Lustspuren oder Die Exekution der Sinne (Moloko Print 2012)

Eines der großen Themen der Menschheitsgeschichte ist die Frage: was wollen Männer von Frauen, was wollen Frauen von Männern? Für Jürgen Ploog ist ganz klar: nicht das Gleiche. Und diesen Konflikt spielt er in „Lustspuren“ in vielfältigen Varianten und Konstellationen in kurzen Episoden durch. Im Zentrum steht die Lust, das körperliche Begehren, der Sex. Gemeinsam ist Mann wie Frau das „Gefühl von Nähe & Zuneigung“, jeder Mensch sehnt sich nach Liebe. Und doch münden die Geschlechterbeziehungen fast immer in Gegensatzpaare: „Gewalt & Zärtlichkeit“, „Verachtung oder Verlangen“, Anziehung und Ablehnung. Dann geht es nur noch um „Irrtümer & Missverständnisse“, „Lügen, Versprechungen, Bitten“.

Natürlich gibt es deftige Sexszenen im Buch, aber Ploog geht es nicht um „das Triviale des Vorgangs“, der blanke Voyeurismus interessiert ihn nicht: „Dem Voyeur offenbart sich nur die unkomplizierte Seite der körperlichen Liebe, was ihm das Vergnügen des unbeteiligten Teilhabers verschafft. Über die Oberfläche der Lust kommt er nicht hinaus.“ Ploog geht es um die subtilen Machtkämpfe zwischen Mann und Frau, um die unterschwelligen Verletzungen, um das „erotische Katergefühl“, um die Abrechnungen. Dabei ist auffällig, daß Ploog die Männer als das schwache Geschlecht zeichnet. Letztlich triumphieren die Frauen über die Männer. „Kurze Zeit später, als ich ermattet auf der Chaiselongue liege, spüre ich ihren Mund an meinem Ohr. Ich höre sie etwas sagen, es klingt wie: Du hast es verpatzt. Du hast noch nie Geduld gehabt. Pack deine Sachen & verschwinde.“ Den Männern wird die Illusion genommen, daß sie irgendetwas zu melden hätten. Oft geben sie aus der Sicht der Frau eine erbärmliche Figur ab, mit der sie nur Mitleid haben kann. „Wenn ihr Lover aufgibt oder der Verzweiflung nahe ist, erbarmt sie sich seiner & zeigt ihm, dass er ein Jammerlappen ist. Seine Niederlage lässt sie triumphieren & gibt ihr Genugtuung, indem sie seine Unbeholfenheit über sich ergehen lässt.“

„Lustspuren“ ist Ploogs sinnlichstes Buch. Hier finden sich Sätze von zeitloser Schönheit: „Ihr Körper hatte die Unscheinbarkeit ursprünglicher Harmonie, & das sind Körper, bei denen die Grenze zwischen Nacktheit & Verhüllung fliessend ist.“ Dazu ist es Ploogs einziges Buch, das er selbst illustriert hat. Seine Zeichnungen sind wilde Collagen mit vielen nackten Frauen, an deren Körpern er sich berauscht. Die Zeichnungen kommentieren allerdings nicht den Text, sie korrespondieren mit ihm. Ein Buch für Hirn und Auge.