Phantastischer Pirat
Er ist gerade 21 Jahre alt, als man auf der Documenta 5 zum ersten Mal auf ihn ausmerksam wird. 1974 ist er bei der epochemachenden Ausstellung “Transformer: Aspekte der Travestie” dabei. 1978 verläßt er die Schweiz und geht nach West-Berlin. Bis vor kurzem war sein Name bei weitem nicht so bekannt wie die seiner Malerfreunde Fetting, Salomé, Middendorf. Eine große Einzelausstellung im letzten Jahr im Kunstverein Kassel und eine erste Monographie machen Luciano Castelli hoffentlich einem größeren Publikum bekannt.
„Willst Du nicht der Zeit gemarterter Sklave sein, berausche dich!“ Charles Baudelaire
Schon mit 19 Jahren gehörte er zu den auffälligen Persönlichkeiten in der Luzerner Kunstszene. Als Sohn eines Farbenhändlers 1951 geboren, findet er früh Gefallen am Umgang mit Farben. 1968 tritt er in die Kunstgewerbeschule Luzern ein und nimmt Unterricht bei dem bedeutendsten Surrealisten der Schweiz, Max von Moos. 1969 beginnt er mit einer Schriftenmalerlehre. In dieser Zeit experimentiert Luciano Castelli mit verschiedensten Materialien und Kunstgattungen. Er legt Alben an, in die er Fotos, Postkarten, Briefe einklebt und mit Pailletten, Federn und eigenen kleinen Zeichnungen schmückt. Daneben modelliert er mit Ton. Es sind Objekte des täglichen Gebrauchs, vor allem Chiloums, die er auch ausgiebig raucht. Jean-Christophe Ammann, damals Leiter des Kunstmuseums Luzern und Mentor talentierter Nachwuchskünstler, ist von Castellis Begabung überzeugt und stellt die Chiloums 1972 auf der Documenta 5 in Kassel aus.
Bereits seit 1971 war Castellli das bevorzugte Modell des Malers Franz Gertsch. Ständig auf der Suche nach auBergewöhnlichen Gesichtern, ist Gertsch sofort von dem androgynen Castelli und seiner mädchenhaft-kindlichen Ausstrahlung und seinem naiv-wissenden Blick fasziniert. Erika Billeter, Direktorin des Musée Cantoual des Beaux Arts in Lausanne, schreibt in ihrer Monographie über den Castelli dieser Jahre: „Keiner ist so besonders wie Luciano, in dem sich am strahlendsten inkarniert, was diese Jugend vom Leben erwartet: Freude, Glück, Freiheit. Luciano sucht sie sich, wo er sie findet. Er lebt außerhalb der Gesellschaft, in einer Traumwelt, geboren aus der eigenen Phantasie, die er leben will.“ Schon in dieser Zeit wird der Grundstein gelegt für das zukünftig beherrschende Thema im Oeuvre von Luciano Castelli: Selbstdarstellung. „Für ihn bestanden zwischen Märchen und Leben, Fiktion und Wirklichkeit keine Unterschiede. Ausgestattet von Natur aus mit einer ihm angeborenen Sehnsucht nach Theatralisierung seines Lebens, schlüpft er in die Rollen, die er spielen möchte. In diesem Rollenspiel liegen bis heute die Wurzeln seiner Kunst.“
Angeregt durch die damals spektakulären Bühnenshows und Maskeraden von Alice Cooper und vor allem David Bowie, läßt Castelli seiner Neigung zu transvestitischer Kostümierung freien Lauf, geht fortan als Frau verkleidet unter Menschen und nennt sich in dieser Zeit auf Selbstporträts Lucille. „Ich habe immer den provozierenden Frauentyp bevorzugt“, sagt Castelli, „also die Frau, die sich stark schminkt, die mit Stöckelschuhen in den Straßen klappert und die Aufmerksamkeit mit allen Mitteln weiblicher Strategie auf sich zu lenken sucht. Diese Frau wollte ich spielen.“ Für Castelli wird die Travestie Mittel zum Zweck. Die Kostümierung erhöht seine kreative Phantasie und steigert die künstlerische Produktion.
„Er spielt den Androgynen, weil er die in ihm schwingende Komponente des Weiblichen zum Leben erwecken und ihr zu einer künstlichen und künstlerischen Existenz verhelfen will. Damit verbunden ist die psychische Freilegung eines Kapitals von weiblichen Anlagen, die jedem Menschen innewohnen und von ihm bewu13t gemacht werden.“ Castelli geht es um die Ganzheit des Seins, Maskulin-Feminin. Neben den Fotos und Gemälden von Franz Gertsch sind diese Verwandlungen auch in Fotos dokumentiert, die Castelli selbst gemacht hat. Die Photographie ist zu einem wichtigen Medium für Castelli geworden. Vielen Gemälden und Zeichnungen gehen Fotos voraus. Auch Aktionen und Performances werden fotografiert.
1978 geht Castelli nach West-Berlin und seine enge Freundschaft zu Rainer Fetting und Salomé verändert sein Leben. „Es ist eine schicksalhafte Begegnung dreier Menschen, die Maler sind, Phantasien darüber haben und in mehr oder weniger starker Ausprägung homoerotische Anziehungen zueinander fühlen, die sich in einer gemeinsamen künstlerischen Arbeit Bahn bricht.“ Der Wechsel nach Berlin setzt bei Castelli nochmals ein riesiges Reservoir an Kreativität frei. Die Malerei gewinnt stark an Gewicht. In den Folgejahren entstehen großformatige Gemeinschaftsbilder der drei Freunde. Castelli malt ganze Serien von Selbstporträts, Doppel- und Einzelporträts seiner Freunde. Unter dem Einfluß der „neuen wilden“ Malerei sind es sehr heftige, mit großzügigem Pinselstrich hingeworfene Gemälde in explosiven, kräftigen Farben.
Daneben entstehen aber auch zarte, exakte Pastellbilder. Zusammen mit seinen beiden Malerfreunden macht er Musik, Salomé und Castelli gründen die Band „Geile Tiere“, spielen im Vorprogramm eines Nina Hagen Konzertes und veröffentlichen eine Platte. Mit Salomé beteiligt er sich 1981 auch am 3. Symposium d’Art Performance in Lyon, beide erregen großes Aufsehen mit „The bitch and her dog“. Salomé, als japanische Kokotte verkleidet, führt Castelli als Hund an der Leine aus. Die Körperbemalung ist für Castelli ein weiteres Ausdrucksmittel geworden. Seit 1980 wird auch der eigene Körper zur Leinwand. Festgehalten wird diese Kunst auf Fotos und neuerlich auch auf Zelluloid. Damit hat Castelli insgesamt vier Ausdrucksmöglichkeiten gefunden, die simultan nebeneinander herlaufen und sich wechselseitig beeinflußen: Malerei, Photographie, Performance, Film.
In seinen bisher vier Filmen wird am deutlichsten seine Weltabgewandtheit sichtbar. “Die Allgegenwart des technischen Zeitalters hat Künstler veranlaßt, einen Rückzug in die geliebten Räume des Narzissmus anzutreten und sich den Realitäten von Politik und Gesellschaft zu verweigern… Luciano ist noch einen Schritt weitergegangen und hat die individuelle Mythologie ganz direkt verstanden und an sich selbst angewandt.“ Castelli ist ein großer Romantiker. Weil er die Realität, so wie sie ist, nicht akzeptieren kann und will, flüchtet er in Traumwelten. Einmal ist er Indianer in „Room full of mirrors” (1982), einmal eine Figur aus der Commedia dell’Arte in „Venise“ (1984), einmal Pirat in „Piratin Fu“ (1985/ 86). Motive aus den Filmen werden selbstverständlich wieder Themen für ganze Bilderzyklen und -serien.
Castelli paßt gut in den aktuellen Zeitgeist, in das apolitische Klima, aber man würde ihm Unrecht tun und ihn verkennen, wenn man ihn deshalb „entdecken“ würde. Castelli ist nicht „modern“, keine Eintagsfliege. Seine Werke sind von berauschender Schönheit, tragen etwas wie Hoffnung in sich, weil sie etwas transportieren, das es wahrscheinlich nie geben wird. Erika Billeter hat in einem sehr einfühlsam geschriebenen, kenntnisreichen Essay den Werdegang und die Bedeutung von Castelli herausgearbeitet. “Luciano Castelli: Ein Maler träumt sich” (Benteli Verlag, 136 Seiten, 62 Mark) zeichnet sich weiter durch einen vorbildlich reproduzierten, farbigen Bildteil aus, der Castelli von seinen frühen Anfängen an vorstellt, so daß das Buch dazu beitragen könnte, Castelli den längst verdienten Platz unter den renommierten zeitgenössischen Künstlern zu sichern.