Bargeld fürs Kino
Immer häufiger beherrschen Pop- und Rockmusiker die Leinwände der Kinos. Wolfgang Rüger hat die aktuellen Filme gesehen und sich Gedanken über diesen neusten Kinotrend gemacht .
Der für mich immer noch definitiv beste Musikfilm ist Godards „One plus one“ . Godard liefert hier Aspekte der Sprachfindung und des Sprachverlustes. Ein Aspekt zwischen diesen beiden Polen ist die Musik und der Gesang der Rolling Stones. „One plus One“ zeigt Arbeitsfragmente der Rolling Stones, die im Studio „Sympathy for the Devil“ aufnehmen und in diesem Film ein bißchen wie die musikalischen Pendants zum fragmentarischen Filmmonteur Godard erscheinen. Godard kommt in diesem Film ohne einen einzigen Inszenierungsschnitt aus. Die 13 Einstellungen, die die Stones bei den Proben zeigen, werden lediglich durch Montageschnitte unterbrochen. Die Dramaturgie jeder dieser Einstellungen wird einzig durch Kamerabewegungen erzielt. Gewinnt man beim oberflächlichen Sehen den Eindruck einer hilflosen Kameraarbeit, stellt man beim genaueren Hinsehen fest, mit welch atemberaubender Meisterschaft hier der Rhythmus der Musik in Bilder und Bewegung umgesetzt worden ist. „One plus One“ ist eine seltene Sternstunde des Kinos, in der es gelungen ist, sowohl Musik als auch Musiker adäquat auf der Leinwand zu präsentieren.
Musiker auf der Kinoleinwand gehören mittlerweile zum Alltag. Was in den fünfziger Jahren mit Bill Haley und Elvis angefangen hat, ist heute schon fast eine Inflation. Kaum ein Monat, in dem nicht irgendeine andere Popgröße über die Kinoleinwand flimmert: Cher, Debbie Harry, Liza Minelli, Joe Strumner, Elvis Costello, Divine, Peter Kraus, Sono Bono, Grace Jones, Pia Zadora, Peter Maffay und und und.
Das Spektrum der Filme, in denen Musiker als Schauspieler oder Aktivisten eingesetzt werden, ist breit. Es gibt ein paar wenige Musikfilme, die wie Scorseses „The last waltz“ oder Demmes „Stop making sense“ Musik kongenial auf Zelluloid umsetzen konnten. Es gibt Filme wie „Woodstock“ oder „Jimi Hendrix at Berkeley“, die einfach nur dokumentarisches Zeitstück sein wollen. Es gibt Filme, die in Spielfilmhandlung das Leben von Musikern erzählen wie „Bird“ von Clint Eastwood oder „Round midnight“ von Tavernier. Es gibt Filme, die wie „Hairspray“ von John Waters Popstars wie grelle Einsprengsel präsentieren, und es gibt, das ist die Mehrzahl, Filme, die einfach nur uninspiriert zusammengestückelte Clips sind wie „Pet Shop Boys – It couldn’t happen here“ oder „Prince – Sign o the times“ Gegen diese Konzertfilme ist trotz ihrer meist dürftigen filmkünstlerischen Qualität kaum etwas einzuwenden, wenn man davon ausgeht, daß sie sowieso fast ausschließlich nur die Fans der jeweiligen Gruppen und Interpreten erreichen.
Daß es auch lobenswerte Ausnahmen in diesem Filmgenre gibt, beweist der jetzt in unsere Kinos kommende Film „Tom Waits – Big Time”. Regisseur Chris Blum ist hier ein ganz unspektakuläres, aber immens eingängiges Kleinod gelungen. Ausgangsmaterial waren zwei Konzertmitschnitte, die durchsetzt werden von einer inszenierten Rahmenhandlung. Tom Waits spielt mal einen Kartenkontrolleur, mal einen Platzanweiser, mal einen Beleuchter, mal den Mann an der Kasse. Was dieser Typ anzubieten hat, denkt oder träumt, führt den Zuschauer in die Show von Waits. Diese ist – natürlich – das Herzstück des Films und präsentiert den zähnefletschenden Vaudeville-Heuler und spastischen Bühnentänzer mit Latin-Lover-Bärtchen (mal mit und mal ohne Hütchen) at his best. Seine stärksten Stellen – schwache gibt es keine einzige -hat der Film, wenn dieser geistreiche Geschichtenerzähler allein am Klavier sitzend seine dreckigen Witze, seine zynische Gesellschaftskritik auf die Spitze treibt. Wenn er Geschichten erzählt, die in der Gegend spielen, in der alle Pfannkuchen Namen von Prostituierten haben oder in der sich Typen rumtreiben, die auf der Straße gebrauchte Erotika verkaufen, und Waits Überlegungen anstellt, wie gebraucht die Dinger sind, wer sie gebraucht hat, ob sie gereinigt worden sind, wer sie gereinigt haben könnte usw. . Der Zuschauer ist in dieser Show immer mitten drin, weil die Kamera unaufdringlich nah an Waits bleibt, so daß man in aller Ruhe die Schweißperlen auf seinem Nasenrücken oder seine Rasurschnitte zählen kann, und sich vollkommen der Rasanz und Würdelosigkeit der Videoclipästhetik verweigert. Wenn man das Kino nach diesem Film verläßt, hat man das Gefühl, 90 Minuten lang etwas erlebt zu haben.
Und dann gibt es noch Filme – und deren Zahl nimmt augenblicklich zu – in denen Musiker tragende Rollen übernehmen, die erst mal nichts mit Musik zu tun haben wie z.B. “Stormy Monday“ mit Sting oder „Milagro“ mit Ruben Blades. Längst ist die Liste der Künstler recht lang, bei denen man sich unsicher ist, ob man sie eher als Schauspieler oder als Musiker bezeichnen soll. Stellvertretend seinen hier nur ein paar genannt: Kris Kristofferson, Barbra Streisand, Bette Midler, Cher, Liza Minelli , Doris Day, Marius Müller-Westernhagen, Herbert Grönemeyer.
Von denen, die von der Musik ins Schauspielfach wechselten, kann man allerdings nur den wenigsten herausragende Leistungen attestieren. Darstellerische Qualitäten wie sie Tina Turner in „Mad Max III“ oder David Bowie in „Merry Christmas, Mr. Lawrence“ zeigten, sind immer noch die Ausnahme. Alltäglich sind eher Peinlichkeiten wie etwa Udo Lindenberg in „Super“ oder Peter Maffay in „Der Joker“. Solche Fehlbesetzungen werfen die Frage auf, ob bei dieser Besetzungspolitik nicht knallharte kommerzielle Gründe eine ausschlaggebende Rolle gespielt haben. Die Vermutung liegt nahe, daß mit publicityträchtigen Namen auf erhöhte Zuschauerzahlen spekuliert wird. Wie anders soll man sich sonst erklären, warum ausgerechnet Phil Collins die Hauptrolle in „Buster“ übernehmen mußte/durfte, wo die Rolle des Gelegenheitsdiebes Buster Edwards doch die Kunst eines wirklichen Charakterdarstellers verlangt hätte. Collins stapft denn auch mit feixendem Vollmondgesicht und kleinkarierter Schiebermütze durch den Film und schafft in keiner Sekunde, diesem ziemlich langweiligen Streifen ein bißchen Leben einzuhauchen.
Nichtsdestotrotz scheint der Film ein kommerzieller Erfolg zu werden. In England wurde er mit 270 Kopien gestartet, und in Deutschland wird er mit einer beispiellosen Werbekampagne promotet. Selbstverständlich hängt sich alles an Phil Collins auf.
Mit Sicherheit weit weniger Erfolg dürfte da Pia Frankenbergs zweiter Spielfilm „Brennende Betten“ haben, obwohl er mit „Buster“ gemeinsam hat, daß er ebenfalls äußerst langweilig ist und mit Ian Dury auch einen prominenten Musiker als Hauptdarsteller hat. Dury macht im Gegensatz zu Collins seine Sache zwar ganz ordentlich, aber das Werbebudget des kleinen Verleihs Impuls-Film dürfte kaum ausreichen, diesen spastischen, pyromanisch veranlagten Paukisten zum Publikumsmagnaten à la Phil „Buster“ Collins zu machen.

„Dandy“ heißt der erste 35mm-Film des ehemaligen Super-8-Filmers Peter Sempel, er beginnt mit einem langen Cello-Solo der jungen Imke Lagermann, präsentiert im folgenden u.a. Blixa Bargeld, Nick Cave, Dieter Meier (Yello), Nina Hagen, Lene Lovich, Campino (Tote Hosen) und löst mit seiner fragmentarischen Erzählweise und seiner Montage die Theorie Godards ein, daß alle Information zwischen zwei Bildern, im Schnitt, liegt. In Sempels Musikfilm spielen Instrumente und Tänze die wesentliche Rolle, weil sie die einzigen Mittel zu einer universellen Verständigung sind. Ausgangspunkt ist hier ein Satz aus Voltaires “Candide“: „Der Mensch wurde geboren, um entweder in den Krämpfen der Unrast oder in der Ohnmacht der Langeweile zu leben.“ Wie einst Candide ziehen Sempels Protagonisten rund um die Welt, erleben Abenteuer, die das Leben lebenswert machen, begegnen Menschen, die einen bereichern, sehen Dinge, die Horizonte erweitern. Sie entziehen sich der Ohnmacht der Langeweile und setzen sich dem Chaos des Hin und Her aus. Die Begegnung von Neuer und Alter Welt, von U- und E-Musik erzielt Sempel durch das Aneinanderschneiden von antagonistischen Bildern und schafft so eine Kosmogonie von verschiedenen und unterschiedlichsten Kulturen. Einen roten Faden darf man in diesem Film nicht suchen. Handlung im herkömmlichen Sinn gibt es nicht, Konstanten sind allenfalls Blixa Bargeld, dieser traurige Zappelphilipp mit Struwwelpeterhaar, den wir beim Würfeln mit Nick Cave erleben (während aus dem Off die Alkohol-Ballade von Abwärts zu hören ist) , als Spiegelbildporträt mit der Sphinx von Gizeh sehen oder dessen Gesicht wir wie die Totenmaske eines Philosophen präsentiert bekommen und Dieter Meier, der am Ganges einen Maharaja trifft, eine Kaffeekanne durch Nordafrika, indische Reisfelder und nach Tibet trägt. Das Gesetz dieses Films ist, daß er nach keinem Gesetz funktioniert. Candide findet bei Voltaire am Ende seiner Reise zu einer Weisheit, einem Leitspruch, den man dem Zuschauer mit auf den Weg geben möchte: „Allein es gilt, unseren Garten zu bebauen.” Das meint: man sollte auf die eigene Phantasie und das Unterbewußtsein vertrauen. Nicht alles, was man aufnimmt, ist hinterher gleich als Ergebnis vorzeigbar. Diese Philosophie entspricht auch Blixas Programm einer „übergreifenden Idee“, deshalb ist er in „Dandy“ keine Fehlbesetzung, auch wenn er kein besonders guter Schauspieler ist (was er in diesem Film wohl auch gar nicht sein mußte). In einem Interview von 1982 meinte er: “Für mich geht es darum, ob etwas einen Nutzen hat oder einen Sinn ergibt. Ich kann dir zwar nicht sagen, warum ich das mache, was ich mache, ich kann dir höchstens sagen, wir machen das, weil wir gar nicht in der Lage sind, was anderes zu machen. Wo genau der Nutzen liegt, bei dem was wir machen, weiß ich nicht, ich gehe aber davon aus, daß es einen Nutzen hat und hoffe, eines Tages zu wissen, daß es einen Nutzen gehabt hat.“
Was bleibt als Fazit festzuhalten? In Zeiten totaler Verkabelung wird man am schnellsten zum Massen-Idol, wenn man multimedial präsent ist. Das Bedürfnis nach Idolen dürfte so alt sein wie die Menschheit selbst. Es liegt also im Interesse vieler, daß es Idole gibt. Die einen verlangen nach Identifikationsfiguren, weil sie auf sie ihre unerfüllten und unerfüllbaren Sehnsüchte projizieren können, die anderen wollen Idenfikationsfiguren schaffen, weil sie mit ihrer Hilfe am schnellsten und sichersten Unmengen von Geld verdienen können. Aus Sicht der Traumfabrik Film scheint momentan der risikoloseste Weg zum schnellen Geld der zu sein, bekannte Popmusiker als Schauspieler einzusetzen. Welche Probleme, vor allem aber Vorteile das mit sich bringt, hat Sting sehr schön erkannt: „Wenn man als sogenannter Rockstar gefeiert wird, dann schleppt man dieses Image natürlich auf der Leinwand mit. Wer so bekannt ist, hat es bestimmt schwieriger als jemand, der direkt von der Schauspielschule kommt. – Was sage ich da? Auf der anderen Seite ist es für einen Schauspieler bestimmt noch schwieriger, ein Rockstar zu werden oder nicht?“
Foto: Harald H. Schröder
Erstdruck in Auftritt, Heft 11/1988