Glück ist der Rücksitz eines Chevys

Die Stories von Keith Abbott sind schön wie Breitwandkino und einfach wie Rock’n’Roll-Songs. Der amerikanische Autor wartet hierzulande noch auf seine Entdeckung.

 Es gibt Geschichten, die funktionieren nur in einem geografischen Kontext. In allen Stories von Keith Abbott spielen Autos eine zentrale Rolle und verweigern sich die männlichen Helden der normierten Lebensweise. Das Auto steht hier als Synonym für das Unterwegssein, als Symbol für Freiheit und Abenteuer. Amerika ist das Land der breiten Straßen, der endlosen Highways und der weiten Flächen. In einem Land mit solchen Voraussetzungen macht der Besitz eines Autos noch Sinn.

Abbotts jugendliche Helden befinden sich auf dem Weg zum Mannsein, aber ihr Weg ist nicht die breite Straße aller, sondern der schmale Pfad des einzelnen. Da, wo der Maßstab aller Dinge das Busineß und der Erfolg ist, und beides nur möglich ist in der Nivellierung, ist der Drang zur Individualität gleichzusetzen mit Rebellion und Verweigerung und Erfolglosigkeit. Wo sich andere durch Kleidung von der Masse abzugrenzen versuchen, sich dann aber doch nur mit anderen uniformiert wiederfinden, ist eine alte Rostschleuder, die man mit viel Liebe und Arbeit nach eigenem Gusto aufgemöbelt hat, Ausdruck unnachahmlicher Singularität. Eine Geschichte trägt deshalb nicht von ungefähr den Titel „Logger Linkhorn’s 1928 Buick“ und erzählt die ziemlich dramatischen Konsequenzen einer Spritztour in die benachbarte Stadt, die der siebzehnjährige Hillbilly Logger Linkhorn mit seinen Kumpels in seiner alten Reiselimousine unternommen hat.

Sind die Helden schon erwachsen, dann versuchen sie den Absprung aus den Zwängen des Alltags. Dean z.B. steht eines Morgens auf und statt wie gewohnt zur Arbeit zu gehen, beschließt er, zu seiner Angebeteten zu trampen. Ihm ist schlagartig bewußt geworden, „wie sehr er die Wörter Pflicht, Arbeit und Job haßte. Und Pläne.“ Oder Pete. Er ist wirklich in Cheri verliebt, aber als er mit ihr zu der Hochzeit eines Bekannten muß und sie ihm dauernd vorschwärmt, wie toll es ist zu heiraten, erwachen in ihm starke Abwehrgefühle. Als er dann der Hochzeitsgeschenke ansichtig wird, weiß er definitiv, daß Heiraten nichts für ihn ist. „Petes Blick ruhte auf den Toastern, den Bratpfannen und Töpfen, dem Tafelsilber, den Bettlaken und Kopfkissenbezügen, den Tellern und den Salatschüsseln. Er kam sich vor, als wäre er ganz allein in einem Geschäft und als spürte er nicht die geringste Neigung, etwas mitgehen zu lassen. Das machte ihn traurig.“ Und quasi als Zugabe fällt ihm auch wieder ein, daß sein Bruder vor der Heirat ein 32er Ford Coupé, lila lackiert, fuhr, es aber nach der Heirat gleich gegen einen 1950er Chevy eintauschen mußte, weil „sie Platz für das Baby brauchten“. Pete wird beim Anblick der Hochzeitsgeschenke klar, daß sie der offensichtliche Beweis des „großen Ausverkaufs“ sind, der endgültige Abschied von den Jugendträumen. „Aus kleinen Mädchen werden Frauen, und aus kleinen Jungs werden große Jungs.“

Daß die Kinderträume selten in Erfüllung gehen, weiß auch Abbott. Seine Autonarren stemmen sich zwar wacker gegen diese Erkenntnis, aber am Ende ist ihr Ausbruchsversuch doch meist vergeblich, scheitert ihre Verweigerung oft kläglich. Blutige Nasen und demolierte Autos zeugen augenscheinlich davon. Die wenigsten haben so viel Glück wie Walt, der wenigstens in eine offene Zukunft blickt. „Er schaute zu dem 55er Chevy hinüber. Der Wagen schimmerte im Mondlicht.“

Keith Abbott ist ein astrein amerikanischer Erzähler. Seine Stories über Knutschereien, Keilereien und Karosserien erzählt er in kurzen, präzisen Sätzen, die in der Phantasie des Lesers zum Cinemascopebild werden. Wer Filme wie „Rumble Fish“ (Coppola), „Alice doesn’t live here anymore“ (Scorsese) oder „Streets of fire“ (Hill) mag, wird mit den Geschichten dieses großen Jungen, der sich seine Jugendträume bewahrt hat, seine helle Freude haben.

Keith Abbott: Harum Scarum, Stories, Maro Verlag, 128 Seiten, 18 Mark

Erstdruck in Wolkenkratzer Art Journal, Heft 5/1989