Der letzte Verleger

Er war Deutschlands jüngstes Werbeas im Verlagswesen, dann war er Deutschlands Pornokönig, danach kam ein Schiffbruch mit Pauken und Trompeten, vor kurzem wurde ihm Gefängnis angedroht für die Herausgabe eines Buches, jetzt steht er (wieder mal) vor einer Pleite, aber – keiner kann den Untergang so gut verkaufen wie Jörg Schröder.

Hierzulande muß man mittlerweile lange suchen, bis man Verlegerpersönlichkeiten findet im Stil eines Kurt Wolff, Reinhard Piper, Ernst Rowohlt, Samuel Fischer, Gustav Kiepenheuer oder Caspar Josef Witsch. Jörg Schröder steht in ihrer Tradition. Was er in seinem damals skandalösen Buch „Siegfried“ über sie geschrieben hat, gilt gleichermaßen für ihn selbst: sie waren „nicht nur Bücherverscheuerer, sondern Büchermacher, Autorenkomplizen, Leute mit Ideen und Zivilcourage, die man auch als Person erkennen, bewundern und beneiden konnte“ .

Kein zweiter Verlag der Nachkriegszeit hat eine so buntschillernde und bewegte Vergangenheit wie MÄRZ – und MÄRZ ist und war immer Jörg Schröder. Man hat ihn bewundert und noch viel mehr verachtet, als “zwielichtiges Chamäleon des deutschen Literaturbetriebs” (Laemmle) tituliert und “als Macher, als Drücker, als Durchzieher, auch wenn es nur wenig mehr als Moden waren, die da dem Feuilleton reingedrückt wurden“ (Jörg Fauser) beschimpft.

Ende der sechziger Jahre hat Schröder mit der eigens hierfür gegründeten Olympia Press zum ersten Mal in großem Stil den deutschen Buchmarkt revolutioniert. Er war hierzulande der erste Verleger von pornografischer Literatur. Mit Pornos hat er sich eine goldene Nase verdient und gleichzeitig ein ambitioniertes, seriöses und mutiges Literaturprogramm im parallel laufenden MÄRZ Verlag subventioniert.

Anfang der siebziger Jahre mußte er Konkurs anmelden, von 1974-1981 hat er mit 2001 zusammengearbeitet, und sich im Streit von ihnen getrennt. Seither rudert er zusammen mit Barbara Kalender gegen alle Brandungen des Zeitgeistes und der grauenhaften Spießerwaren der Konzerne. Während die anderen mit „Blödsinn den Markt verstopfen“ wirft er Perlen vor die Säue. Diese Vorgehensweise hat ihm wieder einmal einen Schuldenberg von 1,2 Millionen Mark beschert.

Den zweiten drohenden Schiffbruch will Medienfuchs Schröder mit einer seiner berühmt-berüchtigten “schrillen Aktionen“ abwenden. Er sucht jetzt 10000 Leute, die bereit sind, ihm 200 Mark zu überweisen. Als Gegenleistung dafür gibt es Bücher aus der laufenden MÄRZ-Produktion im Wert von 150 Mark, sowie einmal die Schuhe geputzt vom Chef höchstpersönlich. „Schröders Schuh-Putz“ wird im Bild festgehalten und in MÄRZ TEXTE 3 (erscheint Herbst 1989) veröffentlicht, außerdem werden alle Sponsoren/innen in allen Nachdrucken und neuen MÄRZ-Büchern in einem Anhang namentlich erwähnt. Für alle, die sich schon immer mal gedruckt sehen wollten, hier ist eine einmalige Gelegenheit. Der Schlager der gesamten Aktion ist das damit verbundene Preisausschreiben. Erster und einziger Preis: Schröders Landhaus in Herbstein, Schätzwert: 600000 Mark. Die MÄRZ-Rettungsdienstcoupons und Lotteriescheine gibt’s bei Barbara Kalender, Altenschlirfer Str. 33, 6422 Herbsteln 1 , 06647-1211 .

Immer noch gilt Schröders Aufschrei: „Diesen Kulturkackern und Häkelfritzen, denen will ichs zeigen.” Deutschland wäre ärmer ohne den Verleger Schröder. Wir haben ihm mehr zu verdanken, als die meisten wissen. Er hat Autoren und Bücher, lange bevor sich andere daran gesund verdient haben, entdeckt und verlegt. Und, wer ihn einmal live erlebt hat, wird nachvollziehen können, was Rainald Goetz über ihn geschrieben hat: “… ein wunderbarer Schrotthändler, dem kein blödes Blech zu blöd, kein peinliches Detail zu abseitig, kein Gossip zu vertratscht und tantenhaft, jede Geschichte erzählenswert ist samt Nebengeschichten, Unternebengeschichten, Wertungen, Argumenten, Getaumel: hingeschriebene Welt, Erzählung Geschichte.”

Der neuen MÄRZ-Überlebensaktion wünsche ich mit aller Inbrunst den größten Erfolg, nicht nur, weil uns sonst der alljährlich schönste Messestand auf der Buchmesse und der vielleicht, neben Klaus Wagenbach, letzte deutsche Verleger verloren geht, sondern auch, wie es R. Goetz formulierte, weil Jörg Schröder Herr Bundesrepublik ist.

Erstdruck in Auftritt, Heft 11/1986