Jockeys, Diebe und Huren

Zu Nelson Algrens Erzählungen “Das letzte Karussell”

Der 1981 verstorbene Nelson Algren gehört zu den wenigen Schriftstellern auf der Welt, die uneingeschränkt hohes Ansehen bei Kollegen besaßen. Hemingway zum Beispiel schrieb 1949 an Malcolm Cowley: “Nelson Algren ist wahrscheinlich der beste Schriftsteller unter 50, der heute schreibt.” Simone de Beauvoir, die eine über einige Jahre dauernde Liebesbeziehung zu ihm unterhielt, widmete ihm ihren Memoirenband “Die Mandarins von Paris”. Vielleicht lag diese außergewöhnliche Wertschätzung daran, daß der bescheidene, aus dem Chicagoer Subproletariat stammende Algren nur für einen kurzen Moment seines Lebens wirklich im Rampenlicht stand: Nach Erscheinen seines Romans “Der Mann mit dem goldenen Arm”, den Otto Preminger mit Frank Sinatra in der Hauptrolle später verfilmte. Wen kaum einer kennt, der kann als Konkurrent nicht gefährlich werden.

Ob Algren heute bekannter ist als zu Lebzeiten, bezweifle ich. Würde der Versand Zweitausendeins ihm nicht eine Werkausgabe widmen, kein Mensch würde hierzulande seinen Namen kennen. Man muß dieses löbliche Unternehmen so hervorheben, weil hier dem deutschen Leser, ungeachtet eines verlegerischen Risikos, ein bedeutender Vertreter des literarischen Realismus zugänglich gemacht wird und weil man mit Carl Weissner den wahrscheinlich besten deutschsprachigen Übersetzer für diese Art von Literatur verpflichtet hat.

“Ich lebe vom Schreiben, aber ich mag Schriftsteller nicht besonders. Marcel Proust? Kenn ich nicht, interessiert mich nicht. Ich bevorzuge Boxer, Huren und Gauner. Da bin ich zuhause, da fühl ich mich wohl.” Ein Statement, das Algren auf einen Nenner bringt. Auch das Personal der im sechsten Band der Werkausgabe versammelten Erzählungen entstammt diesem autobiographischen Erlebnisraum des Autors. Algrens Helden sind die Verlierer der Gesellschaft: Ausgestoßene, Unterprivilegierte, Versager. Menschen, die aus dem Subproletariat kommen, deren Heimat die billigen Absteigen, die schmierigen Spelunken, die Gosse sind, die nur am Leben bleiben, weil sie sich im kleinkriminellen Milieu mehr schlecht als recht durchzuschlagen wissen. Natürlich hängen auch oder gerade diese Menschen dem Traum vom schnellen Geld nach, aber letztlich zählt, ohne große Illusionen, nur das Überleben vom einen auf den anderen Tag. “ln Daddyland gab es keinen Jazz. Oder sonst eine Musik, ob cool oder hot. Keine Diners‘-Club-Karten und keine Probleme mit der Einkommenssteuer. Niemand sprach von Geld, und niemand sprach von Liebe. Die Landeswährung war ein weißes Pulver, und das war das einzige, was hier geliebt wurde. Es spielte in Daddyland auch keine Rolle, ob die Welt mit einem Donnerschlag oder einem Winseln endete. Je früher, desto besser. So sahen es die Dingdong-Daddylander.”

Wie groß die Unterschiede sind zwischen denen da oben und denen da unten, wird in zwei Erzählungen deutlich, die etwas aus dem Rahmen fallen. In der einen schildert Algren sein Zusammentreffen mit dem despotischen Filmregisseur Otto Preminger. Eine Filmfirma hatte Algren für eine lächerliche Summe die Filmrechte für “Der Mann mit dem goldenen Arm” abgeluchst, nun ließ der Regisseur generös den Romanautor zu den Dreharbeiten antanzen, um ihm seine Allmacht vorzuführen. Schon nach der ersten Begegnung ist klar: Da treffen zwei unvereinbare Welten aufeinander. Preminger, für den nur der Erfolg zählt, kann nicht begreifen, warum jemand freiwillig Umgang mit Unterprivilegierten pflegt. Auf seine Frage, warum Algren bei solchen Menschen wohne, antwortet dieser: “Weil, wenn ich woanders wohne, kriege ich es immer mit Menschen zu tun, die so sind, daß ich lieber wieder zurückgehe und bei ‘solchen’ Menschen lebe.” Preminger erwidert ihm und damit war für ihn dieser Autor abgehakt: “Ich sehe, Sie sind nicht erfolgsorientiert. Ich bin sehr erfolgsorientiert. Ich wäre gern weniger erfolgsorientiert, aber mein Lebensstandard hat es verhindert.” In der anderen Erzählung gibt Algren Auskunft über die Spannungen zwischen ihm und Simone de Beauvoir während einer Nordafrikareise. Diese wunderbar ironisch geschriebene Erzählung wirft nicht nur ein entlarvendes Licht auf die Weltfremdheit von Madame, sondern macht, im Kontext der anderen Erzählungen gelesen, auch klar, warum das mit den von Intellektuellen angezettelten Revolutionen nie so recht klappen wollte. Auf der einen Seite die Intelligenzija, die, wie Algren am Beispiel von Simone de Beauvoir aufzeigt, “vor lauter Verantwortungsgefühl gegenüber der Welt kaum noch eine Antenne für dieselbe hatte”, auf der anderen Seite das Fußvolk, das ganz andere Bedürfnisse hat: “Ich betrachtete Tausende von Amerikanern beim Hotdog-Futtern, und dabei fiel mir etwas auf: Ich sah zwar keinen, der bereit schien, sein Leben für die Demokratie zu opfern, aber es waren massenhaft Leute da, die bis zum Äußersten darum kämpfen würden, Luis Aparicio zu sehen, wie er mit einem Double eröffnete.”

Einer von Algrens Romanen trägt im Original den Titel “A Walk on the Wild Side”. Die Größe dieses zu Unrecht so Unbekannten besteht darin, daß er über den magischen Teufelskreislauf derjenigen, denen ihre Spiel- oder Drogensucht keinen Ausweg bietet, über die “lädierten Hoffnungen” der Parias, über den Alltag dieser zu kurz gekommenen Menschen, über ihren ganz banalen und unmenschlichen Alltag, ohne großes Brimborium, ohne künstlich aufgeblasene Spannungsbögen, ohne verbrämte Moral, ohne ziselierte Sprachakrobatik, einfach nur über diesen erbärmlichen Alltagstrott auf eine gänzlich unspektakuläre, aber höchst lebendige und authentische Art geschrieben hat.

Er hat in seinen Büchern den ewigen Verlierern ein Denkmal gesetzt, ihre Sprache und ihre vulgäre Alltagsroutine literaturfähig gemacht, stimm- und rechtlosen Menschen ihre Würde zurückgegeben: zum Beispiel den zwei alten Fixerinnen, die für einen schrulligen Ex-Zuchthäusler gebrauchte Kondome auswaschen und sie dann mit bunten Zeichnungen auf neu trimmen; oder dem drittklassigen Boxer, der sich manipulieren lassen muß, um im Geschäft bleiben zu können; oder dem abgehalfterten Jockey, der sein Pferd quält, um die Schnauze nochmal vorne zu haben; oder den Schaustellern vom Rummelplatz, die mit den hinterfotzigsten Tricks den Leuten das Geld aus der Tasche ziehen. Wie Dostojewski, dessen Bild er immer über seinem Schreibtisch hängen hatte, hat Algren sich zum Anwalt des Aussatzes der Gesellschaft gemacht. Seine Parteinahme und seine linke Gesinnung brachten ihm eine FBI-Akte und zeitweilige Observierung, aber auch, natürlich viel zu spät, ein paar Wochen vor seinem Tod die Aufnahme in das Pantheon der Unsterblichen ein, die amerikanische Akademie der Künste und der Literatur.

Algren war zeitlebens unbestechlich gegenüber den Statthaltern des Ruhms, ihm war immer wichtiger gewesen, denjenigen guten Gewissens ins Gesicht sehen zu können, “die’s unterlassen hatten, sich gute Beziehungen zu Gerichten, der Staatsanwaltschaft oder der Polizei zu verschaffen”. Er hat einen hohen Preis dafür bezahlt: zweiundsiebzigjährig ist er vereinsamt und verarmt gestorben.

Nelson Algren: Das letzte Karussell, Aus dem Amerikanischen von Carl Weissner, Zweitausendeins, 358 Seiten, 27 Mark

1991