Kully im Exil

Kindheit ist normalerweise ein großes Abenteuer. Der Heranwachsende tastet sich, behütet und angeleitet von Eltern, Verwandten, Lehrern und Freunden, ins Leben. Er hat im besten Fall ein eigenes Zimmer, geht jeden Tag zur Schule und erhält täglich drei Mahlzeiten. Wie sieht aber der Alltag eines Kindes aus, das das alles nicht hat?

Kully ist zehn, dauernd unterwegs, lebt aus dem Koffer und hat sehr oft Hunger. Irmgard Keun (1905-1982) erzählt in ihrem Roman „Kind aller Länder“ (Amsterdam, Querido 1938), was es heißt, jede Woche die Unterkunft zu wechseln. In ihrem Fall könnte man auch sagen, auf der Flucht zu sein. Kullys Vater ist Schriftsteller. Mitte der dreißiger Jahre war das ein gefährlicher Beruf, wenn man nicht auf der richtigen Seite stand.

„Mein Vater bekommt hauptsächlich Geld für seine Bücher aus Holland, aber das hat wenig Sinn, weil das Geld von ihm schon ausgegeben ist, bevor es ankommt. Darum sagt mein Vater, es müssen andere Verbindungen und Quellen gesucht werden.“ Er reist kreuz und quer durch Europa auf der Suche nach Geldgebern. Frau und Kind müssen in Hotels auf ihn oder Nachrichten von ihm warten. „Meine Mutter und ich sind meinem Vater eine Last, aber da er uns nun mal hat, will er uns auch behalten.“

Anfangs tingeln Mutter und Tochter hauptsächlich durch Benelux, tummeln sich am Strand, schlagen die Zeit tot und staunen über das Unbekannte. „Wir konnten auch nicht mehr baden, das Meer war riesenhaft gewachsen. Die Wolken kamen vom Himmel herunter, und die Wellen vom Meer gingen hoch bis an die Wolken. Wenn meine Mutter und ich spazieren gehen wollten auf dem Deich, dann ließ uns der Wind nicht vorankommen.“

Der fast immer abwesende Ehemann und Vater überläßt die beiden sich selbst. Überall fühlen sie sich unwohl, wegen der sich anhäufenden Schulden, sind dauernd auf dem Sprung. Die knappen finanziellen Mittel sind das lebensbestimmende Thema. Und doch vertrauen sie auf den Ernährer der Familie. Peter ist ein gewiefter Charmeur und Lebemann, der allen Genüssen sehr zugetan ist. Trotz großer Armut ist er letztlich ein unverbesserlicher Optimist und Lebenszocker. Einmal sind die drei in Monte Carlo, „wo meine Mutter und ich ein wunderbares riesenhaftes Aquarium sahen und mein Vater während dieser Zeit im Spielcasino hundert Francs beim Roulette verlor“. Hellsichtig erkennt sie schon früh: „Ich glaube manchmal: Auch mit Millionen Dollars wäre mein Vater nicht reich, aber dafür ist er auch nicht arm, wenn er keinen einzigen Cent besitzt.“

Irmgard Keun war in den dreißiger Jahren eine vielgelesene Autorin. 1935 setzten die Nazis ihre Bücher auf die Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums. Sie ging ins Exil, kehrte aber 1940 unter falscher Identität nach Deutschland zurück. Nach dem Krieg war sie weitgehend vergessen, lebte als verarmte Alkoholikerin jahrzehntelang in einer psychiatrischen Einrichtung und wurde erst kurz vor ihrem Tod wiederentdeckt. Die beklemmenden Lebensumstände in „Kind aller Länder“ kennt sie also aus dem Effeff. Ihr Kunstgriff, die Lebensumstände eines Exilantenschicksals aus der unschuldigen Sicht eines kleinen Mädchens zu erzählen, ist genial. Der schnoddrige Ton dieser aufgeweckten Göre macht das Buch zur leichten Lektüre und transportiert so den politischen Hintergrund umso wirkungsvoller.

Im kindlichen Sound erzählt sie dieses Vagabundenleben. Der Leser freut sich immer wieder an originellen Sätzen wie diesem: „Sie hat Bouillabaisse gegessen, das ist eine Suppe, die aus dem Mittelmeer gekocht wird, sämtliche Tiere des Mittelmeers schwimmen undeutlich in ihr herum, und manche sind manchmal giftig.“ Oder unvergleichlichen Charakterisierungen wie dieser: „Wenn meine Mutter und ich meinen Vater mittags abholten, sahen seine Augen manchmal aus, als seien sie weit ins Meer geschwommen und noch nicht wieder zurück.“

Es ist eine Freude, diesem schlagfertigen Kölscher Mädche zuzuhören: „Vorher suchte er noch in meinem Koffer nach heilen Strümpfen. Als er keine fand, durfte ich meine etwas zerrissenen Strümpfe ausziehen und ohne Strümpfe gehen. Das ist mir auch immer am liebsten. In solchen Dingen sind Männer viel netter und vernünftiger als Frauen. Ich bin überhaupt viel lieber mit Männern zusammen, ältere Damen sind immer gefährlicher für ein Kind.“

Wen die Straße sozialisiert, für den werden tägliche Körperpflege und adrettes Aussehen zweitrangig. „Außerdem werden meine Fingernägel immer ganz von selbst schmutzig, ich mache das nicht mit Absicht, oder weil ich ungezogen bin.“ Und zur Schule geht man natürlich auch nicht. Kully wird von ihrer Mutter unterrichtet, aber das Wichtigste lernt sie auf der Straße. „Die holländischen Kinder, die ich kenne, sind viel größer als ich. Doch ich kann viel besser Englisch, Polnisch, Französisch und Deutsch sprechen als sie. Nur Holländisch können sie etwas besser.“

Von ihrer Mutter lernt sie das Überlebensnotwendige. „Ich kann jetzt auch in der Zeitung lesen und Gulden in Zloty umwechseln und Zloty in belgische Francs. Das ist von allem Rechnen das Wichtigste. Man muss wissen, dass es tausendmal besser ist, zehn Dollar zu haben als eine Mark.“ Vieles andere schnappt sie einfach auf und ahmt nach. Auch wenn es bei dieser Lernmethode Überraschungen geben kann. „In Polen habe ich auch einmal erlebt, dass ich sehr gut Polnisch sprach, doch dann war es auf einmal gar kein Polnisch, sondern Jiddisch.“

Wer in prekären Verhältnissen aufwächst, lernt früh auch den Blick für das Wesentliche und Pragmatische. Auf der Überfahrt nach Amerika hamstert Kully Essen im Koffer ihres Vaters. Im New Yorker Hotel kommt dann allerdings die böse Überraschung: „Aber das ganze Fleisch sah nicht mehr schön aus und roch auch etwas unangenehm. Der Fotograf warf alles aus dem Fenster. Das war auch gut so. Die beste helle Hose von meinem Vater hatte einen Fettfleck, aber Gott sei Dank hinten. Solche Flecken sehen immer nur die anderen Leute, man selbst sieht sie nicht und braucht sich darum nicht zu ärgern und zu schämen.“

Kully ist wißbegierig, saugt alles auf wie ein Schwamm, aber ihr kindliches Gemüt kann noch nicht alles durchschauen. Immer wieder geht es in den Gesprächen der Erwachsenen um einen Mann namens Hitler. „Ich kenne ihn gar nicht, aber mein Vater kann ihn nicht leiden. Wenn ich erwachsen bin, werde ich schon lernen, was mit ihm los ist. Ich weiß aber, dass Hitler den Deutschen gehört und Mussolini den Italienern.“

Gewiß ist nur: dieser Hitler ist dafür verantwortlich, daß ihr Vater Deutschland verließ. „Als mein Vater fortwandern wollte, wollte meine Großmutter meine Mutter behalten. Aber meine Mutter wollte mit meinem Vater gehen. Da wollte meine Großmutter, dass ich bleibe, aber meine Eltern wollten mich mitnehmen, und ich wollte auch dorthin, wo meine Eltern hinwandern.“

Fortan ist Kully auf Achse und nimmt dieses Leben als großes Abenteuer, im Gegensatz zu ihrer Mutter. Die leidet bald unter der ständigen Angst vor den Gläubigern, vor der Polizei, vor der Deportation, vor dem drohenden Krieg. Wenn es der Mutter schlecht geht, dann ist es diese gewitzte und patente Rotznase mit ihrem überbordenden Lebensmut, die das Heft in die Hand nimmt und die Kranke oder Ängstliche betüttelt.

Dieses Leben im Exil ist voller Turbulenzen und nicht ohne Dramatik. Die Mutter verpaßt das Schiff, das die beiden anderen nach Amerika bringt. In New York geht Kully auf einer kommunistischen Versammlung verloren und findet nicht mehr alleine ins Hotel zurück. Das alles erzählt Keun mit leichter Hand und ohne aufdringliche politische Message, aber natürlich denkt man beim Lesen an die Millionen Menschen, die aktuell überall auf der Welt auf der Flucht sind und ähnliche Probleme haben wie Kully. So gesehen ist es ein hochaktuelles und gleichzeitig zeitloses Buch, dessen Lektüre wenigstens eines lehrt: im anderen den Menschen zu sehen und nicht den Fremden.

Kully ist eine unvergessliche Figur der Weltliteratur, die mir Seite um Seite mehr ans Herz gewachsen ist.

Dezember 2025