Bibliophile Literaturjunkies – 25 Jahre Maro Verlag
“Wenn man eine Sache anfangen will, dann braucht man dazu eine ungerade Zahl von Personen. Die Zahl muß unter drei liegen.” Sardische Redensart
Mit dem Maro Verlag verbinde ich seit gut 10 Jahren Autorennamen, ohne die mein Leben ärmer wäre. Anfang der achtziger Jahre lernte ich in Marburg einen Kommilitonen kennen, der nicht nur ein Leser von Gottes Gnaden war und durch den ich eine Reihe von Maro-Autoren entdeckte, sondern der auch die Kunst des Bücherdiebstahls wahrhaft meisterlich beherrschte. Als Berufsbezeichnung ließ dieser an finanziellen Mitteln wirklich arme Bücherliebhaber im Telefonbuch hinter seinen Namen das Wort “Bibliomane” setzen. Leidenschaftlicher Leser war ich schon damals, aber vielleicht erst durch ihn wurde mir klar, daß man Bücher besitzen muß. Gründe hierfür gibt es viele. Peter Bichsel verdanke ich einen der überzeugendsten: “Bücher muß man haben. Sie machen so schön seßhaft und verderben einem Umzugs- und Fluchtgedanken. Ein bißchen Gewicht, das ganze Gewicht des ganzen Wissens dieser Welt.” Ich persönlich kann hinzufügen, daß mir der Griff in mein Bücherregal schon in mehreren schwierigen Lebensphasen neuen Lebensmut und beherzte Tatkraft beschert hat.
In Marburg damals war ich in einer Clique von Literaturfreaks, die auf der gleichen Wellenlänge schwammen wie ich. Wir sympathisierten mit einer Literaturszene, die man mit subkulturell wahrscheinlich nur unzutreffend umschreiben kann, und hatten Vorlieben für Publikationen aus ganz bestimmten Verlagen. Alles, was dort erschien, war für uns von höchstem Interesse. Wir verließen uns fast blind auf den Geschmack und das Gespür dieser Einmannfirmen. Maro war einer dieser Verlage. Auf diese Weise betraten John Fante, Charles Bukowski, Paul Bowles, William S. Burroughs, Jack Micheline, Günter Ohnemus, Harold Norse, Alfred Miersch, Gerald Locklin, Christoph Derschau, Ronald Koertge und Matthyas Jenny mein Leben.
Später kamen Keith Abbott, Anne Waldman, Michael Schulte, Gilbert Sorrentino, La Loca, Marael Johnson, Neeli Cherkovski dazu. Ein paar meiner absoluten Evergreens verdanke ich Maro: Uli Beckers “Frollein Butterfly”, Michael Schultes “Führerscheinprüfung in New Mexico”, Hans Herbsts “Gringo”, Jörg Fausers “Die Harry Gelb Story”, Charles Bukowskis “Schlechte Verlierer”, John Fantes “Ich, Arturo Bandini”.
In Zeiten der Bestseller-Kultur und des Verlagssterbens ist Maro für mich einer der Hoffnungsschimmer, daß es in dieser Republik auch in zehn Jahren noch Bücher geben wird, die es, für Leute wie unsereins, noch zu besitzen lohnt. Meine Prognose ist, daß wir im Jahre 2000 eine Literaturlandschaft haben werden, wie man sie in den USA schon jetzt begutachten kann: Ein paar große Verlagshäuser, die fast ausschließlich Massenware produzieren, und ein breit gefächertes Spektrum von Kleinstverlagen und Kamikazefirmen, die die verschiedensten Nischen bedienen. Der Buchhandel wird verödet sein zu Hitlisten-Supermärkten, in denen man das “schwierige Buch” aus den kleinen Verlagen mit Anspruch nicht mehr finden wird.

Für den bibliophilen Literaturjunkie wird dann nicht mehr der Buchhändler, der augenblicklich vehement mit dem Ausheben seines eigenen Grabes beschäftigt ist, sondern die Verlegerpersönlichkeit die wichtigste Bezugsperson sein. Wer sein Herz an die Avantgarde, an das Experiment, an kostbare Perlen der Druckkunst verloren hat, wird umso dringender Verlage wie Maro suchen, die ohne Rücksicht auf den Markt “abseitige Autoren” verlegen können, weil sie das Geld zum Überleben zum Beispiel aus einer Druckerei erwirtschaften.
Wer die Entwicklung in den letzten Jahren beobachtet hat, für den ist es nicht schwer, die Zeichen der Zeit zu deuten. Es werden noch einige Verlage ins Gras beißen, und eine wahre Flut von Buchhändlern wird den Gang zum Konkursverwalter antreten. Übrigbleiben werden allerdings Bibliophile. Leser, die Hans Magnus Enzensberger ganz richtig einschätzt: “Das wahre, das eigentliche Publikum eine Minderheit von zehn- bis zwanzigtausend Leuten, die sich nichts vormachen lassen – dieses Publikum hat sich vom Kasperletheater der großen Medien längst abgekoppelt; es bildet sich sein Urteil unabhängig vom Blabla der Rezensionen und der Talkshows, und die einzige Form der Reklame, an die es glaubt, ist die Mundpropaganda, die ebenso kostenlos wie unbezahlbar ist.”
Leute eben, für die Bücher “eine Erweiterung des Gedächtnisses und der Phantasie” sind und für die Lesen “eine der Formen der Glückseligkeit” (Jorge Luis Borges) ist. Leute, die “Tolle Hefte” und “Tolle Bücher” lieben, die individualistischen Geschmack, wie den von Armin Abmeier beispielsweise zu schätzen wissen. Das waren immer nur wenige, und das wird auch in Zukunft keine Masse sein. Aber allein in meinem Bekanntenkreis kenne ich so viele, daß sich der Aufwand allemal lohnt. So verschieden ihre Vorlieben und Geschmäcker auch sind, die Buchaficionados, die ich kenne, haben alle einen gemeinsamen Berührungspunkt: Maro. Sei’s als Autor, Übersetzer, Agent, Herausgeber oder einfach als Käufer. Maro ist für uns alle seit vielen Jahren so etwas wie eine Heimat. Am offensichtlichsten wird das alljährlich im Oktober, wenn sich während der Frankfurter Buchmesse “die Familie” am Maro-Stand trifft.
Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, kommt es mir irgendwie unwirklich vor, daß ich seit ein paar Jahren wie selbstverständlich mit den Machern dieses legendären Verlages zu tun habe. Vor 13 Jahren, als ich in einem Kuhdorf im Hohenlohischen meine eigene “Raumschiff”-Firma (Susan Sontag) gründete, hätte ich jeden für verrückt erklärt, der mir vorausgesagt hätte, daß ich ein paar Jahre später mit dem profiliertesten Kopf der subkulturellen Literaturszene, dem “Bukowski- Verleger” Benno Käsmayr, per Du sein werde.

Paradoxerweise ist heute in meiner Vorstellung Benno Käsmayr eher der Handwerker, der Bücher herstellt, als der Verleger, der einen Verlag repräsentiert. Sein Name steht für mich als Synonym für ein Druckerethos. Wenn ich an Benno denke, fallen mir seine Mäkeleien an unseren “unsauberen” Druckvorlagen ein. Ob es die nicht exakt im Satzspiegel liegenden Seitenzahlen, eine schlecht gewählte Schrift oder die nicht paßgenauen Seiten-Layouts waren, Benno ließ nichts ungerügt durchgehen. “Woischt, mir kennt des ja egal soi, wie ihr eire Heftlich zsammaschustert, aber letztlich fällt des immer auf mi als Drucker zruck”, war fast immer sein Kommentar, und irgendwer bei Maro Druck hat dann wohl Ausbesserungsarbeit geleistet. Jedenfalls, die Aufträge, die ich in den letzten Jahren nach Augsburg geschickt habe, kamen als tadelloses Druckergebnis per UPS zurück.
25 Jahre alt ist Maro jetzt. Ich kenne mindestens eine handvoll Verleger, die mit einem Vielfachen des Maro-Umsatzes und großer Protektion angefangen haben und die sich gefreut hätten, wenn sie nur halb so alt geworden wären. Als Ermutigung und Ansporn für die nächsten 25 Jahre möchte ich den Maros eine Erkenntnis von Kurt Wolff, einem anderen großen Kleinverleger, mit auf den Weg geben: “Man wird im allgemeinen feststellen – wenn’s gelegentlich auch Ausnahmen gibt -, daß die Bücher der großen Autoren nicht bei den Monster-Unternehmen erschienen sind, und literarisch wichtige Bewegungen von kleinen Firmen, das heißt von individuellen Verlegern getragen und entwickelt wurden.” In diesem Sinne: Prost und ahoi!
Fotos: Harald H. Schröder
Juni 1993