Nächte in Amnesien (Sphinx 1980)

Diese „Stories“ sind reiner Cut-up, das ist nichts für Freunde der linearen Geschichte. Den Inhalt einer Story nachzuerzählen, ist schlicht unmöglich. Hier geht es nicht um Inhalt, sondern um Sprache. In wilden, scheinbar willkürlichen Gedankensprüngen geht es um Alles und Nichts. „… nicht reinfallen auf das, was sich vor meinen Augen abspielt. Antworten werden sich in Form von Mutationen finden.“
Schon 1964 schrieb Ploog in sein Tagebuch: „Die Frage, die mich in diesem Zusammenhang interessiert: ist das individuelle Bewusstsein (oder auch: Bewusstsein überhaupt) eine Makro-Montage, dessen Wiedergabe mit konventionellen sprachlichen Mitteln gar nicht möglich ist?“
Trotzdem passiert in diesen Geschichten natürlich etwas. Ploogs Protagonisten sind meist ein Mann und eine Frau, fast immer sind sie unterwegs. Die Ziele ändern sich abrupt, „heute ist es Malakka, morgen Malibu“ oder Nova Territorium, Globeville, Amnesien, Nova-Kolonie. Ständig begegnen sie dem abstrusesten Personal: Junkies, Nutten, Mutanten, Koksschnupfern aus der Weimarer Republik, Agenten in schwarzen Ledermänteln, Vampiren, Replikanten, Rockern, blinden Bettlern, Taschendieben, aufgetakelten Senoritas, Zombies, Nymphomaninnen.
„Wirklich unterwegs ist der Reisende immer sein eigener geografischer Ort.“ Der Leser muß sich, wie die Figuren dieser Stories, einlassen auf ein Gemenge aus Flashbacks, Halluzinationen und Träumen. „Casablanca, als Rick dem Vertreter der Deutschen Bank die kalte Schulter zeigte. Morgens lagen die Verlierer auf den Spieltischen & starrten mit leeren Blicken hinauf zum Stuck. Nachmittags wurden in düsteren Bars Emigranten über die Situation an der Grenze ausgehorcht. Nachts Derwische zwischen Ölfunseln auf der Suche nach einem guten Stück Arsch, & der biologische Film hing wie ein Schatten über der Kolonie.“
In Fortbewegungsmitteln aller Art surfen die Figuren durch Raum und Zeit, ihr Dasein ist ein ständiger Überlebenskampf im System der staatlichen Repressionen. Da es keine nacherzählbare Handlung gibt, kann es auch keine Identifikation mit den Handelnden geben. Die Texte sind wie abstrakte Gemälde.
„Ich wollte herausfinden, was Worte in unwahrscheinlicher Kombination mit meinem Vorstellungsraum anstellen. Erweitern sie ihn, zerstören sie ihn, reizen sie ihn imaginativ & beginnen sie sich von den assoziativen Festlegungen zu lösen? Ich war fasziniert von dem Zustand, in den mich der Umgang mit einem brüchigen Sprachfeld versetzte & von den Möglichkeiten, körperliche Erregung daraus zu ziehen. Es war entscheidend, das Verhältnis zum Wort als taktilen Vorgang zu empfinden. Ich sah keinen Grund, mich auf Kontinuität einzulassen. Ich hielt das technische Verfahren für brauchbar, weil es dissoziative Energie freisetzte, die ich an anderen Texten vermisste.“ schrieb Ploog rückblickend 2002 in „Die letzte Dimension“.
Leser, die sich auf diese Art Literatur einlassen, werden reich belohnt mit Unmengen von Bildern, die in ihrem Kopf entstehen und im besten Fall Räume in ihrem Unterbewußtsein freigeben, von deren Existenz sie bis dahin nichts wußten.