Absage, die sich mit ihrem Schreiben an der Videoclipästhetik orientieren. Geradezu Vorbildcharakter für Roths S hreiben hat Welles’ „Othello“. An einem Beispiel erklärte Roth in einem Interview mit der Zeitschrift „Konzepte“ seine und Welles Arbeitstechnik: „Das ‚How?‘ des Iago, das sagen will: ‚Wie kann ich Othello zu Fall bringen?‘, setzt Welles als Flüsterton über den long shot (die Totale) in der Kathedrale, an deren fernem Altar Othello gerade mit Desdemona getraut wird, und stellt so erst den ungeheuren Kontrast zur Raumtiefe der Kathedrale her! Wie hier Bild und Ton völlig irreal zusammenarbeiten, um die gewollte Emotion zu erzeugen: die Ungeheuerlichkeit der Frage, dieses ‚How?‘ soll über die Raumtiefe erfahrbar gemacht werden. Das hat für mich nichts mehr mit Realität zu tun, aber alles mit Geschichten-Erzählen.“

Schließlich, und da kommt Roth den Bedürfnissen unserer Zeit sehr entgegen, hält er sich, zumindest in seinen ersten beiden Büchern, an eine Forderung von Edgar Allen Poe. Roths Texte sind alle so kurz, daß man sie problemlos in einem Rutsch lesen kann, und werden damit Poes Maßgabe nach der „Kontinuität der Erfahrung“ gerecht.  Eine Geschichte, die man in maximal zwei Stunden lesen kann, erlaubt den Aufbau einer Emotion und kann somit zu einer, wenn die Geschichte etwas taugt, erlebten Erfahrung werden.

Seit 1975 lebt der 1953 in Freiburg geborene Roth in Los Angel es. Seine Liebe zum Kino hat ihn in die Filmmetropole gezogen.  Ein einjähriges DAAD-Stipendium ermöglicht den Sprung über den großen Teich. Er studiert Anglistik und besucht nebenher unerlaubterweise an der University of Southern California Filmseminare. Nach Ablauf des Stipendiums bleibt er auf eigene Faust in L.A., verdingt sich gegen Kost und Logis als Sprachlehrer in Beverly Hills, wo ihn eine alte jüdische Emigrantin für ein Jahr in ihre Obhut nimmt. Die Heirat mit einer Amerikanerin bringt ihm anschließend nicht nur eine Aufenthaltsgenehmigung, sondern auch die begehrte Green Card, die Arbeitsgenehmigung. Seiner Leidenschaft zum Film geht er gleich auf mehreren Ebenen nach. Zum einen nimmt er Schauspielunterricht, zum anderen schreibt er Drehbücher, gründet die Produktionsfirma „Mythograph“ und führt selbst Regie bei mehreren Kurzfilmen. Sein bester und bekanntester heißt „The Killers“ und ist nach einer Short Story von Charles Bukowski entstanden.

Heute lebt der mittlerweile wieder geschiedene Roth in einem Appartmentkomplex in Sherman Oaks, einem Vorort von Los Angeles. Hier, in einer mit Ledermöbeln geschmackvoll ausgestatteten, mit Büchern, CDs, Schallplatten und Videobändern vollgestellten und mit Filmplakaten (Taxi Driver, La Notte, Lady of Shanghai) dekorierten Wohnung, entstehen seine Theaterstücke, Drehbücher, Hörspiele und Prosaarbeiten.

Nach absolviertem Tagespensum geht er oft noch auf einen Sprung ins „Mel’s drive-in“. Das liegt zwei Häuserblocks weiter auf dem Ventura Boulevard. Das „Mel’s“ sieht original so aus wie in „American Graffiti“: Rot-grüne Autositze, die Bar wie ein chromblitzendes Armaturenbrett, Sechziger-Jahre-Fotos an den Wänden, Rock-olas an jedem Tisch mit Singles von Sam Cooke, Richie Valens, Martha & The Vandellas und den Beach Boys. Wen Patrick Roth mag, den führt er zu „Mel’s“ und verführt ihn zu einem „New Yorker“-Sandwich und einem Bananenshake. „Das Sandwich müßt ihr unbedingt probieren“, schwärmt er. „Das ist mit Pastrami. Ich glaube, das gibt’s in Deutschland gar nicht?“ Wir waren mehrmals im „Mel’s“, haben Pastrami-Sandwiches gegessen und den wieselflinken Kellnerinnen bei der Arbeit zugesehen. Thema unserer Gespräche waren immer Musik, Kino, Literatur und – die Liebe. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Foto: Harald H. Schröder

Erstdruck in Journal Frankfurt, September 1991