Roman der Zukunft

Anmerkungen zu Jürgen Ploogs Manuskript „Grips“

Jede Zeit diktiert ihre adäquate Erzählweise, jede Lebensweise hat eine zwangsläufige Schreibart. Jürgen Ploog ist von Beruf Landstreckenpilot. Er ist heute hier, morgen dort, sein Alltag ist dominiert von Bewegung. Verwurzelung und Statik haben in seinem Leben keinen Platz.

Der Roman der Zukunft wird den Phänomenen der Zeit Tribut zollen. Angesichts einer unüberschaubaren und nicht zu bewältigenden Informationsfülle, einer Reizüberflutung und Schnellebigkeit der Moden und Trends ist für den einzelnen die Wirklichkeit nur noch in Ausschnitten erfaßbar. Ein moderner Erzähler wird also keine Geschichten mit Spannungsbogen, linearer Handlung und zur Identifikation animierenden Figuren mehr schreiben, sondern die Wirklichkeit in kleinen, blitzlichtartigen Episoden darzustellen versuchen. Diese Schreibart wird gleichzeitig die Rezeptionshaltung des Lesers revolutionieren müssen, da mit konventionellen Lesehaltungen dem neuen Roman nicht mehr beizukommen sein wird.

Im Mittelpunkt von Jürgen Ploogs Roman „Grips“ steht ein Pilot („Fliegen ist Bewegung im Raum“) und dessen Wahrnehmung von Welt also Wirklichkeit. Grips ist ein Berufsreisender, er ist nirgends verwurzelt und bleibt so immer und überall ein „Fremder. Wenn er irgendwo ankommt, ist ihm alles neu, selbst die Plätze, an denen er schon einmal war. Die jeweils kurze Verweildauer schließt eine Gewöhnung aus. Dadurch, daß es immer Abstand zu den Dingen gibt und die Umgebung nicht zur Routine verkommt, entgeht seiner Wahrnehmungsfähigkeit nichts Wesentliches, weil seine Aufmerksamkeit permanent gefordert ist. Voraussetzung hierfür sind natürlich ein wacher, wissensdurstiger Geist und ein geschultes Auge. Beides gehört zum Berufskapital eines Piloten, darf also bei Grips vorausgesetzt werden.

Ploogs Schreibweise läßt seinen Leser in diesem Roman teilhaben an einem langen Flug durch alle Genres der Literatur. Auf dieser Reise durch Zeit und Raum – die Schauplätze und Ereignisse wechseln schnell – verknüpft Ploog Versatzstücke der Kriminal-, Abenteuer-, Science- Fiction-, Reise- und Sexliteratur geschickt mit ethnologischen Forschungsergebnissen, gesellschaftskritischen Anmerkungen, metaphysischen Betrachtungen und seinem poetologischen Programm.

„Grips“ ist also ein auf hohem Niveau stehendes, faszinierendes, aber nicht leicht konsumierbares Leseabenteuer für Menschen, die gleichermaßen Unterhaltung und Bildung wollen.

Die Wirklichkeit ist heute geprägt vor allem durch eine gegensätzliche Ambiguität nicht nur für den Piloten. Ploog spielt diese Erkenntnis in seinem Roman „Grips“ in verschiedenen Varianten durch: Männer – Frauen, Wiederholung – Abenteuer, Reden – Schweigen, Neue Welt – Alte Welt, Fortschritt – Archaik, Zivilisation – Magie, Aufbau – Zerfall, Raum – Zeit, Luft – Erde. Dem „niemals nirgends nie“ steht immer das „immer überall jederzeit“ gegenüber. Das ist quasi die Pilotenphilosophie von Grips und das anschaulichste und umfassendste Bild, das Ploog hierfür gefunden hat.

Von allem gibt es immer mehrere Versionen, das Leben besteht vorrangig aus variierten Wiederholungen, seien es nun Episoden, Erlebnisse, Begegnungen, Aufenthalte.  Jeder ist nur noch eine Projektion, ein Spiegelbild seiner Zeit und Umgebung, es geht nicht mehr um die „Frage von ich“, sondern um die Hinterfragung des „bürgerlichen Identitätsfimmels“. VerläßIiche Tatsache ist eigentlich nur noch, daß jeder allein ist. Die Frage, die sich hieraus ableitet, lautet: Wie komme ich mit meiner Einsamkeit zurecht?

Der Sex wird in Ploogs Roman deshalb zum zentralen Thema, weil er zeigen will, daß die utopische (oder romantische) Idee, mit Hilfe des Sex’ ließe sich die Einsamkeit, also die Vereinzelung, überwinden, reines Hirngespinst ist. Ploog arbeitet mit einer überschaubaren Anzahl von Figuren, die durch ihre Namen zwar identifizierbar werden (Grips, Lorita, Luzi, Nana, Johnnie, Rick, Mayberg u.a.), ansonsten aber so gut wie identitätslos bleiben, weil sie weder Vergangenheit noch Zukunft haben. Sie definieren sich durch das, was sie tun. Mit Hilfe dieser Typen macht sich Ploog an sein Geschäft der Entlarvung. Im Wesentlichen geht es ihm um die „Entlarvung der alltäglichen Lügen“, an deren erster Stelle die „kommunikative Lüge“ steht.

„Bumsen ist auch nur eine Art, sich im Raum zu verlieren.“ Sex ist Selbstbetrug, wenn man mit seiner Hilfe die Einsamkeit zu überwinden trachtet. Ploog weiß das, deshalb taucht bei ihm im ganzen Roman in diesem Zusammenhang nicht ein einziges Mal des Wort Gefühl auf. Es sind aktionsarme, kurze, emotionslose Sexszenen, die er schildert, motiviert einzig durch die Devise: make it just for fun. Rudimentär ist die Sehnsucht nach einem paradiesischen Zustand noch vorhanden, aber die Protagonisten sind doch zu sehr Produkt ihrer Zeit, als daß sie diesen Schwindel nicht durchschauen würden. Der alte Spruch „Sex ist Macht“ behält seine Gültigkeit nur dann, wenn man sich den Luxus von Gefühlen erlaubt. In „Grips“ ist Sex reduziert auf eingespielte Rituale zwischen Männer und Frauen ( „diese triviale Einheit, die den fleischlichen Code bestimmt, der lose & locker oder gesetzt & verbissen ist“), allenfalls noch zu verstehen als vager Versuch, den nonkommunikativen Zustand für einen kurzen Moment zu unterbrechen, zu vergessen oder zu verdrängen.

Was vorherrscht und was Ploog’s Message propagiert, ist ein Zustand des Schweigens. „Es war kein Schweigen des Rückzugs, es war die Stille, die eine Voraussetzung dafür ist, den richtigen Augenblick nicht zu verpassen.“ In diesem Statement steckt nicht nur Ploogs poetologisches Programm, das sich als tiefes Mißtrauen der Sprache gegenüber beschreiben läßt („Die Wörter zerfallen, sie verändern ihren Klang, sie sagen nicht mehr das, wofür sie erfunden wurden.“), sondern er benennt auch einen Weg aus der Misere heraus. Nur wer in der Lage ist, auf sein „inneres Tonband“ zu horchen, Kicks kennt, „um über die Runden zu kommen“, wer Willens ist, sich zu bewegen (physisch wie geistig), wird dem „endgültigen Urteil der Entropie entgehen“ können. Verlaß auf die Sprache ist insofern kaum noch, weil mittlerweile fast jeder einen anderen Code benutzt. Wichtig werden deshalb die Metaebenen, die Kathy Acker „Slippages“ nennt, also das, was zwischen den Wörtern und Sätzen mitschwingt. Nicht von ungefähr führen Ploogs Reisen auch in die „semantische Stadt“.

„Drogen, Magie, jedes Mittel ist recht, um dem Gefängnis, das sich Wirklichkeit nennt, zu entkommen. Wie alle wirklich Suchenden wissen sie, daß es Erlösung nur im Raum der zerbrochenen Wahrnehmung gibt. Dort, wo jede Reise beginnt … “ Wer sich gegen ein Leben als Seßhafter entscheidet, braucht Mut oder Hilfsmittel, aber das Leben in der „Grauzone der Gegenwart“, sagt Ploog, ist allemal lohnender als das der sogenannten Etablierten, die „Relikte einer Rasse sind, die längst woanders ist“. „Alles, was man den Zurückgebliebenen gelassen hat, sind Notrationen, ein paar Trockenfrüchte vom Baum der Jugend, ein paar Kanister mit Wasser aus dem Brunnen der Sinnlichkeit.“

Und schließlich ist „Grips“ auch die Science-fiction-Version eines biblischen Themas: des Exodus‘ aus dem Paradies. Ploog rekonstruiert retrospektiv nochmals die Menschheitsgeschichte und entwirft dabei ein apokalyptisches Bild der Zivilisation. Angefangen hat alles mit den Blanks, die die Sünde begingen, „über den Zaun hinauszuschauen“, was zur Folge hatte, daß sie die „Langeweile der Unsterblichkeit“ gegen das Abenteuer der Sterblichkeit eintauschten.  Der Preis für das Verlassen des Garten Eden war eine nur noch begrenzte Lebensdauer. Der Tod bestimmte fortan ihr Leben, die Dinge des Alltags wurden zum unkalkulierbaren Risiko. „Jeder Schritt ist ein Schritt in die falsche Richtung.“ Der Roman kann bei solch einer Prämisse folgerichtig nur in ein Ziel münden: die Endzeit der Zivilisation. Grips ist untergetaucht, ’liest’ nur noch Comics, „die Lebenszeichen für ihn sind“. Sauerstoff ist zur Mangelware geworden, die nur noch auf Bezugsschein erhältlich ist, die Codes der Kommunikation funktionieren nicht mehr, der Lebenssaft der Städte, der Strom, ist versiegt, Müll stapelt sich turmhoch und das innere Tonband ist gelöscht. Wie eine Lösung dieser Probleme aussieht, wohin die Reise gehen muß, könnte Jürgen Ploog in seinem folgenden Roman erzählen.

Beim Lesen von „Grips“ hat sich mir ein Vergleich mit Alfred Döblins Großstadtroman „Berlin Alexanderplatz“ förmlich aufgedrängt. Auch Döblin war von den Dissonanzen der modernen Welt begeistert und wollte mit „Berlin Alexanderplatz“ das „Erlebnisbild der heutigen Menschen“ zeigen; er hat das mittels der Montage- und Collagetechnik und unter Einfluß des Futurismus konsequent und virtuos getan. Johannes R. Becher bezeichnete 1929 in einer Kritik „Berlin Alexanderplatz“ als ein „künstlich gepreßtes Laboratoriumsprodukt“ und prophezeite, daß „die bürgerliche Literatur am Ende“ sei. „Berlin Alexanderplatz“ leitete jedoch kein Ende ein, sondern markierte den Anfang einer neuen deutschsprachigen Prosa. Heute sind wir wieder an solch einem Wendepunkt. Im Ausland werden bereits seit Längerem Autoren publiziert, die Bewegung in den Roman bringen. Im angloamerikanischen Raum ist da vor allem Kathy Acker zu nennen, in Frankreich ragt Jean Echenoz heraus („Die Literatur erscheint mir als spielerischer Raum, in dem man sich vollkommen frei bewegen kann.“).

„Grips“ ist die konsequente Fortführung von Döblins „Berlin Alexanderplatz“ in die Jetztzeit. Am Ausgang des 20. Jahrhunderts kann es keinen allwissenden Erzähler mehr geben, Leitmotive und roter Erzählfaden müssen demontiert sein, überschaubare Handlungsorte sind nicht mehr realistisch. „Wirklichkeit ist nichts anderes als eine Leinwand, die der Stoffwechsel für uns entwirft.“ Was der Autor noch bieten kann, sind Bausteine, aus denen der Leser eine (seine) Wirklichkeit macht. Ploog hat, aufbauend auf den Avantgardetheorien der Vergangenheit (Futurismus, Surrealismus, Cut-up, Nouveau Roman), eine augenblicklich denkbare Endmarke gesetzt. „Grips“ liefert in äußerst filmisch geschriebenen Bildern und handlungsreichen Dialogpassagen die Erlebniswelt aus Entropolis, Globeville und Nova City, den Megastädten der Zukunft, die bereits Gegenwart ist.

„Grips”, für mich den definitive Reiseroman der neunziger Jahre, befriedigt keine Bedürfnisse, weil er nicht konsumierbar ist (man sollte ihn wirklich nur häppchenweise zu sich nehmen), sondern ist Kunst im Sinne von Godards Kulturkritik:  ”Die Kultur antwortet auf ein Bedürfnis, die Kunst antwortet auf eine Sehnsucht.”

Januar 1990