Frühe Graphik
Wenn man permanent am Machen ist, spielt einem der Zufall immer wieder die unglaublichsten Fundstücke zu. Mathias Deinert, der in Potsdam ein privates Lale Andersen Archiv betreut (www.lale-andersen.de), schickt mir eine Mail mit einer kleinen Zeichnung von Jürgen Ploog. Sie stammt aus einem Programmheft, das Ploog während oder kurz nach seinem Studium der Gebrauchsgraphik illustriert hat.
In Ploogs Nachlaß habe ich bisher keinerlei Hinweis auf diese Zusammenarbeit finden können. Laut Mathias Deinert ist das Programmheft fast unbekannt. Wenn man Ploogs Biografie folgt, müßte diese Arbeit 1957 entstanden sein. Im Januar 1958 fing er mit seiner Ausbildung zum Piloten in Bremen an. Es ist unwahrscheinlich, daß er dann noch graphisch gearbeitet hat. Im Tagebuch berichtet er nur von schriftstellerischer Tätigkeit.
Mathias Deinert schreibt mir, daß Lale Andersen für die Gestaltung ihrer Programmzettel, Notenblätter oder Kleindrucksachen immer wieder mit ganz jungen, noch unbekannten Graphikern zusammengearbeitet hat. Wie die beiden zusammengekommen sind, bleibt vorerst Spekulation. Wahrscheinlich ist, daß sie sich in München persönlich getroffen haben. Dafür spricht ein Eintrag in Andersens Taschenkalender von 1957, in dem sie sich den Namen, die Pasinger Privatadresse und Telefonnummer von Ploog notiert hatte. Bei einer persönlichen Begegnung hat für eine Kooperation sicher viel für Ploog gesprochen. Er war ein großer Jazzfan, hatte ein Faible für den Norden Deutschlands (Lale Andersen wurde in Bremerhaven geboren und lebte lange auf Langeoog) und kannte selbstverständlich Brecht und Weill. Die beiden hatten also genügend anregenden Gesprächsstoff.

In Christoph Rüters Film „Ich will verändern“ erzählt Ploog im Gespräch mit Franz Dobler, warum er als Gebrauchsgraphiker nicht weiterarbeiten wollte. Ihm schwebte eine kreative, künstlerische Arbeit vor, seine Auftraggeber hatten aber in der Regel exakte Vorstellungen, wie das Ergebnis aussehen sollte. Ploog war sich als Erfüllungsgehilfe zu schade und suchte deshalb nach einem anderen Brotberuf.
Ich vermute, daß ihm die Zusammenarbeit mit Lale Andersen gefallen hat. Hier konnte er mit schnellem Strich die Inhalte der Lieder bildlich umsetzen. Die beiden Pianisten, die sich wie im Duell gegenübersitzen, der lässige Surabaya-Jonny, die Großstadtkulisse für die Songs vom Asphalt, besonders gelungen scheint mir die Karikatur von Lale Andersen mit Hündchen und Grammophon (ein Zitat auf das weltberühmte, von Francis Barraud entworfene „His Master’s Voice“-Logo).

Über zwei Dinge dieser Kooperation möchte ich spekulieren. Lale Andersen hatte mit Ihrer Interpretation von „Lili Marleen“ einen überraschenden Erfolg, den das NS-Regime mißtrauisch beäugte. Das Lied wurde jeden Abend um 22 Uhr über den Soldatensender Radio Belgrad gespielt. Die Soldaten beider Frontseiten liebten den Song. Der Gestapo gefiel auch nicht, daß Andersen während der Weimarer Republik in linken Künstlerkreisen verkehrte (u.a. mit Erich Kästner, Friedrich Holländer, Bert Brecht, Lotte Lenja, Curt Bry, Dora Gerson, Günter Weisenborn, Trude Hesterberg), 1933 ans Züricher Schauspielhaus wechselte und dort enge Kontakte zu diversen jüdischen Kollegen unterhielt. Endgültig in Ungnade fiel sie, weil sie mit den Emigranten am Züricher Schauspielhaus (besonders mit Kurt Hirschfeld, Erwin Kalser, Ernst Ginsberg, Ernst Deutsch, also den Exil-Berlinern) in dauerndem Briefkontakt stand und mit dem jüdischen Komponisten Rolf Liebermann eine Liebschaft eingegangen war. Aufgrund ihrer mangelnden Linientreue erhielt sie 1942 ein zeitweiliges Auftrittsverbot, gleichzeitig wurde ihr dauerhaft untersagt, irgendwo „Lili Marleen“ zu singen, das die Nazis wegen des morbiden und depressiven Liedtextes und seiner wehrkraftzersetzenden Wirkung verabscheuten. Die restliche Zeit des Dritten Reiches verbrachte sie in einer Art innerer Emigration. Damit teilte sie das Schicksal von Gottfried Benn, den Ploog lebenslang verehrte.
Ab 1943 sang die von Ploog hochgeschätzte Marlene Dietrich „Lili Marleen“ für die alliierten Truppen und machte es so zu einem Welthit. Es ist anzunehmen, daß der historisch sehr sensibilisierte Ploog diese Hintergründe kannte und diese Aspekte, die seiner politischen Überzeugung sehr entgegengekommen sind, sicher dazu beitrugen, daß ihm der Auftrag von Lale Andersen geschmeichelt und er ihn gerne ausgeführt hat.
Ploog schreibt in seinem Tagebuch, daß er nach dem Graphikstudium händeringend nach Aufträgen gesucht hat. „Beruflich stehe ich vor dem Nichts: keine Aussichten, keine Vorstellung, wie ich gerne arbeiten möchte. Ich sehne mich nach einem Platz und einer Situation, die mich arbeiten läßt.“ (31.6.1957) „Ich finde keine Arbeit und laufe von Firma zu Firma.“ (5.9.1957) Wenn Mathias Deinerts zeitliche Einordnung stimmt, müßte die Gestaltung der Klappkarte in diese Zeit gefallen sein. Umso erstaunlicher, daß der Name Lale Andersens in Ploogs Tagebuch nicht auftaucht, und er auch später im Gespräch mit Ehefrau und Kindern nie auf diese kleine Episode in seinem Leben zu sprechen kam.
Mai 2026